Weißes Gold.

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082 Gutenberg 4 Bildschirmfoto 2018 12 05 um 14.11.45Abenteuer. Durch den Heliski-Pionier Leo Steiner wurde die ehemalige Goldgräbersiedlung Atlin im äußersten Norden British Columbias zu einem Sehnsuchtsort für Pulverschnee-Enthusiasten. Doch nachdem sein Sohn 2011 in einer Gletscherspalte verunglückt war, blieb der Hubschrauber am Boden. Vor Kurzem hat der Schweizer André Gutenberg die Legende Atlin wiederbelebt. Sein Heliski-Revier ist ein ganz besonderes: rustikaler, wilder, einsamer und schräger als das der „usual Suspects“ im Süden der Provinz.

Endlich ist er wieder in der Luft, der Josef „Josi“ Jennewein aus Pettneu am Arlberg. Mit entschlossenen Gesten dirigiert er den Heli-Piloten durch das wilde Labyrinth aus Gipfeln und Gletschern. Als schon fast das makellos weiße Juneau-Eisfeld an der Grenze zu Alaska erreicht ist, deutet er auf einen Landeplatz, kaum größer als ein Adlerhorst. Wenige Minuten später schwingt seine Gruppe einen perfekt geneigten Hang hinab, der seinem Namen alle Ehre macht: Powder-Bowl.

Jahrelang hatte Ski-Guide Jennewein die Gäste von „Klondike Heliskiing“ zu diesem magischen Ort begleitet. Bis dieses Unglück geschah. Leo Steiner Junior, 47, Chef von Klondike Heliskiing, war im Frühling 2011, mit einer Gruppe von Skifahrern unterwegs gewesen. Die Saison war eigentlich schon gelaufen, er wollte den solventen russischen Gästen nur noch einen Gefallen tun. Während der Skiführer Fotos von den Kunden schoss und dabei einige Schritte rückwärts machte, brach die Schneedecke. Steiner stürzte 35 Meter tief in eine Gletscherspalte. Die „Pulver-Schüssel“ bleib nun fünf Winter lang unberührt.

Damit endete eine Ära. Leo Steiner Senior, galt als einer der Pioniere des Heliskiing in Kanada. Der aus Leogang im Salzburger Land ausgewanderte Steiner war 20 Jahre selbst als Heli-Guide tätig gewesen, ehe er 1994 seine eigene Firma gründete. Er siedelte diese ganz im Norden von British Columbia an, in der ehemaligen Goldgräber-Stadt Atlin, weit weg von den vielen anderen Heliski-Anbietern im Süden der Provinz. „Zuerst wollte ich nur der Konkurrenz aus dem Weg gehen“, erklärte er einmal. „Doch dann merkte ich: Die Natur hier oben ist viel spektakulärer und wilder als im Süden.“

Steiner Senior, inzwischen jenseits der 80, war noch ein Bergführer vom alten Schlag. Sein Sohn hingegen gefiel sich auch als Entertainer und Partylöwe. Seine Gäste liebten ihn dafür, dass sie selbst an einem „Downday“, einem Tag, an dem das Wetter Skifahren unmöglich macht, mit ihm viel Spaß haben konnten. Viele seiner Gäste kamen jeden Winter wieder, obwohl das Atlin Inn, ein historisches Hotel, in die Jahre gekommen war und keineswegs den Standard anderer Heliski-Lodges bot. Aber es war eben authentisch, kein Heliski-Disneyland. Im „Inn“ mit der Saloon-Atmosphäre traten Country-Sänger auf. Der Whiskey wurde mit echten Trappern und Goldsuchern getrunken. Wer vor die Tür ging, blickte auf den zugefrorenen Lake Atlin und die aufs Trockene gelegte M.V. Tarahne, ein Passagierschiff aus der Boom-Zeit Ende des 19. Jahrhunderts.

Vor 130 Jahren lebten in Atlin 10000 Abenteurer, die beim letzten Goldrausch des Hohen Nordens reich werden wollten. Sogar die Arbeiter, die die „White Pass Railway“, die Eisenbahntrasse zwischen Skagway (Alaska) und Whitehorse (Yukon) bauten, ließen alles stehen und liegen, als sie gehört hatten, dass der deutschstämmige Fritz Miller hier den ersten Nugget gefunden hatte.

