Der Zauber von Zermatt.

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Geschichten aus dem Wallis. Touristische Ziele werden oft erst durch Geschichten und Lebenswege charismatischer Menschen interessant. Im Walliser Bergdorf Zermatt sorgt nicht nur das Matterhorn mit seinen kühnen Formen für Gesprächsstoff. Sondern auch der Künstler und Hotelier Heinz Julen mit seiner außergewöhnlichen Familiengeschichte.

Wer die Seele Zermatts genauer ergründen will, muss den Bergsteigerfriedhof im alten Dorfzentrum hinter der Kirche besuchen. Das „Grab des unbekannten Bergsteigers“ erinnert an die mehr als 500 Toten, die es seit der Erstbesteigung 1865 am berühmtesten Zacken der Welt gegeben hat. Einheimische Bergführer sind ebenfalls darunter. Sie heißen Perren, Lauber, Biner, Furrer, Kronig, Aufdenblatten. Und Julen.

Vor allem der Familienstrang von August Julen (1922–2015) prägt wie kein anderer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Dorfes. August Julen, der elf Geschwister hatte, war Bergführer und Skilehrer. Es gab wenige Möglichkeiten zum Geldverdienen damals. Man war Bauer. Oder man führte Gäs­te auf die Viertausender der Walliser Alpen. Im Winter war man arbeitslos. Es sei denn, man verließ die Heimat, um für Skischulen in St. Moritz oder Davos zu arbeiten, wo es bereits Wintertourismus gab.

Julen wählt diesen Weg. Dabei hat er Glück, dass ihn kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Weg zur Bergweide der Familie – er war noch keine 20 – ein Amerikaner anspricht.

Mister Denner heuert Julen als seinen persönlichen Skilehrer an und nimmt ihn mit in die „Ausserschweiz“, wie die Zermatter den (großen) Rest des Landes zu nennen pflegen. Julen kann so über den Rand des Kantons hinausblicken und er lernt einflussreiche Menschen kennen. Denner empfiehlt den Bauernbuschen weiter an Paul Getty, den damals reichsten Mann der Welt, an Jack Heinz, den Ketchup-König, nach dem August Julen später seinen Sohn benennen wird, und an Ted Kennedy, den er am kurzen Seil aufs Matterhorn führt.

Schnell erkennt August Julen, dass Zermatt von viel spektakuläreren Bergen umgeben ist als zum Beispiel Davos. Schließlich ist das Dorf von 37 Viertausendern umgeben. Wartet hier nicht eine riesige Winterspielwiese auf Skifahrer? Der erste Lift war zwar bereits 1942 von Zermatt nach Sunnegga gebaut worden. Doch die Verbindung hinüber nach Findeln, wo die Julens ihr kleines Gasthaus betreiben, will die Gemeinde nicht finanzieren – profitieren würden davon doch nur die Wirtsleute. August spricht deshalb bei seinem Vater Severin vor. Der ist zwar nicht restlos überzeugt, kratzt aber seine ganzen Ersparnisse zusammen und gibt sie dem Sohn für den Bau eines Einersessellifts. Zwei Franken soll jede Fahrt kosten.

Als am Abend des Premierentages der Liftjunge einen Sack Münzen auf den Tisch legt, eine fast vierstellige Summe, will Severin das Geld nicht nehmen. Er ist überzeugt, es könne nur gestohlen sein. „Er konnte nicht begreifen, dass sich mit dem Ding an einem Tag mehr verdienen ließ, als eine Kuh wert ist“, erzählt Heinz Julen, eines der vier Kinder von August. Nun fällt auch bei den anderen alteingesessenen Zermatter Familien der Groschen – oder besser: Rappen. Bald schon überschreitet die Zahl der Winter- die der Sommergäste.

Dank des Wintertourismus, den er selbst angeschoben hat, erfahren die Grundstücke, die August Julen erworben hat, in den folgenden Jahrzehnten hohe Wertsteigerungen. Er überschreibt sie seinen vier Kindern Vrony, Heinz, Leni und Moni. Als August Julen 2015 mit 93 Jahren stirbt, kommt das halbe Dorf zusammen und gibt dem gleichermaßen angesehenen wie bodenständigen Bergführer, Skischulbetreiber und Bergbahnaktionär das letzte Geleit.

