• Sabine Holzknecht

Der Pater, die Hölle und die Hoffnung.

Soziale Vorzeigeprojekte. 1000 Kinder hat Padre Gerardo (oben) aus der Hölle geholt. 850 von ihnen haben es dank ihm geschafft, die Dunkelheit hinter sich zu lassen. Nun steht der Pater vor einer ganz besonderen Herausforderung: seine Nachfolge zu regeln.

In tropischen Gefilden, ungefähr 2000 Kilometer nordöstlich von Rio de Janeiro liegt Guarabira. Die kleine brasilianische Stadt trägt den Übernamen „Terra da Luz“, „Land des Lichts“, und hat Viertel mit so hübsch klingenden Namen wie „Nostra Senhora Aparecida“ oder „Unsere erschienene Frau“.

Die Einwohner von Guarabira haben für das Stadtviertel allerdings einen anderen Namen. Sie nennen es „inferniño“, die kleine Hölle. Drogen- und Alkohol, eine hohe Kriminalitätsrate, Arbeitslosigkeit, Straßenkinder, Prostitution  – mit anderen Worten, das volle Programm einer strukturschwachen Gegend, die von den Schaltstellen in Brasilia nahezu vergessen um das eigene Überleben kämpft. Hier, am Rand der kleinen Hölle, in einer der ärmsten Gegenden im  Nordosten Brasiliens, hat der Niederbayer Gerd Brandstetter alias Padre Geraldo vor knapp 25 Jahren das Kinderdorf „Associacão Menores com Cristo (Amecc)“ gegründet – die Gemeinschaft der Kleinen mit Christus. „Es war nicht so“, sagt Padre Geraldo, „dass ich auf der Suche nach einer Aufgabe war. Es war vielmehr so, dass die Aufgabe mich gefunden hat.“

Angefangen hatte es damals, 1990, damit, das Padre einen minderjährigen Kleinkriminellen, Geraldo Cicero Deodato, aus dem Gefängnis holte und ihn in seinem Geräteschuppen unterbrachte. Heute betreut Padre Geraldo in seinem Werk 230 Kinder und Jugendliche, die aus extremen Situationen stammen. Die entweder nie ein Zuhause hatten oder deren Zuhause derart trostlos ist, dass sie schon als Kinder Erfahrungen machen mussten, die sich nicht einmal ein Erwachsener zu machen wünscht.

Die Zahl der Straßenkinder wird von der Unesco weltweit auf über 100 Millionen geschätzt. Etwa acht bis zehn Millionen leben in Brasilien, die meisten von ihnen werden kaum älter als 20 Jahre. In den knapp 25 Jahren seit Bestehen von amecc hat der bayerische Pater mit dem himmelweiten Herzen schon mehr als 1000 Kinder aus dem Elend der Straße geholt. Er hat ihnen ein Zuhause, familienähnliche Strukturen und schulische Bildung gegeben, hat ihre körperlichen und seelischen Wunden gelindert oder geheilt, und ihnen das geschenkt, was sie am dringendsten benötigen: eine Zukunft.

Zwanzig Jungen und vierzig Mädchen leben in Vollzeitbetreuung in den insgesamt sechs Jugendhäusern, 170 Kinder aus dem Kinderdorf und aus der Nachbarschaft besuchen die Schule São Rafael und 85 Kleinkinder zwischen ein und vier Jahren werden ganztägig im Kindergarten versorgt.

„Es ist“, sagt Padre Geraldo, „ein täglicher Kampf um Leben und Tod, um Befreiung oder Gefangenschaft.“ Der Kampf um das finanzielle Überleben der Einrichtung. Der Kampf für und teilweise auch mit den Kindern und Jugendlichen, die erst einmal lernen müssen, mit dem, was sie erlebt haben, mit ihren Traumata und ihren Aggressionen, umzugehen. Der Kampf mit der Justiz. Nur zu oft musste Padre Geraldo mit­erleben, dass Jugendrichter die Kinder wieder zu früh zu ihren Familien zurück­zuschicken. Bloß um einer guten Statistik willen wurden diese Kinder so in Situationen zurückgestoßen, in denen sich der Teufelskreis aus Hoffnungslosigkeit, Gewalt, Kriminalität und Drogen ein ums andere Mal wiederholte.

Und dann ist da noch ein ganz anderer Kampf, ein etwas trivialerer: der Kampf mit dem Alter. Im nächsten Jahr wird der unermüdliche Padre 80 Jahre alt.
Soll für die Kleinen mit Christus weiterhin gesorgt werden, muss die Frage der Nachfolge geklärt werden.

