Völlig losgelöst.

Print Friendly, PDF & Email

Performance sportive

Reisen. Immer häufiger genießen Unternehmerinnen und Unternehmer das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit in einem maßgeschneiderten Wohnmobil. Beim Trendthema Land-Yachting sind der Phantasie (fast) keine Grenzen gesetzt.

Mit leichtem Surren öffnet sich die Mittelgarage. Dort im Bauch des Lkw-großen Luxusliners parkt ein Mini, der nun, auf einem Plateau stehend, hydraulisch ausgefahren wird, bereit für den Ausflug entlang der spanischen Mittelmeerküste. Ist der Zweitwagen unterwegs, wird aus der Garagen-Plattform eine überdachte Terrasse.

Die Wohnmobile der jüngsten Generation haben mit ihren Vorvätern nicht mehr viel gemein. Sie sind Traumhäuser auf Rädern, gebaut für eine anspruchsvolle Klientel.

Die meisten seiner Kunden, erzählt Jochen Reimann, Geschäftsführer der Wohnmobilmanufaktur Morelo im oberfränkischen Schlüsselfeld bei Bamberg, seien älter als 55 Jahre, viele von ihnen Privatiers, ehemalige Unternehmer oder Führungskräfte aus der Wirtschaft. „Das ist wie im Immobilienbereich: Es gibt keine Zinsen, also nutzen viele ihr Kapital und gönnen sich etwas Besonderes.“

Ein Indiz dafür, wie gut es in der Branche derzeit läuft, zeigt ein Blick auf die Lieferfristen. Wer ein solches Fahrzeug sein Eigen nennen möchte, braucht Geduld. Zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauert es derzeit zum Beispiel bei Morelo, bis das Traumschloss auf Rädern fertig ist. Bei anderen Herstellern von Luxuslinern dasselbe Bild: Die fahrenden Häuser sind gefragt, die Wartezeiten oft lang. Und weil nicht damit zu rechnen ist, dass dieser Freizeittrend abflaut, wird in der Branche investiert. „Wir bauen im Moment für drei Millionen Euro ein neues Service- und Wartungs-Center“, erzählt Reimann.

Land Yachting Morelo

Jochen Reimann kennt sich wie kaum ein anderer aus in diesem Segment.

Vater Helmut gilt als Caravan-Pionier. Er hatte 1981 ein Unternehmen gegründet, das Zulieferteile für Faltcaravans herstellte. Dazu kaufte Helmut Reimann ein Werk vom Wohnwagenhersteller Knaus Tabbert in Schlüsselfeld. Zwei Jahre später begann er Reisemobile zu bauen, die er Concorde nannte. Als Werksleiter Johannes Schell 1997 Concorde verlässt, um sein eigenes Reisemobil-Unternehmen Phoenix zu gründen, kann er viele Concorde-Kollegen überzeugen mitzukommen. Ein Aderlass für den Platzhirsch. 2003 verkauft die Familie Reimann das Unternehmen, der jüngste Sohn Jochen bleibt bis 2009 als Geschäftsführer. Aber dann stimmt die Chemie mit der neuen Eigen­tümer­familie Kühn nicht mehr.

Concorde und Jochen Reimann trennen sich – und der gründet 2010 ein neues Reimann-Reisemobil-Unternehmen. Morelo nennt er sein Start-up, ein Kunstwort aus Mobile, Reimann und Reinhard Loehner, seinem Mit-Geschäftsführer und Kollegen aus Concorde-Zeiten. „Wir waren nah am Kunden, wir hatten die Kenntnisse und wir wuss­ten: Wir können das“, erzählt Jochen Reimann.

Eigentümer bleibt Reimann dennoch nicht lang. Gleich zu Anfang muss er einen Investor suchen, weil die Banken nicht ausreichende Kredite geben. Im Jahr 2011 beteiligt sich die niederländische Private-Equity-Gesellschaft HTP, die zwei Jahre zuvor ebenfalls Tabbert unter ihre Fittiche genommen hat. „So kommt es, dass heute Concorde, Morelo und Phoenix zusammen rund 70 Prozent der Luxus-Wohnmobile europaweit fertigen. Und alle drei sitzen in Schlüsselfeld“, schmunzelt Reimann. 

