• Klaus Meitinger

„Die großen Probleme lösen wir nur global.“

Gemeinnütziger Sektor. Im Jahr 2010 lancierte Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, das Analyseportal Phineo: Um die Wirkung gemeinnütziger Projekte und Organisationen zu untersuchen, den Gebern Orientierungen für ihr Engagement zu vermitteln und so den tertiären Sektor in Deutschland insgesamt zu stärken. Die nächsten Schritte auf diesem Weg werden global sein.

Wenn Brigitte Mohn den gemeinnützigen Sektor gestalten könnte, wie sie wollte, dann sähe er in etwa so aus: Die Organisationen wären wie profitorientierte Unternehmen geführt: höchst professionell und effizient. Es würde völlige Transparenz über die Wirksamkeit der Projekte herrschen. Spender wüssten genau, wo ihr Kapital den höchsten gesellschaftlichen Ertrag brächte. Und die Organisationen mit dem gleichen Ziel würden zusammenarbeiten, anstatt das Rad immer wieder neu zu erfinden.

„Ich bin“, erklärte Brigitte Mohn Anfang 2010 in private ­wealth, „eine ganz starke Verfechterin von ,wir gemeinsam‘.“
Weil Brigitte Mohn als Vorstand der Bertelsmann Stiftung derartige Dinge nicht nur denkt, sondern auch umsetzt, rief sie eine Organisation ins Leben, die genau diese Vision befördern sollte. Phineo berät gemeinnützige Organisationen, analysiert deren Prozess, verleiht den besten das sogenannte Wirkt-Siegel und schafft so eine Art Marktplatz, auf dem potenzielle Spender die besten Projekt finden.

Weil dadurch das Vertrauen der Geber steigt – das ist die Erwartung –, werde nicht nur das Spendenaufkommen bei diesen Organisationen, sondern auch insgesamt zunehmen. Brigitte Mohn nannte das damals „den doppelten Hebel“.private wealth Frau Dr. Mohn, wirkt Phineo?
Dr. Brigitte Mohn Ja, Phineo wirkt auf unterschiedlichen Ebenen. Ich denke, wir haben eine wichtige Debatte und Bewusstseinsänderung im dritten Sektor angeschoben. Es wird klar, dass der Kern gemeinnütziger Aktivitäten die gesellschaftliche Wirkung ist. Transparenz in Kennzahlen und Wirkung ist heute zentral – nicht nur als Kontrollmöglichkeit von außen, sondern vor allem auch, um die eigene Organisation in Bezug auf ihre Wirksamkeit weiterentwickeln zu können. Mittlerweile wird das Wissen von Phineo zur Analyse und Weiterentwicklung von gemeinnützigen Organisationen, sogar von der Weltbank bei der Förderung von Organisationen genutzt. Das unterstreicht, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

pw Gibt es harte Fakten, die das untermauern?
BM Wir haben mittlerweile 559 Organisationen untersucht. Davon sind 167 in die Top-Klasse gekommen und haben das Wirkt-Siegel erhalten. Eine Evaluation der Arbeit von Phineo ergab, dass etwa 50 Prozent dieser Organisationen im Anschluss signifikant mehr Spendengeld bekamen. Genauso wichtig ist aber auch die zweite Ebene. Etwa 90 Prozent aller analysierten Organisationen sagten, sie hätten aufgrund unserer Analyse und des detaillierten Feedbacks konkrete Dinge in ihrer Arbeit geändert. Auch eine Umfrage unter Gebern, also Privatspendern, unter Förderstiftungen und gesellschaftlich engagierten Firmen zeigte, dass die Informationen und Beratungen einen hohen Wert für das strategische Engagement haben. Wir können also sagen, dass Phineo den Sektor stärkt.

pw Wollen Sie diese Analysen auch weiter unentgeltlich machen?
BM Das ist eine Entscheidung, die der Vorstand von Phineo trifft. Aber grundsätzlich wäre es natürlich schon gerechtfertigt, dafür bezahlt zu werden, da die analysierten Organisationen einen klaren Mehrwert haben, und Phineo dann im Sinne von Social Enterprise möglicherweise wirklich völlig selbstständig werden könnte. Es gibt aber auch gute Gründe, die Analysen weiterhin für die Organisationen kostenlos anzubieten, unter anderem zur Vermeidung von Interessenkonflikten und um den Zugang zu diesem Service allen zu ermöglichen.

