"Wenn es niemand anpackt, machen wir es eben selbst."

Print Friendly, PDF & Email

095 Christian Boehringer 1 0

Engagement. Making More Health ist eine Initiative des Familienunternehmens Boehringer Ingelheim. Christian Boehringer hat dabei ein ehrgeiziges Ziel: Er will Sozialunternehmer fördern, um weltweit neuen Lösungen im Gesundheitsmarkt auf die Füße zu helfen.

„Im Jahr 2010 ist unser Familienunternehmen 125 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass wollten wir etwas Besonderes machen, etwas, das die Gesellschaft weltweit positiv beeinflusst“, erinnert sich Christian Boehringer, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses bei Boehringer Ingelheim.

Der Gesellschafterkreis macht drei Vorgaben: Erstens sollte die Initiative weltweit funktionieren. Zweitens sollte mithilfe eines professionellen Partners ihre Effizienz sichergestellt werden und drittens sollte es eine Plattform geben, die den rund 48000 Mitarbeitern des Konzerns innerhalb der Initiative ein freiwilliges Engagement ermöglicht.

Ein Team, bestehend aus vier Mitarbeitern des Pharmakonzerns, entwickelt eine interessante Idee: Wie wäre es, wenn das Familienunternehmen Sozialunternehmer im Gesundheitssektor fördern würde, um neues Denken und Handeln im Gesundheitsmarkt anzustoßen? „Die unbedingte Notwendigkeit, dass sich im weltweiten Gesundheitssystem etwas ändert, ist offensichtlich“, erzählt Chris­tian Boehringer. „Uns überzeugte auch, dass wir so nah an unserem Kernmarkt agieren und unsere Kompetenz einbringen konnten.“ Und ihm gefällt der Gedanke, dass sinnvolles Engagement unternehmerische Unterstützung erfährt, ohne dass der Konzern dieses über viele Jahre finanzieren muss. Denn die Förderung soll auf das Bezahlen des Grundgehalts des Sozialunternehmers für drei Jahre und das Zurverfügungstellen von Inhouse-Expertise wie IT- und Rechtsberatung begrenzt werden. „Danach muss sich das jeweilige Geschäftsmodell selbst rechnen.“

Im nächsten Schritt sucht Boehringer externe Partner mit weltweiter Expertise im Aufbau von Sozialunternehmen. Er ist zwar überzeugt, dass viele Menschen gute Ideen hätten, aber nicht jeder das Zeug zum Entrepreneur habe. „Unser künftiger Partner sollte deshalb bereits über Erfahrung in diesem Bereich verfügen und den Sozialunternehmern beim Aufbau der Unternehmensstruktur unter die Arme greifen“, so Christian Boehringer.

Die Einbindung der eigenen Mitarbeiter erfolgt auf freiwilliger Basis. Christian Boehringer schätzt deren hohe Fachkompetenz. „Insbesondere die Marketing- und Strategieerfahrung unserer Führungskräfte, aber auch die Rechts- und IT-Abteilungen bieten Gründern wertvolle Unterstützung.“ Das Label Making More Health entsteht. Und   > bei der Suche nach einem professionellen Partner stößt das Team gleich 2010 auf Ashoka.

Ashoka ist ein gemeinnütziges und weltweit agierendes Netzwerk, das Gründerpersönlichkeiten hinter neuen sozialen Organisationen findet und fördert. Ziel ist es, diese Social Entrepreneurs zu begleiten und so dafür zu sorgen, dass ihre Beiträge zum Wohl der Gesellschaft sich verbreiten und ihre Wirkung entfalten. „Wir suchen immer die Kombination aus Unternehmergeist und sozialer Innovation – möglichst in einer frühen Phase der Umsetzung. Dann helfen wir unter anderem durch die Vermittlung professioneller Beratung und Einbettung in ein Netzwerk aus Social Entrepreneurs, Partnern und individuellen Unterstützern weltweit“, erzählt Laura Haverkamp, Mitglied im Leitungsteam bei Ashoka Deutschland.

Gefördert werden Menschen – Changemaker genannt –, die in ihrem jeweiligen Umfeldern den Status quo herausfordern. „Es sind faszinierende Persönlichkeiten, die sich selbst engagieren, anstatt auf andere zu warten. Sie verdienen es, dass wir alle ihnen den Rücken stärken“, findet Haverkamp.

Die Zusammenarbeit von Boehringer Ingelheim und Ashoka startet 2010. Mithilfe einer Ausschreibung wird in den Ländern, in denen das Familienunternehmen aktiv ist, nach förderungswürdigen Sozialunternehmern gesucht. Diese werden von Ashoka geprüft.