Da kommt die Unterstützung von Sebas­tian Haury gerade richtig. Der deutsche Wirtschaftsingenieur war bereits zwischen 1996 und 1998 in einem Einsatz als Missionar auf Zeit in Brasilien gewesen. Er hatte damals auch Padre Geraldo, zu dieser Zeit Verantwortlicher für alle Missionare auf Zeit, kennen und schätzen gelernt. Haury arbeitete später  für einen Konzern in Wetzlar, doch der Kontakt zu Padre Geraldo ist – auch dank Haurys brasilianischer Ehefrau ­­– nie abgebrochen. Bei einem Besuch in Brasilien besprachen sich Padre Geraldo und Haury über das Problem der anstehenden Nachfolge.

Einer spontanen Eingebung folgend, schrieb Haury daraufhin an die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AHEH) und bat um Unterstützung in Höhe von drei Jahresgehältern. „Wider aller Erwartungen wurde das Gesuch genehmigt“, erzählt Haury: „Also kündigte ich meinen Job und ging im März 2013 nach Brasilien zu Padre Geraldo.“ Für Padre Geraldo, zwecks seines Amtes durchaus befähigt, daran zu glauben, mutet es an wie ein Wunder. Nun hat Haury drei Jahre Zeit, um amecc fit für die Zukunft zu machen, für eine Zukunft ohne Padre Geraldo.

Amecc hat ein monatliches Budget von etwa 40 000 Euro. Zwanzig Prozent davon tragen brasilianische Projektpartner über einen staatlichen Fonds zur Bekämpfung der Armut. Die übrigen 80 Prozent werden durch Spenden aus Deutschland finanziert.
Lange hat dieses Modell funktioniert. Spenden und Ausgaben hielten sich die Waage. In der letzten Zeit veränderte sich die Situation allerdings. Denn während die Aktivitäten und die damit verbundenen Ausgaben in Guarabira ständig wachsen, verharren die Spenden auf einem stabilen Niveau. Seit mehr als einem Jahr muss Padre Geraldo nun Reserven antasten, um Amecc zu finanzieren. Ein gefährliches Spiel auf Zeit.

„Meine wichtigste Aufgabe“, erklärt Sebastian Haury, „ist deshalb die Umsetzung eines brasilianischen Finanzierungskonzeptes.“ Das Ziel: Künftig soll das Budget von Amecc nur mehr zur Hälfte durch deutsche Spendengelder gedeckt werden, die andere Hälfte soll aus Brasilien kommen.

Dabei setzt Haury zum Beispiel auf eine enge Kooperation mit dem örtlichen Wasserversorgungswerk. In einem Land, in dem Daueraufträge ein Fremdwort sind, gehen die Einheimischen mindes-tens zweimal im Monat an den Bankschalter: um ihre Strom- und ihre Wasserrechnung zu begleichen. Haurys Plan: Jeder, der seine Wasserrechnung bezahlt, soll dabei einen kleinen Betrag, zwei oder drei Real, für Amecc spenden. „Es sind kleine Beträge, die sich jeder leisten kann. Aber über die Masse werden wir in der Lage sein, ein stabiles Spendenaufkommen zu generieren.“

Das Konzept hat sehr gute Chancen zu funktionieren. Schließlich erließ der Bundesstaat Paraìba, in dem Guarabira liegt, erst 2011 ein Gesetz, das Wasser- und Stromversorger dazu verpflichtet, derartige Spendenverfahren zu unterstützen.
Zusätzlich arbeitet Haury an weiteren Projekten, die sich an wenige, aber dafür zahlungskräftigere Spender richtet. „Wir kooperieren beispielsweise mit den beiden großen Banken vor Ort, die ihren Kunden gemeinsam mit ihrem Konto eine Art Vertrag anbieten, um Amecc monatlich einen gleichbleibenden Betrag zu spenden. Und wir konnten die lokale Feuerwehr sowie einen ortsansässigen Keksfabrikanten für eine Zusammenarbeit gewinnen.“

Langsam, aber sicher nimmt das Spendenaufkommen aus Brasilien nun zu. Nach nahezu einem Vierteljahrhundert des unermüdlichen und unbeirrten Einsatzes für die einheimischen Kinder und Jugendlichen ist Padre Geraldo schließlich dort bekannt wie ein bunter Hund und wird an manchen Orten verehrt wie ein Volksheiliger.
Von den mehr als 1000 Kindern, die er von der Straße geholt hat, haben es über 85 Prozent geschafft, dem Sog der Dunkelheit zu entkommen. Mehr als 850 Kindern schenkte Padre Geraldo eine selbstbestimmte Zukunft. „Dass ich mich für diese Kinder und Jugendliche einsetzen durfte“, sagt Padre Geraldo, „ist mit das Wertvollste, das ich in meinem Leben geschenkt bekommen habe.“                ®

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