• Antje Annika Singer

Unsere kleine Farm.

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Plant-it-yourself. Das Start-up BerlinGreen will das einfache Kultivieren von Salat und Kräutern zu Hause oder im Büro leicht machen. Es bringt so den weltweiten Trend des Urban Gardening nach Deutschland.

„Sich den Traum von einem Haus mit Garten auch nur in der Nähe einer Stadt zu erfüllen, ist in unserer Generation kaum noch realistisch“, stellt Filip Wawrzyniak, Gründer des Start-ups BerlinGreen, nüchtern fest. „Die Sehnsucht, Lebensmittel selbst anzubauen, ist aber weiter vorhanden. Wir bringen den Garten deshalb in die Wohnungen.“

Und so wird sie aussehen, seine GreenBox, wenn sie im Januar 2019 auf den Markt kommt: ein Design-Stück aus Holz und Acryl, angelehnt an die Form eines rechteckigen Einkaufskörbchens mit geradlinigem Henkel. In dem Körbchen finden zehn Blöcke Kokosnusssamen Platz, auf denen innerhalb von drei bis fünf Wochen Salat- und Kräuterpflänzchen gedeihen.

„Wir setzen auf Kokosnussfasern als Samenblock, da sie sich bei Hydrokulturen bewährt haben“, präsentiert Filip Wawrzyniak seine Erfindung. „Ihr Vorteil: Sie nehmen die für die Pflanzen notwendigen Nährstoffe ideal auf, sind organisch und somit umweltfreundlich zu entsorgen, und das Pflanzen mit ihnen ist vor allem eines: sauber! Keine Erde im Haus und damit auch keine Schädlinge, die dem frischen Grün zu Leibe rücken.“ Es werde zunächst fünf Sets hauseigener Saatmischungen geben – in Bio-Qualität, versteht sich.

Ein in die Box integrierter Zwei-Liter-Wassertank versorgt die Indoor-Farm konstant mit Feuchtigkeit. Sensoren und ein Microcomputer geben dem Besitzer über eine App rechtzeitig Bescheid, wann es Zeit ist, Wasser nachzufüllen. Ein weiteres Plus: In die GreenBox integriert ist eine Lichtquelle. In erster Linie ist diese natürlich für die Pflanzen wichtig. „Aber auch zur Beleuchtung und bewussten Raumgestaltung ist die Box ein echter Hingucker“, erklärt der 29-jährige gebürtige Pole. „Manche Probanden haben sie sogar als Sonnenwecker programmiert. Denn das LED-Licht simuliert – im Gegensatz zu Blau- oder Rottönen in Gewächshäusern – das angenehme Weißlichtspektrum der Sonne und bescheint bis zu 13 Stunden lang die Pflänzchen sowie ganz nebenbei den jeweiligen Raum.“

Die Anpflanzungen vertragen durchaus auch reales Tages- und Sonnenlicht, können also auch in Fensternähe stehen. Kritischer wird es nur bei extremeren Temperaturschwankungen. Konstante 20 Grad Celsius sind die Idealbedingung, um regelmäßig ernten zu können. Damit der Vitamin-Strom aus der eigenen Farm nicht abreißt, wird der Nachschub von zehn Samenblöcken automatisch monatlich nach Hause geliefert.

Das befriedigende Gefühl, sich die Hände mit Mutter Erde schmutzig gemacht zu haben und seine Pflänzchen jahreszeitenbedingt zu hegen und pflegen, mag sich mit der GreenBox vielleicht nicht einstellen. Doch das Erfolgserlebnis der eigenen Ernte sowie die Frische der Produkte bleiben dem Indoor Farmer – und ein etwas besseres Gewissen. „Die weiten Wege zwischen landwirtschaftlichen Anbauflächen und der eigenen Küche fallen weg“, betont Wawrzyniak, „es ist doch absurd, wenn Küchenkräuter im Topf in Massen im Mittelmeerraum aufgezogen und dann quer durch Europa in die Supermärkte transportiert werden – nur, damit sie unter unseren Klimabedingungen an den Küchenfenstern in Kürze verkümmern.“

Weiter gedacht, bleibt das Prinzip der GreenBox nicht auf Salate und Kräuter beschränkt. Zum einen wird das Sortiment um (essbare) Blumen bis hin zu Cherry-Tomaten und Chili-Pflänzchen stetig weiterentwickelt. Auch soll es in naher Zukunft ein eigenes Angebot für Grundschulen geben, um Schülern mit erweiterter Software und interaktiven Spielen biologisches Wissen zu vermitteln. Zum anderen verfolgt der Gründer zusätzlich die Vision einer Green Wall. „Sie wird nicht nur zur frischen Ernte dienen, sondern vor allem zur flächigen Begrünung von Wänden in Verkaufsräumen, Büros, Restaurants und Wohnungen einsetzbar sein. Interessant wird das für all diejenigen, die generell bei ihrem Sortiment und Gesamtauftritt Wert auf Design und Nachhaltigkeit legen.“  