„Wir haben viel von unserem Vater bekommen. Das hat uns aber auch unter Druck gesetzt – wir wollten ja etwas aus dem Erbe machen“, erinnert sich Heinz Julen. Der Vater achtete dafür stets darauf, dass es gerecht zuging. Keiner sollte zu kurz kommen. „Familyness“ traf auf „Swissness“, die typisch eidgenössische Konsenskultur.

Die älteste Tochter Vrony erhält das „Alpenheim“, das ehemalige Zuhause und Gasthaus der Familie hoch über Zermatt im Weiler Findeln, wo ganz in der Nähe der erste Skilift der Familie stand. Heute gilt „Chez Vrony“ für viele als eine der besten Skihütten in den Alpen und ist eine bekannte Gourmet-Adresse. Im „Gault-Millau“-Führer kommt das Lokal auf 14 von 20 Punkten. Mehr brauchen es gar nicht werden, betont Vrony – ihr Küchenteam soll ja weiterhin regional und bodenständig kochen.

Seiner Tochter Leni überträgt Vater Julen ein großes Grundstück, auf dem sie das Hotel „Cœur des Alpes“ bauen lässt. Die dritte Tochter, Moni, bekommt das Areal für das „Suitenhotel Zurbriggen“, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, der Schweizer Skilegende Pirmin Zurbriggen, betreibt. Für viele Schweizer Skitouristen ist das allein schon ein Grund, hier einzuchecken – Zurbriggen hat in der Alpenrepublik den Status einer Nationalikone.

Heinz Julen erbt das Grundstück in der Mitte des Dorfes, wo einst das Elternhaus stand, das 1990 vollständig abbrannte. 2011 eröffnete er dort sein extravagantes „Backstage“-Hotel, dessen Gourmetrestaurant „After Seven“ das einzige im Ort mit zwei Michelin-Sternen ist.

So unterschiedlich die vier Geschwister und ihre touristischen Geschäftsmodelle auch sein mögen – große Gemeinsamkeiten gibt es dennoch.

Erstens: Wer einen Julen heiratet, heiratet die gesamte Familie gleich mit. Das gilt auch für Vronys Ehemann Max Cotting. Der Gründer der Vermögensverwaltungsgesellschaft Aquila managt unter der Woche Kapital in Zürich und leidet sicher nicht unter Langeweile – aber am Wochenende kellnert er in Zermatt bei seiner Frau. Pirmin Zurbriggen schreibt derweil den Kindern unter den Gästen im „Suitenhotel“ Autogramme auf den Skihelm.

Zweitens: Alle Hotels und Lokale (auch an Nicht-Familienmitglieder verpachtete wie das Restaurant „Snow Boat“) lassen den typischen Heinz-Julen-Stil erkennen. Der ist immer modern, manchmal verspielt, setzt auf Naturmaterialien wie Leder, Metall und Holz. Es sind Gegenentwürfe zu den Grandhotels mit ihren livrierten Pförtnern, die es in Zermatt natürlich auch noch gibt. Es sind aber auch Gegenentwürfe zu dem, was man heute oftmals unter dem Label „Designhotel“ vorgesetzt bekommt: schlechtes Interieur-Design, nur eben modern verpackt. Julen dagegen hat in seinem „Backstage“ jedes Zimmer persönlich gestaltet und mit von ihm entworfenen Möbeln und Accessoires eingerichtet – durchdacht bis ins kleinste Detail, ohne immer streng auf die Kosten zu achten. Es macht ihm Spaß, ein Zimmer zu planen, in dessen Mitte sich das Bad befindet und darüber das Bett, das nur über eine von ihm handgemachte Metalltreppe zu erreichen ist. Ein biss­chen verrückt, ein bisschen extravagant – diese Handschrift findet sich auch bei den Schwestern, wenn auch weniger ausgeprägt als im „Backstage“. Heinz hat nämlich auch ihre Hotels ausgestattet.

