An der Wiege der Welt.

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Reise. Richard Leakey ist der berühmteste Paläoanthropologe der Welt. Ganz im Norden Kenias, am Turkana-See, suchte er jahrzehntelang nach den Anfängen des Homo sapiens. Dort plant er jetzt das erste Museum der Menschheitsgeschichte. Den Star-Architekten Daniel Libeskind konnte er für das großartige Projekt bereits begeistern. Nun braucht er noch Mäzene.

Vor zwei Tagen hat es geregnet in Illeret, ein richtiger Wolkenbruch. In der Halbwüste am Nordostufer des Turkana-Sees ist das eine kleine Sensation. Entsprechend aufgeregt ist Richard Leakey, als er seinen Geländewagen zur Area 1 steuert. Vor Jahren hat er hier Knochen eines Frühzeitmenschen gefunden. Jetzt, nach dem Starkregen, könnten durch Auswaschung neue Fossilien zum Vorschein kommen. Mit konzentriertem Blick sucht er den Untergrund ab.

Die 35 Grad im Schatten scheinen Leakey nicht viel auszumachen. Obwohl er schon 73 ist. Obwohl er 1993 beide Unterschenkel bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und auf Prothesen angewiesen ist. Keine Viertelstunde dauert es, dann entdeckt er in dem harten Lehmboden einen Knochen, vermutlich von einer längst ausgestorbenen Antilopenart.

Ein Lächeln huscht über Leakeys Gesicht. Er winkt Woto Hurri herbei, einen seiner Assistenten. Er wird den Fund später fachgerecht bergen, ihn ins nahegelegene Turkana Basin Institute (TBI) bringen und dort mit einer Art Zahnarztbohrer und mithilfe von Chemikalien präparieren. „Es ist eine Sisyphusarbeit“, räumt der Forscher ein. „Nur ein Prozent aller Funde sind Menschenknochen. Aber das Turkana-Becken ist eine prähistorische Grabungsstätte von Weltrang, unsere Kinderkrippe. Manchmal ist unter unseren Entdeckungen ein Sechser mit Zusatzzahl.“

Das TBI existiert seit nunmehr acht Jahren mit zwei Standorten am Turkana-See, eben jenem nahe Illeret und einem weiteren bei Turkwel am Westufer des Sees. Zustande kam es auf Initiative von Familie Leakey und der New Yorker Stony Brook University, die eine Art Basislager zur Erforschung der Menschheitsgeschichte in dieser schwer erreichbaren und unwirtlichen Region schaffen wollten, das möglichst nahe an den Grabungsstätten liegt. Leakey gelang es, für den Aufbau des TBI von der Stony Brook University und von privaten Gönnern 20 Millionen Dollar einzusammeln.

Oft kommt Leakey selbst nicht mehr hier hoch in den Norden Kenias. Zu beschwerlich ist die Anreise aus Nairobi. Zu harsch das Klima. Außerdem hat er in seiner Tochter Louise eine kompetente Nachfolgerin, die die Ausgrabungen überwacht und das TBI managt.

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Kürzlich aber machte er sich dann doch noch einmal auf zum „Jade-Meer“, wie der Turkana-See wegen seiner türkisgrünen Farbe auch genannt wird. Im Schlepptau hatte er Daniel Libes­kind, den US-amerikanischen Star-Architekten und Stadtplaner polnisch-jüdischer Herkunft. Der geistige Vater des Jüdischen Museums Berlin hatte Leakeys Tochter Louise während einer Foto-Safari im Nachbarland Tansania kennengelernt und viel Interesse an der Arbeit der Familie gezeigt.

Louise arrangierte daraufhin ein Mittagessen zwischen ihrem Vater und Libeskind. „Ich berichtete ihm vorsichtig von meinen Museumsplänen“, erzählt Richard Leakey. Der berühmte Architekt wurde neugierig.

