Helfer ohne Grenzen.

Print Friendly, PDF & Email

Soziales Engagement. Benno Röggla hat als Unternehmer alles erlebt – Aufbau, Konkurs, Neustart. Dann entscheidet er sich für ein ganz anderes Leben. Der Südtiroler verkauft sein Haus, stellt den Geschäftsbetrieb ein und will nur noch das tun, was ihn wirklich bewegt: den verfolgten Minderheiten aus Myanmar ein Überleben ermöglichen.

Als Chaung Khu 1983 in Birma geboren wird, herrscht seit 21 Jahren Krieg in dem abgeschotteten Land. Die Militärdiktatur versucht, nach Vorbild von Mao Tse-Tung ein sozialistisches Mus­terland aufzubauen. Ethnischen Minderheiten, die ihre Kultur leben wollen, dro­hen Arbeitslager, Gefängnis oder Tod.

Chaung Khu gehört zu der Volksgruppe der Karen, einem Bergvolk, das zu einem Teil christlichen, zum anderen Teil buddhistischen Glaubens ist. Ihr Vater engagiert sich gegen das Militär – Flucht und Gewalt sind die alltägliche Folge für die Familie. „Ich habe mit anderen Kindern oft neben toten Menschen gespielt, immer das gleiche Spiel: kämpfen, foltern, töten. Das war meine Realität.“

Benno Röggla ist 1983 als Junior Product Manager bei Unilever in Wien tätig und hat mit seinen 26 Jahren bereits klare Vorstellungen, wie er leben möchte: „Ich wollte gutes Geld verdienen, viel reisen und ein schönes Leben haben“, erzählt er. Daran denkt er, als er sich 1986 mit einer Marketingberatung selbstständig macht und später mit seinem Bruder das PC-Unternehmen Infomax in Bozen aufbaut. „Wir haben Profitmaximierung betrieben wie alle und wir waren recht erfolgreich.“ Er klingt, als wäre diese Zeit 100 Jahre her. 

Röggla heiratet 1985, bekommt zwei Jahre später einen Sohn – sein Leben läuft gut. Er beschäftigt in seinen Firmen 60 Mitarbeiter, mit denen er 1992 rund sieben Millionen Euro Jahresumsatz erzielt. Doch 1994 geht Infomax in den Konkurs, was Benno Röggla noch ein gutes Jahr beschäftigt. „Dann war die richtige Zeit gekommen“, erzählt Röggla, „um mich zurückzuziehen und nachzudenken.“

Er geht für ein Jahr auf die Seiser Alm – allein. „Ich habe mir die Auszeit zugetraut, wollte zur Ruhe kommen und dann gestärkt sein, um etwas Neues aufzubauen.“ Ende 1997 ist er wieder im Geschäft, berät und coacht als One-Man-Show andere Unternehmer.

Für Chaung Khu sind die ersten 14 Jahre ihres Lebens hart. Bis 1997 gibt es kein regelmäßiges Essen, auch kein sicheres Dach über dem Kopf und kein   > warmes Bett. Schulbesuche sind in dem Land, das nun Myanmar heißt, nur gelegentlich möglich, zwischen zwei Vertreibungen von einem Dorf zum nächs­ten. „Wir haben Reis angebaut, wenn wir die Zeit dazu hatten, und in den Klöstern um Essen gebettelt, wenn wir nichts mehr hatten.“

1997 fliehen die Eltern mit ihren drei Kindern nach Mae Sot, ein Flüchtlingslager in Thailand an der Grenze zu Myanmar. Das Leben wird nun besser für Chaung Khu, es gibt erstmals eine medizinische Versorgung, die Ernährung ist sichergestellt und regelmäßige Schulbesuche sind möglich. „Und trotzdem – es war nicht mein Land“, sagt sie.

Außerdem darf ihre Familie das Lager nicht verlassen, weil sie keine Papiere haben. Dass Menschen Papiere benötigen, war neu für sie und das Leben hinter dem Zaun eine ungewohnte Einschränkung. „Wir sind ja immer unterwegs gewesen.“ Sie sieht nur einen Weg, wie sie aus dem Lager herauskommen konnte: Bildung. Im Jahr 2000 macht sie ihren Highschool-Abschluss im Lager. Sie würde gern studieren, aber das ist Flüchtlingen nicht erlaubt.