Heinz Julen ist heute das Familienoberhaupt des Clans. Bergführer wollte er nie werden. Er ist in erster Linie Künstler. Und zwar einer, der aneckt. In seinem Atelier am Berg schuf er einst „Hausaltäre“, für die er Jesus-Skulpturen mit Gebrauchsgegenständen kombinierte. Die Zermatter regten sich über das „Sakrileg“ furchtbar auf, der von ihm entworfene Dorfbrunnen „Überfluss“ wurde demoliert. Im „Backstage“ hängen seine eigenen Kunstwerke und Installationen, an den Decken riesige Kronleuchter. Wenn im Dorf das Musikfestival „Zermatt Unplugged“ stattfindet, steigen hier Künstler und andere VIPs ab. Und in seinem Kino und Kulturzentrum mit Namen „Vernissage“, das sich im Untergeschoss des Hotels befindet, finden Konzerte statt.

Heinz Julen verpachtet Immobilien an Wirte und hat im Ortsteil Winkelmatten einen alten Warenladen gekauft, den er zu einem neuen, spannenden Hotelprojekt umbauen will. Die Pläne haben ihm nicht weniger als 16 (!) Einsprüche von Anwohnern eingebracht. In seinem Atelier beschäftigt er zehn Mitarbeiter, er ist ein gefragter Architekt, ohne je eine Uni besucht zu haben. Bereits als Teenager malt er das Matterhorn und verkauft die Bilder an die Touristen im Lokal seiner Eltern. Später baut er im Keller die ersten Möbel. Julen hat Talent und ist ehrgeizig. Vor allem aber hat er vom Vater eine üppige Portion Selbstbewusstsein und Gottvertrauen mitbekommen. „Der Papa gab uns immer das Gefühl, dass wir den richtigen Weg gehen, dass wir es gut machen.“

Einigen Einheimischen ist das allerdings zu viel. Zu viel Pop-Art, zu viel Avantgarde, vor allem: zu viel Heinz Julen. In einem Dorf, das wegen der hohen Berge reihum ohnehin nicht viel Sonne abbekommt, wirft er, wirft der Julen-Clan, offensichtlich zusätzliche Schatten.

Und so ist die Schadenfreude im Ort ziemlich groß, als dann doch einmal etwas ziemlich schiefgeht im Leben des Heinz Julen. Mitte der Neunzigerjahre hatte er Alexander Schärer kennengelernt, dessen Vater Paul in Münsingen bei Bern die international bekannte Möbelfirma USM besitzt. Die Schärers haben unter anderem mit ihrem USM Möbelbausystem Haller ein Vermögen erwirtschaftet. Heute gilt das Möbelsystem als Designklassiker und wurde 2001 sogar ins Museum of Modern Art (MoMA) in New York aufgenommen.

Das gefällt Julen, Kunst verbindet. Die beiden Mittdreißiger verstehen sich prächtig, machen gemeinsam in Aspen Urlaub, erzählen sich sogar ihre Frauengeschichten. Julen hat verrück­te Ideen, Schärer das Kapital, um sie umzusetzen. Und so brüten sie gemeinsam den Plan für ein Hotel aus, wie es Zermatt, ja die ganze Schweiz noch nicht gesehen hat: eine bewohnbare Skulptur mit drehbaren Badewannen, Julen-Kunst, Julen-Möbeln, 40 Millionen Franken teuer.

Für den Künstler soll es der Höhepunkt seines Schaffens werden. Schließlich bekommt er die seltene Gelegenheit, sich völlig frei zu verwirklichen. Im Februar 2000 geht das „Into the Hotel“ an den Start. Doch nur sieben Wochen später kassiert Investor Schärer die Schlüssel und macht den Laden dicht. Schwere Baumängel seien der Grund, heißt es. Heinz Julen bekommt Hausverbot und wird von einer ganzen Armada von Schärer-Anwälten mit Klagen überzogen. Vater Schärer macht ihn für die Katastrophe verantwortlich. Dem Künstler droht der Ruin, er soll 15 Millionen Franken Schadensersatz zahlen. Am Ende kommt es zu einer außergerichtlichen Einigung, Julen entgeht nur ganz knapp der Pleite, verliert aber das Grundstück, auf dem das Superhotel steht. Schweizer Medien berichten landesweit. Die Zermatter ärgert das. Er bringe das berühmte Dorf in Misskredit, werfen sie dem Künstler vor. Von der Gleichung Julen = Zermatt haben sie die Nase voll.

Heinz Julen brauchte viele Jahre, um sich von seinem persönlichen Waterloo, dem „Albtraumhaus“, zu erholen – finanziell und auch seelisch. Statt das Hotel zu sanieren und die Baumängel zu beseitigen, lässt die Familie Schärer den Bau verrotten. Julens Designermöbel werfen sie auf den Müll.

