• Dr. Günter Kast

„Wir sind Wikinger!“

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Zwei Isländer bieten im Norden ihrer Heimat Heliski-Abenteuer an. Björgvin Björgvinsson und Jóhann Hafstein gehören zu den vielen jungen und gut vernetzten Gründern des Landes, die dazu beitragen, dass Island sechs Jahre nach dem Finanz­kollaps wirtschaftlich wieder zu alter Stärke zurückfindet.

jörgvin Björgvinsson deutet aus dem Fenster des Hubschraubers. Dort drüben, auf diesem gerade einmal esstischgroßen, überwechteten Gipfel, soll der Pilot landen. Ohne mit der Wimper zu zucken steuert dieser das Adlernest an. Eigentlich ist ja nicht genug Platz. Der Helikopter kann nur mit den Vorderkufen vorsichtig aufsetzen. Beim ersten Versuch zwingt ihn eine Windböe dazu, das Manöver abzubrechen. Beim zweiten Mal klappt es – Millimeterarbeit bei maximaler Konzentration.

Das „Thumbs-up“-Zeichen signalisiert: Die Passagiere dürfen aussteigen. Oder besser: müssen. Vorsichtig klettern sie aus dem Heli und kauern sich in den Schnee. Nur 20 Zentimeter dahinter geht es 400 Meter in die Tiefe. Jetzt bloß keine falsche Bewegung.

Heliskiing in Island ist deutlich aufregender als in Kanada. Zumindest für diejenigen, die mit Björgvin und seinem Partner Jóhann Hafstein unterwegs sind. Die beiden waren Profi-Skifahrer, ehe sie ein Heliski-Unternehmen gründeten. Sie lieben hohe Geschwindigkeiten – und extrasteile Abfahrten.

Die Skispitzen ragen jetzt ins Nichts. Der Hang ist mindestens 40, eher 45 Grad steil. Für Nicht-Mathematiker: 45 Grad entsprechen 100 Prozent. „Keine Sorge, eure Kanten greifen. Das ist butterweicher Firn“, beruhigt Björgvin. Und tatsächlich: Der von der Sonne angetaute Schnee bietet die perfekte Unterlage für steilste Abfahrten. Das macht mindestens genauso viel Spaß wie flauschiger Pulverschnee, der in Island allerdings fast nie zu finden ist, weil Luftfeuchtigkeit und Temperaturen in Meeresnähe einfach zu hoch sind.

Björgvin, Jahrgang 1980, kennt sich hier oben mit den Schneeverhältnissen und der Lawinengefahr bestens aus. Schließlich ist er hier, im Norden Islands auf der Troll-Halbinsel, aufgewachsen. Seine Familie stammt aus dem Fischerdorf Dalvik. Der Vater war Miteigentümer eines großen Trawlers und einer Fischfabrik, wollte den Junior aber nie mit allen Mitteln in die harte Fischerei-Industrie zwingen. Als er sieht, dass der Sohn auf der kurzen Piste in Dalvik schneller und geschickter unterwegs ist als seine Altersgenossen, meldet er den 16-Jährigen auf dem Skigymnasium im norwegischen Hovden an.

Björgvin gewinnt 32 nationale Titel, wird 1998 Juniorenweltmeister im Riesenslalom, fährt auch im Weltcup Slalom- und Riesenslalom-Rennen: Sein größter Erfolg wird ein 24. Platz beim Nachtslalom von Zagreb sein. 2012 beendet er die Karriere. Und meint, er habe nun – endlich – mehr Zeit für seine Dauerverlobte und die gemeinsamen Kinder.

Doch Björgvin Björgvinsson hat die Rechnung ohne seinen fast gleichaltrigen Jugendfreund Jóhann gemacht.

Jóhann Hafstein kommt mit 16 Jahren ebenfalls auf ein Skigymnasium nach Norwegen, nach Geilo, nur zwei Autostunden von Hovden entfernt. Er und Björgvin, die sich bis dahin von Jugendrennen nur flüchtig kennen, freunden sich dort an. Später mieten sie gemeinsam ein Haus in St. Johann in Tirol. Dort werden sie im Winter leben und trainieren. Jóhann qualifiziert sich 1998 für die Olympischen Spiele in Nagano, fängt sich aber vor den Rennen eine schwere Grippe ein, sodass er den Slalom und Riesenslalom nicht mitfahren kann. Er bestreitet noch einige Weltcup-Rennen, beendet seine Karriere aber früh mit 21, um ein Jura-Studium zu beginnen. Das liegt durchaus nahe, denn sein Vater, der heute Island-Pferde züchtet, war Richter am Obersten Gerichtshof und wäre 1996 fast Präsident der Insel-Republik geworden.

