Reifezeit.

Print Friendly, PDF & Email

Genuss. Nur wenige Manufakturen weltweit haben das für die Herstellung hochwertiger Humidore notwendige Spezialwissen. Beim Duisburger Familienunternehmen Gerber hat sich dieses von Generation zu Generation aufgebaut.

„Natürlich können Sie auch ein Glas Wasser nehmen und dieses unter eine Käseglocke stellen“, sagt Karl-Heinz Gerber junior. Bevor der gelernte Tischler und studierte Diplom-Kaufmann fortfährt, lässt er einige Sekunden verstreichen: „Aber wenn oben rechts und unten links exakt die gleiche Luftfeuchtigkeit und Temperatur herrschen sollen, wird es doch einen kleinen Tick anspruchsvoller.“

Gerber spricht – mit viel Understatement und einem Hauch Ironie – von den ungewöhnlichen Schränken die seine Firma baut: Humidore – Lagerstätten und Reifekammern für Zigarren, die das Herz jedes Aficionados höher schlagen lassen. Kunstwerke aus edlem Holz für passionierte Zigarrenraucher wie Arnold Schwarzenegger oder Gerhard Schröder, die ihre wertvollen Cohibas Esplendidos, die „Kanzler-Zigarren“, Stückpreis 35 Euro, gerne an einem passenden Ort aufbewahren.

Wenn Humidore Schlagzeilen machen, werden meist Geschichten aus der glitzernden Welt des Jet Set erzählt. Von der Pariser Luxuswerkstatt Elie Bleu zum Beispiel, die zum 50. Jubiläum der Marke Cohiba Humidore designte. Sie hatte die Flügeltür-Fronten mit 48 Ligero-Tabakblättern aus Kuba verkleidet, die vorher mit 24 Karat Blattgold überzogen worden waren.

Auch Karl-Heinz Gerber erfüllt natürlich jeden Kundenwunsch, egal, wie ausgefallen er sei. Allerdings dürfe das nicht auf Kosten der technischen Qualität gehen. Denn bei ihm dreht sich alles um ehrliches Handwerk. Seine Firma – 50 Mitarbeiter, vier Millionen Euro Umsatz – sitzt schließlich in Duisburg, mitten im Kohlenpott. Die Unternehmer dort sind wie die Stadt: geradeheraus, unkompliziert, bodenständig.

Die vor mehr als 130 Jahren gegründete Firma – Gerber ist die fünfte Generation – macht den größten Teil ihres Umsatzes mit hochwertigem Innenausbau, Laden- und Messebau, Sicherheitstechnik, Möbel-Design nach individuellen Kundenwünschen und der Restauration historischer Fenster und Türen. Humidore stehen nur für einen kleinen Teil des Gesamtumsatzes, so zwischen 100000 und 300000 Euro pro Jahr. Doch es sind diese Aufträge, die Gerber besonders viel Vergnügen bereiten. „Hochwertige, handgefertigte Möbel nach Maß waren schon immer unsere Passion“, erzählt der Juniorchef, der die Geschäftsführung mit seinem gleichnamigen Vater vom 2008 verstorbenen Großvater übernahm: „Aus Holzkisten sind im Lauf der Jahrzehnte perfekt ausgestattete, hochfunktionale, feuchtigkeitsregulierte Zigarrenschränke geworden, die wir in der firmeneigenen Werkstatt in Handarbeit planen und bauen.“

Ein evolutionärer Prozess sozusagen, der in der Regel nur von Erfolg gekrönt wird, wenn da jemand eine innige Leidenschaft für das Produkt selbst mitbringt. Die Bereitschaft, sich tief in die Details einzuarbeiten, um über Generationen klitzekleine Verbesserungen zu entwickeln, die in der Summe aber den entscheidenden Unterschied machen.

