Zeit für Museen.

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092 Uhren 1 In der Schatzkammer des MuseumsAusstellung. Die Uhrenbranche hat ihre Produkte schon immer stolz in eigenen Museen präsentiert. Seit kurzer Zeit zeigen ein paar spektakuläre, neue Sammlungen besondere Einblicke. Sie sind nicht nur für Uhren-Afficionados eine Reise wert.

Die Gebäude der Uhrenmanufaktur Zenith im schweizerischen Le Locle sind ein Denkmal der europäischen Industriegeschichte. Vor Jahren schon wurden sie sorgfältig restauriert, als Le Locle und das benachbarte La Chaux-des-Fonds zum Weltkulturerbe erklärt wurden. In diesem Sommer hat das Unternehmen nun ein Museum eröffnet, um Besuchern aus aller Welt in Le Locle den Wert manufakturieller Uhrmacherei näherzubringen. Dafür arbeitet Zenith Hand in Hand mit dem Tourismusbund Neuchâtel, der sich für die herb-schöne Region mehr Übernachtungsgäste wünscht und dafür eine „Straße der Manufakturen“ einrichten möchte.

Zenith gehört nach einer sehr wechselvollen 150-jährigen Geschichte zum LVMH-Konzern und kann auf große technische Meriten verweisen – unter anderem präsentierte das Unternehmen 1969 mit dem El Primero eines der ersten automatischen Chronografenkaliber. Im neuen Museum hat Zenith nun etwas ganz Besonderes zu bieten: den Dachboden der Manufaktur, für die Uhrenbranche ein geradezu mythischer Ort, Inbegriff ihrer größten Krise und ihres Wiederaufstiegs.

Als Zenith während der Quarzkrise der 70er-Jahre in die Hände eines branchenfremden US-Konzerns geraten war und dieser die Vernichtung der alten Produktionsmittel anordnete, widersetzte sich der Leiter des Chronografenateliers Charles Vermot. Er versteckte Konstruktionszeichnungen, Werkzeuge und Rohwerke des El Primero unterm Dach, mauerte sie ein – und zauberte sie erst hervor, als mechanische Uhren in den 80ern wieder zum Thema wurden. Konkret suchte Rolex einen automatischen Antrieb für seinen Daytona-Chrono, und Zenith hatte da noch etwas auf dem Speicher.

092 Uhren 2 Zenith

Diese romantische Geschichte von der Renaissance der Feinuhrmacherei steht im Mittelpunkt des Zenith-Museums. Es setzt neben gut gefüllten Vitrinen auf multimediale Installationen, ließ den Dachboden aber glücklicherweise fast unberührt. Etwas unordentlich und staubig liegen dort im Zwielicht alte Rechnungsbücher, Stanzwerkzeuge und Furnituren. Nicht nur Uhren-Fans sind dort von der Präsenz vergangener Zeiten ergriffen – und sehen beim Rundgang durch die aktuelle Produktion deren Fortsetzung.

In den großen Manufakturen wird heute längst mit ganz anderen Mitteln entwickelt und produziert, als es die Museen bisher zeigten. Weil sich die Uhrmacherei nach der Quarzkrise als rein handwerkliche, quasi antiindustrielle Alternative zum elektronischen Massenprodukt etabliert hatte, wurde Besuchern der Werkstätten lange Zeit nur ungern der moderne Maschinenpark präsentiert. Automatisierung war ein Tabu, auch wenn CAD-Arbeitsplätze und CNC-Fräsen nicht nur höhere Stückzahlen, sondern auch größere Präzision gewährleis­ten, als dies bei manueller Fertigung möglich wäre.

Eine neue Generation von Managern stellt sich jetzt anders dar, zeigt stolz das Equipment, mit dem avancierte Mikromechanik produziert wird. In Schaffhausen hat IWC gerade eine neue Manufaktur gebaut. Sie ist so angelegt, dass jährlich mehrere tausend Besucher den Weg der Produktion beobachten können. Sie sehen dort natürlich viel Handarbeit – in perfekt isolierten Reinräumen –, aber auch Steinsetz-Automaten und Roboter, die traditionelle Schliffe auf Werksbrücken und Platinen setzen.