Nach dem Studium gründet Jóhann Hafstein seine Kanzlei Iceland Legal mit dem Fokus auf Unternehmensrecht. Er mietet Büroräume im höchsten Gebäude Islands. Doch am Tag des Einzugs im September 2008 begegnen ihm im Fahrstuhl weinende Angestellte: Die Lehman-Pleite hat die isländischen Banken in den Abgrund gezogen.

Jóhanns Kanzlei entwickelt sich trotzdem oder gerade deshalb ziemlich gut. Denn viele Isländer haben Rechtsbeistand in der Krise dringend nötig. Trotzdem fühlt er im Büro nicht dieselbe Freude wie beim Skifahren. Als Jugendfreund Björgvin seine Auszeit nimmt, überlegen die beiden, ob und wie sich aus ihrer gemeinsamen Heliski-Leidenschaft ein Geschäftsmodell entwickeln lassen könnte.

Die Grundvoraussetzungen dafür sind in Island nahezu perfekt. Die Skisaison beginnt schließlich im hohen Norden erst dann so richtig, wenn sie in den Alpen fast schon wieder vorbei ist. Außerdem ist die Insel nur vier Flugstunden vom europäischen Festland entfernt – wer hier Ski fährt, spart im Vergleich zur Anreise nach Kanada Zeit und entgeht dem Jetlag. Ein weiterer Pluspunkt: Die Abfahrten führen bis zum Meer hinab. Das gibt es nur an wenigen Stellen der Welt wie auf Kamtschatka oder in Alaska. Selbst die Konkurrenz „vor Ort“ ist nicht groß. In Norwegen ist Heliskiing verboten, und von den wenigen schwedischen Heli-Revieren aus lässt sich der Ozean am Horizont nur erahnen.

Vor allem aber: In Island warten unzählige Helikopter darauf, auch im Winter und Frühling genutzt zu werden. Von Touris­ten werden sie bislang vor allem im Sommer für Sightseeing-Flüge zu den großen Gletschern des Landes gebucht. „Im Winter standen die nur herum“, lacht Björgvin. Die beiden knüpfen Kontakte zu einem Hubschraubereigentümer. Der findet die Idee gut.

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist zudem, dass die Unternehmer in spe nicht lange mit den staatlichen Behörden >  um eine Heliski-Lizenz ringen müssen. „Die Berge gehören von Gesetzes wegen allen Isländern“, erklärt Björgvin. Trotzdem weihen sie vorab die Bauern in ihre Pläne ein. Diesen gehört schließlich mehrheitlich das Land auf der Troll-Halbinsel, wo die beiden fliegen wollen. Für den Lokalmatador Björgvin, der hier fast alle Landwirte persönlich kennt, ist das eine Frage der Höflichkeit. Als Anerkennung werden die beiden Jungunternehmer den Bauern umgerechnet etwa 20 Euro pro Gast und Heli-Tag als eine Art freiwillige Pacht überweisen. Das sorgt für gute Stimmung.

Im August 2012 haben sie die Lizenz für Viking Heliskiing in der Tasche. Alle Umwelt- und Naturschutzauflagen sind erfüllt. Das ist auch nicht schwer, denn im Gegensatz zu Skandinavien oder Nordamerika gibt es in Island keine schützenswerten Tierarten wie Bären, Luchse oder Vielfraße, sondern „nur“ einige Schneehühner und Polarfüchse. Das Start-up-Investment, rund 80000 Euro, stammt von den beiden Familien der Gründer. Den Hubschrauber bezahlen sie pro Flugstunde. Der Eigentümer macht ihnen faire Preise, weil er selbst an einem nachhaltigen Wintergeschäft Interesse hat.

