Miniaturisierte Wunderwerke.

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Automaton. Vor mehr als 150 Jahren begannen talentierte Mechaniker damit, lebende Wesen in kunstvollen Automaten nachzubilden. Diese Singvögel, Menschen und Hunde beherrschen die kompliziertesten Bewegungen und Muster. Ihre Wertentwicklung kennt jedoch nur eine Richtung – nach oben.

Der Vogel ist winzig klein – flattert aber sehr fidel in seinem goldenen Käfig herum. Er tiriliert dabei laut und fröhlich – ganz so, als wäre er am Leben. Tatsächlich jedoch ist er eine Maschine. Sein rührender Gesang entsteht aus einem komplizierten Zusammenspiel von Blasebälgen und Flöten, gesteuert durch ein zartes Räder-und-Hebel-Werk, das vor über 150 Jahren ein technisches Genie ersann: Pierre Jaquet-Droz.

Jaquet-Droz, 1720 im Schweizer Jura geboren, studierte zunächst Philosophie, bevor er sich der Uhrmacherei und dem Automatenbau zuwandte. Seit dem späten Mittelalter schon hatten Uhrwerke nicht nur Zeiger, sondern auch Figuren bewegt. Im Kreis herum. Oder hin und her im Takt der Hemmung.

Pierre Jaquet-Droz perfektionierte die sogenannten „Automaton“ mit wissenschaftlicher und detailversessener Akribie. Nun entstanden mechanische Wunderwerke, die sich scheinbar unregelmäßig bewegten und deshalb wie lebendig wirkten. Vögel in der Größe eines Kolibris, untergebracht in einer goldenen Schnupftabakdose, sprangen beim Öffnen heraus und sangen. Schäfer spielten Melodien auf der Flöte. Konstrukteure und Kunsthandwerker erschufen tanzende Tiere, gleißende Wasserfälle und perfekt synchronisierte Streichquartette.

An den Höfen Europas und in seinen Hauptstädten führten die Automatenbauer gegen Entgelt ihre diffizilsten Kreationen vor. Jaquet-Droz selbst baute zum Beispiel drei Androiden – 70 Zentimeter hohe Nachbildungen des Menschen –, die schreiben, zeichnen und sogar eine Orgel spielen können. Sie sind heute noch im Kunsthistorischen Museum von Neuchâtel zu sehen.

„Verkauft wurden allerdings vor allem kleinere Werke wie die Singvogelkäfige und Spieldosen mit bewegten Szenen“, erzählt Stefan Muser, Inhaber des Auktionshauses Dr. Crott, der neben historischen Zeitmessern auch diese Nische betreut. Die Sammler solcher Stücke freuen sich nicht nur an der technischen Finesse und der aufwändigen Dekoration. Sie schätzen diese auch als Zeugnisse der Geistesgeschichte. Und als lukrative Investition.

Der zwitschernde kleine Vogel – Jaquet-Droz baute einige davon – erzielte vor wenigen Jahren auf einer Auktion bei Antiquorum rund 300000 Dollar.

Ein um 1820 von den Gebrüdern Rochat gefertigtes Paar Pistolen, aus denen keine Kugeln, sondern Miniatursingvögel hervorschießen, ging 2011 bei einer Christie’s-Auktion für sechs Millionen Dollar an einen Sammler aus China.

Stefan Muser selbst versteigerte im Jahr 2013 eine Singvogeldose, ebenfalls von Frères Rochat, die um 1815 für den chinesischen Markt gefertigt worden war. Sie brachte 475000 Euro. „Natürlich lassen sich nur schwer Durchschnittszahlen angeben. Aber dass sich der Wert der Dose innerhalb von 15 Jahren verdoppelt hat, ist schon repräsentativ für dieses Genre“, erklärt der Experte.

Die Preissteigerungen der letzten Jahre sind vor allem auf zwei Umstände zurück­zuführen. „Erstens ist der Bestand erstklassiger Stücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert sehr gering“, informiert Muser, „auch Dachbodenfunde oder Flohmarktschnäppchen sind in diesem Bereich sehr unwahrscheinlich.“ Und zweitens trifft das knappe Angebot seit 20 Jahren auf eine steigende Nachfrage zahlungskräftiger, vor allem chinesischer Sammler. Ein Faible für die mechanischen Wunderwerke hat im Land der Mitte Tradition. Sie gehörten seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zu den wertvollsten Exportgütern Europas. Andersens Märchen von der mechanischen Nachtigall des Kaisers ist womöglich ein Nachhall darauf.