Land Yachting Concorde

Nicht umsonst nennen sich die Liner-Hersteller Manufakturen. Ohne viel Handarbeit geht es nicht. So werden bei Morelo für die Fahrzeuge, von denen das Team täglich zwei fertigt, mehr als 700 Teile aus der eigenen Schreinerei verarbeitet. Ebenso viele Arbeitsstunden stecken durchschnittlich in einem Morelo-Mobil. „Die Kunden erwarten einen sehr hohen Standard“, erklärt Reimann. Eine Echtglasdusche, so geräumig wie zu Hause, moderne Sitzgarnituren, bequeme Betten, üppigen Wasservorrat, Solarpanels, Satellitenantenne sowie mindestens einen großen LED-Smart-TV. „Luxus in Serie“ nennt der Morelo-Geschäftsführer sein Konzept.

Andere Anbieter setzen noch mehr auf Individualität. Bei Vario Mobil entwi­ckelt das Designteam bei Bedarf dann eben auch mal eine neue Art des Möbelbaus. Und wenn gewünscht, werden die Holz-Elemente sogar aus einem Stamm gefertigt, damit keine unpassenden Übergänge entstehen, sondern die Maserung ineinander übergeht. Ein High-End-Mobil, maßgeschneidert, jedes Detail individuell an den Kundenwunsch angepasst, jedes Fahrzeug ein Unikat.

Vor allem Stauraum ist gefragt. Denn oft sind die Wohnmobil-Afficionados ein halbes Jahr lang unterwegs. Wem dann bis zu 30 Quadratmeter Wohnfläche nicht reichen: Auf Knopfdruck lässt sich der Innenraum innerhalb weniger Sekunden vergrößern. Wall-outs, also herausfahrbare Wandelemente, bringen zusätzliche fünf Quadratmeter Platz. Gern geordert werden auch elektrisch verstellbare Ledersessel, Queensize-Bett, automatisch ein- und ausfahrbare Küchentresen, Ofen, Tiefkühlschrank oder Waschmaschine. Das Badezimmer erinnert mit Regendusche, hochwertigem Marmor­imitat und Handtuchheizung an einen Wellnesstempel. 

Den heimischen Komfort wollen die Mobilista eben nicht missen. Land-Yachting ist der mobile Teil des schon länger unter dem Namen Glamping bekannten Phänomens: Glamour und Camping, also Abenteuerurlaub in der Natur, ohne auf die gewohnten Annehmlichkeiten zu verzichten. Sanft plätschernde Wellen hinter Palmen, ein orangeroter Sonnenuntergang, jeden Tag ein neuer Ort, ein neues Abenteuer, individuell, selbstbestimmt.

Zwischen sieben und zwölf Metern lang sind die Land-Yachten. Weil sie sich nur schwer durch enge Innenstädte bewegen lassen, verfügen sie in der Regel auch über eine Garage – meist am Heck. „Lamborghini, Ferrari, Porsche – für all diese Fahrzeuge haben wir schon Garagen gebaut“, erklärt Reimann.

So sehr die Hersteller in den Details um Individualität bemüht sind – bei den Basiskomponenten gibt es nicht so viele Möglichkeiten, sich von der Konkurrenz abzuheben. Die Basisfahrzeuge stammen mit Daily oder Eurocargo entweder von Iveco, mit dem Atego von Mercedes-Benz oder mit dem TKL von MAN. Ähnlich verhält es sich mit Kühlschränken, Toiletten, Fenstern oder der Heizung. So bleiben zur Differenzierung vor allem die Kundenberatung und das Design. Letzteres ist Geschmacksache. Auch wenn Reimann seine Freude über die jüngste Auszeichnung mit dem German Design Award 2018 für den Morelo Empire nicht verheimlicht.

Weil die meisten Kunden vor 1999 ihren Führerschein gemacht haben, dürfen sie die Kolosse bis 7,5 Tonnen mit ihrer normalen Pkw-Lizenz fahren. Für die schwereren Liner mit zehn Tonnen Gesamtgewicht ist dann allerdings ein Lkw-Führerschein nötig. Den bringen etliche Fahrer noch aus Bundeswehrzeiten mit. „Frauen am Steuer sind äußerst selten“, sagt Reimann.

Viele Eigentümer von Luxuslinern sind echte Wohnmobil-Profis. Reimanns Erfahrung zufolge besaßen 95 Prozent von ihnen zuvor schon ein Reisemobil in ähnlicher Preis- und Größenklasse. Sie schwören auf diese Art des Reisens. Und teilen ihre Erfahrungen gern mit anderen Enthusiasten bei gemeinsamen Treffen. Legendär ist die „Morelo open“. Einmal im Jahr stehen 450 Fahrzeuge aller Marken auf dem Firmengelände. Werksführungen werden geboten, Erfahrungen ausgetauscht, Freundschaften geschlossen. Es gibt sogar ein gemeinsames Treffen der Morelo- und Concorde-Freunde.