Gemeinsam flogen die beiden an den Turkana-See, wo das Museum einmal stehen soll. „Libeskind war sofort begeistert. Er sagte spontan: ,Ich bin dabei!‘ Und ergänzte, dass das sein vielleicht wichtigstes Projekt werden könnte“, erinnert sich Leakey. Mit einer derart positiven Reaktion hatte er nicht gerechnet. Die meisten Leute seien schließlich eher eingeschüchtert, wenn sie in der Ödnis im Norden Kenias aus einer kleinen Propellermaschine steigen.

Die Gegend rund um den Turkana-See ist auf den ersten Blick tatsächlich die Antithese zu einem Ort, wie ihn sich Tourismusmanager wünschen würden: sengend heiß, staubig, am Ende der Welt. Wüstenwind fährt in die mit Wellblech verkleideten Rundhütten der halbnomadisch lebenden Turkana. Klapperdürre Ziegen suchen auf dem kargen Boden nach Futter. Sie werden gehütet von ernst blickenden Kindern, barfuß, dreckverkrustet. Am Horizont schimmert im Dunst der See, mächtig wie ein Meer, elfmal so groß wie der Bodensee, vollgepackt mit Krokodilen.

Kenias Hauptstadt Nairobi ist 1000 Kilometer entfernt. Wer sich mit dem Geländewagen auf die beschwerliche Route wagt, ist auf Rüttelpisten mindestens drei Tage lang unterwegs – falls die Reifen durchhalten und es nicht zu Überfällen durch Banditen kommt. Auch Stammeskriege sind hier eher die Regel als die Ausnahme. Sie werden mit Kalaschnikows ausgetragen, die im nahen Südsudan billig zu haben sind.

Libeskind ließ das alles unbeeindruckt. Die beiden Männer begannen, Pläne zu schmieden. 15 Stockwerke hoch soll die zentrale Halle des weltweit ersten Museums der Menschheitsgeschichte in der Zukunft über der Halbwüste aufragen. Diese „Kathedrale“, in der eine riesige DNA-Doppelhelix die Essenz des Lebens symbolisieren soll, wird von Gebäuden umgeben sein, deren Form den Handäxten und anderen Werkzeugen aus der Steinzeit nachempfunden sind. Von oben soll das Ensemble die Umrisse des afrikanischen Kontinents nachzeichnen.

Ob das Museum auch bedeutende Hominidenfunde sowie andere Ausgrabungen und Fossilien zeigen wird, lässt Leakey zwar offen, aber er scheint eher dagegen zu sein: „Ich halte nicht viel davon, solche Exponate auszustellen, weggesperrt und hinter Glas.“ Viel wichtiger ist es ihm, leicht verständliche Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu geben: „Woher kommen wir? Was macht uns zu Menschen? Wer sind unsere Vorfahren? Warum gab es Dinosaurier und warum starben sie aus? Warum gibt es Leben gerade auf der Erde, warum Evolution?“

Die Versuchung ist groß, Leakeys Pläne ob der Unwirtlichkeit der Gegend als ein Hirngespinst abzutun. Wer soll schon zu einem Museumsbesuch hierherkommen? Richard Leakey selbst scherzt: „Mein ganzes Leben bestand daraus, Dinge zu tun, von denen man mir sagte, ich sollte sie besser sein lassen.“ Er ist fest entschlossen, dieses Projekt zu beenden. Und er weiß genau, dass ihm nicht mehr ewig Zeit bleibt. Der Forscher hat eine Nieren- und eine Lebertransplantation hinter sich, in seinem lebenslang von der Sonne malträtierten Gesicht hinterließ der Hautkrebs Spuren. „Ab sofort werde ich mich ausschließlich um das Museum kümmern, meine ganze Zeit darauf verwenden. In zwei bis drei Jahren soll Baubeginn sein, in fünf Jahren Eröffnung.“

Wild entschlossen und unerschrocken – das waren die Leakeys schon immer. Richard Leakeys Großeltern kamen in den 1890er-Jahren als Missionare nach Kenia. Er selbst, der überzeugte Atheist und Wissenschaftler, sieht den strenggläubigen, protestantischen Hintergrund seiner Vorfahren durchaus kritisch. Aber er betont, dass seine Ahnen arm und mittellos nach Ostafrika kamen und nichts mit den reichen, weißen Siedlern zu tun haben wollten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen ziemlich genusssüchtigen Lebensstil (oft auf Kosten der Schwarzen) pflegten.

