Es wirkt.

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Naturprodukte. Ein kleiner Betrieb aus Graubünden in der Schweiz hat mit Edelweiß-Produkten eine lukrative Nische gefunden. Aus der streng geschützten Alpenblume stellt die Familie der Kräuterkundlerin Astrid Thurner Naturkosmetik her.

Die Schneekönigin, eine feenhafte Gestalt, thront auf den Bergspitzen und verführt durch ihre Schönheit Männer zu waghalsigen Kletterpartien. Stürzen sie zu Tode, vergießt die Schneekönigin eine Träne auf die Felsen, aus welchen ein Edelweiß entspringt. Andere Überlieferungen behaupten, das Edelweiß verfüge über magische Kräfte und behüte seinen Träger vor bösen Geistern. „Es gibt unzählige Mythen rund um das Edelweiß. Die mit den Kräften mag ich besonders gern“, schmunzelt Patrick Thurner.

Weil es hoch oben an steinigen Berghängen wächst und schwer erreichbar ist, gilt das Edelweiß schon lange als Symbol für heldenhaften Wagemut in romantisch verklärten Liebesgedichten, Erzählungen und Liedern. „Selbst in den USA, in Lateinamerika und in Asien kennt jeder dank des Liebesfilms ,The Sound of Music‘ oder ,Meine Lieder – meine Träume‘ aus dem Jahr 1965 die Königin der Alpenblumen“, erzählt Thurner. „Wenn eine Reisegruppe aus diesen Regionen im Geschäft war, ist das Regal schnell leer gekauft.“ Denn bei Thurner in der Drogerie Surses im Schweizer Savognin finden sie die Kräfte des Edelweiß in destillierter Form.

Seit 2005 macht sich Astrid Thurner, 63, hier die wertvollen Inhaltsstoffe der Pflanze zunutze. „Bereits im 19. Jahrhundert wurde das Edelweiß ,Bauchwehbleaml‘ genannt und in der Volksmedizin gegen Durchfall, Ruhr, Husten und Halsschmerzen verwendet. Doch das ist noch lange nicht alles. Durch seinen Lebensraum zwischen 1600 und 3400 Meter über dem Meer hat das Edelweiß hochwirksame Schutzmechanismen entwickelt, um in intensiver Sonneneinstrahlung und Kälte zu überleben. Deshalb eignen sich Edelweißextrakte perfekt, um auch unsere Haut zu schützen und zu pflegen.“ Im pelzigen Blütenstern stecken rund 60 Inhaltsstoffe. Die Gerbstoffe und die Vitamine A und E wirken zum Beispiel antioxidativ. Sie können die Haut stärken und kleine Schäden reparieren.

„Ich wollte deshalb schon sehr viel früher, als ich noch an der Berufsschule in Chur Kosmetik unterrichtete, etwas mit dem Edelweiß machen.“ Alle Voraussetzungen seien da gewesen: Interesse, Wissen und sogar ein Geschäft. Schließlich betrieb Astrids Ehemann seit 1969 die Drogerie Surses.

Eine Herausforderung war allerdings nicht zu meistern: die Beschaffung. Weil dem „Löwenfüßchen“, wie der botanische Name Leontopodium übersetzt heißt, so lange Zeit intensiv nachgestellt wurde, war es eine der ersten Pflanzen, die unter strengen Schutz gestellt wurden. An eine Nutzung als Heilpflanze oder Grundlage spezieller Kosmetik war nicht zu denken.

Erst in den 1990er-Jahren gelingt es der Schweizer Landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope, das Edelweiß zu kultivieren. Die ersten Edelweißkulturen werden in den Walliser Bergen angelegt. „Damit war der Weg frei für unser Geschäftsmodell Edelweiß.“

Das erste eigene Feld mit den weißen, stark behaarten Pflanzen legt Astrid Thurner im Jahr 2008 in 1600 Meter Höhe an. 1200 Pflanzen gedeihen dort über Savognin auf einem kalkigen Südhang. Die zweite Plantage, von der die Thurners heute Edelweiß beziehen, ist dreimal so groß. Ein befreundeter Bauer bewirtschaftet sie seit 2005 im Oberengadin bei Sankt Moritz auf 2000 Meter über dem Meeresspiegel. „Je höher das Edelweiß angebaut wird, desto mehr Inhaltsstoffe bilden die Pflanzen“, erklärt die Unternehmerin.

