Das Ende der Privatsphäre.

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Technologie. Videokamerasysteme und Suchmaschinen überwachen uns fast lückenlos. Gleichzeitig verbessern digitale Helfer unsere Gesundheit und machen das Leben leichter. Ist das Ende der Privatsphäre ein angemessener oder ein zu hoher Preis für den technischen Fortschritt?

Vor sieben Jahrzehnten veröffentlichte der britische Schriftsteller George Orwell seinen Roman „1984“. Damals ließ die Vision eines totalitären Staates, in dem die Gedankenpolizei jeden Menschen lückenlos beobachtet, die Leser fassungslos zurück. „Heute ist 1984 von der Wirklichkeit überholt“, macht Robert Greil, Chefstratege beim Bankhaus Merck Finck, klar.

Weltweit sind Hunderte Millionen Video­kameras installiert – mehr als 170 Millionen davon allein in China. Bis 2020 werden dort nach Angaben der Regierung weitere 400 Millionen aufgebaut sein. Landesweit ergibt dies dann ein Netzwerk der Videoüberwachung, das, so Peking, „allgegenwärtig, voll vernetzt, immer in Bewegung und vollständig steuerbar“ sein wird.

Doch auch in der westlichen Welt werden Daten gesammelt. Wir „liken“ mit Freude jeden zweiten Facebook-Beitrag, schenken beängstigend gut auf uns zugeschnittenen Werbeanzeigen bei Google keine weitere Beachtung, installieren sprachaktivierte Amazon-Assistenten in unseren Wohnungen, akzeptieren jeden Tag zahllose Cookies und scheren uns dabei nie um das Kleingedruckte.

Der immer raschere technologische Wandel, die sogenannte Techceleration unseres Alltagslebens, hat gerade erst begonnen. 2025 werden die Menschen laut IDC einmal alle 18 Sekunden, das heißt 4800 Mal pro Tag, mit vernetzten Geräten interagieren. Dann werden nicht nur viel mehr Daten produziert. Diese werden auch stärker ausgewertet. Laut einer Studie des Investmenthauses Merrill Lynch werden heute lediglich 0,5 bis ein Prozent aller Daten genutzt. Bis 2025 soll der Umfang der analysierten Daten auf 37 Prozent emporschnellen. „Datenerstellung und -erfassung werden explosionsartig zunehmen“, ist Greil sicher, „und die bevorstehende Einführung des 5G-Mobilfunkstandards, der zehn bis 20 Mal schneller als der derzeitige Standard ist, wird dies noch beschleunigen.“

Müssen wir uns also fürchten? „Vor allem müssen wir unterscheiden. Viele Innovationen werden unser Leben signifikant verbessern. Kritisch wird es aber immer dann, wenn Big Data auf Big Brother trifft“, analysiert Greil.

Ein wahrer Augenöffner sei für ihn der 18. September letzten Jahres gewesen. „An diesem Tag hat Apple seine Jahrespräsentation abgehalten. Doch das neue iPhone war gar nicht das Hauptthema. Im Fokus stand die Apple Watch mit ihren neuen Features wie Notruf oder Echtzeit-EKG. Ich fragte mich, warum Apple diesem, vom Umsatz her, noch verschwindend kleinen Bereich so viel Raum widmet. Mir wurde aber schnell klar: Weil die tragbaren Geräte ein echter Game Changer für die Medizin werden könnten.“

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Millionen Menschen in der Welt helfe die Apple Watch, aktiver zu sein und gesünder zu leben, hatte CEO Tim Cook angekündigt. Und Ivor J. Benjamin, Präsident der American Heart Association, beschreibt die Fähigkeit, bei Bedarf Zugriff auf Gesundheitsdaten zu erhalten, schlicht als „bahnbrechend“. Die Echtzeiterfassung von Daten über das Herz eines Menschen ändere die gesamte medizinische Praxis.

Die tragbaren Wächter der Gesundheit setzen vor allem an einem Problem an, das uns schon sehr lange verfolgt. Seit 1975 hat sich die weltweite Fettleibigkeit verdreifacht. Heute sind 650 Millionen Erwachsene fettleibig und weitere 1,8 Milliarden übergewichtig. Darunter sind 34 Prozent der Erwachsenen in den Vereinigten Staaten. Die Weltgesundheitsorganisation hat für diese internationale Epidemie sogar einen eigenen Begriff geprägt: Globesity.