Die ersten Volltreffer als Erforscher der Menschheitsgeschichte landeten Richards Eltern Louis und Mary Leakey. Richards  Mutter Mary fand in Tansania die bis dahin ältesten bekannten Fossilien von Frühmenschen. Und sein Vater Louis widerlegte viele Wissenschaftler seiner Zeit, die glaubten, der Mensch stamme aus Asien und sei erst einige 100000 Jahre alt. Er ist de facto sogar der Urheber der Theorie, wonach der Ursprung der Menschheit in Afrika zu suchen ist – eine Sichtweise, die heute wieder in Zweifel gezogen wird.

Für Richard Leakey, in Nairobi geboren und aufgewachsen, war klar, dass er einmal in die Fußstapfen seiner Eltern treten würde. Er ist erst 22, als er bei einem Flug über den Turkana-See vermutet, dass die Region reich an Fossilien sein könnte. Damals, 1967, verdient der unbekannte junge Mann sein Geld noch mit Safaris. „Um ans Seeufer vorzudringen, musste ich erst einmal Kamele mieten.“ Doch die Anstrengung lohnt sich. 1969 macht er hier den ersten großen Fund: Seine Leute bergen den fast vollständig erhaltenen Schädel eines Urmenschen, der vor mehr als 1,7 Millionen Jahren hier gelebt hat. Auch Steinwerkzeuge gräbt er aus der Vulkanasche.

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Leakey lässt daraufhin ein Flugfeld bauen, um jederzeit zurückkehren zu können. In den folgenden 20 Jahren sorgt er mit immer neuen Entdeckungen für Aufsehen und festigt seinen Ruf als bekanntester Paläoanthropologe des Planeten. 1984 legt er dann den weltberühmten „Turkana-Jungen“ frei. Das komplett erhaltene Skelett trägt wesentlich dazu bei, dass sich die „Out of Africa“-These über die Herkunft des Menschen erhärtet. Hier, am Turkana-See, sei die Menschheit entstanden, vermutet Leakey. Schon deshalb könne es gar keinen besseren Ort für das Museum geben.

Inzwischen erforscht die Familie schon in der dritten Generation den Stammbaum der Hominiden. Mehr als die Hälfte aller Beschreibungen früher Menschenverwandter gehen auf das Konto der Leakeys. Und auch Richards Ehefrau Maeve hat daran ihren Anteil.

Louise, die Tochter der beiden, wächst im Busch auf und weiß deshalb schon als Grundschülerin, wie ein Landrover zu fahren ist. Sie managt heute das TBI und ist mit Emmanuel de Merode verheiratet, einem belgischen Prinzen (und Nachfahren von König Leopold). Emmanuel de Merode hat sich inzwischen als Direktor des Virunga-Nationalparks in der Demokratischen Republik Kongo und als furchtloser Tierschützer einen Namen gemacht.

Ein solcher ist auch Richard Leakey. Der Kampf gegen Wilderei und Elfenbeinhandel war ihm stets genauso wichtig wie die Suche nach den Ursprüngen der Menschheit. Er ließ medienwirksam große Stapel beschlagnahmter Elefantenstoßzähne verbrennen und hatte keine Angst davor, sich mit mächtigen Gegnern anzulegen und die maßlose Korruption in Kenia anzuprangern. Seine Beinprothesen legen beredtes Zeugnis davon ab. Schließlich war der Absturz seines Kleinflugzeugs 1993 sehr wahrscheinlich ein Mordversuch.

