• Klaus Meitinger

Konjunkturboom 2021?

iStock 1265159212 03022021Liebe Leserinnen und Leser,

wir haben im vergangenen Monat ein Dutzend Jahresausblicke von Banken und Vermögensverwaltern virtuell besucht. Die Quintessenz ist eindeutig: Im kommenden Jahr rechnen die Auguren mit einer massiven Konjunkturerholung.

Bemerkenswert ist dabei, wie einig sich die Experten sind, Selten haben wir am Jahresanfang einen derart klaren Konsensus gesehen. Die Begründung dafür ist einfach. Entweder bekommen wir das Virus in den Griff – dann ist der konjunkturelle Pfad klar programmiert. Oder wir bekommen das Virus nicht in den Griff – dann wäre eine Prognose zum heutigen Zeitpunkt gar nicht möglich. Deshalb schicken die Profis auch immer ein Caveat voraus: Voraussetzung ist, dass die Impfstrategie einigermaßen funktioniert, die Impfstoffe tatsächlich wirken und dies auch durch Mutationen nicht beeinträchtigt wird.

In diesem Fall kommen ab dem zweiten Quartal drei sehr positive Faktoren zusammen:

Erstens die Effekte der zurückgestauten Kaufkraft. In vielen Ländern haben die Regierungen einen großen Teil der Einkommenseinbußen ersetzt. Aufgrund der Lockdowns konnte das Geld aber gar nicht ausgegeben werden und wurde gespart. „Das ist eine wichtige Lektion“, machte Jim Cielinski, Janus Henderson, klar: Wenn die Politik verlorenes Einkommen wettmacht, ist dies der Schlüssel für künftiges Wachstum.“ Entschärft sich die Corona-Lage, ist ein Konsumboom zu erwarten. César Perez Ruiz, CIO Pictet, illustrierte dies, indem er den Visa-Chef Alfred Kelly zitierte: „Wer heute mit der Karte bezahlt, will keinen Discount – sondern Punkte für künftige Reisen. Die Leute wollen ihr Leben zurück.“

Um welche Summen es dabei geht, hat Stefan Riße, Acatis, nachgerechnet. Von März bis November 2020 sind die Löhne in den USA zwar um 43 Milliarden zurückgegangen. Das verfügbare Einkommen ist aber – vor allem durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen – um 1,03 Billionen Dollar gestiegen. Und da die gesamten privaten Ausgaben um 535 Milliarden Dollar zurückgegangen sind, kamen allein in diesem Zeitraum mehr als 1,5 Billionen Dollar zusätzlich auf die Sparkonten. Das entspricht fast 10 Prozent des Konsums der privaten Haushalte des Jahre 2019. 

Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding berechnete diesen Effekt auch für die drei großen Volkswirtschaften in Europa. Danach ergibt sich dort für die ersten drei Quartale des Jahres 2020 eine Überschuss-Ersparnis von 290 Milliarden Euro – oder 6,2 Prozent der 2019er Konsumausgaben.

Bis Ende Januar 2021 dürften sich diese Summen noch deutlich weiter erhöht haben. Wenn auch nur ein Teil davon zügig ausgegeben wird, ist der Terminus „Konsumboom“ für die Entwicklung ab Sommer 2021 vielleicht noch eine Untertreibung.

Dazu kommt zweitens weiter eine massive Unterstützung durch die Staatsausgaben, großzügig finanziert durch die Notenbanken.

In den USA spricht Terence Riley von F&V Capital Management schon von einem Biden-Boom. Und selbst wenn vom 1,9 Billionen-Dollar-Paket des neuen Präsidenten noch einiges im Kongress gestrichen wird, bleibt ein massiver Impuls. In Europa wird der 750 -Milliarden-Euro Wiederaufbaufonds in diesem Jahr seine Wirkung entfalten.

Auch für China sind die Experten optimistisch. Im Schnitt wird für das Land der Mitte 2021 ein reales Wachstum von neun Prozent erwartet. 

Die wichtige Frage lautet nun: Kann es wirklich sein, dass die Konsensprognose eintrifft? Wenn sich alle einig waren, kam es in der Vergangenheit meistens anders.

Wir sehen zwei Aspekte:

Erstens ist es möglich, dass die Erwartungen für das Kalenderjahr 2021 zu optimistisch sind. Falls aufgrund der Impfverzögerungen die Erholung erst im Sommer einsetzen sollte, wäre die Hypothek von vier oder fünf schwachen Monaten zu groß, um die avisierten hohen Wachstumsraten im Jahr 2021 wirklich zu erreichen. Das wäre aber wohl nur eine kleine Verzögerung, keine Änderung des Gesamtbildes. Dann beginnt der Boom eben erst im zweiten Halbjahr 2021.

Wichtiger ist der zweite Aspekt. Der Aufschwung könnte insgesamt stärker ausfallen und länger anhalten als der Konsens heute noch erwartet. Denn, wie Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M.Warburg & Co, anmerkt, haben wir es seit langer Zeit erstmals wieder mit einem ein weltweit synchron verlaufender Aufschwung mit sich selbst verstärkenden Effekten zu tun. Gut möglich, dass der Konsens auf längere Sicht zu vorsichtig ist.

Am besten gefällt uns in diesem Zusammenhang die Überschrift, die Berenbergs Holger Schmieding für seinen Ausblick gewählt hat: 

„Strong rebound 2021 – into the golden twenties.“

Weil dabei natürlich die anfangs gemachte Einschränkung nicht außer Acht gelassen werden darf, raten wir dazu, die Entwicklung in Israel genau zu beobachten. Sollten die Impfstoffe nicht die erhoffte Wirksamkeit zeigen, dürften wir es dort zuerst sehen.

Morgen lesen Sie an dieser Stelle die Antworten der Profis auf die Frage:

Kommt nun die Inflation zurück?

Und zum Ende der Woche publizieren wir die Schlussfolgerungen für die Aktienmärkte.

Herzlichst,
Ihr

Klaus Meitinger

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