• Jan Lehmhaus

Die schönste Nebensache der Uhr.

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Uhrenarmbänder. Ob Kroko, Kautschuk oder Velours: Das Armband bestimmt ganz wesentlich den Cha­rakter und die Wirkung einer Uhr – und sagt darüberhinaus noch einiges über den Besitzer aus. Für die Hersteller bietet es eine willkommene Gelegenheit, sich von der Konkurrenz abzusetzen und ihre kunsthandwerklichen Fähigkeiten zu zeigen.

Am liebsten tragen die Kunden das Leder von Bes­tien am Arm. Kroko, zum Beispiel. Das ist dann ein bisschen so, als hätten sie eine Trophäe dabei.“ Robert Hirsch ist mit Leder aufgewachsen. Seine Familie fertigt daraus seit Generationen hochwertige Uhrenarmbänder, beliefert viele große Marken. Das „böse Leder“ habe dabei schon immer eine besondere Rolle gespielt. „Produkte aus der Haut friedliebender Pflanzenfresser üben nie einen ähnlichen Reiz aus. Kalbsleder ist wahrscheinlich einfach zu harmlos.“

Dass Uhrenarmbänder mit so viel archaischer Symbolik aufgeladen sein sollten, klingt zunächst verwunderlich. Schließlich tragen wir unsere Zeitmesser erst seit etwa 100 Jahren am Handgelenk und nicht mehr in der Westentasche. Nur Damen besaßen, in Ermangelung einer Weste, schon früher so etwas wie Armbanduhren: zierliche Schmuckstücke, zumeist als kostbare Einzelanfertigung entstanden.

Erst auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs schnallten sich auch immer mehr Männer aus purem Überlebenstrieb ihre Uhr mit Lederriemen ans Handgelenk. Wer sich aufrichtete, um umständlich eine Taschenuhr hervorzuziehen, machte sich zum Ziel für das maschinisierte Geschützfeuer. Damit hat die Armbanduhr allemal einen kriegerischen Hintergrund, der ganz gut zu Hirschs Überlegungen passt.

Heute ist allerdings wichtiger, dass das Armband der Uhr deren optische Wirkung genauso bestimmt wie den Tragekomfort. In Zeiten, da die Uhrenindustrie überlegen muss, mit welchen Qualitäten sie die nachwachsende Generation überzeugen kann, verändert sich darum auch im Bereich der Armbänder einiges. Beim Leder genauso wie bei neuen Materialien geht es um handwerkliche Traditionen, Hightech und darum, dem Kunden etwas zu geben, das nicht jeder hat.

Hermès nutzt zum Beispiel seine große Sattlererfahrung und beschäftigt 13 Spezialisten, um für die eigene Uhrenmarke Bänder mit großem Aufwand zu produzieren. „50 Arbeitsschritte sind im Schnitt nötig, bis ein handgefertigtes Band fertiggestellt ist“, informiert Laurent Dordet, CEO von La Montre Hermès, „das dauert pro Band mindestens 75 Minuten.“ Große Stückzahlen werden so selbstverständlich nicht hergestellt. Mit den begehrten Bändern beliefert Hermès nur die befreundete Marke Parmigiani – und für kleine Sonderserien bekommt auch Apple die ikonischen Double-Tour-Bänder.

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An welche Marken Hirsch liefert, darf der Klagenfurter nicht sagen; an die Uhren montiert, tragen die Bänder nicht seinen Namen, sondern den des Herstellers. „Aber, na ja, es steht natürlich auch ,made in Austria‘ daneben“, gibt Robert Hirsch zumindest einen Hinweis.

Zusammen mit seinen Kunden entwickelt er neue Band-Serien, die ganz dem Charakter einer neuen Kollektion und der vielzitierten gestalterischen „DNA“ des Herstellers entsprechen. Dafür gibt es im Unternehmen eine Entwicklungsabteilung mit Chemikern, Materialwissenschaftlern, Technikern und Designern. Und die hält natürlich auch engen Kontakt zu den Gerbereien. Schließlich müssen neue Farben und Oberflächen nicht nur abriebfest und lichtecht sein. „Sie müssen auch ihren Glanz behalten, ohne, wie Schuhwerk, nachpoliert zu werden“, erklärt Hirsch. Der Vergleich mit den Schuhen kommt nicht von ungefähr. Vor allem zu den Produkten renommierter Hersteller gibt es Verbindungen. IWC beispielsweise bezieht viele seiner Lederbänder von der 1975 gegründeten Schuh­manufaktur Santoni. Und womöglich hat die aus Italien importierte Mode der vollauf bürotauglichen Raulederschuhe auch dazu geführt, dass sich zunehmend Veloursbänder an Herrenuhren sehen lassen. Die in diesem Jahr vorgestellte Longines Heritage 1945 ist dafür nur ein Beispiel. Ihr Band trägt dazu ein paar kräftige, helle Zierstiche, neben wie patiniert wirkenden Riemen noch so ein Detail, das jede Uhr deutlich lässiger wirken lässt.

