Seid mutig.

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102 Williams 1Zivilcourage. Der Aktivistin Jody Williams gelang, wozu die Vereinten Nationen nicht in der Lage waren – die Staatengemeinschaft zu einem Verzicht auf Landminen zu bewegen. Dafür erhielt sie vor knapp 20 Jahren den Friedensnobelpreis. Seitdem tourt sie durch die Welt, um die Menschen aufzurütteln. Denn was sie kann, können auch andere.

„Hi, I’m Jody!“ Die Amerikanerin hat einen festen Händedruck. Sie geht von Stuhl zu Stuhl, von Reihe zu Reihe. Grüßt jeden Einzelnen im Auditorium, Zuhörer für Zuhörer. „Hi, I’m Jody!“

Dabei weiß jeder, der zu ihrem Vortrag angereist ist, wer sie ist. Jody Williams. Denn um sie zu hören, sind die Menschen gekommen. Eine Stiftung aus Norditalien und das „Zentrum für den Frieden“ haben dazu eingeladen.

Endlich ist Jody mit ihrer Begrüßungsrunde zu Ende. Sie nimmt vorne auf dem Podium Platz, zwischen Simultanübersetzerin und Gastgeber. „Why are you here?“, fragt sie nun in den Saal. „Warum sind Sie hier?“

Jody Williams ist eine Ikone. Sie, eine einfache Lehrerin aus Vermont, Neuengland, USA, erhielt 1997 den Friedensnobelpreis. Gemeinsam mit der von ihr gegründeten Organisation  „International Campaign to Ban Landmines“, zu Deutsch „Internationale Kampagne zur Ächtung von Landminen“ hatte sie maßgeblich dazu beigetragen, dass Landminen heute in weiten Teilen der Welt nicht mehr eingesetzt werden.

„Ich startete bei Null“, sagt sie, „als ich 1992 anfing, hatte ich null Mitarbeiter und kaum Ressourcen. Fünf Jahre später hatte ich eine weltweite Kampagne laufen und die Landminen wurden weltweit geächtet.“ 164 Staaten haben bis heute das Abkommen unterzeichnet und ratifiziert. 32 Länder haben bisher nicht unterschrieben. Es sind asiatische Länder wie China, Bangladesch, Pakistan und Russland. Einzelne Länder aus Nordafrika wie Ägypten oder Libyen sind dabei. Und die USA.

„Why are you here?“, fragt Jody Williams erneut in die Runde und die Absätze ihrer roten Cowboy-Stiefel klackern auf dem Parkettboden.

Ein Mann ist hier, der sich darüber ereifert, dass in seiner Heimatgemeinde Panzer hergestellt werden, die an Russland verkauft wurden und in Syrien zum Einsatz kamen, um die Truppen von Bashir Al-Assad zu unterstützen. Lehrerinnen sind da, die später ihren Schülern von der Begegnung mit einer Friedensnobelpreisträgerin erzählen wollen. Anwälte sind gekommen, um mehr über die Funktionsweise internationaler Kampagnen zu lernen. Vereinzelte Hausfrauen. Und drei Klosterschwestern, die den irdischen Frieden nicht ausschließlich in Gottes Hände legen wollen.

Das ist Jody Williams’ Publikum. Die Vergabe des Nobelpreises ist jetzt knapp 20 Jahre her.  Doch Williams hat sich nicht zurückgelehnt, um sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Seit 20 Jahren tourt sie durch die Welt, um die Menschen aufzurütteln. Um ihnen Mut zuzusprechen. Um ihnen zu sagen: „Was ich gemacht habe, das könnt ihr auch.“

Jody Williams’ zentrale Botschaft lautet: Seid ihr unzufrieden? Seid ihr besorgt? Seid ihr nicht einverstanden mit dem Lauf der Dinge? Gut, dann tut etwas. Steht auf. Schließt euch zusammen. Sagt, dass es reicht. Ihr habt die Macht, Dinge zu verändern.