Leakey stand damals unter Personenschutz, weil er Drohbriefe und -anrufe erhalten hatte. Am Wrack wurden dann tatsächlich Manipulationen festgestellt. Er selbst spielt die Sache herunter: „Niemand konnte beweisen, dass es Sabotage war. Okay, sie haben versucht, mich umzubringen. Aber ich habe mich entschieden, weiterzuleben.“

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Heute macht der Forscher sogar Scherze über seine Beinstümpfe: „Sie erlauben es mir, mich aus unangenehmen sozialen Events herauszumogeln. Ich täusche dann Phantomschmerzen vor, und jeder bedauert mich.“ Leakey verbringt eben lieber Zeit in seinen Weinbergen am Grabenbruch als auf dem Parkett. Hier experimentiert er erfolgreich mit Chardonnay und Pinot Noir, zwei Rebsorten, die nicht gerade für den Anbau am Äquator geschaffen sind. Aber so tickt er eben. Er will zeigen, dass es trotzdem funktioniert.

Wer die Lebensgeschichte von Richard Leakey kennt, zweifelt nicht daran, dass er auch mit dem Museum das scheinbar Unmögliche möglich machen wird. Leakey selbst rechnet mit Gesamtkosten von rund 100 Millionen US-Dollar. Bislang hat lediglich Tullow Oil, ein britisch-irisches Gas- und Ölunternehmen mit Sitz in London, das im Turkana-Becken das schwarze Gold fördert, drei Millionen Dollar zugesagt – fehlen „nur“ noch 97. Zurzeit sei er mit großen Stiftungen in den USA im Gespräch, berichtet Leakey.

Auch Kenias Präsident Uhuru Kenyatta unterstütze das Projekt, dito der Tourismus-Minister. „Das Museum soll schließlich ein Statement sein. Etwas, auf das Afrika stolz sein kann. Und eine Erinnerung daran, dass wir alle dieselben Wurzeln haben, unabhängig von Hautfarbe, Rasse, Staatsangehörigkeit und Religion.“

Derzeit rekrutiert Leakey ein Team von Ausstellungsdesignern. Sie werden auch ein Planetarium in das Museum integrieren. Dort sollen die Besucher einen Film über die Entstehung der Erde sehen können. „Ließe sich die Geschichte unseres Planeten in einen einzigen Tag pressen, kämen wir Menschen darin nur in den letzten zwei Sekunden vor. Wir sind eben nur ein Wimpernschlag im Strom der Zeit.“ Den Besuchern möchte er solche Erkenntnisse leicht und spielerisch vermitteln. Sie sollen mithilfe multimedialer Technik verstehen, wie Paläoanthropologen und Archäologen zusammenarbeiten, welche biomolekularen Verfahren und Datierungsmethoden sie anwenden, welche Rolle dabei die Genetik spielt. Einen Namen hat er auch schon für das Museum: Ngaren, das Turkana-Wort für Anfang.

Leakey hofft, dass sein Projekt dem Turkana-Becken, das ihm so am Herzen liegt, einen Aufschwung bringt: neue Straßen, mehr Flüge aus Nairobi, vielleicht sogar einen internationalen Flughafen wie in Arusha im Nachbarland Tansania – vor allem aber wieder mehr Touristen. „Der Turkana-See ist ein ganz besonderer Ort“, betont er. „Sie können ihn hassen. Oder ihn lieben. Ich bin ihm hoffnungslos verfallen.“          ®

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Eines der letzten großen Abenteuer für Individualisten – der Trip zum Turkana-See.

Das Turkana-Becken ist ein Glutofen an der Grenze zu Äthiopien, ständig bedroht von Dürren, das Armenhaus Kenias, ein Ort für Überlebenskünstler. Afrika-Novizen, die nur die „Big Five“ sehen und in luxuriösen Lodges wohnen möchten, halten sich besser an die berühmten Parks im Süden des Landes. Für alle, die etwas ganz Besonderes erleben möchten, könnte das „Jade-Meer“ aber die richtige Destination sein.