Der junge IWC-CEO Christoph Grainger-Herr demonstriert Spitzen-Uhrmacherei als Hightech-Erlebnis. Ganz in der Nähe, am Hauptsitz der Manufaktur, führt der Historiker David Seyffer das kleine IWC-Museum. Er hat bereits seine Gründung 2007 begleitet „mit den üblichen Reibereien zwischen Architekten, Szenografen, Historikern und Eigentümern. Aber die sind wahrscheinlich notwendig, damit etwas Bemerkenswertes entsteht.“

092 Uhren 3 IWC

Die Präsentation der mehr als 200 Ausstellungsstücke wird begleitet von einem ungewöhnlichen Audio-Guide und Installationen, die den mechanischen Charakter erfahrbar machen. „Auch wir müssen mit der Zeit gehen“, weiß Seyffer, „der Trend geht zum Entertainment. Und renommierte Museen zeigen, dass das gar nicht im Widerspruch zur Kulturvermittlung steht. Schließlich nutzt ja auch das British Museum Virtual Reality. Diesen Weg werden wir ebenfalls gehen.“ Bislang kommen etwa 7000 Besucher pro Jahr, aber seit der Eröffnung der neuen Manufaktur steigt deren Zahl. „Und sie kommen mit neuen Fragen, wollen wissen, was denn die moderne Fertigung noch mit klassischer Uhrmacherei zu tun hat“, erzählt Seyffer. „Dann können wir hier demonstrieren, dass gerade die Automatisierung in der Tradition des Firmengründers Florentine Jones steht – und dass es andererseits Prozesse gibt, die Maschinen gar nicht leisten können. Deshalb haben wir hier im Museum auch einen Uhrmacherarbeitsplatz, an dem die Besucher die Arbeit mit den winzigen Teilen aus der Nähe beobachten können. Egal, wohin wir uns entwickeln, der Uhrmacher bleibt.“

Die größte Museums-Neugründung des Jahres fand abseits der Uhren-Hotspots statt: im Schwarzwald-Städtchen Schramberg. Dort ist Junghans ansässig, ehemals der nach Stückzahl größte Uhrenhersteller der Welt. Vor 100 Jahren ließ sich das Unternehmen eine ungewöhnliche Produktionsstätte errichten, einen riesigen Terrassenbau, dessen Fensterfronten hunderten Mitarbeitern ideales Licht bei der Werksmontage boten und dessen Treppenhaus-Struktur etwas Surreales hat.

092 Uhren 4 Junghans

Vom schwächelnden Hersteller aufgegeben, stand das denkmalgeschützte Gebäude über viele Jahre leer. Schließlich erwarb es der Schramberger Unternehmer Hans-Jochem Steim, dem heute auch Junghans gehört. In zwei Jahren wurde das Haus aufwendig saniert, mit einem gläsernen Schrägaufzug versehen und in ein Museum umgewidmet. Arkas Förstner begleitete die Arbeiten als Innenarchitekt – und blieb als Museumsleiter. Er erklärt, wie die riesige und ungewöhnlich strukturierte Fläche bespielt wird: „Es sind neun Terrassen, je 42 Meter lang, aber nur 4,50 Meter breit. Insgesamt haben wir knapp 2000 Quadratmeter zur Verfügung. Als Grundstock hat die Familie Steim die Sammlung Engelmann angekauft. Sie dokumentiert jetzt auf vier Terrassen die Entwick­lung der Schwarzwälder Uhrenproduktion.“

Zu den gezeigten Exponaten gehören unter anderem frühe Automaten. Wenn heute zur vollen Stunde Johannes der Täufer mit ein bis zwölf Schlägen geköpft wird, spiegelt sich darin Volksglaube genauso wie technischer Spieltrieb. Der Weg führt weiter abwärts durch die Terrassen zur umfangreichen Junghans-Sammlung. Hier sind nicht nur Uhren, sondern auch alte Werbemittel der ehemaligen Welt-Firma sowie außergewöhnliche Maschinen zu sehen.

