• Dr. Günter Kast

Mit Wärmflasche und WLAN.

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Reise. Eduard Rauchdobler aus Linz und Enrique Umbert aus Lima wollten den Trek zu den Inka-Ruinen von Machu Picchu komfortabler gestalten. Heute floriert ihr Projekt „Mountain Lodges of Peru“. Und die beiden Unternehmer denken darüber nach, ihr Konzept an vielen anderen touristisch interessanten Orten zu vervielfältigen.

 Das Signal zum Abmarsch kommt auf 3600 Meter Höhe, vier Autostunden von Cusco entfernt. Zu den Lama-Weiden und den an Steilhängen klebenden Quinoa-Feldern von Soraypampa werden es zwar nur zwei Stunden Gehzeit sein. Doch für den ersten Tag ist das Programm genug, die dünne Luft lässt die in die Hochanden katapultierten Trekker schon jetzt schwer atmen. Ihrem Guide Toni sagen sie „muchas gracias“ dafür, dass Pferde das große Gepäck transportieren. Lorenzo vom Volk der Quechua motiviert zusätzlich, indem er in traditioneller Tracht und Panflöte spielend vorangeht. Ein bisschen erinnert das an die Fußgängerzonen-Folklore einer deutschen Großstadt. Nur die sich ins Bild schiebenden weißen Zacken der Sechstausender passen nicht so recht dazu.

Der höchste ist der Salkantay, mit 6271 Metern fast eineinhalbmal so hoch wie das Matterhorn und kaum weniger formschön. Nach ihm ist der Pfad benannt, der in vier bis fünf Tagen zu den Inka-Ruinen von Machu Picchu führen wird.

Mit 68 Kilometern ist der Salkantay-Trek zwar länger als der berühmte Inka-Trail, dafür sind weniger Höhenmeter zu überwinden. Vor allem aber geht es hier noch etwas ruhiger zu. Während die 500 Startplätze pro Tag auf dem Inka-Trail viele Monate im Voraus vergeben werden und entsprechend heiß begehrt sind, gibt es hier noch keine zahlenmäßigen Beschränkungen.

Noch wichtiger ist vielen Reisenden auf dem Salkantay-Trek aber ein weiterer Unterschied. Auf dem Inka-Trail muss gezeltet werden. Tonis Gruppe hingegen checkt in der Salkantay-Lodge ein. Bei der Ankunft gibt es feuchte Tücher und Ingwer-Minze-Cocktails. Im Kachelofen lodert ein warmes Feuer. Anny, die Mittfünfzigerin aus North Carolina, lächelt dankbar: „Ich bin zu alt, um am Ende eines langen, staubigen Tages ohne heiße Dusche ins Bett zu gehen.“

Anny hat die Reise ihrer Tochter Sarah zum High-School-Abschluss und ein bisschen auch sich selbst geschenkt. In wenigen Monaten wird Sarah ausziehen und ihr Studium am renommierten MIT beginnen, Studiengebühren pro Jahr: 80000 US-Dollar. Da fallen die 4000 Dollar pro Person für den einwöchigen Trek nicht ins Gewicht. Die beiden widmen sich jetzt ihrem dreigängigen Menü: Süßkartoffelsuppe, Lomo Saltado mit Polenta, Quinoa-Tarte. Für die beschwingte Atmosphäre am Tisch sorgen nicht etwa bittere Koka-Blätter, sondern mehrere Gläser argentinischen Malbecs. Wenn sie später „Gute Nacht“ sagen, wird eine Wärmflasche ihr Federbett schon wohlig vorgeheizt haben.

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Die Idee, dass sich Trekking und Komfort nicht ausschließen müssen, ist keineswegs neu. In Nepal ließ der DAV Summit Club schon vor vielen Jahren eigene Lodges bauen. Und in Ecuador besitzt Südamerikas wohl berühmtester Bergsteiger Marco Cruz eine eigene luxuriöse Lodge am Fuß des Chimborazo. In Peru stellten der Österreicher Eduard Rauchdobler und sein einheimischer Partner Enrique Umbert das Projekt „Mountain Lodges of Peru“ (MLP) auf die Beine:

Rauchdobler, Jahrgang 1944, wächst in Linz auf, macht eine Lehre beim Kaffeeröster Julius Meinl, holt dann seine Matura nach und schreibt sich an der Uni Linz ein. Er ist ehrgeizig, bekommt ein Fulbright-Stipendium, mit dem er 1971 an einer Hochschule in Texas studieren kann. Mit einem MBA in der Tasche kehrt er zurück. Er arbeitet nun für die Linzer Intertrading, eine Tochter der Voestalpine AG, die unter anderem mit Rohstoffen handelt.