Ja, sein Urgroßvater habe natürlich selbst dicke Dinger „geschmokt“, wie es im Pott heißt. Er selbst sei eigentlich „leidenschaftlicher Nichtraucher“ und greife nur zu besonderen Anlässen zu einer langsam gereiften Cohiba: „Wenn wir einem Kunden einen besonders schönen Humidor übergeben.“

Das fehlende Faible für den regelmäßigen Tabakkonsum kompensiert Gerber durch die Liebe zum Material. Für den Innenausbau der Zigarren-Schränke benutzt er das Holz der Spanischen Zeder (Cedrela odorata). Diese gehört zu den Mahagonigewächsen und kann Feuchtigkeit lange speichern. Außerdem wirkt ihr Holz antibakteriell und ist deshalb weitgehend resistent gegen Pilze und andere Schädlinge. Einen Nachteil hat das Holz allerdings. Es harzt und muss darum fachmännisch gelagert werden. Eine weitere Herausforderung: Die Zeder untersteht dem Washingtoner Artenschutzabkommen, darf wild nur noch an ganz wenigen Orten eingeschlagen werden. Sie wächst zwar neuerdings auch auf Plantagen in Afrika, aber eben nicht in der gleichen hohen Qualität.

Für Gerber ist diese Verknappung des Angebots sogar ein Vorteil, denn seine Familie hat einen schönen Vorrat an Zeder eingelagert. Aus dem kostbaren Rohstoff entstehen faszinierende Zigarren-Schränke, deren Größen vom kleinen Humidor für Reisen über Kisten und Schränkchen bis zum begehbaren, 350 Kilogramm schweren Klimaraum reichen – allesamt Unikate, nach speziellen Kundenwünschen gefertigt.

Zwölf bis 16 Wochen dauert es, bis das handgefertigte Möbel nach vielen hundert Arbeitsschritten schließlich ausgeliefert werden kann.

In erster Linie müssen Humidore natürlich eine spezielle Funktion erfüllen. Denn der Schlüssel der richtigen Zigarrenlagerung liegt in der Luftfeuchtigkeit. Sie sollte zwischen 68 und 72 Prozent betragen. Ist es zu nass, schimmeln die Sammlerstücke. Ist es dagegen zu trocken, werden sie hart und verlieren ihr Aroma. Zugluft ist ebenfalls Gift für Zigarren.

Stimmt jedoch das Klima, werden Zigarren mit den Jahren immer besser. Sie reifen dann und entwickeln ungeahnte Aromen. Einige besonders hochwertige Sorten mit kräftigem Geschmacksbouquet lassen sich bis zu zwei Jahrzehnte aufbewahren. Erst dann haben sie den perfekten Reifegrad erreicht.

Das richtige Klima herzustellen ist nicht so leicht. Einfachen Humidoren fehlt die aufeinander abgestimmte Mess- und Regeltechnik. Sie geben die Feuchtigkeit mittels Schwamm- oder Polymerbefeuchter unkontrolliert ab. Der Humidor wird aus einem mit destilliertem Wasser gefüllten Tank versorgt. Das Problem dabei: Ein kleiner Tank muss sehr häufig aufgefüllt werden. Und ein größerer verkeimt schnell, sofern nicht Silber beigesetzt ist. Da so Duft und Geschmack des Naturproduktes Zigarre verändert werden, ist diese Variante für Connaisseure jedoch keine Option.

Gerber hat dieses Problem gelöst, indem er integrierte elektronische Systeme zur Befeuchtung und Entfeuchtung der Zigarren nutzt. Jeder Schrank erhält ein auf Größe und Zigarrensammlung angepasstes Be- und Entfeuchtungssystem. Hochpräzise Fühler messen ständig die relative Luftfeuchtigkeit. Durch Lüfter wird diese Feuchtigkeit im Humidor gleichmäßig verteilt, bis der vom Kunden gewünschte Sollwert erreicht ist.