Benno Röggla unternimmt 1997 seine erste Urlaubsreise nach Myanmar und verliebt sich in das Land. „Es ist grün, unberührt und die Menschen sind herzlich“, erzählt er. 2001 fliegt er wieder hin und erfährt erstmals von Vertreibung und Völkermord. „Ich wollte mehr dazu wissen, informierte mich und stieß auf Inge Scherk, eine Hebamme aus Konstanz, die seit 1990 immer wieder ehrenamtlich in einer Flüchtlingsklinik in Mae Sot arbeitete.“

Zurück in Südtirol beginnt er, ihr Geld zu schicken. Sie bedankt sich mit Fotos und Berichten – die Benno Röggla schockieren: „Die Militärs haben ganze Landstriche vermint, Hunderttausende Menschen grausam gefoltert, Frauen sys­tematisch vergewaltigt. Was auf den Fotos an Verletzungen zu sehen war, lässt sich kaum beschreiben.“ 2002 fährt Röggla erneut nach Asien und besucht erstmals das Flüchtlingscamp in Mae Sot. Eine Woche war geplant, er bleibt sechs Wochen und spürt eine Verantwortung in sich aufsteigen, die ihn nicht mehr loslassen wird.

Chaung Khu bewirbt sich für ein Stipendium des Open-Society-Instituts in den USA. 700 junge Menschen aus neun Flüchtlingslagern bemühen sich um 25 Studienplätze. Das Mädchen aus den Bergen erhält einen davon. „Ich wusste, der Eingangstest ist meine Chance, Lehrerin zu werden und qualifiziert arbeiten zu können“, sagt sie eher fröhlich als stolz. 

2002 kreuzen sich die Wege von Benno Röggla und Chaung Khu. Er ist im Camp in Mae Sot und will eine Organisation zur Unterstützung der Flüchtlinge aufbauen – die Anfänge von „Helfen ohne Grenzen“. Weil kaum Europäer im Camp sind, fällt Röggla natürlich auf. Sie spricht ihn an, lädt ihn ein, eine gerade stattfindende Ausstellung zur Karen-Kultur zu besuchen. „Chaung Khu ist eine freche Göre gewesen, gerade mal 18 Jahre alt, offen und fröhlich. Mit dem bisschen Englisch, das sie damals sprach, haben wir uns ganz gut verständigen können“, lächelt er. Zum Abschied machen sie ein Foto. Es wird vier Jahre dauern, bis sie sich wiedertreffen.

Benno Röggla hat derweil in Brixen den gemeinnützigen Verein „Helfen ohne Grenzen“ gegründet. Er will sich um die vielen Hunderttausend Menschen kümmern, die illegal und außerhalb des Camps an der Grenze zu Myanmar leben. „Eingezäunt zu sein, erträgt nicht jeder – aber wer außerhalb lebte, hatte keine Rechte, keine Grundversorgung und keine Schulbildung für seine Kinder. Das wollte ich ändern.“

Benno Röggla nutzt seine Kontakte als Unternehmer, um Spendengelder in Südtirol für seinen Verein zu generieren. Sie fließen zu 100 Prozent in die Hilfsprojekte. Die Kosten für Verwaltung, Marketing und Reisen werden aus getrennten Quellen bezahlt, „darunter Sponsoring, das krisenbedingt immer weniger wird, und Helfen ohne Grenzen deshalb vor große Problem stellt“.

Sein Leben finanziert der Südtiroler aus eigenen Mitteln und dem Verkauf seines Hauses auf der Seiser Alm. Bei der Projektauswahl orientiert sich Helfen ohne Grenzen an der einen Frage: „Was können wir für die Menschen tun, das für ihre Zukunft nachhaltig ist?“