„Am Ende des Prozesses blieben vier Sozialunternehmer aus Amerika, Deutschland, Indonesien und Frankreich aus sehr unterschiedlichen Sektoren innerhalb des Gesundheitsmarktes übrig, mit denen wir gestartet sind“, informiert Boehringer.

Dazu gehörte der Sozialunternehmer Guillaume Bapst aus Frankreich, der mit seinem Unternehmen Andes 60 Lebensmittelgeschäfte für die arme Bevölkerung betreibt und seine Waren um bis zu 50 Prozent günstiger anbietet als normale Supermärkte. Oder Rebecca Onie. Die Amerikanerin berät Bedürftige im Wartezimmer von Krankenhäusern zu Jobfindung, besserer Ernährung und ähnlichen Themen. Oder Luh Ketut Sur­yani, die mit ihrem Suryani Institute for Mental Health in Indonesien eine Brü­­cke zwischen traditionellen Heilern und studierten Psychologen schlägt. Denn insbesondere die ärmere Landbevölkerung ist von qualifizierter Behandlung mentaler Probleme oft abgeschnitten.

095 Guillaume Bapst

Nicht nur die Projekte, auch das ehrenamtliche Engagement der Mitarbeiter begeistern Christian Boehringer. Bereits 2011, ein Jahr nach Gründung, wird deshalb das Programm Executive in Residence gestartet. In diesem Rahmen können die Beschäftigten für eine begrenzte Zeit im jeweiligen Land in Klausur gehen und über den weiteren Aufbau des dortigen Projekts von Making More Health nachdenken.

„Alle, die an diesem Programm teilgenommen haben, sind begeistert“, informiert Boehringer. Der Unternehmer denkt deshalb darüber nach, es zum breiteren Bestandteil der Ausbildung zu machen. Früher hatte der Konzern junge Führungskräfte zu Schulungen nach Fontainebleau geschickt, heute gehen sie ins ländliche Indien und wohnen auf Jugendherbergsniveau: „Das weitet den Blick auf unseren Markt. Die jungen Leute lernen, dass sich Probleme regional unterschiedlich darstellen und auf neuen Wegen mit einem neuen Denken gelöst werden müssen.“

Das Nachdenken über Making More Health sei ja nichts anderes als Projektmanagement und Teamarbeit. Die Teilnehmer würden lernen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. „Unsere Personalabteilung begleitet das Programm und die Ergebnisse sind sehr positiv. Auf die Idee, Personalentwick­lung mit der Initiative zu kombinieren, sind wir erst später gekommen.“

Making More Health überrascht den Gesellschafterkreis aber auch noch in einer weiteren Hinsicht: Das Kerngeschäft und die soziale Tätigkeit rücken enger zusammen. „Die nicht entwickelten Länder brauchen zunächst Wachstumskapital. Aufgrund der wenig verkrusteten Strukturen im Gesundheitssektor können dort tatsächlich Ideen auf breiter Ebene realisierbar sein. Diese Märkte können so langfristig auch für die Pharmaindustrie interessant werden“, skizziert der Unternehmer.

In Deutschland sieht er allerdings wenig Chancen, einen Strukturwandel im Gesundheitssektor anstoßen zu können. Das Hauptproblem: Die Marktteilnehmer denken eher über eine Optimierung der Kosten in ihrem Segment nach. „So hat ein Arzt etwa darauf zu achten, sein Budget für Medikamente einzuhalten und möglichst viele Patienten zu behandeln. Er wird aber nicht dafür honoriert, teure Krankenhausaufenthalte zu verhindern – was vielleicht eine intensivere Betreuung und teurere Medikamente beinhaltet.“

Hätten alle Versicherer die Gesamtkos­ten pro Patient im Blick, wäre offenbar eine bessere Versorgung mit gringerem finanziellem Aufwand möglich. Ein solches Umdenken in Deutschland anzustoßen, können aber auch noch so innovative Sozialunternehmen aufgrund der verkrusteten Strukturen im Gesundheitsmarkt wohl nicht leisten. Anders sehe der Markt in Amerika aus: „Patientendaten werden nicht so fest unter Verschluss gehalten und das ökonomische Denken ist dort auch breiter verteilt – wirkliche Änderungen erwarte ich deshalb zuerst in Übersee, bevor sie sich sehr langfristig dann bei uns durchsetzen“, erklärt Boehringer.