Erfreulicherweise haben wir mittlerweile ja eine hohe Anzahl bezahlter Aufträge. So hat Phineo bereits zahlreiche namhafte Großkonzerne und Stiftungen bei der Entwicklung von Corporate-Citizenship- beziehungsweise Philanthropie-Strategien unterstützt. Es spricht sich herum, dass man hier prüfen und weiterentwickeln kann, ob und wie man wirkt.

pw Wie ist das Verhältnis Eigenfinanzierung durch Projekte zu Zuschüssen durch die Gesellschafter bei Phineo heute?
BM Der Anteil an Beratungen und Projektförderungen wächst. Aber er hat noch nicht 50 Prozent erreicht. Da wollen wir hin.

pw Wenn es läuft, sagten Sie vor vier Jahren, wollen Sie sich wieder herausziehen und Phineo an die Aktionäre übergeben. Wie nahe ist dieser Zeitpunkt?
BM Bis 2016 unterstützt die Bertelsmann Stiftung Phineo noch mit einem Anteil von einer Million pro Jahr weiter. Danach langfristig mit 500000 Euro pro Jahr als Grundsicherung. Natürlich hoffen wir, dass auch andere Partner diese wichtige Struktur für eine wirkungsvolle Zivilgesellschaft langfristig unterstützen und ein steigender Anteil der Aufträge die eigenständige Arbeit von Phineo ermöglicht und erweitert.

pw Was hat nicht so funktioniert, wie Sie hofften?
BM Ich hätte mir eine schnellere Skalierung gewünscht. Dass best in class kopiert oder übernommen wird. Das ist leider noch viel zu selten so. Auch die Zusammenarbeit zwischen Organisationen mit dem gleichen Ziel funktioniert nicht richtig. Da gibt es offenbar noch immer ein sehr hartes Wettbewerbsdenken. Viele fürchten, dass ihnen Kunden verloren gehen, wenn sie mit anderen zusammenarbeiten. Die Vorteile werden noch nicht so häufig gesehen.

pw Ist das ein deutsches Problem?
BM Vielleicht. Die Angelsachsen sind in diesem Punkt schon viel weiter. Bei uns versucht jeder, in seinem Feld selbst möglichst viel zu bewegen. Die Erkenntnis, dass sich durch Bündelung von Kräften mehr erreichen ließe, ist noch nicht da. Das braucht offenbar einfach Zeit.

pw Ihr langfristiger Plan war ja noch größer. Was ist aus dem Ziel einer weltweiten Plattform geworden?
BM Da sind wir dran. Wir sind als Bertelsmann Stiftung mit dem Ministerium für Entwicklungshilfe die Vertreter Deutschlands in der G8 Social Impact Investment Taskforce. Wir dis­kutieren darin, wie soziales Engagement und Investment verknüpft werden können, um übergreifende, globale Themen mit zu lösen. Wie bekommen wir sowohl einen sozialen als auch einen finanziellen Return? Und wie lässt sich der soziale Return objektiv bewerten? Das gibt es spannende Ansätze in Kanada, den USA und Australien. Von diesen Ländern können wir nur lernen, weil sie ähnlich gelagerte Probleme haben.

pw Um welche Themen geht es da?
BM Zum Beispiel darum, Bildung durch alle sozialen Schichten anzubieten. Oder um Gesundheit. Zentral ist es auch, das Arbeitslosenproblem zu lösen. Ebenso gilt es, den Übergang zwischen Schule und Beruf ohne eine hohe Entwicklung von Jugendarbeitslosigkeit zu gestalten. Oder demografische Lösungen zu finden, wie wir mit einer alternden Gesellschaft in den Städten und Regionen umgehen. Es gibt viele Probleme, die uns weltweit beschäftigen, wo wir gemeinsam darüber nachdenken können, wie wir die Themen künftig bewältigen.

