Wo die Zukunft auf der K(l)ippe steht.

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Philanthropie. Zita Cobb, die in der Glasfaserindustrie ein Vermögen gemacht hat, will mit einem außergewöhnlichen, gemeinnützigen Hotel und einer Stiftung ihre Heimat Fogo Island in der kanadischen Provinz Neufundland vor dem Ausbluten retten und ihr eine wirtschaftliche Perspektive geben. Sie ist überzeugt: „Unser Erfolg lässt sich von anderen abgehängten Kommunen nachahmen.“

„Wissen Sie, die Menschen in meiner Familie und auf unserer Insel sterben früh“, sagt Zita Cobb. „Da verschiebt man Träume besser nicht auf übermorgen.“ Deshalb sei es ihr nicht schwergefallen, an einem bestimmten Punkt mit dem Geldverdienen aufzuhören und mit etwas Neuem zu beginnen: „Dem Ausradieren von Armut.“

Die schlaksige Frau mit der Kurzhaarfrisur muss sich nicht verstellen, um bodenständig zu wirken. Sie ist es – mehr, als ihr lieb war. Cobb kam 1956 auf die Welt, neun Jahre nachdem Neufundland kanadische Provinz wurde. Sie wuchs in dem 700-Seelen-Nest Joe Batt’s Arm auf Fogo Island auf. Die Insel ist selbst für ostkanadische Verhältnisse weit ab vom Schuss, eine knappe Tagesreise von Neufundlands Hauptstadt St. John’s entfernt, am sturmumtosten Nordatlantik und dessen Eisberg-Allee gelegen, die der Titanic einst zum Verhängnis wurde.

Cobbs Vater Lambert war Fischer in achter Generation. Weder er noch seine Frau konnten richtig lesen oder schreiben. „Unser Haus hatte keinen Strom und kein fließendes Wasser“, erzählt Cobb, die mit sechs Brüdern aufwuchs. Als sie mit sechs Jahren an Tuberkulose erkrankte, überlebte sie – es habe sie zäh gemacht, sagte sie einmal.

Trotzdem fand sie ihre Heimat als Kind „idyllisch“. Nur konnte sich ihr Vater nichts davon kaufen. Immer weniger Fische landeten in seinen Netzen. Die fingen jetzt die großen Trawler, die Jahre zuvor aufgetaucht waren und die Kabeljaubestände leer räumten. Cobb erinnert sich noch gut an den Tag, an dem ihr Dad nach Hause kam, den einzigen gefangenen Dorsch auf den Boden pfefferte und kurz danach begann, die Fensterläden und die Haustür mit Brettern zu verrammeln. Am 10. Juli 1975 verließen die Cobbs ihre Heimat, um in Ontario neu anzufangen.

Die Tochter schrieb sich an der Carleton University in Ottawa für Wirtschaft ein und heuerte nach ihrem Examen in der Ölbranche Albertas an. Dann ging sie nach Kalifornien und arbeitete zehn Jahre lang für JDS Fitel in der Glasfaser-Industrie, zuletzt als CFO. 1999 erfolgte die Fusion zu JDS Uniphase. Als Strategie-Chefin fädelte Cobb mehr als 40 Zukäufe ein. 2001, mit 42 Jahren, kündigte sie und versilberte ihre Aktienoptionen im Wert von 61 Millionen US-Dollar. Sie war damals laut Forbes die drittbestbezahlte weibliche Führungskraft in Nordamerika.

„Es war eine super-intensive Zeit. Aber dieser Schritt war nötig. Zwei Wochen Golfen reichten nicht mehr, um mich zu erholen.“ Sie nimmt sich eine lange Auszeit, segelt fünf Jahre lang über die Weltmeere. Dann erreicht sie ein Brief, in dem sich der Gemeinderat über den Zustand ihres Elternhauses auf Fogo Island beschwert. Sie ist beschämt, reist sofort hin, renoviert. Und verlegt kurze Zeit später ihren Wohnsitz hierher, um gleich die ganze Insel zu retten. Im Rückblick meint sie mit einem Augenzwinkern: „Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass ich in den kommenden zwölf Jahren härter arbeiten würde als je zuvor. Stiften ist wahrlich ein Vollzeitjob.“

