Die Aufholjagd geht weiter.

Print Friendly, PDF & Email

Anlagestrategie. Schwellenländeraktien waren schon die Gewinner des letzten Jahres. Weil die Aktien dort aber immer noch vergleichsweise günstig bewertet sind, ist es interessant, die Positionen weiter aufzustocken.

„Haben Sie sich tschechische Aktien schon einmal genauer angeschaut?“, fragt Michael Keppler, „Kurs-Gewinn-Verhältnis 13,8, Dividendenrendite 6,6 Prozent, Rendite aufs Eigenkapital zweistellig. Das sieht doch sehr lukrativ aus. Ich kann nicht verstehen, warum immer behauptet wird, Aktien seien derzeit generell teuer. Natürlich sind US-Titel sehr hoch bewertet. Aber ich muss ja nicht in Amerika investieren. Mein Spielfeld ist die ganze Welt. Und da finden sich noch viele aussichtsreiche Plätze.“

Michael Keppler betreibt das Anlage­geschäft seit den 1970er-Jahren und gehört zu den erfahrensten deutschen Fondsmanagern. Die Spezialität seiner Investmentboutique Keppler Asset Management ist der Vergleich einzelner Märkte. „Wir untersuchen Substanz und Ertragskraft jeder im relevanten Aktienindex vertretenen Gesellschaft. Dann aggregieren wir die Daten und kommen so zu einer Länderbewertung. Nun fragen wir uns: Wie preiswert ist dieses absolute Niveau im historischen Vergleich? Und wie sieht es relativ zu anderen Märkten aus? So kommen wir zu einer sehr objektiven Beurteilung.“

Im Grundsatz geht Keppler also von einer Rückkehr zu langfristigen Durchschnittswerten aus – bei Umsätzen, Gewinnmargen, aber auch bei Bewertungen. Der langfristige Trend gibt einen wichtigen Hinweis darauf, was eine Firma wert sein sollte. Abweichungen davon sind Kauf- oder Verkaufsgelegenheiten. „Sie entstehen, weil die Marktteilnehmer nun einmal nicht immer rational sind, sondern manchmal zu gierig und manchmal zu ängstlich“, erklärt der Anlageprofi.

Diese Differenzen will Keppler nutzen. „Ich frage mich immer: Was bekomme ich heute als Gegenwert dafür, wenn ich 100 Dollar investiere? Da wir die Zukunft nicht vorhersehen können, will ich dort anlegen, wo ich das Maximum an Dividenden, Gewinnen, Buchwerten und Jahresüberschüssen erhalte.“

Diese Analyse führt den Experten heute vor allem in die Schwellenländer. Denn trotz der positiven Entwicklung im vergangenen Jahr – der MSCI Emerging Markets Index kletterte von Februar 2017 bis Februar 2018 um 27 Prozent – sind Aktien dort noch relativ günstig. „Die gesamte Anlageklasse – alle 24 im MSCI EM enthaltenen Länder – weist derzeit in der Bewertung einen Abschlag von 17 Prozent auf den Weltaktienindex und von 34 Prozent auf den US-Markt auf“, rechnet Keppler vor: „Wer sich auf die elf günstigsten Märkte konzentriert – derzeit sind das Brasilien, Chile, China, Kolumbien, Tschechien, Südkorea, Malaysia, Polen, Russland, Taiwan und die Türkei –, kommt sogar auf einen Abschlag von 35 Prozent zum Weltindex und fast 50 Prozent zu den USA. Das ist gewaltig. Und eigentlich eine Aufforderung, viel mehr als bisher in den Schwellenländern zu investieren.“

Dass die meisten Anleger einen derartigen Schritt scheuen, hat wohl auch viel mit der Geschichte der Schwellenländermärkte zu tun. 38 Jahre ist es nun her, seit Antoine van Agtmael eine Selektion von aufstrebenden Ländern als Schwellenländer bezeichnet hatte. Vor 30 Jahren legte der Indexanbieter MSCI seinen Emerging Markets Index auf.