Rauchdobler ist dort für den weltweiten Handel mit Getreide, Reis und Fischmehl verantwortlich. Letzteres ist eines der Hauptexportprodukte Perus. So lernt der Österreicher Enrique Umbert kennen. Die Umberts sind eine einflussreiche Familie im Andenstaat. Sie bauen in den 1970er-Jahren zum Beispiel das Rundfunknetz des Landes auf. Als die Junta die Macht übernimmt, muss der Peruaner von seinen Führungsämtern zurücktreten. Er geht in den 80er-Jahren in die USA. Dort wird Umbert Rohstoffhändler für Continental Grain, einen der großen Spieler in diesem Geschäft.

Die beiden Männer lernen sich nicht nur kennen – sie freunden sich an, erkunden zu Fuß gemeinsam die Anden in Peru und die Alpen in Österreich. „Enrique gefielen vor allem unsere urigen Berghütten“, erzählt Rauchdobler, „er fand sie allerdings zu spartanisch. Zu mir sagte er immer: ,So etwas brauchen wir bei uns in Peru auch, nur komfortabler.‘“

Lange bleibt das nur eine vage Idee. Beide Manager sind in ihren Jobs voll gefordert, und Peru durchlebt auch nach der Herrschaft der Militärs politisch schwierige Zeiten. Doch zu Beginn des neuen Jahrtausends wollen die beiden beruflich etwas kürzertreten, mehr Zeit in der Natur verbringen. Aber gleichzeitig vielleicht noch einmal etwas Neues wagen.

Jetzt erinnern sie sich an die Idee mit den komfortablen Berghütten, die es in Peru nach wie vor nicht gibt. Weil sie vom Tourismusgeschäft wenig verstehen, fliegen sie 2005 gemeinsam zu einer Branchenmesse nach Seattle und stellen dort Leo Le Bon ihr Konzept für die „Mountain Lodges of Peru“ (MLP) vor.

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Le Bon gilt als Pionier des Abenteuer-Tourismus, seit er 1967 die erste kommerzielle Trekkinggruppe durch den nepalesischen Himalaya führte. Der Mitgründer des kalifornischen Reiseveranstalters Mountain Travel Sobek hebt den Daumen und ermutigt das Duo, seine Ideen auf die Straße zu bringen. Ihm gefällt der Gedanke, entlang des Salkantay-Treks nach Machu Picchu, der damals noch als Geheimtipp gilt, luxuriöse Lodges zu bauen. Die Gäste sollen anstatt eines Schlaf­sacks Badekleidung für den Open-Air-Jacuzzi mitbringen, den jede Lodge bekommen wird. Auf diese Weise wollen die Unternehmer zahlungskräftige Gäste in die Anden locken. Sie zwar dazu ermutigen, ihre Komfortzone zu verlassen, aber eben nur ein bisschen. Und gleichzeitig eine Alternative zu Südamerikas Trekking-Autobahn Inka-Trail bieten.

2006 unterzeichnen die beiden Familien und Geschäftspartner ein Shareholder Agreement. Es wird ernst. Ihr Plan sieht vor, vier Lodges zu bauen, jede in einem eigenen Stil. Dazu schreiben sie sogar einen Architekturwettbewerb aus. Nun brauchen sie noch Grundstücke, auf denen die Lodges stehen sollen. Nicht allen Einheimischen gefällt, dass die wohlhabenden Umberts im großen Stil Land für ihre Berghotels erwerben, zumal sie „Zugereiste“ aus Lima sind, die nicht einmal das lokale Idiom Quechua sprechen. Auch logistisch wird es ein Kraftakt. Es gibt ja keine Straßen. Sämtliches Baumaterial, Transformatoren für die Generatoren, Unmengen von Eukalyptusholz, sogar jedes bauchige Rotweinglas muss auf Maultieren über Pässe und durch Täler transportiert werden.

