Mülldeponien sind meine Goldminen.

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11 Aquafil Aufmacher

Perpetuum mobile. Es klingt wie ein Märchen. Giulio Bonazzi und sein Unternehmen Aquafil verwandeln Abfälle in hochwertiges Garn. Und das Beste daran: Dieser Vorgang lässt sich beliebig oft wiederholen – ganz ohne jeglichen Qualitätsverlust. Noch steht Aquafil am Anfang. Aber der Markt ist riesig. Und die Technologie einzigartig.

Gigantischen Spinnennetzen gleich durchziehen defekte Fischernetze die Meere. Sie machen mittlerweile knapp zehn Prozent des Plastikmülls aus, der jedes Jahr in den Weltmeeren landet. Je nachdem, welche Schätzungen herangezogen werden, sind das zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen pro Jahr.

Da sich die Netze erst nach 600 Jahren zersetzen, wird das Problem immer größer. Meerestiere verfangen sich in den kilo­meterlangen Armen und verenden kläglich. Auch neue Fischer­netze verheddern sich und werden dadurch unbrauchbar. Neuer Müll entsteht. Ein Teufelskreis.

Von den 8,3 Milliarden Tonnen Plastik, die laut einer Studie der University of California seit dessen Erfindung 1950 hergestellt wurden, wurden gerade einmal rund sieben Prozent recycelt. Der Rest landete als Müll in unserer Umwelt, hauptsächlich in unseren Meeren. Solchen Mengen jemals Herr werden zu wollen, scheint ein hoffnungsloses Unterfangen. Wie werden wir die Plastik-Geister, die wir riefen, wieder los?

Seit ein paar Jahren hat sich das italienische Unternehmen Aquafil zum Ziel gesetzt, die Weltmeere von alten Fischernetzen zu säubern. Seine Taucher durchforsten die Nordsee und das Mittelmeer und bergen entsorgte oder liegen gelassene Netze. Auf den Philippinen und in Kamerun erhalten die Fischer sogar Prämien, wenn sie ihre ausgedienten Netze gar nicht erst im Meer entsorgen, sondern gleich abgeben.

Warum macht Aquafil das? Aquafil ist schließlich kein Ökoaktivist und keine gemeinnützige Organisation, sondern ein profitorientiertes Unternehmen, dessen Aktien seit Dezember 2017 an der Mailänder Börse notiert sind. „Für uns sind das wertvolle Rohstoffe“, erklärt Giulio Bonazzi, Chef und Haupteigentümer von Aquafil. Denn die Firma produziert aus alten Nylonnetzen Bekleidung. Oder Teppichböden. Oder Bezüge für Autositze. „Mülldeponien“, sagt Bonazzi, „sind meine Goldminen.“

Dahinter steckt die Entwicklung einer bahnbrechenden Innovation. Giulio Bonazzi ist gelungen, was noch keiner vor ihm geschafft hat. Er erfand eine Technologie, die es ermöglicht, Nylonabfall ohne Qualitätsverlust zurück in den Primärrohstoff Nylon 6 zu verwandeln. Daraus stellt Aquafil dann Nylon­garn her – Bonazzi nannte es Econyl, eine Symbiose aus ökologisch und Nylon. Aus Abfall wird Rohstoff.

Aus Rohstoff wird Abfall. Und aus Abfall wird wieder Rohstoff. Der Vorgang lässt sich beliebig oft wiederholen. Damit hat Giulio Bonazzi einen perfekten Produktionskreislauf geschaffen, der aus 100 Prozent Abfall immer wieder 100 Prozent Rohstoff generiert.

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Längst schon sammelt Bonazzi nicht nur alte Nylon-Fischernetze, sondern auch unbrauchbare Teppichböden und Produktionsabfälle aus Nylon sowie industrielle Kunststoffabfälle. Dazu hat er ein weltweites Rücknahmeprogramm ins Leben gerufen, das sich über die USA und Kanada, über die Türkei, Griechenland und Norwegen bis nach Ägypten, Pakistan und Thailand erstreckt. „Als ich begonnen habe, hielten mich viele für verrückt. Aber ich war nicht verrückt. Ich war einfach nur blauäugig. Und das war auch gut so.“

Giulio Bonazzi wuchs in einer Familie auf, die durch die Herstellung und Verarbeitung von Nylongarnen groß geworden war. Und in der die Arbeit immer an erster Stelle stand. „Ich bin so erzogen worden“, erinnert er sich. „Meine Eltern zu sehen, hieß, sie im Betrieb zu sehen. Mit ihnen Zeit zu verbringen, bedeutete, mit ihnen an Geschäftsessen teilzunehmen. Das Thema Nylongarne bestimmte meine gesamte Kindheit und Jugend.“

Es ist eine jener Geschichten, die zur damaligen Zeit in Italien möglich waren und die von Eigeninitiative, Unbekümmertheit und dem Glück der Mutigen erzählen.