„Heute bestimmen chinesische Sammler den Markt wieder“, erklärt Muser, „sie schließen die Kostbarkeiten auch nicht – wie deutsche Sammler – in Safes ein, sondern stellen sie stolz in gläsernen Vitrinen ihrer Klubs aus.“ Es heißt, in manchen dieser exklusiven Treffs kümmerten sich fest angestellte Uhrmacher um den perfekten Zustand der empfindlichen Antiquitäten.

Wer intensiv danach sucht, findet trotzdem noch interessante Stücke selbst aus der Frühzeit der Automaten für fünfstellige Beträge. „Diese waren zunächst, in der Renaissance, ja eine urdeutsche Spezialität“, erklärt Muser, „sie kamen aus Augsburg Nürnberg oder Prag, den wissenschaftlichen Zentren ihrer Zeit.“

Aus Süddeutschland stammt zum Beispiel die feuervergoldete Tischuhr, die bei Dr. Crott im vergangenen Frühjahr für 45500 Euro zugeschlagen wurde. „Zur vollen Stunde bewegt der Mann im Zentrum den Kopf, das seltsame Bes­tiarium aus Hund, Panther und drei Hasen rennt im Kreis, hüpft auf und ab“, erzählt der Experte. „Solche Stücke wurden von den Konstrukteuren einem exklusiven Kundenkreis angeboten und haben eine entsprechende Provenienzgeschichte: Kardinäle, Fürstenhäuser, Großkaufleute.“

Die mechanische und energetische Basis für die erstaunlichen Kunststücke liefern zwar in vielen Fällen Uhrwerke. Die bewegten Szenen sind aber weit mehr als bloßes Beiwerk zur Zeitmessung, sondern das staunenswerte Hauptthema eines solchen Stücks.

„Sammler brauchen deshalb ein viel höheres Maß an Expertise als beim Erwerb von historischen Uhren“, erklärt Stefan Muser, „der Käufer muss schließlich die ganze Komplexität der Konstruktion und deren Zustand genau einschätzen können.“ Denn wenn es Probleme mit der antiken Mechanik gebe, fänden sich auf der Welt vielleicht „ein, zwei Handvoll Spezialisten“, die so etwas restaurieren könnten.

Gekauft werde nach Qualität und prominenter Autorschaft. Die ist allerdings häufig schwer zu klären. Viele Automaten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts sind gar nicht oder nur unklar signiert. „Zur Bestimmung müssen wir manchmal geradezu detektivisch vorgehen“, erklärt Musers Mitarbeiterin Susanne Benz. Vor der letzten Dr.-Crott-Auktion hatte sie eine Dose mit mythischem Motiv analysiert, die von Jean Abraham Lissignol, einem meisterlichen Emaillemaler, stammen konnte. Nur – zu belegen war seine Autorschaft zunächst nicht. „Schließlich entdeckten wir dann doch seine Signatur“, erinnert sich Susanne Benz, „sie war mikroskopisch fein in den Saum eines roten Umhangs eingeschrieben.“

Dafür, dass das Angebot für Liebhaber nicht völlig versiegt, sorgt mittlerweile eine neue Generation von Automatenbauern. Auf dem diesjährigen SIHH, dem Genfer Salon für Feinuhrmacherei, gehörte ein gänzlich uhrenloses Produkt aus der Zusammenarbeit von MB&F, Reuge und Nicolas Court zu den Talking Pieces: „Kelys & Chirp“ heißt das ungleiche Paar aus einer träge watschelnden mechanischen Schildkröte und einem winzigen Vögelchen, das aus ihrem Panzer springt – munter flatternd und flötend. Die 72 Exemplare der limitierten Serie kosten je 49900 Euro – womöglich eine Investition in die Sammlerzukunft.

Und irgendwie bleibt immer noch die Hoffnung auf eine große Entdeckung. Denn nicht von allen dokumentierten bedeutenden Automaton ist der Verbleib bekannt. Der „Urvater“ der mechanischen Singvögel, Pierre Jaquet-Droz, soll zum Beispiel neben seinen Androiden an den Höfen Europas auch eine „Grotte“ vorgeführt haben, die jedoch verschollen zu sein scheint: eine Miniaturlandschaft voller Lustbarkeiten, Musiker, Wasserfälle und natürlich singender, flatternder Vögel.

Sollten noch Teile dieses Wunderwerks unerkannt in einem Schlossdepot liegen, wären sie eine Sensation. Und mehrere Vermögen wert. 