Zita Cobb weiß anfangs nicht so genau, wie sie ihrer Heimat helfen kann. 2007 gründet sie zusammen mit ihrem ältesten Bruder Tony und ihrem jüngsten Bruder Alan eine gemeinnützige Stiftung und bringt den Großteil ihres privaten Vermögens ein. Sie tauft die Stiftung „Shorefast“ – so wird die Halterung genannt, die eine traditionelle Kabeljau-Falle am Ufer verankert. Es ist eine Erinnerung an ihren inzwischen verstorbenen Vater. Cobb hat ein Faible für Kunst und will sich deshalb in diesem Bereich engagieren. Die Idee: zeitgenössische Künstler fördern und gleichzeitig die alten Traditionen ihrer Heimat wie Quiltstickerei und Bootsbau bewahren und wiederbeleben. 2011 eröffnet sie sechs Ateliers, in denen Gastkünstler für eine bestimmte Zeit arbeiten und leben können. Geplant werden die Studios von dem kanadischen Architekten Todd Saunders, finanziert aus Mitteln der Stiftung.

Das Projekt läuft gut an, aber die Mäzenin merkt schnell, dass es zwar Fogo Island in der Kunstwelt bekannt macht, aber nicht unbedingt die Lebenssituation der Insulaner verbessert. Der Exodus hatte bereits 1992 seinen traurigen Höhepunkt erreicht, als der Kabeljau auf die Rote Liste der bedrohten Arten kam und sein Fang verboten wurde. Von den einst 6000 Nachfahren englischer und irischer Fischer blieb nur etwa ein Drittel auf Fogo. Deshalb will sie nun in ihrer Heimat ein touristisches Leuchtturmprojekt und damit Arbeitsplätze schaffen – ein Hotel, wie es die Welt zuvor noch nicht gesehen hat.

Zita Cobb nimmt sich Zeit. Reist um die Welt, sammelt Ideen. Besucht traditionelle japanische Herbergen, sogenannte Ryokans, die Southern Ocean Lodge auf Kangaroo Island in Australien, das Wickaninnish Inn in Tofino auf Vancouver Island, die Lapa Rios Lodge in Costa Rica, die Lofoten, „weil die Natur im Norden Norwegens mit Neufundland vieles gemein hat“.

Dann legt sie los. Wieder mit Saunders als Planer und Architekt. Am Ende sollte das Fogo Inn 41 Millionen Kanadische Dollar kosten, wovon 75 Prozent aus der Stiftung stammen, der Rest aus öffentlichen Fördermitteln. Weil die Natur und der wilde Atlantik auf ihrer Insel der Star sind, will sie das Hotel so nahe an die Brandung setzen wie irgend möglich und genehmigungsfähig. Ihr schwebt ein Gebäude aus mehreren versetzt übereinander geschichteten, weißen Quadern vor, die zum Teil auf Stützpfeilern auf der nackten Felsküste ruhen und damit dem Design neufundländischer Fischerhütten nachempfunden sind. Sämtliche Möbel, sämtliches Interieur sollen von Einheimischen gefertigt werden. 25 Designer aus aller Welt lässt sie zum Austausch mit den örtlichen Handwerkern einfliegen. Außerdem soll das Fogo Inn so energieeffizient wie möglich wirtschaften und auch in der Küche auf regionale Produkte setzen.

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Nach der Eröffnung 2013 wird das Inn schnell zum Magneten für Architekturtouristen und Freunde exklusiver Hideaways. Die 29 Zimmer und Suiten sind fast immer ausgebucht, trotz Preisen ab 2000 Kanadischen Dollar pro Nacht. „Wir waren bereits im vierten Jahr profitabel, viel früher als erwartet.“

Im Erdgeschoss befindet sich eine Kunstgalerie, die Arbeiten der Gastkünstler aus den Fogo Island Ateliers präsentiert. Alle von den Insulanern in Handarbeit hergestellten Möbel und Accessoires des Hotels können von den Gästen gekauft werden. Ein Punt Chair liegt zum Beispiel deutlich über der 3000-Euro-Marke. Auch das Restaurant findet Anklang, wird sogar von Gourmets zu einem der zehn besten Lokale ganz Kanadas gewählt. Die meisten der rund 80 Mitarbeiter stammen von der Insel, viele sind Rückkehrer. Das „Inn“ ist neben der Fischer-Kooperative der größte Arbeitgeber. Besucher loben die große Gastfreundschaft des Personals. „Das haben wir im Blut“, sagt Cobb. „Bei der Schulung der Mitarbeiter mussten wir ausdrücklich darauf hinweisen, die Gäste nicht schon beim Einchecken zu umarmen.“

Ihr sei allerdings früh klar geworden, dass sie ihre Heimat nicht allein mit Tourismus retten könne, erzählt Cobb. Das Hotel sei das ökonomische Herz der Stiftung, die Cash Cow. Die dort erzielten Gewinne würden komplett an „Shorefast“ zurückfließen. So sei die Stiftung in der Lage, soziale Projekte zu fördern, Mikrokredite an Start-ups zu vergeben und Business Angels zu vermitteln.