Sobald eine kritische Masse an Menschen sich zusammentut, kann Wandel stattfinden. Aber immer muss einer den Anfang machen. Ein Einzelner oder eine Handvoll mutiger Menschen, denen sich dann andere anschließen können.

„Erinnert ihr euch an die Geschichte mit Google?“, fragt Jody Williams in die Runde. Google, dessen Motto jahrelang „Don’t be evil“ war, um es dann in „Do the right thing“ umzumünzen.

US-amerikanische Aufklärungs- und Kampfdrohnen sollten schon länger mittels automatisierter Bilderkennung Ziele wie Menschen, Gebäude oder Autos identifizieren und zerstören können. Doch die Fehlerquote lag bei 40 Prozent. Also holte das Verteidigungsministerium Google an Bord. Mithilfe künstlicher Intelligenz sollten die Ergebnisse verbessert werden. Im Sommer 2017 unterzeichnete Google einen Deal mit dem US-amerikanischen Verteidigungsministerium. Projektname: Maeven. Der Konzern aus dem Silicon Valley hatte schließlich viel Erfahrung mit künstlicher Intelligenz. Seine Algorithmen – und seine Wissenschaftler – sollten nun für das amerikanische Militär arbeiten. In internen Mails forderte Google strikte Geheimhaltung. Der ­Deal gelangte dennoch an die Öffentlichkeit – dank mutiger Mitarbeiter. Zwölf Angestellte kündigten daraufhin aus Protest. Weitere 4000 Mitarbeiter forderten Google in einer Petition auf, sich nicht am Kriegs-Business zu beteiligen. 830 internationale Wissenschaftler und Ethiker kritisierten die Führung von Google in einem offenen Brief.

Zum Schluss gab Google nach. Einige wenige Menschen waren aufgestanden und hatten gesagt: Nein. Nicht mit uns. Tausende weitere Menschen hatten sich angeschlossen. Am Ende hatte ein milliardenschwerer Konzern eingelenkt.

In der Folge verpflichteten sich die ­CEOs von 236 amerikanischen Tech-Firmen, jetzt und künftig nicht für militärische Zwecke zu arbeiten. Tausende von Wissenschaftlern taten es ihnen gleich. „Das“, sagt Jody Williams, „ist Aktivismus. Und das ist etwas, das jeder machen kann, unabhängig von Wohlstand, Bildung, Status oder Rasse. Es braucht nur Mut.“

Mut bewies auch der US-amerikanische Football-Spieler Colin Kaepernick, als er sich vor rund zwei Jahren niederkniete, während sein Team vor einem Spiel die amerikanische Nationalhymne sang. Der farbige Spieler wollte damit gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA demonstrieren. Weitere Footballer folgten seinem Beispiel, knieten sich während der Nationalhymne nieder oder erhoben ihre Faust zum Zeichen des Protests. Mit einem Mal war der Rassismus in den USA nicht mehr ein Tabu, sondern ein Thema, das die Gesellschaft bewegte und gegen das zu kämpfen sie bereit war. 

Colin Kaepernick erhielt daraufhin Morddrohungen von aufgebrachten weißen Fans und er verlor seinen Job. Kein Verein wollte ihn mehr verpflichten. Doch dann stellte sich Nike hinter ihn. Der US-amerikanische Sportartikelhersteller engagierte Kaepernick für einen zweiminütigen Werbespot, der pünktlich zum Start der neuen Football-Saison gesendet wurde. Und gab damit ein Statement ab. Auch das ist eine Spielart von Aktivismus.

Längst schon liegt die Macht nicht nur in den Händen von Politikern und Staatschefs. Die wahren Strippenzieher sind die internationalen, die globalen Konzerne. Und sie – das ist das Entscheidende –, sie können durch die Macht der Konsumenten dazu gebracht werden, Stellung zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen und auf die Politik einzuwirken. Sie können so zu einem entscheidenden Faktor werden. Denn nationale Interessen machen es für die politischen Akteure zunehmend schwieriger, die großen, globalen Herausforderungen zu bewältigen. Ein Beispiel dafür ist das Problem der Erderwärmung. Die Klimakonferenzen der Vereinten Nationen haben in der Vergangenheit deutlich gezeigt, wo die Grenzen dieser Institution liegen.