Daneben sieht Hirsch aber noch andere Trends rund um das Uhrenarmband. Verbesserte Wechselsysteme machen ein Austauschen der Bänder einfach. Neue Materialien ersetzen das Leder oder lassen sich damit kombinieren.

Lange Zeit war die Möglichkeit zum einfachen Bandwechsel von der Industrie gar nicht aktiv forciert worden. Vermutete sie doch, die problemlose Trennbarkeit von Gehäuse und Halterung sei für viele Kunden eher eine bedrohliche als eine komfortable Vorstellung: Was sich leicht lösen lasse, löse sich womöglich auch unbemerkt und sorge dann für Schäden an der Uhr oder gar für deren Verlust.

Diese Sorge aber scheint sich nun gelegt zu haben. Die Reverso von Jaeger-LeCoultre zum Beispiel wird seit 2016 mit Schnellwechselsystem ausgestattet. „Mit nur wenigen Handgriffen lässt sich das Armband ganz einfach zu Hause wechseln. Auf diese Weise kann der Träger seine Uhr jeden Tag dem Outfit anpassen“, erklärt Jürgen Bestian, General Manager Jaeger-LeCoultre Nordeuropa. Die Villeret Women von Blancpain wird zu diesem Zweck gleich mit fünf verschiedenfarbigen Bändern ausgeliefert.

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Bei den Herrenuhren ist die Mido Multifort Escape Horween mit ihren zwei, je nach Kleidung und Laune zu wechselnden Lederbändern allerdings noch die Ausnahme. Nur markante Einsatzuhren werden immer häufiger mit zwei Bändern aus unterschiedlichem Material geliefert: Eines ist besonders belastbar für harte Bedingungen, das andere besser für das zivile Umfeld geeignet.

Bei Einsätzen am und im Wasser, aber auch allgemein als Indikator für Sportlichkeit haben sich vor Jahren schon Kautschukbänder etabliert, deren Entwicklung ebenfalls ständig voranschreitet. In diesem Jahr zeigten Roger Dubuis und Richard Mille, was sich mit Gummibändern so alles machen lässt: Der eine integriert Reifenpartikel von Formel-1-Fahrzeugen und lässt die Bänder auch wie abgefahrene Pneus aussehen. Der andere nutzt die Riemen als Hightech-Träger, vermengt mit neuartigen Nanopartikeln.

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Allerdings war der Schrecken in der Uhrengemeinde groß, als Rolex, Spezialist für die Anfertigung funktionaler Metallbänder, seine neue Yacht-Master – vermeintlich – mit profanem Kautschuk ausrüstete. Die Aufregung legte sich aber rasch wieder. Denn tatsächlich handelt es sich beim Oysterflex um eine aufwendige Metallkonstruktion, wasser- und wetterfest gemacht durch einen Elastomerüberzug.

Offensichtlich ist das neue Band in der Rolex-Gemeinde mittlerweile gut aufgenommen: Auch den legendären Daytona-Chronografen gibt es heute in einer Oys­terflex-Variante. Breitling hingegen hat dem Kunststoff für alle, die das Material, aber nicht seine glatte Oberfläche mögen, die Struktur der metallenen Milanaisebänder gegeben.

Einer der Kautschuk-Pioniere ist die Schweizer Uhrenmarke Hublot. Dort wurde dieses Material schon in den 80er-Jahren an Goldgehäuse gesetzt – und in manchen Varianten sogar dauerhaft aromatisiert. Bis heute hält Hublot an seinem „Fusion“-Konzept fest, probiert immer wieder neue Material-Kombinationen aus.

Dass dabei zuletzt auch Uhren entstanden, deren Zifferblätter und Bänder mit klassischen Stoffen von Rubinacci bezogen wurden, passt gut zur zunehmenden Bedeutung von textilen Bändern. Diese waren früher wirklich nur ein Frauenthema, als zartes Seidensatinband an Schmuckuhren für den großen Auftritt. Der entscheidende Impuls kam dann aus der Sammlerszene, wo es vor ein paar Jahren chic wurde, wertvolle Vintage-Stücke lässig an farbigen Nylon-Durchzugsbändern zu tragen, den Nato- oder Zulu-Straps.

