• Sabine Holzknecht

Eine Frage des Gewissens.

Klimawandel. Als private wealth 2007 Kohlendioxid-Ausgleich-Agenturen unter die Lupe nahm, stand das Geschäft mit Kompensationszahlungen erst am Anfang. In den vergangenen Jahren ist viel passiert. Doch ist klimaneutraler Konsum tatsächlich möglich?

Wer sich Gedanken über seinen individuellen CO2-Fußabruck macht und seine CO2-Bilanz verbessern möchte, wird spätestens dann ein Problem bekommen, wenn er ein Flugzeug besteigt.

Soll sich die Erde um nicht mehr als zwei Grad Celsius erwärmen, ist ein maximales jährliches Klimabudget von nur 2,3 Tonnen CO2 pro Kopf zulässig. Der CO2-Ausstoß eines einzigen Fluges, beispielsweise von Berlin nach New York in der Economy Class, pustet jedoch allein schon drei Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Nicht insgesamt. Sondern pro Kopf. Damit ist das individuelle Klimabudget bereits überschritten. 

Lassen sich private Urlaubsreisen mit dem Flugzeug vielleicht  noch umgehen, so ist dies bei Geschäftsreisen kaum zu machen. Doch es gibt Möglichkeiten, den Schaden zu begrenzen: Freiwillige Kompensationszahlen finanzieren Projekte, durch die der CO2-Ausstoß an anderer Stelle wieder eingespart wird.

Marktführer im deutschsprachigen Raum ist die Schweizer Stiftung myclimate, gefolgt von der Berliner Agentur atmosfair. Während atmosfair nach wie vor ausschließlich Emissionen aus dem Flugverkehr kompensiert, hat myclimate seine Dienstleistungen mittlerweile auch auf zahlreiche andere Bereiche ausgedehnt. Privatpersonen können dort die CO2-Emissionen aus Haushalt, Autofahrten oder Kreuzfahrten kompensieren. Unternehmen haben sogar die Möglichkeit, einzelne Events, Tätigkeiten, Sparten oder die gesamte Firma klimaneutral zu gestalten.

Das System ist immer dasselbe. Über einen ausgeklügelten Berechnungsmechanismus werden die CO2- Emissionen ermittelt – beispielsweise des privaten Autos oder des Firmenfuhrparks. In der Folge wird dann genau diese Menge an CO2 durch ein Umweltprojekt – meist in einem sogenannten Entwicklungsland – wieder eingespart, zum Beispiel durch eine Biogas-Anlage in Indien oder durch einen Windpark in der Türkei.

Dass fast alle Klimaprojekte der beiden Anbieter in Entwicklungs- oder Schwellenländern angesiedelt sind, hat einen einfachen Grund: CO2 lässt sich dort wesentlich kostengünstiger einsparen als in Europa, wo bereits hohe Umweltstandards gelten. Zum Vergleich: Um eine Tonne CO2 zu kompensieren, verlangen sowohl myclimate als auch atmosfair einen Preis von 22 Euro. Sollte die Emission zur Hälfte durch ein Schweizer Projekt eingespart werden, würde der Preis mit 74 Euro auf das fast Dreieinhalbfache steigen. „Unser Preis für eine Tonne CO2“, erklärt Kathrin Dellantonio, Bereichsleiterin Sales, Marketing und Kommunikation von myclimate, „richtet sich dabei nach den konkreten Projektkosten.“

Dass die Klimaprojekte auch tatsächlich die berechnete Menge an CO2 einsparen, dafür sorgt deren Zertifizierung durch den sogenannten Gold Standard, den weltweit strengsten Zertifizierungsstandard. Er wurde unter der Federführung des WWF entwickelt und wird heute von einer unabhängigen Organisation in Basel vergeben.
Die beiden Agenturen haben das gleiche Ziel, verfolgen bei ihren Klimaprojekten grundsätzlich aber einen unterschiedlichen Ansatz. Während myclimate die CO2-Einsparungen aus bestehenden Klimaschutzprojekten abnimmt, baut atmosfair die Projekte selbst auf.

Der Unterschied der beiden Strategien macht sich vor allem in der Geschwindigkeit bemerkbar, mit der auf eine erhöhte Nachfrage reagiert werden kann. Müssen die Berliner dann ein neues Projekt initiieren, bedeutet das eine Vorarbeit von circa zwei Jahren. So lange benötigen die Ausschreibungen, die Pilotphase, die Registrierung bei der UNO, die Zertifizierung durch den Gold Standard. Deshalb werden bei Atmosfair derzeit auch nur etwa 80 Prozent der relevanten CO2-Tonnen sofort kompensiert, 20 Prozent in etwa zwei Jahren. Wer mit myclimate arbeitet, spart dagegen tatsächlich dasselbe Äquivalent an CO2 an anderer Stelle sofort wieder ein.

