Laaange Zeiten.

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Stil. Wer lebt schon gern ständig im Sekundentakt? Immer mehr Hersteller überlassen das temporale Klein-Klein den elektronischen ­Systemen und besinnen sich auf ihre Tradition als das „Slow Food“ der Uhrenbranche. Sie konzentrieren sich auf den Umgang mit den langen Zeitabschnitten – Tage, Wochen, Jahre – und das große Ganze. Mit größter Präzision, natürlich.

Unbewegt sitzt der Junge oben auf dem Baugerüst, die Hände gefaltet, den Blick gesenkt. „The Wait“ heißt die Skulptur von Michael Emgreen und Ingar Dragset, die zurzeit im Rahmen einer Ausstellung zum Thema „Warten“ in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist.

Während die Besucher durch die Räume strömen, irritiert die Starre der lebensechten Figur. Hier wie an anderen Exponaten wird spürbar, wie wenig souverän wir in unserer Zeitwahrnehmung sind. Dass wir uns gehetzt fühlen durch eine zunehmende Schnelllebigkeit, ist ein Allgemeinplatz. Erst recht, dass wir uns alle mehr Zeit wünschen. Aber dass der Mensch mit den großen Zeiträumen gar nicht mehr vertraut ist, Langsamkeit ihn verstört, ist eine neue Entwicklung. „Zeit darf offenbar nicht lang werden“, erklärt die Autorin Friederike Gräff bei einer Wander-Lesung durch die Ausstellung.

Die Uhrenhersteller leben seit jeher davon, die Zeit mess- und handhabbar zu machen – und folgten bislang darum auch brav dem Diktat, sie in immer kleinere Abschnitte zu zerlegen. An der Schwelle zur Moderne machte die technische Entwicklung sekundengenaue Uhren möglich und auch unbedingt nötig. Neue Produktionsbedingungen und weltweiter Warenverkehr verlangten nach exakt gleich laufenden Zeitmessern bei Kapitänen, Artilleristen und Eisenbahningenieuren, den Fabrikarbeitern verhalfen Wecker zum pünktlichen Erscheinen zur Arbeitsschicht. Zusätzlich brauchte der aufblühende Leistungssport eine immer genauere Zeitbestimmung. Unter den Uhrenherstellern tat sich hervor, wer zuverlässig Sekundenbruchteile stoppen konnte, aufgeklärt und modern dezimal: Zehntel- und Hundertstelsekunden.

Noch vor wenigen Jahren lagen Unternehmen wie TAG Heuer und Montblanc deshalb auch im sportlichen Wettkampf darum, mit für das menschliche Auge unsichtbar schnell rotierenden Zeigern den kürzesten Zeitabschnitt mechanisch bestimmen zu können – obwohl das die quarzgetriebenen Uhren seit Langem souveräner beherrschen.

Jetzt aber überlassen immer mehr Hersteller das temporale Kleinklein den elektronischen Systemen und besinnen sich auf ihre Tradition im Umgang mit den langen Zeiten. 

Die entschiedene Antithese zur Kurzzeitmessung sind Uhren, die sich auf die Anzeige von astronomischen Vorgängen verlegen. Schon im Mittelalter begannen findige Handwerker, die komplizierte Himmelsmechanik nachzubauen, und entwickelten bald komplizierteste Uhrwerke mit zahlreichen Kalenderanzeigen. Sie liefen zwar für unsere Begriffe nicht sehr exakt. Doch das war ohne Belang; niemand lebte im Minuten- oder gar Sekundentakt. Im 20. Jahrhundert schließlich gelang es sogar, Ewige Kalender für die kleinen Armbanduhrengehäuse zu konstruieren. Dass sie die Schaltjahre nur bis zum Jahr 2100 berücksichtigen können, lenkt den Blick ihres Besitzers womöglich dann und wann über seine eigene Lebensspanne hinaus.

Denn natürlich geht es nicht nur um praktische Informationen, sondern um einen besonderen Blick auf die Welt und ihr Gefüge. Rolex, nicht gerade bekannt für Poetisches, macht mit seiner neuen Cellini Astronomie authentisch erlebbar: 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 2,9 Sekunden benötigt der Mond für eine Erdumrundung. Einfache Mondphasenanzeigen dagegen runden dieses Ereignis mit ihrem Räderwerk auf 29,5 Tage ab – gehen so pro Jahr immerhin acht Stunden falsch. Sie müssen deshalb schon nach drei Jahren um einen Tag korrigiert werden. Bei der Cellini Moon ist dies erst nach 122 Jahren nötig. Das Bild des Erdtrabanten besteht bei ihr, ganz sinnfällig, aus Meteorit.