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Automata – die Welt als mechanisches Theater.

Der französische Revolutionär Jean Paul Marat blättert, natürlich in der Badewanne, behaglich durch einen Stapel Handschriften. Im kleinbürgerlichen Dachwohnungsidyll lebt eine Schafsfamilie. Darunter zerteilt ein Schlachter mit dem Beil Lammkoteletts.

Die Automata, mit denen ihre Schöpfer Weltgeschichte und -literatur glossieren – Marat wurde ja tatsächlich in der Badewanne ermordet–, sind entfernte Verwandte der Automaton, genauso erstaunlich und unterhaltsam.

Kunsthistorikerin Schnuppe von Gwinner beschäftigt sich seit der Jahrtausendwende mit dieser Nische im Kunstbetrieb und kennt auch die frühen, zumeist britischen Protagonisten der Szene. „Paul Spooner ließ sich in den 1980er-Jahren von den mechanischen Webstühlen seiner Frau inspirieren, entwickelte dann auf Grundlage der hölzernen Zahnräder, Hebel und Nockenscheiben immer komplexere Szenen aus Mythologie und (Kunst-)Geschichte. Oder er dachte sich ganz eigene Spielabläufe aus, oft mit sehr sarkastischem Humor.“

Um Spooner entstand bald eine ganze Szene von Automata-Künstlern. „Das sind alles wirkliche Nerds“, schmunzelt von Gwinner: „Viele waren eigentlich Lehrer, das zeigt sich nicht nur am zitierten Bildungsgut, sondern auch an der pädagogischen Intention.“ Und auch wenn sich viele Künstler Blechspielzeug der 20er-Jahre zum Vorbild nahmen oder wie Pierre Mayer die mechanischen Wunder des 18. Jahrhunderts persiflieren (in seinem genretypischen orientalischen Schachspieler ist ein kleiner Junge verborgen) – angetrieben werden die Automata nicht von einer Aufzugsfeder wie die historischen Stücke, sondern von einer Handkurbel.

Der Betrachter belebt sie also unmittelbar, erlebt die Umsetzung der einfachen Kreisbewegung in eine Vielzahl verschiedener Aktionen. Deshalb sind die Automata auch nicht – wie ihre Vorläufer – Hightech ihrer Zeit, sondern entschieden Lowtech. Und die Konstrukteure machen aus ihren Bauplänen auch kein Geheimnis, sondern zeigen sie auf YouTube.

Hochkomplexe Einzelstücke können durchaus um die 20000 Euro kosten und finden weltweit Abnehmer. Aber eine aktive, auf Auktionen um die besten Werke konkurrierende Sammlerszene sei bislang noch nicht entstanden, sagt Schnuppe von Gwinner: „Wahrscheinlich hat kaum einer der Künstler je ein komfortables Auskommen mit seiner Arbeit erreicht.“

Von Gwinner selbst bietet in ihrer Online-Galerie Craft2eu unter anderem Werke von Robert Race an, der ganz minimalistisch mit Strandgut arbeitet. Das Londoner Cabaret Mechanical Theatre vertreibt ebenfalls die Werke diverser Automata-Bauer, die Preise beginnen dort schon bei 40 oder 50 Pfund.

Manche Künstler haben sich auch Vetriebsnischen gesucht. Keith Newstead ist zum Beispiel bekannt für seine Donation Machines, die in den Foyers britischer Museen stehen und Spenden einsammeln. Der Einwurf einer Münze entsperrt die Kurbel, die dann grandiose Szenen animiert. Wenn da Mary Stuarts Scharfrichter mehrere Versuche braucht, um den Kopf vom Rumpf zu trennen, tuscheln die umstehenden Hofdamen von Hieb zu Hieb aufgeregter. Solche Werke sind weit weniger grausam als witzig, weil sie die Hintergründe allzu bekannter Narrative vorführen.

Neben einer sehr lebendigen Automata-Szene in den USA gibt es auch in Deutschland hie und da Nachwuchs. In Hamburg entstehen bei Birgit Borstelmann kleine Raumschiffe und maritime Szenen aus Treibholz.

Anders als die historischen Automaton taugen die jungen Automata zwar noch nicht als Anlageobjekt. Da aber eine möglichst einfache und solide Konstruktion zu ihren Grundprinzipien gehört, dürften sie absehbar für viele Jahre sowohl ihre Funktion als auch ihren künstlerischen Mehrwert behalten.

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Autor: Jan Lehmhaus

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