„Der Einfluss der fünf Veto-Mächte ist mittlerweile viel zu stark geworden“, sagt Jody Williams. Sind Russland, die USA, China, Großbritannien oder Frankreich mit einem Beschluss der Vereinten Nationen nicht einverstanden, können sie sein Zustandekommen verhindern – mit einer einzigen Stimme. Gerade Russland und die USA machten von diesem Recht ausgiebig Gebrauch. 

Ähnlich wie es damals den Vereinten Nationen nicht gelungen war, den Einsatz von Landminen zu ächten, bedarf es heute bei der Bekämpfung der Klimakrise des Einsatzes und der Initiative auf anderen Ebenen.

Ein gutes Beispiel dafür ist der „Climate Action Summit“, ein nicht-institutioneller Klima-Gipfel, der im September 2018 in San Francisco stattfand. Hier verpflichteten sich nicht Staaten zur Reduktion des CO2-Ausstoßes, sondern kleinere, lokale Akteure. Ein ähnliches Ziel hat die Initiative RE100, der mehr als 150 weltweit tätige Unternehmen angehören. Sie wollen bis 2020 ihren Energiebedarf ausschließlich zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien decken. Ikea ist dabei, ebenso wie Coca-Cola, H&M oder BMW. Oder die „Under2Coalition“, der sich mehr als 200 Lokalregierungen angeschlossen haben und die auf Betreiben der Regierungen von Baden-Württemberg und Kalifornien entstand. Oder das „Global Covenant of Mayors“, zu dem mehr als 9000 Bürgermeister zählen.

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All diese Initiativen haben ein Commitment abgegeben, freiwillig den Ausstoß von CO2 zu reduzieren. Und zwar ab sofort. Sie können in Summe mehr bewirken als die schwerfälligen Gremien internationaler Institutionen.

Auch Kapital – und dessen Macht – wird heute als Mittel und Instrument eingesetzt. 2012 gründete der Umweltaktivist Bill McKibben die sogenannte Divestment-Bewegung. Sein Anliegen: Investoren, Aktionäre, Staats- und Pensionsfonds, ja selbst die Kirchen dazu zu bewegen, nicht länger in Unternehmen zu investieren, die ihr Geld mit fossilen Brennstoffen verdienen.  

Mit Erfolg. Laut McKibben sind seit Beginn seiner Kampagne mehr als 7000 Milliarden Dollar aus fossilen Unternehmen abgezogen worden. Die Rockefeller-Stiftung hat ein Vermögen in der Höhe von einer Milliarde Dollar umgelagert, ebenso der norwegische Staatsfonds. Viele britische und amerikanische Universitäten haben sich der Bewegung angeschlossen, in Deutschland die Uni Göttingen. Die Stadt New York ist dabei, und Irland ist das erste Land der Welt, das sich für einen kompletten Ausstieg aus fossilen Investments ausgesprochen hat. Auch einzelne Unternehmen beteiligen sich an der Kampagne. So versichert die Allianz seit Mai 2018 keine Kohleunternehmen mehr.

Auch der Trend zu nachhaltigen Anlagen zielt in diese Richtung. Mittlerweile sind weltweit schon mehr als 25 Billionen US-Dollar nach Kriterien angelegt, die Umweltschutz, soziale und gesellschaftliche Belange sowie eine gute Unternehmensführung ins Kalkül ziehen. Und das Volumen von Finanzprodukten, bei denen die klassischen Kriterien Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit durch ökologische und soziale Aspekte ergänzt werden, wächst jedes Jahr mit zweistelligen Raten. Dabei gewinnt besonders das Engagement – der Dialog mit Unternehmen zu Nachhaltigkeitsfragen – an Bedeutung.