Die Métiers d’Art Kopernikus Himmelssphären von Vacheron Constantin lässt die Sekunden-Kleinigkeiten ganz weg. Stunden wie Minuten finden zudem nur am Rande statt. Im Zentrum steht der Umlauf der Erde um die Sonne und durch die Tierkreiszeichen – für das menschliche Auge nicht zu schnell, sondern sehr, sehr langsam und darum besonders reizvoll.

Genauso behutsam wird auch der sogenannte Kamm abgetas­tet, ein winziges, vage brezelförmiges Bauteil, das vor dem Tourbillonkäfig der Breguet Marine Équation Marchante zu sehen ist: Es steuert einen zweiten Zeiger, der über das gesamte Jahr die „wahre Sonnenzeit“ anzeigt. Wegen der elliptischen Form der Erdumlaufbahn sind unsere Tage unterschiedlich lang, unsere konventionelle Zeitmessung geht von einer durchschnittlichen Tageslänge aus. Die wahre Sonnenzeit unterscheidet sich darum bis zu 14 Minuten Nachgang im Februar und 16 Minuten Vorlauf von der „mittleren Sonnenzeit“. Das mikromechanische Wunderwerk ist eine Hommage an Verdienste des Unternehmensgründers Abraham Louis Breguet um die Schiffs-Chronometrie.

Das nautische Thema führt andere Hersteller zu weiteren komplizierten Zeitintervallen – denen von Ebbe und Flut. Eine pragmatische Umsetzung bietet Sinn mit dem innenliegenden Drehring der 240 St GZ. Technisch aufwendiger ist das mechanische Erfassen der Gezeiten und ihrer Stärke bei der Admiral 45 Tides von Corum – und am poetischsten bei der Real Moon Tides von Christian van der Klaauw, dessen Modell „Planetarium“ übrigens die längste Rotation der gesamten Feinuhrmacherei aufweist: die gut 29 Jahre, die der Saturn für eine Umrundung der Sonne braucht.

Daneben finden sich heute auch ganz profane, aber wichtige Zeiteinheiten, die bislang nur von wenigen Armbanduhren angezeigt werden: Kalenderwochen, in denen vor allem Bauhandwerker, Logistiker und Kaufleute planen. Ablesen können sie diese seit diesem Frühjahr auf der Artelier Calibre 113 von Oris und auf dem Emailleblatt der Villeret Semainier Grande Date 8 Jours von Blancpain. Ein deutsches Unternehmen hat sich jüngst mit Uhren profiliert, die gänzlich auf die Sekunde verzichten und die Zeit mit einem einzelnen, langen Stundenzeiger auf fünf Minuten genau angeben. Manfred Brassler, Firmengründer und Gestalter von MeisterSinger, lässt sich beim Design seiner Produkte von den Turmuhren das Mittelalters genauso inspirieren wie von technischen Messgeräten. „Mir geht es dabei gar nicht um Nos­talgie oder Eskapismus, sondern um eine weitgehende Vereinfachung der Anzeige“, erklärt er.

Daraus aber entsteht auch Souveränität. Der Träger einer Einzeigeruhr lässt sich nicht von Sekunden scheuchen, behält aber die Übersicht über den Tageslauf. Einzeigeruhren, das räumt Brassler gern ein, seien zwar ein Nischenthema. Technisch aber liegt er, wie Oris und Blancpain, im Langzeittrend: Das Werk, das er sich für sein Flagship-Modell, die Circularis, hat entwickeln lassen, speichert in zwei Federhäusern die Energie für 120 Stunden präzisen Lauf. Üblich waren bislang gut 40 Stunden. Die Circularis von Hand aufzuziehen, dauert etwas länger. Aber bis zum nächsten Energieschub kann sich der Besitzer dann auch bis zu fünf Tage Zeit lassen.