Die Antworten führen zu unzähligen Projekten, wie der Finanzierung von Schulen, einer Schneiderwerkstatt und vielem mehr. „Wir finanzieren Schulmaterial, bezahlen Lehrer, sorgen dafür, dass Schüler und Lehrer offizielle Papiere erhalten, und sehr vieles mehr.“ Außerdem hat Röggla eine Großküche eingerichtet, die von Flüchtlingsfrauen geführt wird, was ihnen eine geregelte, saubere Arbeit und faires Einkommen verschafft. Rund 3000 Essen kochen und verteilen sie täglich an verschiedenen Schulen. „Es waren schon mal 6000, doch im Zuge der Wirtschaftskrise sind die Spendeneinnahmen zurück­gegangen, und obwohl uns jedes Essen nur 30 Cent kostet, fehlt es derzeit an Geld für mehr Portionen.“

Der Südtiroler ist stolz, mit diesem Projekt die Mangelernährung der vielen jugendlichen Flüchtlinge beendet zu haben – und er weiß, dass einige Familien ihre Kinder nur deshalb regelmäßig zur Schule schicken, weil sie dort eine Mahlzeit erhalten. 

Benno Röggla fährt die nächsten fünf Jahre zweimal jährlich nach Mae Sot, um seine Projekte zu organisieren, hat > seinen Hauptwohnsitz bis dahin aber in Südtirol. Unverhofft trifft er dabei 2005 auf Chaung Khu, die zu dieser Zeit bereits Lehrerin an einer Flüchtlingsschule ist. „Ich habe Benno zunächst nicht erkannt“, erzählt sie. Aber so richtig unbekannt ist ihr das Gesicht des Mannes auch nicht, also sucht sie in ihrer Memorabilien-Kiste nach dem einzigen Foto, das sie je mit einem Europäer gemacht hat. Beide erinnern sich, ein Vertrauensverhältnis entsteht über die nächs­ten zwei Jahre, und 2007 stellt Röggla Chaung Khu als Mitarbeiterin ein. Sie bleibt bis 2013. „Ich durfte anderen Verfolgten meine Erfahrung weitergeben, ich war nützlich für sie, das war ein großartiges Gefühl.“

Während sich im Leben von Chaung Khu vieles zum Besseren wendet, drü­cken Benno Röggla die Vielfachbelastungen in seinem Leben. Sein Unternehmen in Südtirol erfordert seine Anwesenheit. Gleichzeitig ist er der Hoffnungsträger für sehr viele Burmesen in Thailand und Motor von Helfen ohne Grenzen – was ebenfalls seine Präsenz vor Ort notwendig macht. „Ich habe sehr viel gearbeitet, wurde aber nie fertig. Es gab so viel zu tun in Mae Sot und ich konnte nur begrenzt helfen, also musste ich ein Standbein aufgeben.“ Er rechnet und stellt fest, dass er auch ohne Arbeitseinkünfte überleben und längere Zeit in Mae Sot bleiben kann, wenn er sich von seinem Haus auf der Seiser Alm trennt. Für Benno Röggla war und ist es eine Befreiung zu spüren, wie er mit immer weniger Geld auskommt „und dabei immer zufriedener wird“. Fortan ist er hauptberuflicher Entwicklungshelfer. 2007 beginnt er, eine eigene Struktur in Mae Sot aufzubauen.

2009 ruft er das Erfolgsprojekt Rays of Youth ins Leben: „Es richtet sich an die Jugendlichen in unseren Schulen und in den Flüchtlingsgemeinden“, erzählt Röggla. Begleitet von Experten und unterstützt von Organisationen wie M-TV Exit, Save the Children, Qatar Foundation, Land und Region Südtirol, bildet Helfen ohne Grenzen zukünftige Youthleader aus, die ihr Wissen an andere Jugendliche weitergeben sollen. Die Lehrinhalte sind vielschichtig, es geht um Kinderrechte, Kinderarbeit, Kinderhandel, Gefahren der Straße, Körperpflege, Familienplanung, Gewalt in der Familie, Video, Computer, Tanz, Musik … und vieles mehr. „Verkehrserziehung ist beispielsweise wichtig, weil kaum ein Flüchtling weiß, wie eine Ampel funktioniert oder was ein Zebrastreifen ist“, erklärt Benno Röggla.

Seit diesem Jahr agieren die Youthleader erstmals direkt in den Dörfern und Schulen Myanmars – was mit der Öffnung des Landes zusammenhängt. Am 7. November 2010 erlaubten die Militärs die ersten Wahlen, am 4. Februar 2011 wurde der vorherige Premierminister Thein Sein zum ersten Präsidenten Myanmars ernannt, wie das Land nun offiziell heißt. Aung San Suu Kyi, Friedensnobelpreisträgerin, wird nach sieben Jahren Hausarrest freigelassen – die flächendeckende Verfolgung von Minderheiten in Myanmar ist beendet.