Es ist ein schönes, aber auch ein mühsames Geschäft. Anbau, Pflege und Ernte – alles muss in Handarbeit erledigt werden. In sehr trockenen Phasen brauchen die Pflanzen Wasser, manchmal auch ein wenig Kalkdünger. Sprießt das Unkraut in den Plantagen, wird gejätet. „Eine Nutzpflanze kann dann nur zwischen drei und fünf Jahre lang geerntet werden. Deshalb müssen wir auch jedes Jahr in bestimmten Bereichen nachpflanzen.“

Im Hochsommer, wenn die weißen Blüten voll ausgereift sind, helfen alle zusammen. Die vierköpfige Familie Thurner und die neun Angestellten der Drogerie schneiden die Blüten einzeln ab. Danach werden die Pflanzen schonend an der Sonne getrocknet. Besonders große Blütenköpfe werden gepresst und einzeln als Souvenir angeboten. Auf beiden Plantagen können insgesamt zwischen 100 und 150 Kilogramm geerntet werden. Die Ausbeute ist nicht jedes Jahr gleich hoch. „Das vergangene Jahr war ein gutes Jahr“, sagt der Sohn Patrick Thurner, der die Drogerie heute führt.

Das Edelweißextrakt wird aus den getrockneten Blüten hergestellt. „Wasser, Alkohol und Glycerin bringen die besten Resultate. Für bestimmte Cremes machen wir einen öligen Auszug.“ Mittlerweile hat Patrick Thurner eine komplette Edelweiß-Kosmetiklinie entwickelt – sie reicht von der Körper-, Hand- und Fußcreme, Feuchtigkeitsmasken, Handlotionen und Duschgel bis hin zu Badezusätzen und Massageölen. Alles natürlich ohne Konservierungsstoffe oder chemische Zusätze: „Das gehört zu unserer Philosophie.“

Für die „Pflege“ von innen bietet die Drogaria Surses Edelweiß-Schnaps sowie Edelweiß-Kräutertee an.

Die Produkte rund um das Edelweiß sind heute zu einem wichtigen Standbein des Familienbetriebs geworden. „Ohne diesen könnte der Betrieb keine neun Mitarbeiter beschäftigen.“ Dazu sind die Umsätze in der Skiregion zu stark von der Wintersaison abhängig. Das Edelweißgeschäft gleicht die Saisonalität etwas aus. In den schwächeren Sommermonaten dreht sich alles um die Plantagen, die Ernte und die Produktion der Kosmetiklinie. In der Hochsaison im Winter wird dann jede Hand in der Drogerie gebraucht.

Konkurrenz fürchtet Patrick Thurner nicht. Wer in den kleinen Markt mit Edelweißprodukten einsteigen will, muss erst einmal viel investieren: Anbauflächen sind rar, die Aufzucht ist mühsam, die Produktionsanlagen sind teuer. „Ich glaube nicht, dass dies in industriellem Maßstab möglich wäre“, überlegt Thurner. „Edelweißprodukte werden immer etwas für kleine Chargen bleiben.“

Einen etwas größeren Schritt plant nun die Naturkosmetik-Firma Weleda. Sie war schon einmal – 2008 – mit einer Edelweiß-Sonnencreme gescheitert. Der mineralische UVA-Filter der Naturkosmetik hatte den kurz zuvor angehobenen Vorgaben der europäischen Bestimmungen nicht mehr genügt. Jetzt hat Weleda eine neue Rezeptur entwickelt und bringt sie im Februar auf den Markt. „Eine Konkurrenz sehe ich da­rin nicht“, bleibt Thurner gelassen, „für uns ist das eher ein Vorteil. Denn es verschafft dem Edelweiß und der Kosmetik noch mehr Bekanntheit, vor allem außerhalb der Schweiz.“