Für Investoren war diese Zeit ein wilder Ritt. Langfristig konnten sie zwar pro Jahr rund zwei Prozentpunkte mehr an Rendite erzielen. Sie bezahlten dies aber mit signifikant höheren Kursschwankungen. „Seit 1990 sind zum Beispiel die Notierungen des S&P 500 nur vier Mal um mehr als 20 Prozent gefallen“, informieren Amit Bhartia und Mehak Dua vom US-Investmenthaus GMO, „in den Schwellenländern kam es dagegen 22 Mal zu derartigen Korrekturen.“ Die Nerven der Anleger wurden also etwa fünf Mal stärker strapaziert.

Fast scheint es so, als würden Anleger und Kommentatoren in der Wahrnehmung von Schwellenländeraktien deshalb regelmäßig zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt wechseln. Sind diese Märkte gerade en vogue, rücken die positiven Argumente in den Vordergrund – das Bevölkerungswachstum, die günstige Demografie mit vielen erfolgshungrigen jungen Leuten, das ökonomische Aufholpotenzial im Vergleich zu den „satten“ Industrienationen, die blendenden langfristigen Wachstumsperspektiven.

Dreht der Wind, richtet sich der Fokus auf politische Risiken, das schlechte Management der Wirtschaft, die Schock­anfälligkeit der Währungs- und Kreditmärkte. Die positiven langfristigen Argumente zählen dann nicht mehr.

Je nachdem, welche Sicht der Dinge gerade die Oberhand hat, kommt es zu massiven Veränderungen bei der relativen Bewertung der dortigen Aktienmärkte im Vergleich zu denjenigen der Industrieländer.

Besonders plakativ lässt sich dies durch einen Vergleich des MSCI Emerging Markets Index mit dem MSCI US-Aktienindex zeigen (siehe Grafik unten).

Zur Jahrtausendwende wollte zum Beispiel niemand etwas von Schwellenländern wissen. Die Tequilakrise, die Asienkrise und die Russlandkrise der 90er waren fest in den Köpfen der Investoren verankert. Außerdem: Wer brauchte schon die Schwellenländer, wenn die Post doch gerade an den entwickelten Märkten abging?

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in den USA stieg auf 45 – und lag damit etwa doppelt so hoch wie in den Schwellenländern. Diese – klar – hatten einen gewaltigen Abschlag aufgrund des höheren Risikos wirklich verdient.

Dann platzte die Internetblase, und irgendwann im Jahr 2003 änderten sich auch die Argumente der Anleger. Die alte Welt befand sich in einer Rezession, Wachstumsperspektiven waren nun verzweifelt gesucht. Und wurden in den Schwellenländern gefunden.

In den kommenden fünf Jahren kletterte die Bewertung dort, gemessen am KGV, von zehn auf fast 40. Ein Dollar Gewinn wurde also vier Mal höher bewertet als im Jahr 2003. In den USA nahm das KGV derweil nur von 20 auf 25 zu. Schwellenländer – natürlich – hatten aufgrund der viel höheren Dynamik einen 50-prozentigen Aufschlag mehr als verdient.

Nach der großen Finanzkrise blieben sie zunächst in der Gunst der Anleger vorn. Kein Wunder – lag doch der Ursprung der Krise in den Industrienationen. Irgendwann Mitte 2011 bekam die Zuversicht allerdings einen Knacks. Zweifel an der Verlässlichkeit der chinesischen Daten, das Ende der Rohstoffhausse, Rezession in Brasilien und Russland – hatten wir es nicht immer gewusst, dass eine Anlage in den Schwellenländer höchst riskant ist?

Gleichzeitig erfuhren die USA eine gewaltige Renaissance. Der 50-prozentige Bewertungsaufschlag der Schwellenländer verwandelte sich bis Anfang 2016 in einen 60-prozentigen Abschlag. „Im Februar 2016 lag die Bewertung von Schwellenländeraktien sogar unter dem Tiefpunkt des Krisenjahres 2009“, informiert Jeremy Grantham, GMO, „das war bemerkenswert.“

Seitdem steigen die Aktienkurse und die Bewertungen in den Schwellenländern wieder an. Und langsam finden auch diejenigen wieder mehr Gehör, die auf die strukturellen Vorteile dieser Region hinweisen. Schätzungen der OECD lassen vermuten, dass im Jahr 2030 die Hälfte der 25- bis 34-Jährigen mit Hochschulbildung aus China und Indien kommen wird. Und nur acht Prozent aus den USA. Besonders gravierend soll der Unterschied in den wichtigen MINT-Fächern werden. Gleichzeitig nimmt der kaufkräftige Mittelstand zahlenmäßig weiter dramatisch zu. Eine Analyse des Bankhauses Merck Finck zeigt, dass es zehn Jahre gedauert hat, bis eine Milliarde Menschen dort in die Mittelklasse aufgestiegen sind. Für die nächste Milliarde veranschlagen die Experten nur sechs oder sieben Jahre.