pw private wealth hat in der Vergangenheit schon sehr viel über das Thema Impact Investment berichtet. Unser Eindruck ist: Das ist eine wunderbare Idee. Sie kommt aber nicht so recht vom Fleck. Täuscht das?
BM Es passiert schon viel. In London wurde zum Beispiel die Social Stock Exchange gegründet (mehr Informationen unter: www.socialstockexchange.com). Aber das ganze Segment ist atürlich noch relativ jung. Das Problem ist: Es gibt mehr interessierte Investoren als wirksame und skalierbare Projekte. Und es gibt zu wenig Transparenz über die Leistungsfähigkeit und Wirkung der Organisationen. Wie gut sind die Geschäftsmodelle langfristig? Wirken sie in ihrem abgesteckten Feld? Sind sie besser als die Ansätze, die es schon gibt? Können sie kombiniert mit anderen vielleicht nicht deutlich mehr erreichen als allein? Und ist das Ziel in der Ressourcen- und Kapazitätsplanung langfristig ausreichend auf die Unterstützung der Zielgruppe gerichtet? Als Investor möchte ich eine Plattform haben, die mir seriöse und umfassende Informationen zu allen Fragen bietet. Das ist der schwierigste Teil der Arbeit.

pw Wäre es nicht auch eine Aufgabe für Phineo, die Investmentziele zu prüfen?
BM Das könnte, muss aber nicht unter dem Dach von Phineo laufen. Das Wissen von Phineo wird bereits jetzt für die Entwicklungen genutzt, da Phineo unter anderem bei der Taskforce für das Thema Wirkungsmessung involviert ist. In London haben wir ja vor drei Jahren auch die SIAA mitgegründet, die Social Impact Analysis Association. Das ist eine internationale Verbandsstruktur von 180 Organisationen und Wirkungsanalysten. Es geht darum, Menschen zusammenzubringen, die sich mit der Analyse und Bewertung der Leistung gemeinnütziger Organisationen beschäftigen. Wie lässt sich die Wirkung messen? Wie lassen sich Bewertungsmethoden länderübergreifend abstimmen? Phineo spielt dort auch eine wichtige Rolle.

pw Welche Projekte finden Sie besonders interessant?
BM Ich finde Projekte besonders spannend, die gesellschaftliche Probleme mit internationaler Expertise sehr zukunftsorientiert lösen. Möglichst frei von speziellen Interessen oder politischen Einschränkungen. Projekte, wo es Menschen um die Lösung von Sachverhalten geht. Wir brauchen das interessenunabhängige Denken und Arbeiten dringender denn je für die Gestaltung einer global aufeinander bezogenen Gemeinschaft. Beispiele in diesem Zusammenhang sind Social Impact Bonds, also das Pooling von Finanzkapital aus unterschiedlichen Geldgeberquellen, um gemeinsam Probleme zu lösen.

// Social Impact Bonds sind ein Arrangement zwischen dem Staat und externen Organisationen. Der Staat definiert ein gewünschtes Ergebnis. Ein effizienter privater Partner oder eine Nicht-Regierungs-Organisation versucht, dies zu erreichen. Und für die Finanzierung sorgen private Investoren. Werden die Ziele erreicht, bezahlt der Staat eine vorher definierte Summe, die es den Investoren ermöglicht, eine Rendite zu erzielen. Der Staat spart Geld, die Leistung wird effizienter erbracht – davon profitiert die Gesellschaft. Und Investoren verdienen. //

pw Mit welchen Programmen beschäftigen Sie sich derzeit?
BM In Israel wird mithilfe eines Social Impact Bonds gerade ein Programm zur Vorbeugung von Diabetes II lanciert. Bei dieser Krankheit sind Präventivprogramme am wirksamsten, aber am schwierigsten aufzusetzen, weil die veränderte Lebensweise oft erst über Jahre in ihrer Langzeitwirkung bewertet werden kann. Durch Ernährung, Sport und gesündere Lebensführung, welche bereits im Kindesalter beeinflusst werden können, kann Diabetes II vermieden werden. Wenn das israelische Modell funktioniert, kann es eine Blaupause für die Welt werden. Die großen Probleme – davon bin ich überzeugt –, lassen sich eben nur in übergreifender Expertise international, aber unter regionalen Bedingungen, lösen.

pw Gibt es Überlegungen, etwas Ähnliches auch in Deutschland zu machen?
BM Wir diskutieren momentan mit einigen Stiftungen, dem Arbeitsministerium Nordrhein-Westfalen, einem Sozialpartner und zwei Banken einen Social Impact Bond zum Thema Übergang zwischen Schule und Beruf. Ähnliches gilt für das Thema Kinder in schwierigen Lebenslagen. Das versuchen wir in Deutschland zu testen. Ich bin schon ganz gespannt, ob wir – was ich vermute – wirklich zu anderen Ergebnissen kommen, wenn wir das trisektoral aufsetzen.    ®

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