Giulio Bonazzi wird 1963 als jüngstes von vier Kindern geboren. Vater Carlo und Mutter Silvana hatten 1956 in einer Garage in Verona damit begonnen, Stoffstücke für Nylon-Regenmäntel zusammenzunähen. Ihr Startkapital waren vier Nähmaschinen und sechs Arbeiterinnen. „Warum denn“, fragten sich die beiden ein paar Jahre später, „sollen wir bloß Regenmäntel für andere zusammennähen? Warum stellen wir nicht ganze Regenmäntel her?“

Etwas später überlegten Carlo und Silvana Bonazzi weiter: „Warum sollen wir bloß Nylon-Regenmäntel herstellen? Warum produzieren wir nicht auch den Stoff selbst?“ Wieder ein paar Jahre später fragten sich die beiden: „Warum machen wir nicht auch den Faden für unseren Stoff selber?“

„Meine Eltern“, sagt Giulio Bonazzi, „mussten sich zu diesem Zeitpunkt nicht den Kopf über mögliche Abnehmer zerbrechen. Sie hatten diese bereits: sich selbst. Heute wird das vertikale Integration genannt.“

Als Giulio Bonazzi 1989 als letztes Kind in die Firma einsteigt, hat das Unternehmen die Zeit der Nylon-Regenmäntel längst hinter sich gelassen. Aquafil produziert zu dieser Zeit Nylongarne für Teppichböden. 450 Mitarbeiter sind in der Firma tätig, der jährliche Umsatz beträgt zwischen 40 und 45 Millionen Euro.

Heute liegt die Zahl der Beschäftigten bei 2746. Der konsolidierte Konzernumsatz hat sich verzehnfacht und erreicht knapp eine halbe Milliarde Euro. Die Firma unterhält 15 Niederlassungen auf drei Kontinenten und in acht Ländern. Dieser Quantensprung ist Giulio Bonazzis Werk.

Giulio hat als Einziger das Glück gehabt, studieren zu dürfen. Mit 23 Jahren schließt er sein Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Venedig ab – als einer der fünf Besten seines Jahrgangs. Dann geht er ins Ausland, um Erfahrungen zu sammeln. Er arbeitet für Teppichboden-Hersteller in Belgien und in den USA. Als er schließlich in die Firma einsteigt, ist Aquafil noch ein sehr regionales Unternehmen. Der Markt ist Italien und ein bisschen Europa. Bonazzi erkennt, dass er die Firma internationalisieren muss. Er kauft ein Werk in Slowenien.

Um das Werk in die bestehenden Strukturen zu integrieren, schickt er nicht nur seine besten Mitarbeiter aus Italien nach Slowenien, sondern zieht auch selbst für einige Jahre dorthin. Heute nimmt das Werk in Slowenien eine Schlüsselrolle für den Erfolg von Aquafil ein, denn hier wurde 2011 die erste Depolymerisationsanlage für Econyl in Betrieb genommen.

1999 gründet Bonazzi dann ein Werk zur Weiterverarbeitung und zum Verkauf von Nylongarnen auf dem US-amerikanischen Markt in Cartersville in Georgia. 2007 folgt der Bau eines weiteren Werks zur Erschließung des asiatisch-pazifischen Markts in Rayong, Thailand. Nun ist Aquafil ein nicht mehr zu übersehender Punkt auf dem weltweiten Nylonmarkt. Der Markt ist mittlerweile riesig. Nylon 6 findet sich nahezu überall: in Textilien und in Bekleidung, in Teppichböden und in den Bezügen von Autositzen, in Haushaltsgegenständen, Dübeln, Zahnbürsten, Seilen, Netzen, Zelten oder Saiten von Streichinstrumenten. Allein 2017 wurden weltweit mehr als fünf Millionen Tonnen Nylon 6 hergestellt.