In der Folgezeit werden die Parteien über die Höhe von Bäumen streiten, über Nichtigkeiten. Erst Jahre später wird das zu einem Betontorso verfallene Haus wieder aufgebaut und ist heute als „The Omnia“ ein florierendes Fünf-Sterne-Haus. Heinz Julen sieht es jeden Tag. Er hat zwar seinen Frieden damit gemacht, vergessen aber kann und will er nicht, was damals passiert war. Es hat ihn tief getroffen und war eine große menschliche Enttäuschung: „Wo keine Liebe mehr ist, bleiben nur noch Hass, Eifersucht und Trümmer.“

Der Hauptvorwurf der Familie Schärer lautet: Heinz Julen habe sich in den Medien zu sehr in den Vordergrund gedrängt und USM nicht gleichwertig erwähnt. Paul Schärer nannte das einmal „unverzeihlich“. Vielleicht, sagt Julen, war es tatsächlich so, und er habe es nicht oder zu spät bemerkt. Am Ende gehörten halt immer zwei dazu, wenn etwas schiefläuft. Was jedoch auffällt: Julen verliert auch heute noch kein schlechtes Wort über seine ehemaligen Partner. Der Alexander sei eben ganz anders aufgewachsen als er selbst: „Ein Chauffeur brachte ihn zur Schule, zu Hause wurde das Essen von Dienern mit weißen Handschuhen serviert.“ Vermutlich zur selben Zeit, als Heinz in Bergschuhen zu seiner Schwester Vrony nach Findeln hochlief, um ein Käsebrot abzustauben.

Mittlerweile ist Heinz Julen ganz froh, dass die Geschichte so ausgegangen ist. Er sei sogar ein bisschen stolz darauf: „Sie hat mir in Sachen Tiefe und Emotionen die größten Momente meines Lebens geschenkt.“ Und: „Ich konnte mit dem ,Backstage‘ am Ende doch noch meine eigenen Ideen umsetzen, wenn auch in einem etwas kleineren Rahmen.“

Heute verkauft Julen außerdem seine Möbel, die eigentlich mehr Kunstobjekte sind, für gutes Geld. Sie sind neben dem „Backstage“ und den verpachteten oder vermieteten Immobilien sein drittes ökonomisches Standbein.

Das braucht er wohl auch. Denn mit einem Gourmetrestaurant, räumt Julen ein, sei es im Hochlohnland Schweiz schwer, Geld zu verdienen. Aber es macht ihm Spaß, ein solches Flaggschiff mit experimentierfreudigen Köchen zu betreiben, das von Feinschmeckern aus der ganzen Schweiz gelobt wird.

Er nimmt sich Zeit für seine Stammgäste, Zeit für seine Frau und die noch kleinen Kinder, Zeit für das Entwerfen von Möbeln, Zeit für die Arbeit in seinem Atelier oben in Findeln, wo er malt oder neue Kronleuchter skizziert. Er erfreut sich an seinem Kino im Souterrain des „Backstage“, weil es ihn an den Papa erinnert. Der hatte einst im Winterhaus der Familie, das Anfang der 1990er-Jahre abbrannte, eines einrichten lassen. Im „Vernissage Bar Club Cinema“ zeigt er neben internationalen Blockbustern auch August Julens Filme wie „Menschen am Matterhorn“ oder „Whympers Weg aufs Matterhorn“.

Inzwischen ist bereits die nächste Generation des Julen-Clans am Start, das Geschwisterquartett kommt zusammen auf eine zweistellige Kinderschar. Alle sind fest in Zermatt verwurzelt. Wäre August Julen noch am Leben, würde er sich sehr darüber freuen. „Es war für ihn immer wichtig, dass die Kinder wie eine Großfamilie fest zusammenhalten. Und er war stolz darauf, dass wir alle hiergeblieben sind“, erzählt Heinz Julen. Kurz vor seinem Tod habe der Herr Papa in einem Interview schließlich gesagt: „Ist es nicht fantastisch, dass heute 10000 Leute in einem Ort wie Zermatt gut leben können, wo in früheren Zeiten nicht einmal 700 Menschen ein würdiges Auskommen hatten?“  ®

Autor: Dr. Günter Kast

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