Obwohl Wilderer den Tierbestand im Sibiloi-Nationalpark an der Ost­seite des Sees stark dezimiert haben, ist das Reservat noch immer ein artenreiches Ökosystem. Wer Glück hat, sieht langhalsige Giraffengazellen, die sich zum Fressen auf die Hinterläufe stellen, Beisa-Antilopen oder die seltenen Kleinen Kudus. Am Seeufer grasen Leierantilopen und Grevy-Zebras. Wer im Gästehaus des Kenya Wildlife Service an der Alia-Bucht übernachtet, hat die Herden ziemlich sicher für sich allein, denn mehr als 500 Touristen besuchen den Park nicht – pro Jahr! Was für ein Kontrast zu den Massen, die sich während der großen Tierwanderung in der Masai Mara drängen.

Der Deutsche Wolfgang Deschler betrieb am Seeufer einst den legendären Oasis Club. In den späten 1980er-Jahren flogen deshalb Prominente wie Mick Jagger, David Bowie und Thomas Gottschalk mit dem Wasserflugzeug in der ausgedörrten Mondlandschaft ein. Am Pool fanden Foto-Shootings für Modemagazine statt, und John le Carré recherchierte hier für seinen 2001 erschienenen Roman „Der ewige Gärtner“, in dem auch Deschler eine Rolle spielt. Der pflegte zu sagen: „Es kommen nicht viele, aber interessante Leute hier hoch.“

Tempi passati. Der Deutsche hat den Club längst verkauft. Politische Unruhen, Stammeskonflikte, Bombenanschläge, Piraten an der Küste – Gründe für die Baisse des Tourismus in Kenia gibt es viele. Die Wiege der Menschheit versank in einem Dämmerschlaf.

Besonders faszinierend ist es, vom Tal des Omo in Südäthiopien, dem einzigen Zufluss des Turkana-Sees, auf dem Landweg nach Illeret in Nordkenia zu reisen. Louise Leakey findet sogar, nur so lasse sich die ganze Dimension der grenzübergreifenden Region als Kinderstube des Homo sapiens begreifen. Leakeys Vater Richard habe schließlich bei seinen Expeditionen ins Omo-Tal ebenfalls bedeutende Hominiden-Funde gemacht. Zudem sei der Fluss die Lebensader des Turkana-Sees.

Weil Äthiopiens staatlicher Energieversorger den Omo mittlerweile in gigantischen Projekten aufstaut – drei von fünf Kraftwerken sind bereits in Betrieb – und gleichzeitig eine Menge Wasser für Baumwoll- und Zucker­rohr-Plantagen abgezweigt wird, kann der Omo seine Funktion als Lebensader immer weniger erfüllen: Der Wasserspiegel sinkt, der Turka­na-See versalzt. Und den im Omo-Tal lebenden Stämmen fehlt der fruchtbare Schlamm aus den Überflutungen, der es ihnen erlaubt, an den Ufern Feldfrüchte anzubauen.

Noch halten die meisten der 16 Ethnien im Omo-Tal, Weltkulturerbe der UNESCO, dennoch an ihren archaischen Traditionen fest. Die Suri trinken das frische Blut ihrer Rinder, denen sie mit einem Pfeil die Halsschlagader öffnen. Die Frauen der Mursi tragen stolz ihre schweren Lippenteller aus Ton. Die Kara bemalen ihre Körper mit kunstvollen Ornamenten. Der italienische Äthiopien-Forscher Carlo Conti Rossini taufte das Tal deshalb „museo di populi“, Museum der Völker.

Wer von hier weiter nach Süden reist, über die „grüne“ Grenze nach Kenia, erkennt dann irgendwann in der endlosen Weite das Flirren und die Reflexionen des Sees. Und findet ein kleines Meer ohne Abfluss, das sein Wasser nur durch Verdunstung verliert.

