Auf der schiefen Bahn.

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Lerbach Bahn

Zukunftsrisiken. Die Unzufriedenheit erheblicher Teile der Bevölkerung verlieh populistischen Strömungen in der westlichen Welt Auftrieb. Die Lerbacher Runde diskutiert, welche Folgen dies für den langfristigen Wachstumspfad der Wirtschaft, die Europäische Union sowie letztlich auch für die Kapitalmärkte haben könnte. Und überlegt, wie vermögende Privatinvestoren ihre Anlagestrategie anpassen sollten.

„Der derzeit aufkommende Populismus birgt massive Gefahren für die politische und wirtschaftliche Stabilität in der westlichen Welt.“ (Clemens Fuest, Präsident ifo Institut)

„Egal ob Brexit, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten oder der Erfolg von Parteien am politischen Rand in Europa – all dies sind Anzeichen, dass wir es in der westlichen Welt mit einem Zeitgeistphänomen Populismus zu tun haben“, überlegt Bernd Riedel, Robeco, „und wir ahnen, dass diese Strömung langfristig auch Einfluss auf die Wirtschaft, die Zukunft Europas und die Anlagestrategie haben wird.“

Die Lerbacher Runde hat Antworten auf die wichtigsten Fragen zu diesem Thema diskutiert.

// 10. Worin liegen die Ursachen für den Erfolg populistischer Strömungen?

„Im Grunde reflektiert der Populismus eine Verbitterung der Mittelschicht in den Industrienationen über sozioökonomische Veränderungen, die durch Entwicklungen wie Globalisierung oder Automatisierung hervorgerufen werden, bei der gerade gering qualifizierte Arbeitskräfte durch Computer ersetzt werden“, erklärt Ulrich Voss, Tresono. „Diese Menschen haben die Angst und die Sorge, hinten runterzufallen.“

„Für mich“, macht Peter Hollmann, PatriCon, klar, „ist diese Entwicklung auch auf das Versagen der Eliten zurückzuführen. Probleme innerhalb des Gemeinwesens wurden von der etablierten Politik zu lange ignoriert oder verharmlost. Deshalb sehen wir nun die unterschiedlichsten Varianten von ,die da oben‘ und ,wir da unten‘.“

„Die Politik vermittelt den Eindruck fehlenden Problembewusstseins. Es fehlt einfach an offener und ehrlicher Kommunikation“, kritisiert Michael Huber, VZ VermögensZentrum. „Tatsächlich“, überlegt Thomas Neukirch, HQ Trust, „vermeiden es die etablierten Politiker tunlichst, unbequeme Wahrheiten auszusprechen – egal ob es um die Kosten der Migration oder von Europa geht.“ Gleichzeitig nehme die Komplexität in der Welt zu. „Und kaum jemand ist in der Lage, den Menschen dies auf verständliche Art und Weise zu erklären“, gibt Michael Gollits, von der Heydt, zu bedenken.

In dieser Gemengelage sei es leicht, die „schweigende Mehrheit“ mit einfachen Parolen zu gewinnen. „Das Phänomen des Populismus ist deshalb an sich keine Krankheit, sondern eher ein Signal, dass es strukturelle Fehlentwicklungen gibt, die von Politik und Wirtschaft stärker zur Kenntnis genommen und unbedingt korrigiert werden müssten“, erläutert Christian Jas­perneite, M.M.Warburg. Dazu gehören Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen, ungerecht empfundene Besteuerung, Vernachlässigung der öffentlichen Infrastruktur, planlos tolerierte Wirtschaftsmigration, zu geringe Wertschätzung der eigenen Arbeitsbevölkerung. „Falls es nicht gelingt, die Verbitterung vieler Menschen durch konkrete Lösungen wieder zurückzudrehen, droht vielen Industrieländern eine Ausweitung populistischer Strömungen“, meint Hollmann, „und das hätte fatale langfristige Auswirkungen für die Ökonomie.“

// 11. Die ökonomischen Konsequenzen des Populismus.

„Grundsätzlich bedeutet Populismus einen Trend zur Unsolidität“, überlegt Karsten Tripp, HSBC Deutschland, „denn Populisten versprechen der eigenen Wählerbasis die Erfüllung ihrer Wünsche ohne Rücksicht darauf, ob dies nachhaltig ökonomisch realisierbar ist.“ In der Tendenz verschlechtern sich in populistisch regierten Ländern die Staatsfinanzen, die Schulden nehmen zu. Beispiele aus Lateinamerika zeigen, dass dies dann bis hin zur finanziellen Zerrüttung gehen kann.