9000 Muli-Ladungen werden insgesamt nötig sein. Das Positive daran: 150 Einheimische bekommen auf diese Weise einen Job, wenngleich einen zeitlich begrenzten. Das ist wichtig, um die Stimmung zu drehen und die Skeptiker zu besänftigen.

Im Juli 2007 weihen die Familien die vier Lodges – Salkantay, Wayra, Colpa, Lucma – entlang des Salkantay-Treks bei einer gemeinsamen Wanderung ein. Zwei Millionen US-Dollar haben sie mittlerweile investiert. Rund 80 Mitarbeiter kümmern sich um das Wohl der Gäste. Sie stammen größtenteils aus der ärmsten Bevölkerungsschicht, werden in der Nebensaison angelernt. „Wir alle mussten eine Lernkurve durchlaufen“, erinnert sich Rauchdobler. „Anfangs haben wir sicher unterschätzt, wie wichtig es ist, die Dorfgemeinschaften entlang der Salkantay-Route einzubeziehen.“

Es genüge eben nicht, ein touristisches Produkt der gehobenen Kategorie anzubieten. Dieses müsse auch auf die sozialen und ökologischen Bedürfnisse der Region Rücksicht nehmen. Heute hat MLP viele Partner, die sich durch gezielte Zusammenarbeit zusätzliche Einkommensquellen erschließen und auf diese Weise erstmals eine Chance zur eigenständigen Entwicklung erhalten: Bauern, die Feldfrüchte und Fleisch an die Küche verkaufen; Quechua-Frauen, die selbst gemachten Honig und Marmelade anbieten; eine Textil-Kooperative, die handgewebte und mit natürlichen Farben gefärbte Ponchos und andere Kleidungsstücke herstellt, die sich durch ihr lokales Design von den üblichen Souvenirs abheben.

Das alles diene dazu, die kulturelle Identität und das Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken sowie die traditionelle Lebensweise der Anden-Bewohner zu erhalten, betont der Österreicher. Um noch mehr zu tun, gründeten seine Frau Elisabeth Leitner-Rauchdobler und Enrique Umbert die Stiftung Yanapana Peru (Yanapana bedeutet „Hilfe“ in der Sprache der Quechua). Sie unterstützt die lokale Bevölkerung durch verschiedenste Projekte, beispielsweise in der Aus- und Weiterbildung. Yanapana wird überwiegend über MLP finanziert, erhält aber auch Sach- und Geldspenden von Privatpersonen und Institutionen.

Mehr als 150 Familien ziehen einen Nutzen aus dem Projekt, sei es durch einen Job, die Chance zum Verkauf ihrer Waren, kürzere Schulwege oder Zugang zu medizinischer Versorgung. 2009 wurde MLP auf der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin dafür mit dem TO DO! Award ausgezeichnet.

Auch unternehmerisch ist MLP ein Erfolg. Inzwischen wandern jedes Jahr 2500 Gäste auf dem Salkantay-Trek von Lodge zu Lodge, die Herbergen haben eine Auslastung von 75 bis 80 Prozent. Gut zwei Drittel der Trekker kommen aus den USA und Kanada. MLP macht dort besonders viel Werbung, weil US-Amerikaner weniger Jahresurlaub haben und deshalb eher als Europäer bereit und in der Lage sind, pro Tag viel Geld auszugeben. Außerdem schätzen sie maximale Sicherheit und ein Rundum-sorglos-Paket mit Massagen, WLAN und Wäscheservice besonders.

So wie die drei Brüder aus Michigan. Für das Trio ist der moderate Trek das ultimative Abenteuer. „Wir haben so etwas noch nie gemacht“, bestätigt Miguel, der Älteste. Der Internist hat seinen Sohn mitgebracht, mit 16 schon stark übergewichtig. So ein Outdoor-Erlebnis, hofft Miguel, werde vielleicht das Wander-Virus in seinem Junior aktivieren.

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Die Trekking-Novizen haben auch nichts dagegen, dass ihr Guide Toni ein bisschen den Babysitter gibt: „Sonnen- und Mückenschutz auftragen, Käppi aufsetzen, genug Getränke mitnehmen“, rät er seinen Schützlingen. Die empfinden das keineswegs als Bevormundung, sondern sind als unerfahrene Wanderer dankbar für die Tipps. Und sie schätzen es auch, dass stets ein Packpferd neben ihnen her trottet, das zusätzliches Wasser und Notfall-Sauerstoff schleppt, falls in der dünnen Luft einer von ihnen höhenkrank werden sollte.