Doch mittlerweile hat der Wind gedreht. Schlank sein steht heute hoch im Kurs. Und das bildet die Basis einer weltweiten Gesundheits- und Wellnessbranche, die mittlerweile ein Umsatzvolumen von mehr als vier Billionen US-Dollar erreicht hat. Die schöne neue Welt des Hightech-Gesundheitsbewusstseins wird vor allem durch die Nachfrage der Millennials befeuert. Die Bevölkerungsgruppe der 18- bis 34-Jährigen ist bereit, für einen gesünderen Lebensstil sehr viel Geld auszugeben.

Neben der Apple Watch und ihren Wettbewerbern von FitBit bis Garmin gibt es aber auch noch eine ganze Menge weiterer tragbarer Nischenprodukte für die Gesundheit. Darunter finden sich zum Beispiel Geräte für die Kontrolle von Asthma, Rückenschmerzen und Geschwüren. iSono Health aus den USA hat sogar einen „intelligenten BH“ herausgebracht, der frühe Anzeichen von Brustkrebs erkennen und diese Daten an einen Arzt weiterleiten kann. Dexcom stellt Diabetes-Patienten Geräte zur Verfügung, mit denen sich der Glukosewert in Echtzeit überwachen lässt. Den nächs­ten Schritt – die automatische Abgabe von Insulin – bereitet eine Firma namens Tandem Diabetis vor.

In der Gesundheitsbranche könnte der schnelle 5G-Standard laut HIS Global Dienstleistungen im Wert von einer Billion US-Dollar den Weg bereiten. Er werde zur Basis für die Entwicklung kontinuierlich verfügbarer Vernetzung und für Sensoren, die auf der Datenerfassung über Gesundheit und Wohlbefinden aufsetzen. Merrill Lynch schätzt, dass alleine das Segment persönliche Gesundheitsversorgung weltweit ein Volumen von bis zu zehn Billionen US-Dollar erreichen könnte.

„Das Thema Digital Health wird unser Gesundheitssystem revolutionieren“, ist Robert Greil überzeugt.

Auch andere Sektoren werden profitieren. Der Schlüssel zum autonomen Fahren liegt ebenfalls in der Datenerhebung und im Datenmanagement. Diese Zukunftstechnologie wird erst durch ein komplexes Netz aus Sensoren und Kameras möglich, das die Außenwelt für den Computer abbildet. Die Information zum Fahrtziel wird dabei um Daten aus der Umfelderfassung ergänzt – Abstand zu Objekten, Bordsteinen, Fußgängern, Straßenmarkierungen und Ampelsignalen. Das Auto weiß, wann es beschleunigen, bremsen oder abbiegen soll.

Vor allem in Großstädten werden so effizientere und ökologischere Mobilitätssysteme denkbar. „Und auch der Sicherheitsaspekt ist nicht zu unterschätzen“, überlegt Greil. Weltweit sterben laut Weltgesundheitsorganisation pro Jahr rund 1,25 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Unfallursache ist in rund 90 Prozent der Fälle der Fahrzeugführer. „Menschen machen eben Fehler“, konstatiert Greil. Ist das Ende der Privatsphäre kein angemessener Preis für all diese Verbesserungen unseres Lebens?

„Schauen wir nach China, in das Land, das bei diesen Trends eine Vorreiterrolle einnimmt“, schlägt Greil vor. Im Reich der Mitte werden Videokameras an jeder Ecke durch moderne Gesichtserkennungssoftware unterstützt. In Peking und Shanghai können Menschen mittlerweile allein an ihrem Gang oder der Form ihres Körpers erkannt werden. Wartix, das Unternehmen, das dieses System entwickelt hat, behauptet, Menschen aus bis zu 50 Metern Entfernung identifizieren zu können – von hinten oder mit bedecktem Gesicht.

Auch beim Thema Spracherkennung sind die Chinesen führend. iFlyTek, eine Firma aus dem Bereich Künstliche Intelligenz, behauptet, in einem Raum voller Menschen die Stimme einer Zielperson erkennen und die Äußerungen dieser Person aufzeichnen zu können.