Filip Wawrzyniak hatte sich schon nach seinem Architekturstudium in Posen, Hamburg und Berlin intensiv mit innovativen Öko-Konzepten und Entwick­lungen zukünftiger Städte auseinandergesetzt. „Die Kernfrage war dort: Wie lassen sich städtische, intensiv genutzte Räume effizient mit Natur und ausreichendem Erholungswert für die Bewohner verbinden?“ Das allerdings betraf immer nur den öffentlichen Raum. „Mich interessierte zusätzlich die individuelle, private Komponente – wie können wir Grün, Kräuter und Salate zu jedermann nach Hause bringen?“

Gemeinsam mit seiner Jugendfreundin aus Posen, Olga Blaszak, setzt er Anfang 2018 diese Idee in die Tat um. „Wir wollten uns schon immer selbstständig machen. Erst arbeiten, Erfahrungen sammeln und dann ein Unternehmen gründen“, erinnert sich die 26-jährige Bauingenieurin, die in London und Aachen studierte.

Vor allem im angelsächsischen Raum ist Urban Gardening schon lange ein Trend. Studien der Harvard und der Exeter University belegen: Ein Arbeitsumfeld ohne natürliches Grün wirkt sich ermüdend aus. „Ich habe das selbst erlebt. Darum war ich auch sofort davon begeistert, die Natur in Stadtwohnungen und Büros zu bringen“, erzählt Blaszak.

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Um gleichzeitig die veganen und bewuss­teren Ernährungsansprüche einer jungen Bevölkerung zu befriedigen, sind in den USA bereits mehrere Firmen mit ähnlichen Ansätzen entstanden: Farmshelf bietet zum Beispiel ganze Regaleinheiten zur Aufzucht von je 288 Salatpflänzchen und Kräutern für die Gas­tronomie an. Aerogarden setzt auf kleine Einheiten und richtet sich an Privathaushalte. Doch bis nach Europa reicht deren Arm noch nicht. „Darum müssen wir schnell sein. Wenn wir es nicht machen, machen es andere“, schmunzelt Olga Blaszak. Auch hierzulande gibt es schließlich schon Konkurrenz. Infarm, ein weiteres Berliner Start-up, zieht an 56 Standorten deutschlandweit frisches Gemüse und Kräuter direkt im Supermarkt, in Restaurants oder Einkaufszentren hoch. Urbane Gemeinschaftsgärten und diverse Initiativen für die Verpachtung von Miniparzellen zum Eigenanbau haben großen Zulauf. „Das unterstreicht, wie stark das Bedürfnis der Städter nach regionalen, gesunden Lebensmitteln ist. Sie achten immer mehr auf deren Herkunft und Aufzucht. Lokal ist das neue Zauberwort und am lokalsten ist nun mal zu Hause oder im Büro“, fasst die junge Unternehmerin zusammen.

Auf der Suche nach Testpersonen für zehn Prototypen meldeten sich in kürzes­ter Zeit knapp 300 Interessenten. Diese positive Resonanz gab dem jungen Team Bestätigung. In nur drei Monaten war der erste Prototyp fertig. Gebaut in offenen Werkstätten, finanziert durch ein kleines Stipendium von Climate KIC und deren Greenhouse-Programm mit einem einmaligen Zuschuss von wenigen tausend Euro.

Unternehmerisch stehen die Gründer nun noch vor einigen Herausforderungen. Derzeit erhalten sie das „Berliner Startup Stipendium“, ausgeschrieben von mehreren Berliner Hochschulen. In diesem Zusammenhang können sie bis September 2019 Arbeitsplätze sowie Labore nutzen. Zudem erhalten sie von den beteiligten Hochschulen umfangreiches Mentoring und Coaching bei der Markteinführung. Die Produktionsstätten in Polen stehen bereits fest. Dann soll sich der Heimvorteil der Gründer auszahlen – schließlich ist die Herstellung günstiger als in Deutschland bei dennoch hoher Qualität. „Alle weiteren erforderlichen Strukturen entstehen gerade“, gibt Filip Wawrzyniak Einblick in den momentanen Status. „Für die Zeit nach dem Stipendium sind wir noch auf der Suche nach einem strategischen Investor und Partner, der uns sowohl mit einer Anschubfinanzierung bei der Produktion unterstützt, als auch mit seinem unternehmerischen Know-how zur Seite steht.“ Dann stünde der (R)Evolution des städtischen Gartenanbaus nichts mehr im Wege. ®

Autorin: Antje Annika Singer

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