Die Auswirkungen auf Wachstum und Wirtschaft sind kurzfristig und langfristig allerdings unterschiedlich. „Kurzfristig sind sogar Wachstumsimpulse möglich“, überlegt Huber: „Es kommt zu mehr staatlichen Investitionen in die Infrastruktur, kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen und höheren Sozialtransfers – das stützt die Binnennachfrage.“ Einen kleinen Vorgeschmack liefert aktuell Donald Trump mit seiner     > Steuer­reform. „Er befeuert eine vollbeschäftigte Wirtschaft ohne Gegenfinanzierung. Das ist abenteuerlich und wird sich später rächen“, meint Hollmann.

Die langfristigen Kosten, warnt die Runde, würden kurzfristige Gewinne immer übersteigen. „Mögliche Handelskriege und die Einführung von Zöllen belasten das Wirtschaftswachstum in einem solchen Szenario in der Regel zusätzlich. Und wenn bestimmte Lohngruppen stärker zulangen und die Reallöhne doch steigen, führt dies zu mehr Inflation“, überlegt Thomas Neukirch.

„Wir erleben heute in Großbritannien auch live, was es für eine Belastung für die Wirtschaft darstellt, wenn die freie Arbeitsplatzwahl eingeschränkt wird“, ergänzt Gollits. Einen Hinweis darauf, was Abschottung kostet, habe auch Europa in den letzten Jahren schon bekommen. „Allein die wiedereingeführten Grenzkontrollen in Deutschland, Österreich, Schweden und Frankreich belasten die Firmen der betroffenen Länder nach Berechnungen des ifo Instituts mit neun bis 15 Milliarden Euro jedes Jahr“, informiert er.

„Noch bedenklicher finde ich, dass die Politik dann nach einer Phase der Deregulierung wohl in Richtung Überregulierung umschwenken würde“, ergänzt Karsten Tripp: „Mehr Staat, gebremste Wachstumskräfte, weniger Möglichkeiten für die Firmen, Gewinn zu machen, eine steigende Abgaben- und Steuerlast für global tätige Unternehmen.“

Pikanterweise sei aber auch das Verhindern von Populismus nicht kostenfrei zu haben. „Es wird ähnliche Reaktionen nach sich ziehen – mehr Staatsausgaben, mehr Schulden –, nur eben in viel gemäßigterer Form“, schmunzelt Voss.

// 12. Die Folgen des Populismus für die Kapitalmärkte.

Langfristige Belastungen der Weltwirtschaft, darin sind sich die Teilnehmer der Runde einig, würden selbstverständlich auch an den Kapitalmärkten nicht spurlos vorübergehen. „Wir müssten mit rückläufigen Unternehmensgewinnen und höherer Inflation rechnen. Das würde die Aktien- und Anleihemärkte belasten“, meint Michael Huber. Schon heute lastet dieses Szenario auf den Märkten. „Das Risiko von Politikfehlern nimmt zu, Fragilität und Unsicherheit steigen“, ergänzt Peter Hollmann, „und damit müssen grundsätzlich auch die Risikoprämien bei allen Anlageklassen zunehmen – die Kurs-Gewinn-Verhältnisse würden also entsprechend zurückgehen.“

 // 13. Die Zukunft Europas und der Populismus.

Auch die Zukunft Europas und des Euro, so die Lerbacher Runde, seien eng mit dem Thema Populismus verwoben. „In Frankreich kam der bekennende Europäer Emmanuelle Macron an die Macht, weil die Wähler den Populismus von Frau Le Pen verhindern wollten“, überlegt Bernd Riedel, „und in Italien haben zwei Parteien vom politischen Rand die jüngste Wahl gewonnen, weil sie die Euro-Skeptiker bedienten.“

„Im Prinzip ist das Grundmuster wieder dasselbe: Schlechte Kommunikation und das Versagen der Eliten öffnen die Türen für Populisten“, überlegt Huber. Vor allem die Geschichte des Euro, so die Experten, sei eine Aneinanderreihung von Täuschungen und Tricksereien: kreative Buchhaltung bei der Aufnahme Italiens und Griechenlands; wiederholte und offene Verstöße gegen alle „eisernen“ Stabilitätsregeln der Maastrichter Verträge; offenkundiger Bruch der „No-Bail-Out-Klausel“, die eine Haftung aller Mitgliedsstaaten für Verbindlichkeiten einzelner Mitgliedsstaaten für immer ausschließen sollte.