„China ist allen anderen Akteuren voraus, weil die Datenschutzgesetze dort viel weniger streng sind“, erklärt Greil. „Unternehmen haben Zugriff auf riesige Mengen personenbezogener Daten. Und weil Künstliche Intelligenz umso schneller lernt, je mehr Daten ihr zur Verfügung gestellt werden, dürfte sich der ganze Bereich in China besser entwickeln als anderswo.“ Die engen Bande zwischen Privatwirtschaft und Regierung sind auch bei der Finanzierung hilfreich. Dank staatlicher Beihilfen für Forschung, Entwicklung und bei der Kapitalbeschaffung existieren in China heute mehr „Unicorns“ – Unternehmen im Privatbesitz mit einem Wert von mehr als einer Milliarde US-Dollar – als in den USA.

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„Das hat Methode“, sagt Greil. China will bis 2030 im Bereich KI eine 150 Milliarden Dollar schwere einheimische Industrie aufbauen. Dann sollen Strafregister, Patientenakten, Online-Einkäufe oder Beiträge in sozialen Medien mit Ausweisdokumenten und dem Gesicht des Einzelnen verknüpft werden.

„Dies alles ist Teil eines umfassenden ,Sozialpunktesystems‘, das 2020 eingeführt werden soll und in dem jede Person mit einer ,Sozialbewertung‘ eingestuft wird“, erklärt Greil. Zu den Strafen für Fehlverhalten, über das der Staat urteilt, kann der Ausschluss von Auslandsreisen gehören, von Privatschulen, inländischen Hotels oder bestimmten Beschäftigungsmöglichkeiten. Außerdem werden die Missetäter wohl namentlich benannt und auf einer öffentlichen Schwarzen Liste bloßgestellt.

„Für uns im Westen mag dies unglaublich ,orwellianisch‘ anmuten. Aber ist unsere Welt so viel anders?“, fragt Greil. Richtungsweisende Rechtsvorschriften wie die seit Mai 2018 gültige europäische Datenschutz-Grundverordnung regeln zwar, wie Unternehmen personenbezogene Daten speichern und nutzen dürfen. Doch die staatliche Kontrolle bleibt außen vor. Und selbst die wohlmeinendsten Gesetze werden das Tempo des technischen Fortschritts kaum mitgehen können.

Ein Beispiel dafür ist Facebook. Das Unternehmen zog sich erstmals 2006 den großen Unmut der Verbraucher zu, als es seinen „News feed“ einführte. Später wurde dieser Dienst zu einem Haupterfolgsfaktor der Firma. Dies war allerdings nur das erste in einer ganzen Reihe von Scharmützeln mit Nutzern und Aufsichtsbehörden. Dabei ging es um Themen wie den Verkauf privater Daten an Dritte, massiven nicht gemeldeten Diebstahl von Daten, Wahleinmischung in anderen Staaten und sogar Experimente zur Manipulation der Stimmung von Menschen. Trotzdem scheinen Initiativen wie „#DeleteFacebook“ kaum Zulauf zu haben.

Das Datenfischen von Facebook verblasst noch im Vergleich zu Google, das den Suchverlauf von allen Geräten speichert und individuelle – an Werbekunden verkaufte – Profile erstellt, die auf Standort, Geschlecht, politische Vorlieben, Hobbys, beruflichen Werdegang, Interessen, Beziehungsstatus und Einkommen des Nutzers basieren. „Der Aufstieg von Nischen-Suchmaschinen wie DuckDuckGo, die keine personenbezogenen Informationen sammeln und versteckte Webtracker blockieren, ist in diesem Zusammenhang sehr interessant“, meint Greil.

Seit der Einführung vor einem Jahrzehnt wurde diese, auf den Schutz der Privatsphäre bedachte, Google-Alternative zunächst nur sehr wenig genutzt. Bis 2015 kam DuckDuckGo auf weniger als fünf Millionen Suchvorgänge pro Tag. 2016 stieg die Zahl dann auf zehn Millionen. Heute sind es über 30 Millionen. „Im Vergleich zu Google mit seinen 3,5 Milliarden Suchvorgängen pro Tag ist das zwar immer noch verschwindend gering – das starke Wachstum von Duck­DuckGo könnte dennoch darauf hindeuten, dass der Kampf um Privat­sphäre und Datenschutz bald beginnt.“