Dort wird über die Details der Ausstattung diskutiert – die Must-haves und die Nice-to-haves. Die Fußbodenheizung zum Beispiel gehört in der Regel zur Serienausstattung, ein spezieller Weinkühlschrank muss dagegen oft extra geordert werden. Gefachsimpelt wird über die Elektrik und die Vorzüge japanischer Kochfelder. Auch die getönten Scheiben, die vor allzu neugierigen Blicken schützen, sind Thema.

Ausstattung, die nicht nur Reimanns Kunden schätzen. Der Unternehmer ist natürlich ebenfalls regelmäßig in einem seiner Fahrzeuge unterwegs. Manchmal wird daraus dann eine sehr lange, ganz besondere Testfahrt. „Bei minus 36 Grad am Polarkreis muss sich der Abenteurer schließlich auf sein Equipment verlassen können. Das habe ich dort natürlich selbst ausprobiert.“ ®

________________________

Exklusive Luxus-Liner.

Sie alle setzen auf Wohnkomfort, bieten großzügige Bäder, Slide-out-Erker, Designerküchen und sich elektrisch öffnende Garagen. Unterschiede liegen in den Details.

// Bliss Mobil: Die Reisemobile des niederländischen Herstellers sind Expeditionsfahrzeuge im Containerprinzip. Die Aufbauten werden für eine weltweite Verschiffung an gängige Containermaße angepasst. Sie können auf Stützen stehend vom Chassis getrennt und autark betrieben werden. Jedes Mobil ist mit Solarzellen ausgestattet. Alle Systeme sind durch redundante Bauweise doppelt abgesichert. Es gibt sogar eine kugelsichere Version auf Anfrage.

Land Yachting Bliss

// Concorde: Das Unternehen ist mittlerweile europäischer Marktführer im Segment der Luxus-Reisemobile. Flaggschiff ist der zwölf Meter lange und 26 Tonnen schwere Centurion, ausgerüstet mit 476 PS und sechs Zylindern. Viele technische Installationen lassen sich per App steuern.

// Morelo: Zwischen 150000 und mehr als 600000 Euro kosten die Morelo-Mobile. Beraten wird so ausführlich wie beim Bau eines Hauses. Das Konzept nennt sich „Luxus in Serie“. Es bedeutet, dass zwischen verschiedenen Varianten gewählt werden kann.

// Phoenix: Der Anbieter gehört wie Morelo und Concorde zu den großen Drei im Premium-Segment. Als erster Hersteller ist Phoenix von MAN auditiert. Die Umbauten der Fahrgestelle werden mit originalen MAN-Teilen durchgeführt. Die Firma bietet als einer der wenigen Hersteller auch Mobile mit Alkoven.

// Vario Mobil: Die Firma verspricht hundert Prozent Individualität. Deshalb gibt es keinen Fahrzeug-Konfigurator. Wer mag, kann mit bis zu drei ausfahrbaren Slide-out-Erkern den Wohnraum vergrößern. Eine zusätzliche Pkw-Garage wird zentimetergenau dem Wunsch-Zweitfahrzeug angepasst. Im Angebot sind zudem Volvo-Chassis als Unterbau.

// Volkner Mobil: Beim „Performance“ ist die patentierte seitliche Mittelgarage ein echter Blickfang. Hier verschwindet der Sportwagen des Besitzers ganz diskret. Ausgefahren lässt sich die Plattform als Sonnenterrasse nutzen. Die eigens entwickelte Systemsteuerung überwacht alle Aggregate. Die Innenausstattung wird individuell dem Kundenwunsch angepasst (Preis des Vorzeigemodells Performance: rund eine Million Euro).

________________________

Autorin: Miriam Zerbel

Fotos: Volkner // Morelo // Concorde // Bliss Mobil

Pin It

Verlagsanschrift

Private Wealth GmbH & Co. KG
Südliche Auffahrtsallee 29
80639 München

Kontakt

  • Tel.:
    +49 (0) 89 2554 3917
  • Fax:
    +49 (0) 89 2554 2971
  • Email:
    iDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Soziale Medien

         

   email