Aquafil produziert zwei Arten von Nylongarnen: Garne für die Herstellung von textilen Bodenbelägen (BCF) und Garne für die Herstellung von Bekleidung (NTF).

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Im BCF-Sektor ist Aquafil weltweit der zweitgrößte Hersteller und Marktführer in Europa. Mehr als 80 Prozent des Konzernumsatzes beziehungsweise 400 Millionen Euro erwirtschaften die Italiener heute in diesem Bereich. Die Garne finden ihren Einsatz hauptsächlich in Teppichböden für Büros, Hotels oder Wohnräumen sowie in der Automobilindustrie für Verkleidungen und Bezüge von Autositzen.

20000 verschiedene Produkte pro Jahr stellt Aquafil in diesem Geschäftsbereich her und entwickelt dabei immer neue Garne mit innovativen Eigenschaften: Sie hemmen Feuer, sie wirken antibakteriell und sie weisen Schmutz ab.

Das zweite Standbein ist die Herstellung von Garnen für Bekleidung. Es ist für knapp 20 Prozent des Konzernumsatzes verantwortlich. Aus Aquafils NTF-Garn werden herkömmliche Textilien, vor allem aber Sport- und Schwimmbekleidung hergestellt.

Auf dem Weg dahin stellt sich Giulio Bonazzi ein kaum zu lösendes Problem. Wie alles, was synthetisch ist, wird das Grundprodukt Nylon 6 aus Erdöl hergestellt und ist nicht biologisch abbaubar. Auch die Wiederverwertung von Nylon 6 ist nicht rentabel. Der Prozess ist schlicht und ergreifend zu aufwendig und verschlingt zu viel Energie. Gleichzeitig verlangte der Markt aber ab den frühen 2000er-Jahren zunehmend nach Materialien, die nachhaltig hergestellt sind und die eine bessere Ökobilanz aufweisen.

Was tun? „Nachhaltig zu produzieren“, sagt Giulio Bonazzi, „ist in einem Geschäft wie dem meinen längst nicht mehr optional. Wer viel Energie und fossile Rohstoffe benötigt, muss zwingend nachhaltig produzieren, wenn er in 20 Jahren noch am Markt existieren will. Wir mussten uns etwas überlegen.“ Sich etwas zu überlegen – Forschung und Entwicklung –, ist aber zunächst teuer. Bonazzi benötigt Geld. Geld, das er nicht hat. 2009 verkauft er 22,5 Prozent der Anteile an den Private-Equity-Fonds Hutton Collins für 45 Millionen Euro. Warum hat er sich nicht über Bankkredite finanziert? „Ganz einfach“, sagt Bonazzi, „die Banken glaubten nicht an meine Idee vom Recycling. Sie hielten mich für verrückt.“

Mit dem Geld von Hutton Collins zahlt Giulio Bonazzi seine Geschwister aus und kauft auch seinem Vater dessen Firmenanteile ab. Den Rest steckt er in die Entwicklung von Econyl.

25 Millionen Euro und vier Jahre Forschung kostet die neue Technologie. Doch sie ist jeden Cent und jede Minute wert. Denn nun ist die Wiederverwertung von Nylon 6 rentabler als die Herstellung von neuem Nylon aus fossilem Ursprung.

„Es gab nichts Vergleichbares“, sagt er. „Also mussten wir alles komplett neu denken und erfinden: die Methode ebenso wie die Betriebsmittel und die industriellen Anlagen.“ Der Prozess ist so geheim, dass Bonazzi ihn nicht einmal patentieren ließ. „Hätten wir ihn patentieren lassen“, sagt er, „hätten wir die Technologie offenlegen müssen. Das war uns definitiv zu gefährlich.“

Faszinierend dabei ist, dass das recycelte Nylon exakt dieselben Eigenschaften und dieselbe Qualität besitzt wie neu hergestelltes. Es ist identisch. Und das, obwohl es zu 100 Prozent aus Abfall entsteht. Und am Ende seiner Nutzung ist es wieder zu 100 Prozent wiederverwertbar. Was Bonazzi macht, ist deshalb streng genommen nicht recyceln, sondern regenerieren. Und eröffnet einen Milliardenmarkt sowie eine ganz neue Form der Kreislaufwirtschaft.