Das Entfeuchtungsmodul arbeitet auf ähnliche Art und Weise. Die elektronischen Komponenten wie auch die Beleuchtung lassen sich durch eine speicherprogrammierbare Steuerung (SPS) regeln. „Wir entwickeln unsere Humidore ständig weiter. Beleuchtung, Lüftung und Befeuchtungsanlage sind heute digital per Web-Interface steuerbar“, erklärt Gerber.

Der Unternehmer hat sogar eine iPhone-App entwickelt, mit der sich der Humidor von überall auf der Welt managen lässt. Die Beleuchtung übernehmen bei großen Humidoren intelligent platzierte Leuchtstäbe, deren LEDs aufgrund der Feuchtigkeit speziell konzipiert sein müssen. Und: Gerber probiert auch neue Hightech-Materialien wie DuPont™ Corian® aus: „Ein faszinierender Werkstoff mit einzigartiger Haptik und schönem Glanz. Er ist langlebig und widerstandsfähig. Die porenlose, hygienische Oberfläche lässt sich ohne großen Aufwand pflegen und optisch fugenlos zusammenfügen, sodass eine homogene Fläche entsteht.“

Den Humidor mit der einzigartigen Glas­kuppel „Ascension“ habe er schon mehrfach mit einer Außenhülle aus DuPont™ Corian® gefertigt. Der mindes­tens 12000 Euro teure Zigarrenschrank ist ohnehin ein Hingucker: Eine per Funk ausgelöste hydraulische Glaskuppel fährt nach oben und gibt die darunter liegenden Schätze frei. Dank des herausnehmbaren Serviceboards können diese dann stilvoll präsentiert werden. Ein Käufer, erzählt Gerber, habe ihm einen wunderbaren Dankesbrief geschrieben, der mit den Worten endet: „Das schönste Geschenk, das ich mir machen konnte. Alle meine Freunde sind beeindruckt.“

Ein solches Lob darf Gerber durchaus persönlich nehmen. Er beschäftigt zwar auf Humidore spezialisierte Schreiner, aber Abnahme, Kontrolle und Zertifizierung übernimmt er stets selbst. Für die Entwicklung ist er natürlich ebenfalls zuständig. Ebenso wie für die Beratung der anspruchsvollen Kunden. „Ein US-amerikanischer Käufer, vermutlich aus der Musikbranche, wollte zum Beispiel ganz genau wissen, wie laut der Humidor ist“, erinnert er sich. „Es war mir eine Freude, ihm sagen zu können: ,Sie werden rein gar nichts hören.‘“

Über all die Jahre haben die Gerbers „eine mittlere zweistellige Zahl“ an Humidoren verkauft – nein, ein Massengeschäft sei das gewiss nicht. Zu den Kunden gehören neben Privatpersonen auch Hotels wie das Adlon in Berlin, die Marriott-Gruppe oder Wellness-Hotels wie der Quellenhof in Südtirol. Auch der neue Berliner Flughafen BER soll einen Gerber-Humidor erhalten, falls der Airport denn jemals fertig wird. Yachteigentümer bestellen ebenso wie Kreuzfahrt-Reedereien wie TUI Cruises oder AIDA Cruises.

„Wir machen wenig gezieltes Marketing und haben auch kein Händlernetz“, erzählt Karl-Heinz Gerber, „persönliche Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda sind in unserem Geschäft wichtiger. Wenn ein potenzieller Käufer dann einmal einen unserer Humidore in echt gesehen und berührt hat, kauft er ihn auch meistens.“

Nach Ländern liegen Deutsche und Schweizer Kunden in Gerbers Kartei vorn, gefolgt von Käufern aus Asien. „Für das Gros der Kunden ist es einfach eine logische Investition“, erklärt der Unternehmer. „Wer Hunderte oder Tausende von Zigarren besitzt, hat bereits viel Geld ausgegeben und möchte diese Wertanlage schützen.“ In der Spitze ist seiner Klientel dieser Schutz zwischen 40000 und 50000 Euro wert. Nach oben seien die Grenzen offen.