Natürlich verkaufte Steiner jun. Nostalgie und Historie auch ein bisschen aus der Not heraus, denn für Investitionen fehlte ihm das Geld. Als er 2011 verunglückte, schrieb „Klondike Heliskiing“ rote Zahlen. Weder die eigene Familie noch seine Schwester Helene, übrigens die erste staatlich geprüfte Bergführerin Österreichs, wollten das Unternehmen weiter führen. In Atlin gingen deshalb ein paar Lichter mehr aus.

Den meisten der verbliebenen 450 Einwohner machte dies wenig aus. Sie waren ja hierher an den Rand der Wildnis mit ihren strengen Wintern gezogen, um ihre Ruhe zu haben. Atlin ist deshalb heute eine Art Künstlerkolonie, ein Refugium für schräge Vögel, Zivilisationsmüde und Aussteiger. Es verwaltet sich selbst, einen Bürgermeister gibt es nicht. Etwas lauter wird es nur, wenn im kurzen Sommer das Musikfestival steigt. Nur Len Graf und seiner Frau Edie, den Eigentümern des Atlin Inn, vor hundert Jahren das erste Vier-Sterne-Hotel des Hohen Nordens, wurde es irgendwann dann doch zu ruhig. Die Geschäfte liefen schließlich ziemlich schlecht, seit die Heliski-Gäste im Winter ausblieben.

Die beiden suchten einen „Reanimateur“ und fanden ihn in dem Schweizer André Gutenberg, der in Teslin im Yukon, etwa hundert Kilometer entfernt, eine Ranch besitzt und dort mit seiner Familie die Sommermonate verbringt. Gutenberg hat einen kleinen Hubschrauber, mit dem er bei seinen Ausflügen in die Wildnis ab und an auch in Atlin vorbeischaute, zum Beispiel zum Auftanken. Man kam ins Gespräch, freundete sich an.

Gutenberg, 1970 in Zürich in „nicht wohlhabenden“ Verhältnissen geboren, gilt als echter Selfmade-Unternehmer. Schon als junger Mann reist er viel, ist kommerzieller Taucher, Caterer und betreibt eine Zeit lang einen Falafel-Stand. Mitte der 90er-Jahre gründet er dann die Immobilienentwicklungs-Gesellschaft Immo Trade Eigenheime AG, die sanierungsbedürftige Mehrfamilienhäuser in der Schweiz aufkauft, sie mit neuer Technik veredelt und dann deutlich teurer verkauft oder vermietet. „Ich nahm nie einen Kredit von einer Bank auf. Sämtliche Gewinne habe ich stets reinvestiert, zum Beispiel in Maschinen und Bagger.“ Sein jüngstes „Baby“ ist das ehrwürdige, aber baufällige Hotel Galenstock am Furkapass nahe seiner Wahlheimat Realp im Kanton Uri. Er hat es günstig erworben und will es jetzt nach und nach sanieren, unter anderem mit einem Dreh-Restaurant, das 360-Grad-Panoramen bietet.

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Nebenbei investiert er gemeinsam mit seinem Bruder Daniel in ein israelisches Start-up – Mobileye stellt Software zur Auswertung von Kamerabildern für selbstfahrende Autos her. Gutenberg hatte die beiden Gründer Ziv Aviram und Amnon Shashua im Jahr 2000 auf einer Fähre von Italien nach Griechenland kennengelernt. 2017 kauft Halbleiter-Gigant Intel Mobileye für 15 Milliarden US-Dollar. Es ist bis dahin der größte Exit in der israelischen Hightech-Industrie. Wie viel Gutenbergs Anteil wert war, will er nicht verraten.

Es scheint ihm auch ziemlich egal zu sein. „Ich habe doch sowieso nur zwei Hobbys – Arbeiten und Skifahren.“ Der bekennende Pulverschnee-Junkie kennt Atlin und seine merkwürdigen Bewohner inzwischen hinreichend gut. Und traut sich zu, dort etwas zu bewegen.