Sechzehn Kleinbetriebe hätten bereits von günstigen Zinsen und großzügigen Rückzahlplänen profitiert – darunter eine Bäckerei, die sich vergrößern wollte, ein neues Bed & Breakfast, eine landwirtschaftliche Kooperative. Unterstützt werden auch Bootsbauer und Quiltstickerinnen, damit diese von ihrem Handwerk leben können. Mit Handleinen gefangener Kabeljau wird an Gourmet-Restaurants in ganz Kanada verkauft. Ökologische Nachhaltigkeit funktioniere nur, wenn die soziale Nachhaltigkeit gewährleistet sei.

Was genau sie darunter versteht, erklärt sie anhand eines Beispiels. Seit kurzem haben alle Dinge, die im Fogo Island Shop erworben werden können, ein sogenanntes „Economic Nutrition Label“. Es ist aufgebaut wie die auf Lebensmittel aufgedruckte Nährwerttabelle, ähnelt dieser sogar im Design. Nur sind darauf nicht Fettanteil und Kalorien ersichtlich, sondern die Prozentzahlen für Arbeits-, Material- und Verpackungskosten, Herkunft der Materialien und die Gewinnmarge. „So wird für Käufer transparent, wen und was sie unterstützen.“ Cobb ist das sehr wichtig: Sie kann auch ohne diesen Beipackzettel die Herkunft jedes Möbelstücks im Fogo Inn und die damit verbundenen Geldströme en détail erklären.

„Das Verhältnis zwischen dem echten Wert von Dingen und ihrem finanziellen Wert ist aus dem Gleichgewicht geraten“, findet sie. „Es fehlt der Bezug, das Gespür dafür, warum etwas so und so viel kostet.“ Deshalb möchte sie den Beipackzettel möglichst bald um eine Umwelt-Info ergänzen: „Damit jeder Gast, der hierher kommt, erkennt, wie groß sein CO2-Abdruck ist. Das Hotel selbst hat ja schon den kleinstmöglichen Abdruck. Noch dieses Jahr soll es obligatorisch werden, die Fluganreise mit CO2-Zertifikaten zu kompensieren.“

Die kommerziellen Initiativen sollen zehn Prozent Profit abwerfen. Zusammen mit Spendengeldern werden damit dann nicht-gewinnorientierte Projekte gefördert: Programme für Künstler und Geologen, für den Schutz des kulturellen Erbes. „Wir wollen das auf Fogo Island angehäufte Wissen von Generationen bewahren.“ Schon im Verlauf des Jahres 2019 könne ihr Projekt ganz ohne Spenden funktionieren.

Danach befragt, wie sie Erfolg messe, sagt Zita Cobb, die vielen Architekturpreise für das Fogo Inn und die internationale Aufmerksamkeit freuten sie natürlich. „Aber viel wichtiger ist doch, dass es gelungen ist, die Abwanderung zu stoppen. Von 6000 ging es zunächst runter auf 2000 – jetzt sind wir wieder mehr als 2500.“

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Auf der Nachbarinsel, die kein Fogo Inn, keine Mäzenin hat, sinkt die Bewohnerzahl weiter, von 2000 auf zuletzt 140. Das sei ein Thema, das alle angehe: „Die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land, die anhaltende Landflucht hängt direkt mit dem Rechtsruck derjenigen zusammen, die sich abgehängt fühlen. Es ist ein globales Problem.“

Deshalb treibt sie die Frage um, inwiefern sich ihr Modell für Fogo von anderen kopieren lasse. Sie ist da optimistisch, hat eben erst sogar ein „Institute of Community Economics“ für „Best Practice Sharing“ gegründet. Zunächst einmal gebe es dank des Aktienbooms viele vermögende Leute wie sie. Diese würden oft eher ziel- und planlos in gemeinnützige Projekte investieren – und seien dann enttäuscht, wenn die Mittel nicht am richtigen Ort ankämen. Sie empfiehlt, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen und dort den Hebel anzusetzen, wo das eigene Wissen groß sei: „Man muss genau verstehen, welche Assets eine Region hat. Als Stifter muss ich mich fragen: Wie kann ich abgelegene Gegenden an die globale Welt andocken? Der Staat muss natürlich ebenfalls seinen Beitrag leisten, zum Beispiel mit schnellem Internet.“