Noch ist es nicht so weit. In unseren Wohnungen und am Arbeitsplatz, in unseren Autos und auf den Straßen werden weiter unablässig Daten über uns gesammelt und analysiert. Wir werden rund um die Uhr in einer Art und Weise auf Schritt und Tritt verfolgt, beobachtet und identifiziert, wie es selbst George Orwell für unvorstellbar gehalten hätte. „Und in vielen Fällen möchten wir ja auch die damit zusammenhängenden Fortschritte bei Sicherheit, Gesundheit oder beim Online-Shopping“, macht Robert Greil klar und folgert: „Ob dies Fluch oder Segen ist, werden künftige Generationen entscheiden.“ ®

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Digital Wealth – investieren in der neuen Welt.

„Aus dem Ende der Privatsphäre lassen sich vier große Anlagethemen ableiten“, analysiert Daniel Kerbach, Chief Investment Officer beim Bankhaus Merck Finck, „es geht dabei um Gesundheit, Datensicherheit, Digitalisierung mit speziellem Fokus auf Künstliche Intelligenz, sowie um den großen Bereich der Nachhaltigkeit.“

Fortschritte bei persönlicher Gesundheit und Wohlbefinden werden durch digitale Technologien getragen, gestalten unsere Art zu leben und zu arbeiten neu und führen zur Entstehung völlig neuer Branchen. „Direkt profitieren davon Unternehmen aus dem Bereich Digital Health. Dank disruptiver Technologien – Sensoren, Konnektivität oder Cloud Computing – bringen sie neue und verbesserte Produkte und Dienstleistungen auf den Markt. Weil so Zivilisationskrankheiten bekämpft werden und das Lebensalter steigt, strahlt dies indirekt auf Lifestyle, Freizeit, Wellness und Ernährung ab.“

Wenn Big Data auf Big Brother trifft, wird Cyber Security immer wichtiger. „97 Prozent der Fortune-500-Firmen wurden schon gehackt. Und drei Prozent wurden gehackt, sie wissen es nur nicht“, informiert Kerbach. „Deshalb steigen die Investitionen in Cyber Security massiv an. Waren es 2015 noch 91 Milliarden US-Dollar, so werden es 2020 schon 161 Milliarden sein. Das ist ein Riesengeschäft.“

Ein dritter Bereich umfasst die Themen rund um Künstliche Intelligenz sowie die damit verbundenen neuen Produkte und Produktivitätssteigerungen. Dabei rät Kerbach Anlegern, Asien und vor allem China stärker zu berücksichtigen. „Schätzungen zufolge wird allein schon der Umsatz mit eng definierten KI-Lösungen von 7,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018 auf rund 90 Milliarden im Jahr 2025 steigen. Im weltweiten Wettbewerb dürfte dann ironischerweise derjenige die Nase vorn haben, der am wenigsten Datenschutz betreibt.“

Bei der konkreten Umsetzung der Anlageideen favorisiert Kerbach Themeninvestments. Dabei sei es wichtig, die Themen nicht zu eng zu fassen. „Manager müssen eine gewisse Breite an Titeln zur Verfügung haben, um reagieren zu können. Außerdem gilt: Je kleiner das Anlageuniversum, desto geringer sollte das Gewicht der Idee im Depot sein. Interessant finden wir Anlagen in digitale Sicherheit, in Automatisierung oder in Robotics. Auch ,Asia Tec‘ bleibt für uns ein Thema. Ebenso wie der schnell wachsende Gesundheitsbereich – gerade auch mit der Schnittstelle Gesundheit und Digitalisierung. Natürlich erhalten unsere Kunden dazu ganz konkrete Empfehlungen zu ETFs, Fonds, Zertifikaten und auch zu Einzeltiteln. Die können wir aber aber nicht ohne entsprechende Beratung nennen.“

Darüber hinaus gebe es auch noch eine Art Umweg, sich diesem Thema zu nähern. „In einer Zeit, in der sozial verantwortliche Investments wichtiger denn je sind, könnte das langfristige Wachstum von Branchen, die persönliche Freiheiten aushöhlen, gefährdet sein. Nachhaltige Anlagestrategien berücksichtigen dies und sorgen so für eine Art Gegenpol im Portfolio“, erklärt Kerbach.

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Sonderveröffentlichung:

Merck Finck Privatbankiers

www.merckfinck.de

Fotos:  Adobe Stock // iStock

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