Hier leben die Dassanech. Ihre Rundhütten verkleiden sie neuerdings mit Wellblech, um sich vor dem ständig wehenden Wind zu schützen. Auf der äthiopischen Seite im Omo-Delta jagt der Stamm Krokodile und fängt Nil-Barsche – auf der kenianischen Seite rund um Illeret hält er Ziegen und Rinder.

Die Dassanech und ihre südlichen Nachbarn am See, die Turkana, liefern sich traditionell blutige Fehden. Es geht dabei um entführte Frauen, gestohlene Rinder, begehrte Weidegründe und Wasserrechte. Früher trugen sie diese Kämpfe noch mit Stöcken und Speeren aus. Seit aber billige Kalaschnikows aus dem Südsudan sowohl das Omo-Tal als auch das Turkana-Be­c­ken überschwemmen, hat sich der Blutzoll dramatisch erhöht. Ein Dassanech, der als Mann akzeptiert werden will, muss den Menschen eines benachbarten Stammes töten, so verlangt es der Ehrenkodex. Touristen haben deshalb nichts zu befürchten.

Auf dem von der Welt vergessenen Turkana-See verkehren trotz seiner enormen Ausdehnung keine Fähren. Wer Central Island, die vulkanisch aktive Insel inmitten des Sees, besuchen will, braucht ein starkes Motorboot, das den bis zu zwei Meter hohen Wellen und den gefährlichen Winden trotzt. Und selbst dann dauert es von der Alia-Bucht eine gute Stunde, ehe sich aus dem Dunst die Umrisse des geheimnisvollen Eilandes herausschälen.

Central Island ist eine Art Klein-Galapagos, ein Vogelparadies mit Kormoran-Kolonien, Pelikanen, Reihern, Störchen und Flamingos, die in den Kraterseen mit ihren unterschiedlichen Salzkonzentrationen und Farben leben. Und dann sind da noch die Krokodile des Turkana-Sees, die sich im „Crocodile Lake“ von Central Island im Januar und Februar zur Ei­ablage versammeln. Rund zehntausend sollen es sein, die größte Konzentration dieser Echsen in ganz Afrika.

Die Touristendichte ist dagegen verschwindend gering. Wer nach Central Island übersetzt und dort in komfortablen Safari-Zelten campiert, hat das Eiland mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz für sich allein. Intensiver und ursprünglicher lässt sich Afrika kaum erleben.

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Reiseführer.

Eine kombinierte „Wiege der Menschheit“-Reise nach Südäthiopien (Omo-Tal) und Nordkenia (Turkana-See) kann zum Beispiel so aussehen: Von Addis Abeba mit dem Charterflug ins Omo-Tal (Lumale Camp); Weiterfahrt nach Omorate (Ausreisestempel) und über die „grüne“ Grenze nach Illeret in Kenia (Anmeldung bei der Polizei-Station), Sibiloi-Nationalpark mit Alia-Bucht, Central Island, Westufer des Turkana-Sees (Lobolo Camp), Transfer zum Regional-Airport Lodwar und Flug zum Inlandsflughafen Nairobi-Wilson. Hier erst gibt es den Einreisestempel für Kenia. Taxi-Transfer zum internationalen Flughafen und Rückflug. Die Touristen-Visa für beide Länder müssen vorab in Deutschland besorgt werden.

// Veranstalter

Der britische Ostafrika-Spezialist Wild Philanthropy (https://wildphilanthropy.com), gegründet vom Tier- und Naturschützer William Jones, ist der einzige Veranstalter mit lokalen Partnern in Südäthiopien und Nordkenia, die dort komfortable Zeltcamps in schöner Lage betreiben. Die Reiseberater stellen individuelle Touren mit Kleinflugzeug-Charter zusammen. Jones kann zudem Besuche im TBI arrangieren. Preis bei vier Personen ab rund 900 Euro pro Person und Tag (alles inklusive).

// Sicherheit

Es gibt für bestimmte Regionen Südäthiopiens und Nordkenias derzeit Reisewarnungen des Auswärtigen Amts – allerdings gilt dies nur für Individualreisende.

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Autor: Dr. Günter Kast

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