Mit seinem kleinen gelben Hubschrauber fliegt Gutenberg das rund 5000 Quadratkilometer große Areal ab, für das die Steiners eine Heliski-Lizenz besaßen. Was er sieht, gefällt ihm: Die Landschaft hier oben, an der Grenze zum Yukon und zu Alaska, ist weit spektakulärer als im Süden der Provinz. Schon der Flug über den zugefrorenen Atlin Lake mit seinen fjordähnlichen Seitenarmen ist ein Erlebnis. Gutenberg merkt aber auch: Die mächtigen Gletscher mit ihren klaffenden Spalten und die schroffen Bergflanken sind kein Terrain, das Fehler verzeiht. Wenn hier am Ende der Welt ein Unfall geschieht, dauert es lange, bis Hilfe kommt.

Trotzdem: Gutenbergs Entschluss steht fest. Die Berge rund um Atlin sollen seine neuen Claims, sein Schürf-Gebiet für das weiße Gold werden. Steiners Lizenz lässt er allerdings verfallen und beantragt selbst eine neue Erlaubnis: „Ich wollte keine Altlasten übernehmen.“

Im Rückblick sei das vielleicht ein Fehler gewesen, räumt der Schweizer heute ein. Denn nun muss er sämtliche Genehmigungen auf eigene Kosten einholen: Studien von Wildbiologen nehmen die Bergziegen-Population in Augenschein; die Jäger und ihre mächtige Lobby müssen ihr Okay geben. Selbst die rund 300 Angehörigen des indigenen Stammes der Taku River Tlingit wittern ein Geschäft: Sie stimmen Andrés Plänen erst zu, als sie ein Schriftstück in Händen halten, das ihnen pro Heli-Tag und Skifahrer eine Prämie zusichert.

Außerdem gilt es, die Grafs davon zu überzeugen, dass das Atlin Inn ein Upgrade braucht: keine Luxus-Lodge soll das Hotel werden, aber ein Ort zum Wohlfühlen nach einem anstrengenden Skitag, mit Sauna und Outdoor-Whirlpool mit Blick auf den See. Und das Skifahren soll hier so sicher wie möglich sein. „Ich ließ eigens ein Team von der Schweizerischen Rettungsflugwacht kommen, das uns half, die Notfallpläne zu perfektionieren.“

Allein: Dort draußen warten Hunderte von Runs in einem Gebiet so groß wie der halbe Kanton Graubünden. Dem Schweizer ist deshalb schnell klar, dass er die Ex-Guides von Leo Steiner für seine Sache begeistern muss. Also fährt er nach Whitehorse, wo „Josi“ Jennewein im Sommer an einem Stand Burritos verkauft. Er überzeugt den Tiroler, der lange Jahre für Steiner gearbeitet hat, sein „GPS-Gedächtnis mit den abgespeicherten Abfahrten“ nun der neuen Company namens „Atlin Heli Sports“ zur Verfügung zu stellen. Auch Peter Sidler, ein Schweizer Auswanderer, der seit mehr als 30 Jahren mit seiner Familie nahe Atlin in einem Blockhaus im Wald lebt und bei der Bergung von Leo Steiner jun. half, ist wieder mit von der Partie. Es kann losgehen …

Eigentlich. Zunächst muss Gutenberg den Plan mit seiner Familie abstimmen. Er ist schließlich verheiratet und hat zwei Töchter im Grundschulalter. Diese sind zum Glück einiges gewohnt. Zu viert waren sie schon wochenlang mit dem Rad durch fremde Länder gefahren. In Teslin, ihrer zweiten Heimat im Yukon, wuchsen die Mädels Noa und Nili – ganz ohne TV und Internet – am Rande der Wildnis wie die Rote Zora und ihre Bande auf.

Und jetzt also Atlin: Gutenberg überzeugt seine deutsche Frau Mira, dass sie für die Heli-Gäste kocht. Auch das ist eine Herausforderung – zeichnen sich doch nicht alle Lieferanten hier durch Zuverlässigkeit aus. Die Töchter werden zu Hause, also im Atlin Inn, von einer Schweizer Auswanderin unterrichtet. Wer bei Altin Heli Sports seinen Urlaub bucht, bekommt den Familienanschluss kostenlos dazu.