Jetzt brauchen die beiden „Wikinger“ nur noch eine adäquate Lodge, die den Ansprüchen verwöhnter Heli-Gäste genügt. Sie finden diese in einem Seitental nahe Ólafsfjörður. Die Lodge­ gehört einem Outdoor-begeisterten Freund der Familie von Björgvin. Sie besteht aus einem Haupthaus mit großem Wintergarten, in dem die Mahlzeiten eingenommen werden. Geräumige Chalets mit privatem Jacuzzi, die auf einer Seite voll verglast sind, machen es möglich, spätabends bei einem guten Glas Rotwein in der Hand nach Nordlichtern Ausschau zu halten. Björgvin und Jóhann mieten sie gleich für fünf Jahre an, jeweils von Januar bis Juni. Der Chefkoch kommt jeden Tag aus dem nahen Siglufjörður und bereitet Fisch- und Wildspezialitäten vom Heilbutt bis zur Graugans frisch zu.

Im Frühjahr 2013 checken die ersten Gäste ein. In der Premieren-Saison sind es zwar nur 50, doch es spricht sich schnell herum, dass die in Island bekannten Ex-Skiprofis jetzt nicht nur Heliski-Touren anbieten, sondern auch ein spannendes und mitunter extravagantes Rahmenprogramm. „Wir wollen den Aufenthalt bei uns zu einem Gesamterlebnis machen, das aus mehr als nur spektakulären Abfahrten besteht.“

Dass dies ebenfalls nichts mit Gemütlichkeit zu tun haben würde, war zu befürchten. „Wir sind eben echte Nachfahren der Wikinger. Das ist tief in uns verwurzelt. Wollt ihr wissen, wie das so ist auf hoher See?“ Es klingt nicht so, als ob die Gäste eine Wahl hätten. Eine halbe Stunde später fahren sie bei Windstärke 6 und unangenehmen Temperaturen mit Björgvins Vater auf seinem Fischerboot in den Fjord hinaus. Mit einer Hand halten sie sich an der Reling des schwankenden Kutters fest, mit der anderen werden Dorsche fürs Abendessen gefangen. Björgvin selbst lauert mit einer Schrotflinte im Anschlag auf Enten. Wenn er wieder eine erwischt hat, freut er sich diebisch und ruft laut: „Wir sind Wikinger!“

Die beiden sind ganz offensichtlich stolz auf ihre Geschichte und ihre Heimat. Sie wollen ihren Gästen möglichst viel davon zeigen. Einmal endet eine Steilabfahrt an einer Holzhütte, vor der ein Freund den berüchtigten fermentierten Gammelhai serviert. Zum Nachspülen gibt es einheimischen Branntwein der Marke Black Death, der seinem Namen alle Ehre macht. Ein anderes Mal wird das nahe Siglufjörður besichtigt, das im 20. Jahrhundert mehrere Jahrzehnte lang die Hauptstadt des Heringsfangs im Nordatlantik war. Von der glanzvollen, aber längst vergangenen Zeit zeugen heute noch das Museum und ein Heringsfest.

Sechs Jahre nach der Bankenpleite ist die Zuversicht in Island zurück. „Unser wichtigster Spruch lautet: ,Tetta reddast‘ – das wird schon wieder“, erklären Björgvin und Jóhann. „Die Leute investieren. Das Vertrauen in die Politik kehrt zurück, die Menschen kaufen Land und Aktien.“ Zum Glück sei Island eine kleine Nation: „Was hier schiefgeht, lässt sich schneller reparieren als anderswo.“ Zudem habe Island im Gegensatz zu Griechenland & Co. schon immer effiziente staatliche Institutionen besessen und nur geringe öffentliche Schulden angehäuft: „Die Tragödie 2008 war ausschließlich ein Problem des verantwortungslosen Privatsektors.“

Am nächsten Morgen ruft Jóhann: „Badesachen einpacken!“ Nach der letzten Abfahrt des Tages dirigiert er den Piloten in Richtung Küste. Unvermittelt taucht das berühmte Freibad von Hofsós am Horizont auf. Es liegt direkt an einem Fjord und wartet mit einem Infinity Pool auf, der die Illusion vermittelt, direkt ins Meer und in die untergehende Sonne zu schwimmen.

Auf dem Rückflug zur Lodge heckt Björgvin schon wieder eine neue Idee aus: Bei Siglufjörður gebe es einen Leuchtturm, in dem den Heli-Gästen ein Überraschungs-Dinner serviert werden könnte. Das Beste daran: Es sei möglich, mit den Skiern direkt zum Leuchtturm abzufahren. Und mit 45 Grad sei die enge Rinne auch gar nicht sooo steil …

 

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