• Yvonne Döbler

Pflichtfach Unternehmensgründung.

Ausbildung. Die Zeppelin Universität am Bodensee ist anders als andere Universitäten. Seit nunmehr elf Jahren ist es das erklärte Ziel von Stephan A. Jansen und seinem Team, Unternehmer hervorzubringen. Hat das funktioniert?

Natürlich muss ein Gespräch mit Stephan A. Jansen mit der alles entscheidenden Frage beginnen: Ist Entrepreneurship erlernbar? „Leider nein“, antwortet der Gründungspräsident der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen lachend. „Aber wir können als Universität zumindest einen Beitrag leis­ten, die Eigenwilligkeit unserer Studierenden nicht zu professionell zu beschneiden, und wir können durch Wissenschaft Ideen fördern, begleiten und zur vollen Entfaltung bringen. Das ist unsere Leistung.“

Die ZU ist anders als andere Universitäten – im besten Sinne und auf fast allen Ebenen. Die Professoren verstehen sich primär als Begleiter und Förderer der unternehmerischen Kompetenzen der Studenten. Sie sind Moderatoren, keine monologisierenden Referenten in langen Vorlesungsstunden. Die Lehre ist nachfrageorientiert – die Studenten erarbeiten sich die Theorie selbstständig und kommen mit ihren Fragen in die Präsenzveranstaltungen. Meist kommt die Praxis vor der Theo­rie, was für die Studenten der eingängigere Weg ist.

Der Erfolg? Seit ihrer Gründung im Jahr 2003 mit 19 Erst­semestern hat sich die Zahl der Studenten auf 1200 erhöht – in den Schwerpunktbereichen Kultur-, Kommunikations-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften sowie Soziologie. Die zu Beginn drei Studiengänge wurden auf 15 erweitert und aus acht Professuren wurden inzwischen über 50.

Und – in der ZU wird gegründet, was das Zeug hält. Seit Bestehen der Universität haben die Studenten gut 150 Unternehmensideen umgesetzt. „Darauf sind wir besonders stolz, denn Akademiker gründen oft nicht, weil ihnen das Risiko durch die Forschung dazu zu bewusst ist“, erklärt Stephan Jansen. Allerdings haben sie an der ZU auch keine Wahl. Denn seit fünf Jahren hat der Senat der Universität das Unternehmertum zur Pflichtveranstaltung für alle Bachelor-Studiengänge erklärt.

„Wir haben gelernt, dass es positiv ist, wenn die Studenten Gründererfahrung sammeln, es weitet den Blick für jede spätere Tätigkeit – ob Start-ups in Wirtschaft, Kultur, Politik oder Zivilgesellschaft“, erläutert Jansen. Das rufe zwar gelegentlich Widerstand hervor, so seien einige Politikwissenschaftler unsicher, warum sie dieses Fach belegen müssten. Aber Jansen ist überzeugt, „dass unternehmen besser ist als unterlassen, und dass Schumpeter mit seinem ,policy entrepreneurship‘ wohl recht hatte: Ob neue Politikverfahren, neue internationale Organisationen oder neue Formen der Public Private Partner­ships – unternehmerische Erfahrung hilft.“

Unter dem Titel „Mehrwertiges Unternehmertum“ arbeiten Jansen und seine Kollegen mit Studenten an deren unternehmerischen Ideen. Sowohl im Bereich For-Profit, was vor allem die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften nutzen, aber auch im Bereich Social Entrepreneurship und Policy Entrepreneurship für die Sozialwissenschaftler oder Cultural Entrepreneurship – gedacht für die Kulturwissenschaftler.

„Da wird unternehmerisches Handeln in der Breite geübt. Die jungen Leute spüren an sich selbst, was einen Unternehmer bewegt, das ist unheimlich erhellend“, so Jansen.
Praxisnah ist diese Lehrveranstaltung auch deshalb, weil die Universität erfahrene Unternehmer zu Vorträgen über ihren persönlichen Werdegang einlädt. „Wir hatten Claus Wisser zu Gast, der den Studierenden über seine Studienzeit erzählte: Er hatte sich sein Zimmer in einer WG mit der Organisation der Wohngemeinschaft verdient.

Putzpläne und Einkaufslisten erstellt, die Küche organisiert. Das lief so gut, dass er von einer anderen WG beauftragt wurde, diesen Job auch für sie zu erledigen – womit er sein erstes Geld verdiente.“ Irgendwann unterbrach der Mann das Studium, um mit dieser Idee ein Unternehmen aufzubauen – die Firma Wisag AG. Sie hat heute 40000 Mitarbeiter und einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro. „In solchen Geschichten steckt viel Motivation für die Studierenden. Sie schauen sich in ihrem eigenen Leben um, überlegen, was sie gut können, was ihnen Freude bereitet, wofür es einen Bedarf gibt – und dann entwickeln sie daraus ihre Geschäftsideen.“

Stephan Jansen wäre nicht er selbst, würde er die Gründungserfahrung seiner Studenten nicht auch finanziell mit einem eigenen Geschäftsmodell absichern. Dafür hat der 43-Jährige die ZU Micro Equity GmbH & Co. KG gegründet. Sie unterstützt die Start-ups der Studenten mit maximal zehn Prozent der Investitionssumme und nicht mehr als 50000 Euro.