Der Duisburger Unternehmer kann sich vorstellen, das Humidor-Konzept eines Schrankes mit konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit künftig auch auf andere Produktgruppen zu übertragen: „Im Prinzip ist das für alle hochwertigen Waren interessant, die ein stabiles Mikroklima brauchen. Ich denke da an Schuhe und Musikinstrumente. Erste Anfragen gab es schon.“

Machen ihm der rückläufige Tabakkonsum und die zunehmende Stigmatisierung des Rauchens keine Sorgen? Laut Statistischem Bundesamt hat sich der Verbrauch an Zigarren und Zigarillos in Deutschland seit 2007 schließlich fast halbiert, die Zahl der Zigarren-Raucher sank auf weniger als 700000.

„Das mag sein, aber es tangiert nicht das stilvolle Zigarren-Rauchen. Luxus und Genuss liegen voll im Trend.“ In den Golfstaaten und in Asien werde es gerade erst schick, sich ein Herrenzimmer mit Humidor einzurichten. Sorgen mache ihm da schon eher die Qualität der kubanischen Zigarren: „Sie reifen mitunter nicht mehr lange genug, ehe sie in den Verkauf gelangen. Da gibt es zu viel Margendruck.“ Er möchte sich das demnächst selbst vor Ort anschauen. Wenn er endlich mal Zeit findet. Wenn nicht wieder ein Zigarren-Liebhaber auf die Schnelle einen Humidor haben will.

___________________

Der Wettbewerber – Humidore aus Bayern.

Als der Marketingfachmann und Strategieberater Carsten Schroeter, ein passionierter Zigarrensammler, keinen perfekten Humidor für seine Kollektion fand, begann er 1993 kurzerhand selbst eine Technologie zu entwickeln. Die sollte höchsten Ansprüchen an Klimastabilität und Hygiene genügen. Kurze Zeit später entstand Reposo, eine kleine Manufaktur in Lenggries in den bayerischen Alpen. Hier ließ Schroeter die Humidore als Unikate nach Kundenwünschen zusammen mit alteingesessenen Handwerksbetrieben von Hand fertigen. „Ich habe Medizintechniker gefragt, wie so etwas geht – bei fremden Branchen Expertise und Rat eingeholt“, erklärt Schroeter, der lieber von „Vintage-Towern für Zigarren“ als von Humidoren spricht. Als er nach gut 15 Jahren mit seiner Arbeit zufrieden ist, beginnt Schroeter die Kunstwerke auch zu vermarkten. Von 2011 bis 2016 verkauft er „knapp drei Dutzend“ seiner Schränke, im Schnitt 50000 Euro teuer, allesamt Hightech-Geräte, die mit dem Smartphone gesteuert werden können. Von einer „völlig anderen Technologie, als sie etablierte Hersteller anwenden“, schwärmt der Tüftler. „Nur Gerber macht etwas Ähnliches. Sonst niemand in Europa.“ 2016 verkauft Schroeter Reposo an die Metrica GmbH im westfälischen Münster, einen Spezialisten für den Innenausbau von Yachten. Wie Gerber ist auch Metrica ein Familienunternehmen, gegründet vor 325 Jahren als Tischlerei. Warum der Verkauf? „Weil mir die Manpower fehlte, das eigenständig zu stemmen. Und ich mich nicht mehr auf meine eigentliche Arbeit konzentrieren konnte. Ich berate aber noch strategisch, halte Vorträge und trete bei Events auf.“ Dort erklärt er dann die Vorteile des Reposo 12 (für Häuser) und des Reposo Nautic (für Yachten).

___________________

®

Autor: Dr. Günter Kast

Pin It

Verlagsanschrift

Private Wealth GmbH & Co. KG
Südliche Auffahrtsallee 29
80639 München

Kontakt

  • Tel.:
    +49 (0) 89 2554 3917
  • Fax:
    +49 (0) 89 2554 2971
  • Email:
    iDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Soziale Medien

         

   email