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Spätestens die James-Bond-Filme machten die farbig gestreiften Varianten zu Kultobjekten. Omega nahm deshalb zum Beispiel eigene Natos ins Sortiment. Die neue Railmaster allerdings ist mit einem etwas dickeren Textilband bestückt. Denn eine größere Uhr muss am Handgelenk nicht nur irgendwie befestigt, sondern auch stabilisiert werden. Ist das Band zu dünn, wird die Konstruktion, vor allem mit einem hoch bauenden Gehäuse, kopflastig. Sie trägt sich dann unausgewogen.

Die perfekten Webstoffe zur Uhr gibt es also nicht von der Stange. Tudor legt seiner Black Bay Heritage Chrono ein Zweitband bei, das es auf Jacquard-Webstühlen aus dem 19. Jahrhundert fertigen lässt. Auch Nomos, mit dessen Namen viele Lederbänder aus speziellem Pferdeleder verbinden – dem Shell Cordovan von Horween –, suchte lange nach dem richtigen Gewebe. „Die ersten Bänder an der Ahoi, ganz im Stil der Schwimmbad-Spind-Schlüssel, schienen manchen nicht ganz angemessen, etwas zu billig“, erinnert sich Nomos-Geschäftsführerin Judith Borowski, „inzwischen lassen wir speziell für uns in Frankreich festere Bänder weben.“

Bei der intensiven Beschäftigung mit dem richtigen Material („Kautschuk mochte bei unseren Designern keiner leiden.“) habe man sich dann auch gründlicher mit der Ästhetik der Schließen befasst: „Obwohl das ein vergleichsweise großes Stück Metall ist, führt es mitunter ein Schattendasein. Auch wir haben lange von der Stange gekauft.“ Inzwischen werden die Schließen bei Nomos mit ins Gesamtdesign der Uhr einbezogen. Die Golduhren und die Neomatik-Serie tragen die hauseigenen Flügelschließen.

Auch bei seinen Raulederbändern hat das Haus dazugelernt und einen Anbieter gesucht, der auf die übliche Chromgerbung verzichtet. Diese steht schließlich im Verdacht, bei manchen Menschen Hautirritationen auszulösen. Generell wird heute sehr viel genauer hinterfragt, wie viel Chemie in welchem – hautnahen – Produkt steckt.

Das steigende Umweltbewusstsein der Kunden zeigt sich auch noch an anderer Stelle: „Die Frage nach dem Artenschutz spielt für viele Kunden eine Rolle“, hat Judith Borowski beobachtet. „Speziell bei Wassersportlern gibt es eine hohe Sensibilität für Umweltschutzthemen“, ergänzt Rico Steiner, Regional Manager bei Oris: „In unseren Gesprächen mit Berufstauchern geht es immer wieder um den Plastikmüll in den Ozeanen. Mit der Uhrenbox auf Algenbasis, die wir mit unserer Staghorn Restoration liefern, können wir zwar die Welt nicht retten, aber auf ein Problem reagieren. Und wir überlegen natürlich auch, was sich zukünftig beim Armbandmaterial machen lässt.“ Etwas Genaueres mag Steiner noch nicht verraten; aber eine Taucheruhr aus quasi aquatischem Material wäre bestimmt ein nächstes Talking Piece.

Robert Hirsch hat in seinem Familienunternehmen schon immer auf Nachhaltigkeit gesetzt: „Das bedeutet für uns vor allem auch, Abfall möglichst zu vermeiden.“ Zwar lassen sich nur die besten Partien einer Haut für die Lederbänder verwenden, der Rest aber wird fein gemahlen und dient als Füllung der dick gesteppten Produkte – „wobei dabei hie und da auch ein Quantum Krokodil ins Kalbsband geraten kann“, schmunzelt der Unternehmer.

Und was geht gar nicht mehr? Eidechse, fällt Hirsch ein, komme immer mehr aus der Mode. Ebenso wie Armbänder aus Perlrochen. Für ein paar Jahre war das auffallende Material an zahlreichen noblen Zeitmessern zu sehen. Aber noch bevor sich Carl F. Bucherer im Rochenschutz engagierte und die Bänder ethisch zweifelhaft wurden, hatten die Kunden die Lust daran verloren. So richtig böse sind Rochen ja tatsächlich auch nicht.                                                                       ®

Autor: Jan Lehmhaus

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