Investoren können viel bewirken, wenn sie an einem Strang ziehen. Der Abzug von Kapital schwächt nicht nur den Aktienkurs. Auch die Aufnahme von Fremdkapital wird schwieriger. Und die soziale Akzeptanz schwindet. Damit reduziert sich der politische und ökonomische Einfluss. Der Druck, das Verhalten zu ändern, wächst.

Um das Aushöhlen sozialer Akzeptanz geht es auch bei der Kampagne „Who made my clothes?“. Während die Divestment-Bewegung Kapital einzelner großer Investoren umleitet, wollen bei dieser Kampagne viele kleine Leute Großes bewegen. Nachdem am 24. April 2013 das Rana Plaza in Bangladesch einstürzte und 1135 Menschen – hauptsächlich Textilnäherinnen – getötet wurden, gründeten die Modedesignerinnen Cary Somers und Orsola de Castro die Bewegung „Fashion Revolution“.

Durch die Frage „Who made my clothes?“, zu Deutsch „Wer hat meine Kleider genäht?“, wollen sie ein Bewusstsein für die unsicheren und ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse in der Modebranche schaffen und die Hersteller zu mehr Transparenz verpflichten.

Die Kampagne hat sich mittlerweile weltweit ausgedehnt. Der 24. April wurde zum „Fashion Revolution Day“. Millionen Menschen aus knapp 70 Ländern beteiligen sich mit Events, Flashmobs und Posts daran. Sie tragen an diesem Tag ihre Kleidung auf links, um auf das Etikett „Made in …“ aufmerksam zu machen.

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Alles begann mit zwei Frauen, die sich Gedanken darüber machten, wer ihre Kleidung genäht hatte – wer und vor allem, unter welchen Bedingungen. Fünf Jahre später stellen sich Millionen von Konsumenten diese Frage und zwingen dadurch auch die Hersteller, ihre Produktionskette zu überdenken. 

„Veränderung“, sagt Jody Williams, „beginnt immer damit, dass ein Problem oder ein Missstand sichtbar gemacht wird und dass die Gesellschaft anfängt, dafür ein Bewusstsein zu entwickeln.“

Gemeinsam mit fünf weiteren Frauen, die ebenfalls mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden sind, gründete Jody Williams 2006 die „Nobel Women’s Initiative“. Ihr Ziel: Durch ihre Kenntnisse und ihre Netzwerke Frauengruppen auf der ganzen Welt bei ihren Kampagnen für Menschlichkeit, Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit zu unterstützen.

102 Williams 2 Nobel Women 2103 a credit John Murphy Aurora PA copy

„Wir reisen“, erzählt Jody Williams, „in die Demokratische Republik Kongo, wo Vergewaltigungen systematisch als Waffe gegen Frauen eingesetzt werden. Wir touren durch Mexiko und Lateinamerika, der Region, in der weltweit am meis­ten Frauen getötet werden. Wir besuchten die Rohingya in den Flüchtlingslagern in Bangladesh.“ Frauen, dessen ist sich Jody Williams sicher, sind der Schlüssel für den Frieden. Frauen und ihre Bewegungen weltweit zu unterstützen, bedeutet, den Frieden weltweit zu stärken.

„Jeder von euch“, sagt Jody Williams, „ist Teil einer Gruppe, die für ein größeres Ganzes steht. Jeder von euch kann entscheiden, weiterzumachen wie bisher. Oder seinen Einfluss in der Gruppe der Wähler, der Konsumenten, der Arbeitnehmer, der Arbeitgeber, der Steuerzahler, der Aktionäre zu nutzen, um die Dinge, die euch wichtig sind. in eine andere Richtung zu lenken.“

Der Vortrag ist zu Ende. Jody Williams, eben noch strotzend vor Energie, scheint mit einem Mal müde. Abgekämpft. Noch einmal klackern die Absätze ihre roten Cowboy-Stiefel auf dem Parkett. „Seid mutig“, sagt sie zum Abschluss. „Vergesst nicht: Ihr alle habt die Möglichkeit, die Welt zu verändern.“ ®

Autorin: Sabine Holzknecht

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