Und was ist mit den Risiken? Bhartia und Dua von GMO haben vier Auslöser von Krisen aus der Vergangenheit identifiziert. Ein lange anhaltendes, überdurchschnittliches Wachstum, das zu Überinvestition und letztlich zu einer Kreditblase führt. Die massive Aufwertung der Währung durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland, die später in eine schockartige Abwertung mündet. Sowie die politische Unsicherheit.

Heute, so das Urteil der Experten, seien die Schwellenländerwährungen weder signifikant über- noch unterbewertet. Das Wachstum beginne nach den Rezessionen in Brasilien und Russland erst langsam wieder, an Dynamik zu gewinnen. Und Kreditblasen seien mit einer Ausnahme – China – nicht zu erkennen. Nur die anstehenden Wahlen in Mexiko (Juli) und in Brasilien (Oktober) gäben ein wenig Anlass zur Beunruhigung.

Jeremy Grantham vermutet deshalb auch, dass die positive Entwicklung des Jahres 2017 erst den Beginn eines lange anhaltenden Trends zugunsten der Schwellenländer markiert. „In den letzten großen Zyklen – 1968 bis 1980, 1987 bis 1994 und 1999 bis 2011 – schnitten Schwellenländer um insgesamt 260 bis 300 Prozent besser ab als US-Aktien.“ Seit Anfang 2017 ist die relative Bewertung der Schwellenländer nur im einstelligen Prozentbereich gestiegen. Da scheint noch viel Luft nach oben.

„Für mich ist besonders wichtig, dass die Schwellenländer nicht nur relativ, sondern auch absolut günstig bewertet sind“, macht Michael Keppler klar. „Wer sich auf die günstigsten zwölf Märkte konzentriert, bezahlt gerade einmal das 1,55-Fache des Buchwerts und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13,8. Bei solchen Kennzahlen verdiene ich doch langfristig sogar Geld, falls die Unternehmenserträge in Zukunft gar nicht signifikant wachsen.“

Tatsächlich erwartet der Konsens der Wertpapieranalysten aber deutlich steigende Erträge. 2015 und 2016 hatten die Firmen in den Schwellenländern noch mit Gegenwind aufgrund der ungünstigen Konjunkturentwicklung und sinkender Rohstoffpreise zu kämpfen. 2017 war dann ein Comeback-Jahr. Und für 2018 und 2019 meldet FactSet – ein US-Research-System, das die Prognosen der Investment­analys­ten zusammenfasst –, dass die Profis in fast allen Schwellenländern jeweils zweistellige Ertragszuwächse erwarten.

Auf die Frage, wie viel des Aktienvermögens in dieser Region investiert werden sollte, antwortet Jeremy Grantham deshalb auch nur mit einem einzigen Satz: „Ich rate dazu, so mutig wie nur möglich zu sein.“ ®

Autor: Klaus Meitinger

Pin It

Verlagsanschrift

Private Wealth GmbH & Co. KG
Südliche Auffahrtsallee 29
80639 München

Kontakt

  • Tel.:
    +49 (0) 89 2554 3917
  • Fax:
    +49 (0) 89 2554 2971
  • Email:
    iDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Soziale Medien

         

   email


latest logo pw

einloggen oder abonnieren

latest logo pw

einloggen oder abonnieren

latest logo pw

login or subscribe

latest logo pw

login or subscribe

latest logo pw

Ouvrir une session ou s'abonner

latest logo pw

Ouvrir une session ou s'abonner

latest logo pw

Iniciar sesión o registrarse

latest logo pw

Iniciar sesión o registrarse

latest logo pw

effettuare il login o iscriversi

latest logo pw

effettuare il login o iscriversi