Nach der jahrelangen Verfolgung wagen sich viele Flüchtlinge jedoch nicht zurück in ihr Land, der Friedensprozess ist noch jung. Wenige gehen, so auch die Eltern von Chaung Khu. „Sie wollten nach Hause, aber da ist nicht mehr viel. Ein kleines Stückchen Land gehört ihnen, doch das reicht nicht zum Leben“, erzählt sie. Also unterstützt sie ihre Eltern mit dem Geld, das sie verdient.

Vor drei Jahren verliebt sie sich in einen ehrenamtlichen Mitarbeiter von Helfen ohne Grenzen, heiratet ihn und lebt nun in Rangun. Ab 2015 wird sie wieder an einigen Projekten für Helfen ohne Grenzen mitwirken. „Ich will Myanmar mit aufbauen“, macht sie deutlich.

Für Helfen ohne Grenzen haben die Veränderungen in Myanmar ebenfalls Folgen: Ab dem kommenden Jahr wird es offiziell keine Flüchtlinge mehr geben. Die Menschen bekommen Pässe, wer in Thailand bleiben will, erhält eine Arbeitsgenehmigung. „Wir haben deshalb eine Stiftung in Thailand gegründet, die Foundation Help without Frontiers Thailand heißt, ihre eigenen Spendengelder akquiriert und in Zukunft die Schulen, die dann Schulen für Gastarbeiterkinder in Thailand sein werden, weiterfinanzieren kann. Dort geht es jetzt ja nicht mehr um Flüchtlingshilfe, sondern um die Schul- und Ausbildung von Migranten“, erzählt Röggla.

Helfen ohne Grenzen wird sein Engagement direkt nach Myanmar verlagern. Rays of Youth wird eigene Projekte in ganz Myanmar durchführen, wie das jüngste mit dem Namen „Ein Haus, eine Toilette“, das die hygienischen Bedingungen im Land wesentlich verbessern soll. „Wir finanzieren und begleiten den Bau von Toiletten, zeigen den Menschen, wie sie diese pflegen und funktionstüchtig erhalten können, und tragen so dazu bei, die für Kinder oft tödlichen Durchfallerkrankungen zu reduzieren.“

Dass sich Myanmar nun der Welt und damit auch der Welt der Wirtschaft öffnet, sieht er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Ich würde die Menschen dort gern auf den Kapitalismus und seine Auswüchse vorbereiten.“

Damit konfrontiert sind sie ohnehin, denn viele globale Unternehmen sind bereits vor Ort und nicht alle respektieren Menschen- und Arbeitnehmerrechte. „Sollte ich selbst wieder einmal Geld verdienen wollen, könnte ich mir auch vorstellen, verantwortungsbewusste Südtiroler Unternehmen bei ihrem Markteintritt in Myanmar zu beraten“, sinniert Benno Röggla.

Es bleibt viel zu tun für den Südtiroler, der inzwischen in Bangkok lebt. Sein Lebenswerk, das lange allein auf seine Person fokussiert war, hat er im vergangenen Jahr auf eine breitere Basis gestellt. Die operative Arbeit, die zuvor ehrenamtlich geleistet wurde, wird nun von einem angestellten Mitarbeiterteam erbracht. Benno Röggla selbst ist weiterhin der Vorsitzende, der zusammen mit den anderen sechs Vorständen die Richtlinien und Strategien vorgibt. „Ich habe mich aus dem Operativen großteils verabschiedet,“ erklärte er: „Die Organisation kann sich so selbst das notwendige Know-how intern erarbeiten und wird in der Lage versetzt, unabhängig von mir das Werk fortzu­führen.“

Pin It

Verlagsanschrift

Private Wealth GmbH & Co. KG
Südliche Auffahrtsallee 29
80639 München

Kontakt

  • Tel.:
    +49 (0) 89 2554 3917
  • Fax:
    +49 (0) 89 2554 2971
  • Email:
    iDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Soziale Medien

         

   email