Inzwischen fördert der Konzern schon 78 Sozialunternehmer, Fellows genannt. Einer von ihnen ist Frank Hoffmann. Der Arzt aus Mülheim an der Ruhr ist überzeugt, dass Brustkrebs in einem sehr frühen Stadium besonders gut von Blinden ertastet werden kann. Denn dieser Personenkreis habe die sensibels­ten Hände. Discovering Hands nennt er sein Unternehmen, das inzwischen zehn blinde Frauen ausgebildet hat und ihnen ein Einkommen sichert. Die Krankenkassen übernehmen die Kos­ten. Denn je früher Brustkrebs diagnos­tiziert wird, umso größer ist die Überlebenschance für die betroffenen Frauen – und desto geringer ist der Aufwand für die Kassen.

Auch Celal Karadogan aus der Türkei ist Making-More-Health-Fellow. Er hat in seiner Heimatstadt Adana einen Sportklub für Jugendliche mit körperlicher Behinderung gegründet. In der Türkei werden Menschen mit Beeinträchtigungen oftmals als nutzlos für die Gesellschaft angesehen. Celal Karadogan bildet sie zu Sporttrainern für Menschen ohne Behinderung aus. So schafft er einen Bereich, in dem sich behinderte und nichtbehinderte Jugendliche gleichwertig begegnen, soziale Ausgrenzung bekämpft wird und ein neues Gesellschaftsbild entstehen kann. Mittlerweile besuchen 1500 Jugendliche jährlich seinen Sportklub.

Das Engagement der Initiative Making More Health ist also inzwischen sehr breit gestreut. Derzeit denkt das Projektteam deshalb über eine mögliche Fokussierung der Aktivitäten nach. „Wir überlegen, ob wir uns auf weniger Themen konzentrieren, damit wir dort mehr Wissen anhäufen, mehrere Sozialunternehmer vernetzen und so noch intensiver wirken können.“

Auch der Lernprozess im eigenen Unternehmen sei dann effizienter: „Unsere Industrie verändert sich doch stetig. Wir brauchen die Sozialunternehmer als eine Art Scouts, die Ideen ausprobieren und uns helfen zu erkennen, wie sich Probleme mit ganz anderen Ansätzen lösen lassen.“

Christian Boehringer ist zufrieden mit der Initiative. „Gut 4000 unserer Mitarbeiter haben auf unterschiedlichem Niveau mitgewirkt. Dies geht von erlaufenen Spendenbeiträgen bis hin zu ehrenamtlicher Unterstützung der Sozialunternehmer. Darauf bin ich wirklich stolz. Und wenn sich gute Ideen wie die von Frank Hoffmann durchsetzen, dann hat Making More Health sogar in Deutschland etwas bewegt.“

__________________________

Fakten aus Ingelheim.

Boehringer Ingelheim ist das größte forschende Pharmaunternehmen Deutschlands und wird seit 1885 in der Hand der Gründerfamilie gehalten. Der Jahresumsatz liegt bei rund 15,8 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis bei 2,9 Milliarden Euro. Es wird in 146 Gesellschaften weltweit erwirtschaftet. Am Standort Deutschland sind 14774 Mitarbeiter inklusive 699 Auszubildende beschäftigt. Stammsitz und Zentrale des Unternehmensverbands ist Ingelheim am Rhein. Dort werden Arzneimittel und Wirkstoffe produziert. Das Unternehmen unterhält außerdem weitere Produktionsstätten in der ganzen Welt – unter anderem in Italien, Spanien, Mexiko, Brasilien und natürlich in den Vereinigten Staaten. Seit dem Jahr 2007 leitet Christian Boehringer, vierte Generation, als Vorsitzender den Gesellschafterausschuss.

__________________________

®

Autorin: Yvonne Döbler

Pin It

Verlagsanschrift

Private Wealth GmbH & Co. KG
Südliche Auffahrtsallee 29
80639 München

Kontakt

  • Tel.:
    +49 (0) 89 2554 3917
  • Fax:
    +49 (0) 89 2554 2971
  • Email:
    iDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Soziale Medien

         

   email


latest logo pw

einloggen oder abonnieren

latest logo pw

einloggen oder abonnieren

latest logo pw

login or subscribe

latest logo pw

login or subscribe

latest logo pw

Ouvrir une session ou s'abonner

latest logo pw

Ouvrir une session ou s'abonner

latest logo pw

Iniciar sesión o registrarse

latest logo pw

Iniciar sesión o registrarse

latest logo pw

effettuare il login o iscriversi

latest logo pw

effettuare il login o iscriversi