Im Gegenteil zur Europäischen Union ist das Edelweiß in der Schweiz sogar als Lebensmittel zugelassen und sehr beliebt. Edelweißextrakte finden sich in Joghurt, Bier oder als Tee und auch als Schnaps. Mit Letzteren können sich auch Nicht-Schweizer aus dem Edelweiß-Sortiment der Familie Thurner, zu denen neben der Kosmetik auch der Edelweiß-Kräutertee und der EdelweißSchnaps gehören, während des Skiurlaubs eindecken oder online in der Drogaria Surses bestellen.

Astrid Thurner ist mittlerweile nur noch einmal die Woche im Laden. Nachdem sie das Geschäft im Jahr 1999 an den Sohn Patrick abgegeben hatte, schloss sie ihre Ausbildung zur Homöopathin ab. Im Sommer führt sie Interessierte dreimal, manchmal auch viermal in der Woche durch die Flora der Schweizer Berge. Sie gibt so ihr umfassendes Wissen über die Blumen und Kräuter der Alpen weiter. ®

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Heilendes Edelweiß.

Das Potenzial vom Edelweiß sei lange noch nicht ausgereizt, prophezeit Professor Hermann Stuppner vom Institut für Pharmazie der Universität Innsbruck. Die Wissenschaftler erforschen seit Jahren die Wirkstoffe der Alpenblume. Rund 60 Inhaltsstoffe wurden isoliert und einzeln untersucht. Aus den Blüten und Blättern des Alpenedelweiß gewannen die Forscher ein Derivat, das sie Edelweißsäure nennen. Es wirkt DNA-protektiv, bindet freie Radikale im Körper und schützt zudem vor schädlicher UV-Strahlung.

In medizinischer Hinsicht hat die Wurzel der Pflanze allerdings ein viel größeres Potenzial als die Blüte. In ihr fanden die Wissenschaftler Leoligin, ein vielversprechendes Stoffwechselprodukt. Es wirkt hemmend auf die Moleküle, die schädliche Blutfette transportieren und zu Blutgefäßverkalkung führen können. Die Forscher testeten die Substanz an Mäusen, indem sie ihnen ein Leoligin-Depot direkt in eine krankhaft verdickte Halsschlagader implantierten. Resultat: Der Gefäßdurchmesser nahm von durchschnittlich 43 Mikrometern bei unbehandelten Tieren auf 15 Mikrometer bei den behandelten ab. Nun besteht die Hoffnung, dass Leoligin auch beim Menschen einen ähnlichen Effekt erzielen könnte. Vor einem klinischen Einsatz gilt es aber noch, sämtliche potenzielle Gefahren abzuklären.

Ganz am Anfang steht die Wissenschaft noch beim Ansatz, Leoligin in der Krebstherapie einzusetzen. Einige Forscher vermuten, es könne die Zellteilung von Krebszellen hemmen. Erste Untersuchungen mit Leukämie-Zellkulturen hätten vielversprechende Ergebnisse gebracht.

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Alpenflora-Erlebnisweg.

Auf Initiative von Astrid Thurner entstand in der Region der Alpenflora-Erlebnisweg von Somtgant nach Mot Laritg oberhalb von Savognin. Die Savognin Bergbahn bringt Touristen bis zur Station Somtgant. Deshalb ist die Chrütliwanderung auch für Groß und Klein geeignet. Ohne Steigung geht es über Mot Laritg nach Lai Lung an einen kleinen See mit Sitzgelegenheiten und einer Grillstelle. Knapp fünf Kilometer lang verläuft der Themenweg durch ein buntes, duftendes Blütenmeer. Rund 130 Hinweistafeln mit Fotos erklären die vorkommenden Blumen, Kräuter und Heilpflanzen. Ein Teil der Strecke ist auch mit dem Rollstuhl oder Kinderwagen befahrbar.

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Autorin: Petra Bernadett Maier

 

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