Dass „Warten“ auch durchaus positive Aspekte beinhaltet, erklärt die Autorin Friederike Gräff auf der Hamburger Ausstellung ebenfalls: „Wer freiwillig wartet, strahlt eine große Zuversicht aus.“

Der Uhrenkonstrukteur Jean-Marc Wiederrecht hat für Hermès das Thema Warten horologisch umgesetzt und auch ins Positive gewendet. Auf der L’heure impatiente gibt es einen retrograden Countdown über eine Stunde bis zu einem gewählten Zeitpunkt, der dann mit einem hellen Glockenton verkündet wird. „Die Idee kam von Hermès, die erste Skizze entstand sehr schnell – aber die Konstruktion brauchte dann Jahre“, erklärt Wiederrecht seine eigene Erfahrung mit den langen Zeiten.

Die Impatiente ist nicht die erste Arbeit für Hermès, bei der Wiederrecht Zeitwahrnehmung und -darstellung neu interpretiert; bei der Le temps sus­pendu lässt sich die Zeit auf Knopfdruck scheinbar anhalten. „Dabei ist es mir auch um Philosophisches gegangen“, erklärt der Konstrukteur, „bei der Impatiente dagegen ist das Thema ganz einfach – die Vorfreude.“   

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Retrotrend – wie zu guten alten Zeiten.

Wie in wirtschaftlich unsicheren Phasen üblich, erinnert sich die Uhrenbranche derzeit an ihre größten Erfolge vergangener Jahrzehnte und legt diese neu auf.

Nie gab es so viel, aber auch so sorgfältig gemachtes, authentisches Retrodesign wie in diesem Jahr. Für die Kunden schlägt es einen weiten Bogen zurück zum Zeitgeist längst vergangener, aber sehr wohl vertraut scheinender Epochen. Omega hat gleich drei Jubilare im hauseigenen Museum gescannt und originalgetreu nachgebaut (Bild unten u. rechts oben). Die Speedmaster Professional, die Railmaster und die Seamaster 300, alle 1957 erschienen, werden auch als Trio in einer limitierten Sammlerbox angeboten. Dass sie mit hellem Breitcord ausgeschlagen ist, macht die Illusion, ausgezeichnet erhaltene Erbstücke vor sich zu haben, fast perfekt.

Weiter zurück weist die Big Crown 1917 von Oris, ihr hundertjähriges Vorbild wurde nicht etwa zitiert, sondern weitgehend kopiert, bis hin zur aufwendigen Zeigerstellung über Krone und Drücker bei 2 Uhr. Die „Banana“-Uhr von Tissot (Bild links) schließlich wird zwar von einem Quarzwerk angetrieben, verkörpert aber gleich doppelt das Thema der langen Zeit: 1917 gelangte das Original, im Besitz eines russischen Diplomaten, nach weiter Reise aus Petersburg in die Schweiz zur Revision. Der Weg zurück blieb in den Wirren der Revolution versperrt.

Dem überzeugenden Comeback solcher Klassiker kommt entgegen, dass der Trend zur immer größeren Uhr mittlerweile gebrochen ist. Die Neuauflagen werden, wenn überhaupt, nur um wenige Millimeter vergrößert, um zeitgemäß zu sein; dabei bleibt auch das reduzierte Design der 1950er- und 1960er-Jahre erhalten. So gleicht die TAG Heuer Autavia Calibre Heuer 02 (Bild rechts Mitte) trotz 42 Millime-

ter Durchmesser ihrem Vorbild von 1966 (38 Millimeter) fast aufs Haar. Die Breitling Superocean Heritage II kommt in der 42-Millimeter-Variante genauso sachlich daher wie ihr 60 Jahre alter Ahnherr, entstanden in einer Zeit, in der das Tauchen eine ernste Sache und das Wort Funsport noch nicht erfunden war.

Dass die Neuauflage der ersten Grand Seiko von 1960 mit 38 dezenten Millimetern ein bisschen größer ist als das Original von 1960, ist kaum zu bemerken. Sie wirkt ganz und gar wie eine wohl erhaltene, im besten Sinne unspektakuläre Sonntagsuhr aus einer rundum heilen, bürgerlichen Welt – und ist damit wohl eine der diskretesten Varianten, aktuelle horologische Spitzentechnik zu tragen. Bei der Zenith Heri­tage 146 (Bild unten) sind die 38 Millimeter das authentische Maß. Mit dem feinen Zeigerspiel und den auf das Wesentliche reduzierten grafischen Elementen greift sie zurück auf die ästhetischen Ideale einer lang zurückliegenden Epoche – und trägt diese in die Zukunft.

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Autor: Jan Lehmhaus

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