Der Salkantay-Trek nach Machu Picchu ist auf diese Weise für eine breite Gästeschicht machbar geworden. Rauchdobler sieht dies mit gemischten Gefühlen: „2007 war das ein einsamer, urtümlicher Weg, heute sind da viele Leute unterwegs. Aber wir haben eben gleichzeitig auch die Basis für eine Krankenversorgung in der Region geschaffen.“

Für Reisende, die mehr Wert auf einzigartige kulturelle Erlebnisse legen, hat das expandierende Unternehmen MLP seit 2010 deshalb auch eine Alternative geschaffen: Im noch urtümlichen Lares-Tal, einem Seitental des Valle Sagrado der Inkas, entstanden ebenfalls MLP-Lodges. Dort sind die Indigenen nicht nur Mitarbeiter, sondern Miteigentümer der Lodges, denn diese stehen auf ihrem Grund und Boden.

Enrique Umbert findet, dass dieses Modell noch besser und konfliktfreier funktioniere. Alle Entscheidungen – zum Beispiel über den Bau von Wasserleitungen – würden gemeinsam getroffen. Und die Einheimischen seien am Gewinn beteiligt: „Da kommt jedes Jahr eine schöne Summe zusammen.“

Für Umbert steht beim „Lares Adventure“ nicht so sehr die sportliche Herausforderung im Vordergrund, sondern der Kontakt mit der lokalen Kultur: „Die Menschen im Lares-Tal sind direkte Nachfahren der Inkas. Wir tauchen tief ein in ihren Alltag, besuchen kleine, weniger bekannte Ruinen, nehmen an Feiern und Zeremonien teil. Die perfekte Vorbereitung besteht darin, einige Brocken Quechua zu lernen. Das erleichtert den Kontakt mit den oftmals schüchternen Menschen.“

Kommunikation sei überhaupt der Schlüssel zum Erfolg. „Die Leute hier haben eigene Wertvorstellungen, Visionen und organisatorische Strukturen, die mit unseren nicht immer identisch oder gar kompatibel sind. Da müssen beide Seiten aufeinander zugehen.“

In diesem Jahr wurde Eduard Rauchdobler 75 Jahre alt, Enrique Umbert ist 70 – doch beide sind kein bisschen müde. Im Gegenteil. Sie denken nun darüber nach, ihr erfolgreiches Komfort-Trekking auch in anderen Bergregionen der Welt anzubieten – in Bhutan, Nepal oder Tansania.

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Vielleicht, schmunzeln die beiden, werde das aber auch die Bewährungsprobe für die nächste Generation. Die Söhne der Gründer, Anfang 40, arbeiten schließlich schon tatkräftig bei MLP mit: Enrique Umbert junior und Felipe Umbert führen die Firma operativ, Jarmo und Julian Juen-Rauchdobler sitzen im Aufsichtsrat. Julian habe sein Unternehmer-Gen zudem schon auf einem anderen Feld unter Beweis gestellt. „Er kam schon als Kind mit nach Peru und hat mit Schamanen damals oft Kakteensaft getrunken“, verrät Rauchdobler senior. „Dessen anregende Wirkung inspirierte ihn dazu, aus dieser Kaktusfeige ein Getränk namens Kaahée zu entwickeln.“

Der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner, einer breiten Öffentlichkeit bekannt als Investor und Jurymitglied der Start-up-Show „2 Minuten, 2 Millionen“, prophezeit dem Lifestyle-Drink schon eine große Zukunft: „Ich schließe nicht aus, dass Kaahée eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Red Bull werden könnte.“ Dann dürften die Gäste der MLP-Lodges zur Begrüßung wohl bald schon Kaahée anstatt des Ingwer-Minze-Cocktails in die Hand gedrückt bekommen.

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Der alternative Weg nach Machu Picchu.

Allgemeine Auskünfte: www.peru.travel/de

Anreise: Mit Avianca (www.avianca.com) via Bogotá nach Cusco

Veranstalter: www.mountainlodgesofperu.com

Stiftung: www.yanapana.org

Medien: Sandra Wolf und Helmut Hermann: „Peru“, Verlag Reise Know-How, 2019

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Autor: Dr. Günter Kast

Fotos: MLP // Tobias Stille // Günter Kast

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