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Pünktlich zum Saisonstart im März 2016 ist alles perfekt organisiert. Chris, der „Beaver“-Pilot, steht bereit, um die Heli-Gäste mit seinem Kufen-Flugzeug in die Berge zu fliegen, wo er auf einem zugefrorenen See landen wird, um die langen Transferzeiten zum Skigebiet zu verkürzen. Viele der Stammgäste kehren nun zurück, als sie hören, dass in Atlin wieder Heliski möglich ist. „Wir hatten – wie früher Steiner – sofort wieder die englischen Lords mit ihren Ladies zu Gast. Und auch die Zürcher Privatbankiers auf Jungs-Ausflug fühlen sich hier richtig wohl.“

Das liegt natürlich auch daran, dass ihnen André ein spannendes Downday-Programm anbieten kann. Von früheren Heli-Trips in Kanada weiß er: „Es gibt nichts Langweiligeres als diese nicht enden wollenden Tage, an denen es nichts anderes zu tun gibt, als im Whirlpool zu sitzen, bis die Haut ganz aufgeweicht ist, und aus Frust ein Bier nach dem anderen zu trinken.“ Das wollte er seinen Gästen ersparen.

Diese haben nun die Qual der Wahl: Mit dem Schneemobil die Wälder rund um Atlin unsicher machen und am Lagerfeuer Würstchen und Marshmallows grillen. Oder mit dem Hundeschlitten losziehen. Zum Eisfischen auf den See gehen. Mit Tourenskiern ganz ohne Aufstiegshilfe die umliegenden Berge erobern. Im Dorf-Museum mehr über die „goldenen“ Zeiten von Atlin erfahren. Oder einmal so richtig Gas geben und mit Spikes-bewehrten Sportwagen auf einem Rundkurs über das Eis des Sees fegen.

Natürlich ist das immer nur eine Zugabe zum Powder-Programm. Aber es ist ein interessantes Angebot, wenn das Wetter einmal nicht mitspielt. Und es kostet keinen Cent extra: „Downdays sind bei uns Fundays“, lacht André. Und weil das „weiße Gold“ gleich in der ersten Saison nicht so üppig vom Himmel fiel, war er froh, seine Gäste auf diese Weise bei Laune halten zu können.

Der Schweizer hat seinen Claim sauber abgesteckt. Jetzt muss er die Nuggets nur noch „ernten“. Der Josi vom Arlberg wird ihm dabei ganz sicher helfen. Denn der Tiroler hat in Atlin inzwischen Wurzeln geschlagen. Nachdem er seiner Tara aus Whitehorse das Jawort gegeben hatte, haben sie eine große Party gefeiert – natürlich auf der M.V. Tarahne, mit Blick auf den See. Und das weiße Gold in den Bergen dahinter. ®

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Praktische Infos.

// Allgemeine Informationen

Reisetipps: www.BritishColumbia.travel, Telefon: Tourism BC gebührenfreie Nummer: +1-800-Hello BC (435-5622)

// Anreise

Mit Air Canada (www.aircanada.com) frühmorgens nach Vancouver und am frühen Abend weiter nach Whitehorse. Transfer-Zeit nach Atlin: zwei bis drei Stunden, je nach Straßenverhältnissen

// Veranstalter

Atlin Heli Sports, www.atlinhelisports.com, Telefon-Kontakt in der Schweiz: +41-79-6677660, Preise ab 13.750 CAN$ pro Woche, Details zu den Programmen auf der Website

// Tipp

Eine Heli-Woche lässt sich ideal mit Sightseeing in Vancouver verbinden. Wer vor der Rückreise einige Tage Zeit hat, sollte sich die Metropole am Pazifik unbedingt ansehen. Heli-Skifahrer wohnen standesgemäß im Shangri-La Hotel in Downtown Vancouver: www.shangri-la.com/vancouver/shangrila. Empfehlenswert für die müden Beine nach dem Skifahren: eine Massage im „CHI“, dem preisgekrönten Spa des Hotels. Tourist Info Vancouver:

www.tourismvancouver.com, T: +1 604 682 2222

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Autor: Dr. Günter Kast

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