Das war steuerliches Neuland in einer gemeinnützigen Stiftungsuniversität. Es hat dann auch zweieinhalb Jahre gedauert, bis das Finanzamt einverstanden war. Als problematisch galt, dass die GmbH & Co. KG theoretisch richtig viel Geld verdienen könnte, was mit der gemeinnützigen Stiftung nicht vereinbar gewesen wäre. Letztlich habe das Finanzamt dies dann aber akzeptiert. Finanziert wird Micro Equity von Risiko­kapitalgebern. „Inzwischen sind es viele Förderer, die uns als Kommanditisten Geld geben, damit wir die richtigen Ideen finanzieren. Sie sehen das als Ausbildungsförderung und als Kapitalanlage“, erklärt Jansen.

Derzeit hält Micro Equity Anteile an drei Start-ups. Eine der erfolgreichen Neugründungen seiner Studenten ist DeinBus.de. „Sie haben als erstes Unternehmen den Fernbusverkehr mittels eines guten Tricks – einer Online-Mitfahrzentrale für Omnibusse – geöffnet. Später wurde dann ein von der Deutschen Bahn AG angestrengter Prozess gewonnen. Ein großer, auch politischer Erfolg.“
Vor sechs Jahren bezeichnete Jansen die Philosophie der Universität noch als „Humboldt 2.0“ – die Einheit von Forschung, Lehre und wissenschaftlichen Dienstleistungen.

Heute definiert er aufbauend darauf das Selbstverständnis der ZU so: Die private Uni sei „gesellschaftlicher Akteur für soziale Innovation“. Dies sei bei DeinBus.de ebenso gut gelungen wie bei Rock Your live – einer Gründung von ZU-Studierenden. Das Franchise-Unternehmen organisiert heute in über 40 Städten Deutschlands 1:1-Coachings für Hauptschüler und begleitet sie bis zur Arbeitsmarktbefähigung.

„Ich hatte im persönlichen Beirat mit dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück eine harte Debatte, da er die Sozialapokalypse beschwor und die Meinung vertrat, wir hätten viele dieser Schüler längst und dauerhaft verloren. Das konnte ich so nicht stehen lassen und versprach, dass ZU-Studierende eine Lösung finden würden. Haben sie dann ja auch.“ Die Studenten entwickelten ein Zwei-Jahres-Coachingprogramm und führten es zuerst in Fried­richshafen ein. Heute ist es gut etabliert und wird von München aus in Form einer Holding geführt.

Natürlich klappt nicht alles, was die Studenten anfassen. Angehende Wirtschaftswissenschaftler wollten zum Beispiel mit Knusperreich, einem Bio-Cookie-Hersteller, online Geld verdienen. „Das lief zunächst gut, und als MyMüsli einstieg, waren wir happy, weil wir dachten, jetzt läuft’s noch besser.“ Doch dann lief nichts mehr, und derzeit wird das Warum ­aufgearbeitet. „Es sieht so aus, als wäre das B2B-Geschäft nicht gut genug bearbeitet worden, was allerdings auch nicht trivial ist.“

Jansen kann von der ungeheuren Energie, die in diesen Projekten steckt, nicht genug bekommen. „Das Beobachten untereinander, das Herausfinden, was geht, was nicht geht – das ist großartig zu sehen.“ Die Rolle der Universität sei es, Kontakte zu machen, zu unterstützen und Feedback zu geben. Und er ist zufrieden, wenn er sieht, mit wie viel Engagement die Studenten ihre Ideen realisieren. „Wenn wir das nicht während des Studiums unterdrücken, haben wir schon einen guten Job gemacht.“

Nur rund zwei Prozent seiner Studenten brechen das Studium ab. Wenig im Vergleich zu den bis zu 45 Prozent an staatlichen Hochschulen. „Das liegt daran, dass die Studierenden uns und wir sie sehr genau auswählen.“ Dieses Auswahlverfahren ist tatsächlich ein ziemlich ausgeklügeltes System. Jansen möchte, dass sich Student und Uni dafür entscheiden, einen bestimmten Studiengang oder ein bestimmtes Fach zusammen zu bearbeiten. „Das ist etwas Gegenseitiges, das müssen beide wirklich wollen. Also prüfen wir uns gegenseitig, ob es passt“, erklärt er und erwähnt fast beiläufig noch eine Besonderheit: „Wir haben sehr viele verhaltensauffällige Studenten, ich liebe das.“

Auf jeden Fall ist es Stephan Jansen so gelungen, einen Ruf als Unternehmerschmiede zu etablieren. „Unternehmerischen Typen ist das bewusst. Also bewerben sie sich jetzt gehäuft bei uns.“ Sollte irgendwann dann eine Untersuchung zeigen, dass tatsächlich überdurchschnittlich viele Unternehmer aus der Zeppelin Universität kommen, sei das wohl die Begründung. „Unternehmertum lässt sich zwar nicht erlernen. Und ein Unternehmer-Gen lässt sich – so die Forschung – auch nicht vererben. Aber die Bildung des Unternehmerischen lässt sich schon fördern.“    ®

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