Soll eine Fogo-Blaupause gelingen, müsse außerdem die Gemeinschaft in der jeweiligen Region intakt sein. Als sie ihre Pläne für Fogo Island zum ersten Mal vorgestellt habe, seien vielleicht zehn Prozent der Einwohner begeistert gewesen. Vermutlich sei der Start mit der Kunstförderung einfach zu weit weg vom täglichen Leben der meisten hier gewesen. Dann kam das Hotel, kamen die anderen Projekte. Heute profitierten 200 Menschen davon. „Bei nur 900 Haushalten auf der Insel macht das einen großen Unterschied.“ Mittlerweile seien geschätzt neun von zehn Bewohnern Befürworter von Shorefast. Auf die restlichen zehn Prozent verschwendet Cobb keine Energie: „Die gibt’s immer. Lohnt sich nicht.“

Anfangs habe sie gedacht: „Wenn das hier schiefgeht, kann ich mich auf der Insel nicht mehr blicken lassen.“ Inzwischen ist klar, dass es nicht schiefgehen wird. Shorefast ist ihr bleibendes Geschenk an die elf Dörfer der Insel. „Aber eigentlich tue ich das alles für meine verstorbenen Eltern. Ich will nicht, dass ihre Heimat verwaist und bedeutungslos wird.“ ®

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Next Philanthropie.

Zita Cobbs Beispiel zeigt, dass sich Philanthropie derzeit massiv verändert. Felix Oldenburg,  Generalsekretär Bundesverband Deutscher Stiftungen, skizziert die Zukunft privaten Engagements:

„Darf ich Sie auf einen Rundflug mitnehmen? Wir starten auf dem Boden der Tatsachen: In den vergangenen zehn Jahren ist mehr Vermögen entstanden als in irgendeiner Dekade zuvor. Die Spenden oder das Vermögen deutscher Stiftungen haben sich dagegen kaum vermehrt. Vielleicht gibt es auch bei Ihnen liquide Mittel, die darauf warten, abzuheben und einen höheren Sinn zu verfolgen?

Aus der Vogelperspektive betrachtet, gibt es auf unserer Welt mehr Organisationen denn je, die um Spenden und Förderung werben. Aber je höher wir aufsteigen, desto schwieriger werden die Fragen: Welche Spenden wirken tatsächlich? Mache ich eine Organisation durch mein Geld wirklich stärker? Oder kommt sie nach kurzer Zeit mit höherem Bedarf zurück? Müsste man nicht, statt nur Wenige zu unterstützen, das ganze System verändern? Wie viel Zeit müsste ich investieren, um die Wirkung meines Geldes zu optimieren? Je klüger die Fragen, die wir uns stellen, desto schwerer kann die Entscheidung werden. Und dann bleibt das Geld liegen statt zu fliegen.

Nein, Geld sinnvoll für die Welt auszugeben ist nicht einfacher, als es zu verdienen. Aber genauso wenig wie Sie die Geldanlage komplett ohne Banken, Plattformen, Berater organisiert haben, sollten Sie ganz allein auf die Suche nach einem überzeugenden Sinnangebot für Ihr hart vermehrtes Vermögen gehen.

Die meisten haben eine ganz klare Vorgabe: Es soll so viel wie möglich ,ankommen‘, also kein Geld verloren gehen auf dem Weg zur bedürftigen oder benachteiligten Person oder Organisation. Ich finde das seltsam. In der Wirtschaft würden wir uns nicht damit zufrieden geben, dass Wert höchstens erhalten wird. Er soll sich durch kluges Handeln im Unternehmen vermehren. Ein echtes soziales Sinnangebot sollte deshalb meiner Meinung nach ebenfalls ein ,Mehr‘ an Ressourcen schaffen. Das ist natürlich nur dann möglich, wenn wir den Zeithorizont verlängern. Und wer das macht, wird vom kurzfristigen Spender zum weitblickenden Philanthropen, zum Investor, vielleicht sogar zum Stifter.

Dass wir zuletzt prozentual weniger Vermögen eingesetzt haben, um die dringenden Probleme unserer Welt zu lösen, ist aus meiner Sicht ein dreifaches Alarmsignal. Erstens für viele der Organisationen, die für das Gute arbeiten und vielleicht andere Wirkungsangebote als bisher machen müssten. Zweitens für den Gesetzgeber, der zeitgemäße Anreize für soziales Investieren in großem Stil liefern sollte. Und drittens für die Finanzindustrie, die endlich die Vermögensvermehrung und die Philanthropie integrieren sollte.“

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Autor: Dr. Günter Kast

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