„Auch heute sagt niemand den Menschen offen, welche Belas­tungen durch ein gemeinsames Europa wirklich auf uns zukommen“, kritisiert Neukirch. „Dazu kommt, dass die EU für die meisten Menschen weiter ein abstraktes Gebilde ist. Für mich war der Brexit auch eine Reaktion darauf, dass viele sich fragen, was 25000 Mitarbeiter der EU-Kommission in Brüssel eigentlich machen“, ergänzt Jasperneite.

 „Im Prinzip gibt es langfristig nur zwei Alternativen – eine weitergehende Vertiefung Europas mit Transferunion, in der alle für alle haften, oder das Auseinanderbrechen des Euro“, sagt Voss. „Da beides nicht im Interesse Deutschlands wäre, bin ich gespannt, wie die Politik diesen Spagat hinbekommt.“ Tatsächlich ist die Lage vertrackt. „Neue Systeme zur Vergemeinschaftung von Risiken – bei Banken oder Staatsschulden – würden Fehlanreize setzen und wären das offizielle Ende der ursprünglich versprochenen Stabilitätsunion“, überlegt Gollits. „Der Widerstand dagegen – von Populisten geschürt – würde dann das Risiko des Auseinanderbrechens des Euro weiter erhöhen. Und das würde auch für Deutschland richtig teuer“, meint Jasperneite. „Allein die Target-Forderungen der Deutschen Bundesbank gegenüber den Notenbanken der Südländer betragen rund 900 Milliarden Euro. Das ist implizit eine Transferleistung und müsste im Fall eines Aufbrechens des Euro abgeschrieben werden“, erklärt Neukirch.

Auch deshalb, sagt er weiter, sei auf absehbare Zeit eine dritte Variante am wahrscheinlichsten: „Weiter so.“ Allerdings hat der eine oder andere durchaus Zweifel, ob die Währungsunion in 20 Jahren noch in der heutigen Form bestehen wird.

// 14. Die Konsequenzen für die Anlagestrategie.

Populismus würde zu einer weiteren Verwässerung des Währungssystems führen, weil die großen Notenbanken die Wohltaten der Populisten wohl finanzieren müssten. Ulrich Voss rät deshalb auch zu „einer Position Gold, das in keiner Allokation fehlen darf“. Mit Blick auf das latente Risiko eines Zusammenbruchs der Eurozone sei eine geografische Diversifikation des Vermögens in verschiedene Rechtsräume angezeigt. „Und strategisch bleibt auch ein Währungsanteil außerhalb des Euro wichtig, insbesondere in US-Dollar“, meint Huber.

Noch blenden die Kapitalmärkte diese Gefahren aus. „Es gibt mit dem Policy Uncertainty Index einen Indikator, der früh anzeigt, wann sie relevant werden könnten“, informiert Jasperneite. „Ich rate dazu, diesen genau zu beobachten.“

Das Fazit der Lerbacher Runde:

„Das Drohpotenzial eines Euro-Exits wird weitere Zugeständnisse in Richtung Transfers nach sich ziehen“, ist Gollits überzeugt. Dadurch werde kurzfristig das Risiko einer Eurokrise reduziert. „Langfristig bleibt diese Gefahr aber bestehen“, meint Tripp. Sie zu reduzieren bedeute, Europa ganz neu zu denken. „Wenn wir den Populisten den Wind aus den Segeln nehmen wollen, müssen wir über die europäische Integration abstimmen und diese mit einem Preisschild versehen“, macht Voss klar. „Ein Fortschritt wäre es auch, wenn wir uns Gedanken darüber machen würden, was sinnvollerweise zentral in Europa organisiert werden soll – Grenzschutz, Verteidigung, Sicherheit – und was nicht, zum Beispiel Soziales“, meint Christian Jasperneite. Bis dahin, schließt Karsten Tripp, bleibe die EU in einem Patt zwischen zentralistischen und nationalstaatlichen Kräften. „Erstere werden von Drohgebärden seitens USA und China gespeist – ihr Motto ist: ,Europa ist unsere einzige Chance – allein schaffen wir es nicht.‘ Letztere werden von der zunehmenden Europamüdigkeit gestützt – ihr Motto: ,Brüssel versklavt uns – take back control.‘“

Auch in Sachen Populismus endet die Lerbacher Runde mit einer versöhnlichen Note. „Er ist ja eigentlich ein sinnvolles Korrektiv in einer Demokratie und eröffnet die Chance eines Lerneffekts bei den Eliten“, meint Jasperneite. „Vielleicht stellen wir in 20 Jahren fest: Das war zwar eine unschöne Phase, sie hat aber zu mehr Ehrlichkeit und Bodenhaftung geführt.“         ®

Autor: Gerd Hübner

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