„Wir haben nun sozusagen die Erntezeit erreicht“, sagt Kathrin Dellantonio. Projekte, die vor mehreren Jahren initiiert wurden, entfalten jetzt ihre volle klimafreundliche Wirkung. Mehr noch, teilweise liefern Projekte sogar zwei- bis dreimal so viele Einsparungen wie geplant. Ein Umstand, der nicht nur Freude bereitet. Denn konnten die Schweizer bis vor wenigen Jahren noch sehr aktiv neue Projekte ankurbeln, so müssen sie sich nun diesbezüglich zurückhalten. Seit 2010, als das Kontingent der von den Schweizern verkauften CO2-Einsparung 300000 Tonnen erreichte, hat sich der Absatz um 100000 Tonnen pro Jahr erhöht. 2013 liegt er über 600000 Tonnen. De facto wurden 2013 aber über ihre 70 Projekte in 30 Ländern 860000 Tonnen eingespart. Das heißt: Aktuell reduzieren die Schweizer mehr Tonnen CO2, als sie verkaufen können. Zum Vergleich: Atmosfair kompensierte 2013 etwa 150000 Tonnen CO2.

Umso positiver ist es vor diesem Hintergrund, dass immer mehr Firmenkunden den Dienst von myclimate in Anspruch nehmen. Die Schweizer Großbank UBS etwa kompensiert seit Jahren schon sämtliche Emissionen aus ihren Geschäftsflügen. TUI Cars, einer der größten Mietwagenanbieter Deutschlands, leistet seit 2013 Kompensationszahlungen für den Spritverbrauch seiner Autos. Der süddeutsche Bergsportausrüster Vaude kompensiert die Emissionen des gesamten deutschen Unternehmensstandortes und aller dort hergestellter Produkte über ein myclimate-Klimaschutzprojekt in China. Und der Reiseanbieter Kuoni unterhält gemeinsam mit myclimate gleich zwei Projekte auf der Insel Bali, mit rund vier Millionen Besuchern pro Jahr eine der größten Tourismusdestinationen der Welt. Konkret sind dies eine Kompostieranlage, die seit November 2008 bereits 73000 Tonnen CO2 reduziert hat, sowie eine Anlage, in der gebrauchtes Speiseöl aus dem Touristiksektor gesammelt und in Biodiesel verwandelt wird. Die dadurch jährlich eingesparte Menge an CO2 liegt bei 1500 Tonnen.

Die Projekte von Kuoni zeigen exemplarisch, dass viele Umweltprojekte der Klimaagenturen nicht nur CO2 einsparen, sondern sich auch sehr positiv auf die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung auswirken. Die Luftverschmutzung wird reduziert, das Abfallvolumen gesenkt und Arbeitsstellen vor Ort werden geschaffen.
Myclimate und atmosfair sehen ihre Aufgabe aber nicht nur darin, entstandenes CO2 durch freiwillige Zahlungen an anderer Stelle zu kompensieren. In erster Linie geht es darum, den Ausstoß von CO2 zu vermeiden oder so gering wie möglich zu halten. Sensibilisierung und Bildung sind deshalb wichtige Themen. Um Konsumenten zu unterstützen, die sich über nachhaltigen Einkauf Gedanken machen, hat die Schweizer Lebensmittelkette Migros in einer wahren Herkulesaufgabe von myclimate eine Ökobilanz für 900 Produkte aus ihrem Sortiment erstellen lassen und auf der Internet-Seite www.migipedia.ch öffentlich gemacht.

Myclimate unterstützt zudem interaktive Projekte an Schulen, um Kinder und Jugendliche für den Klimaschutz zu begeistern. Und atmosfair hat eine Kampagne mit prominenten Schauspielern, Sportlern und Musiker lanciert, um auf das Thema aufmerksam zu machen.

Trotz aller Anstrengungen, CO2 durch Klimaschutzprojekte zu kompensieren, wächst die Menge an emittiertem CO2 in erschreckendem Ausmaß. Allein durch den Personen-Flugverkehr wurden im vergangenen Jahr 800 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre  gepus­tet. „Wird auch die klimaschädliche Wirkung der anderen Abgase wie  Kondensstreifen oder Ozonbildung hinzugerechnet, erhöht sich diese Menge sogar auf 1500 Millionen Tonnen CO2“, sagt Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer von atmosfair. 

Ein paar kleine Veränderungen könnten da schon einiges bewirken. Schließlich gibt es bereits Möglichkeiten, kondensstreifenfrei zu fliegen. Dazu müssen Flugzeuge, wenn sie gewisse Luftmassen durchqueren, lediglich geringfügig ihre Flughöhe ändern.
Dennoch: Wer sich Gedanken über seinen individuellen CO2-Fußabruck macht, sollte das Fliegen meiden. Wenn das nicht möglich ist, bleibt der Direktflug in der Economy-Class die am wenigsten schädliche Variante.

Außerdem sollten achtsame Verbraucher nicht allein die CO2-Emissionen von Flügen kompensieren. Die Sektoren Haushalt oder Auto bieten sich dafür ebenfalls an. Konsumenten, die freiwillige Kompensationszahlungen leisten, sind nicht nur Vorbild, sondern senden so auch ein wichtiges Signal an Unternehmen. Für diese erhöht sich dann der Anreiz, als guter Weltbürger ebenfalls diesen Weg zu gehen. Und für die Menschen in den Entwicklungsländern bedeuten die Klimaprojekte einen Beitrag zu einer besseren Lebensqualität.

Natürlich können Kompensationszahlungen den Klimawandel nicht aufhalten. Sie können ihn bestenfalls verlangsamen. Aber sie sind ein kleiner Schritt. Und viele kleine Schritte führen auch zum Ziel.    ®

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