Längst schon sind auch die großen Hersteller von Bekleidung und Sportswear auf Econyl aufmerksam geworden. Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas produziert seine neue Badekollektion aus Econyl. Speedo aus Großbritannien stellt seine Bademode ebenfalls aus Econyl her und hat zudem das weltweit erste Rücknahmeprogramm dafür ins Leben gerufen. Hennes & Mauritz verwendet den Stoff für seine Conscious Exclusive Collection. Und mit Levi Strauss & Co. entwickelt Aquafil eine neue Kollektion, bei der Econyl dem Jeansstoff beigemengt wird.

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„Baumwolle“, erklärt Giulio Bonazzi, „ist ein sehr problematischer Rohstoff. Sie ist zwar eine nachwachsende Naturfaser, aber die Herstellung ist auch extrem wasserintensiv und laugt die Böden aus. Und für das Färben von Baumwolle ist nach wie vor viel Chemie nötig.“ Der teilweise Ersatz durch Econyl könnte auch hier per Saldo für die Umwelt große Vorteile bringen.

Noch macht die Herstellung von Econyl lediglich 35 Prozent der Jahresproduktion von Aquafil aus. Aber wenn es nach Giu­lio Bonazzi geht, sollen irgendwann sämtliche Nylongarne von Aquafil aus regeneriertem Nylon bestehen. „Das Ziel ist es, dem Planeten keine Ressourcen mehr zu entnehmen, sondern sämtliche Abfälle wiederzuverwerten.“

2017 barg Aquafil 35000 Tonnen nylonhaltigen Abfall. Daraus stellte die Firma 32000 Tonnen Econyl her. Damit konnte der Ausstoß von fast 175000 Tonnen CO2 vermieden werden. Das entspricht der Menge an Kohlendioxid, die 30000 Autos, die den Äquator umrunden, verursachen.

Das Verfahren ist auch sonst sehr ressourcenschonend. Durch die Herstellung von Econyl konnten 2017 mehr als 200000 Barrel Rohöl eingespart werden. Und mehr als drei Millionen Gigajoule Energiebedarf. Das ist so viel, wie die gesamte Stadt Rom in 15 Tagen verbraucht.

Allein die USA und die EU produzieren pro Jahr mehr als 15 Millionen Tonnen textile Abfälle, die eine Million Tonnen Nylon 6 enthalten. Wertvoller Rohstoff für Aquafils Depolyme­risationsanlagen. „Jede Form von industrieller Produktion“, sagt Giulio Bonazzi, „verursacht Abfall. Wir reduzieren die weltweite Abfallmenge, indem wir Wertstoffe aus Deponien sammeln und aus den Weltmeeren fischen und sie in den Produktionskreislauf zurückführen.“

Um künftig noch mehr Nylonabfall zu regenerieren, benötigt Bonazzi weitere Werke und zusätzliches Geld. Deshalb hat er im vergangenen Jahr knapp 40 Prozent von Aquafil an die Mailänder Börse gebracht. Im Rahmen des Börsengangs verkauft der Private-Equity-Fonds Hutton Collins seine Anteile. Mehr als 40 Millionen Euro an Liquidität fließen der Firma zu. Mit einem Eigentum von 58 Prozent der Aktien und mehr als 69 Prozent an Stimmrechten bleibt Giulio Bonazzi jedoch Mehrheitseigentümer und Entscheider von Aquafil.

In Phoenix, Arizona, USA, entsteht nun ein neues Werk. Und in China expandiert Aquafil dank der jüngsten Übernahme der Nylonsparte des US-amerikanischen Konzerns Invista, einem der größten Produzenten der Welt.

Für Giulio Bonazzi selbst kann es gar nicht schnell genug gehen mit der Expansion.

An der Wand über seinem Schreibtisch hängt eine riesige Fotografie. Himmel ist darauf zu sehen, ein Streifen Wasser und viel salzverkrusteter, öder, toter Boden. In der Mitte, zwischen verwitterten und von der Sonne gebleichten Ästen, ist ein kleiner menschlicher Totenkopf zu sehen – und eine Sanduhr. „Die Zeit läuft“, sagt Giulio Bonazzi, „Der Countdown hat längst begonnen.“        ®

Autorin: Sabine Holzknecht

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