Der Terrassenbau ist wohl das einzige Uhrenmuseum, in dem sogar eine Produktionsstraße für Uhrenquarze gezeigt wird, vom Bergkristall bis zum elektronischen Bauteil. „Wir versuchen hier gar nicht, ein romantisch verklärtes Manufaktur-Bild zu entwerfen. Junghans stand immer für industrielle Fertigung und nicht für hochpreisige Feinuhrmacherei“, erklärt Museumsleiter Förstner, „deshalb ist das Haus auch stolz auf seine elektrischen und elektronischen Uhren.“

1000 bis 1500 Besucher kommen momentan pro Monat. Das ist natürlich ausbaufähig, aber schließlich macht das Museum kaum Werbung. „Wir haben auch noch viel zu tun“, sagt Förstner, „wir müssen die Junghans-Sammlung sorgfältig inventarisieren. Wir wollen hier wissenschaftliche Arbeit ermöglichen. Und zukünftig soll auch das Gebäude selbst stärker thematisiert werden.“ Denn bereits nach ein paar Monaten zeigt sich klar, welches Exponat die Besucher am meisten fasziniert: der einmalige Terrassenbau.

In einem bedeutsamen historischen Gebäude residiert auch das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte: in der alten Uhrmacherschule, die das Ortszentrum dominiert. Elektronisches gibt es dort allerdings nicht zu sehen. „Das ist einfach nicht unsere Tradition, wir zeigen Mechanik“, sagt Museumsleiter Reinhard Reichel.

Im Jahr 2008 als gemeinsame Stiftung der Marke Glashütte Original und der Stadt eröffnet, umfasst die Ausstellung etwa 500 Glashütter Zeitmesser, alte Taschenuhren, Stücke aus DDR-Zeiten und die Produkte der zehn in Glashütte ansässigen Marken. „Natürlich kommen viele Sammler und Fachpublikum zu uns, immer wieder, schon wegen der Sonderausstellungen“, erklärt Reichel, „aber wir können auch Touristen begrüßen, die auf dem Weg nach Prag sind oder eine Busrundreise durch die Sächsische Schweiz unternehmen. Wir bieten Führungen in fünf Sprachen.“

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Etwa 35000 Besucher kommen pro Jahr ins Haus. Das Museums-Team sieht sich in der Pflicht, ein „fördernder Faktor für die Uhrmacherei“ zu sein und hat darum eine besondere Zielgruppe ausgemacht: die Kinder. „Das Thema haben wir zu Beginn völlig unterschätzt“, erinnert sich Reinhard Reichel. „Jetzt sind Kinderprogramme ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Bei uns können sie am Zeichentisch eigene Uhren kreieren, wir haben an Halloween eine Taschenlampenführung durchs Museum gemacht – ich war selbst ganz beeindruckt, wie anders die Goldgehäuse und Lagersteine dann funkeln. Und die größeren Kinder können sich mit Lupe und Pinzette am Werktisch ausprobieren.“

Dabei will Reichel nicht nur „mehr Erlebnis bieten“. Er hofft auch darauf, dass sich der ein oder andere Jugendliche überlegt, das alte Handwerk zum Beruf zu machen. So arbeiten Museen mit an der Zukunft der Uhrmacherei. ®

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Eine Zeit-Reise wert.

 

// Uhrenmanufaktur Zenith

Rue de Billodes, CH-2400 Le Locle

Dreistündige geführte Besichtigungstour (mehrsprachig) durch das Museum und die aktuelle Uhrenfertigung, freitags, Beginn um 9 Uhr. Anmeldung erforderlich bei www.explorewatch.swiss

 

// Uhrenmanufaktur IWC

Baumgartenstrasse 15, CH-8201 Schaffhausen

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9 bis 17:30 Uhr

Samstag 9 bis 15:30 Uhr

 

// Junghans Terrassenbau Museum

Lauterbacher Straße 68, 78713 Schramberg

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

 

// Deutsches Uhrenmuseum Glashütte

Schillerstraße 3a, 01768 Glashütte

Montag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr (24.12.2018, 08.01. bis 12.01. 2019 geschlossen); bis 06.01.2019 Sonderausstellung zur Geschichte der Glashütter Uhrmacherschule

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Autor: Jan Lehmhaus

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