Die Lerbacher Runde. Die Weisheit der Vielen.

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Expertengremium. Die Lerbacher Runde feiert zehnjähriges Jubiläum. Seit 2009 treffen sich Bankiers, Vermögensverwalter und Family Officer einmal im Jahr, um vermögenden Investoren Inspiration und Orientierung zu geben. In diesem Jahr nehmen sie nicht nur Wirtschaft und Kapitalmärkte unter die Lupe. 36 ausgewiesene Anlageexperten beantworten die wichtigsten Fragen zum  Anlagejahrgang 2020 und diskutieren die spannendsten Investmentideen und in fünf Workshops außerdem die interessantesten Anlagethemen. Und werfen einen weiten Blick in die Zukunft – Roadmap 2040.

Im Jahr 2004 schrieb der US-Journalist James Surowiecki einen Bestseller: „Die Weisheit der Vielen – warum Gruppen smarter sind als Einzelpersonen“. Als dann nach der Finanzkrise maximale Unsicherheit unter Investoren herrschte, erinnerte sich Kai Röhrl, Head of Wholesale, Robeco Deutschland, an das Buch und hatte eine Idee. „Wie wäre es, die Kompetenz ausgewiesener Kapitalmarktexperten in einer Gruppe zusammenzuführen?“

Die Lerbacher Runde war geboren. Ihr Auftrag: Lesern von private wealth einmal im Jahr Inspiration und Orientierung zu bieten. Im Frühjahr 2010 traf sich die Runde zum ersten Mal – und war gleich mit schwierigen Fragen konfrontiert: Was bedeutet es für Anleger, dass die Staaten nach der Finanzkrise den Gürtel enger schnallen und die Notenbanken expansiv werden würden? Die Antwort der Runde: Wer sein Vermögen steigern will, muss Sachwerte besitzen – Aktien, Immobilien.

Damals notierte der DAX bei 6000 Punkten, der TecDax bei 800, der S&P 500 bei 1100 Punkten. Seitdem sind die Kurse um das Zwei- bis Dreifache gestiegen. Die Idee von der Weisheit der Vielen hat von Anfang an funktioniert.

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In den folgenden Jahren mussten sich die Experten mit zahlreichen weiteren Krisen auseinandersetzen. Ausgehend von Griechenland, schien 2011 angesichts der hohen Verschuldung vieler Euroländer der nächste große Krach programmiert. 2012 folgte dann die Euro-Krise. Die Runde blieb investiert und sagte: Die gefühlte Wahrscheinlichkeit für den worst case ist viel höher als die tatsächliche. Investoren sollten die Reaktionsmöglichkeiten von Unternehmern, Politikern und Notenbankern nicht unterschätzen. Ein halbes Jahr später – im September 2012 – kündigte Mario Draghi dann tatsächlich an, er werde den Euro retten, „whatever it takes“.

2015 prognostizierte die Runde, die Leitzinsen in Europa würden noch mindestens fünf Jahre extrem niedrig bleiben. Das war damals mutig. Warteten doch alle Anleger sehnsüchtig auf ein Ende der Nullzins-Politik. Die Lerbacher Runde vermutete, sie würden noch lange warten müssen und erkor TINA zu ihrem Leitmotiv – „There Is No Alternative“ zur Aktienanlage. Dabei ist es bis heute geblieben.

„Das größte Verdienst der Lerbacher Runde war es eindeutig, dass sie sich eben nicht von den unzähligen Krisen und Risiken nervös machen ließ und immer zu einem hohen Anteil an Aktien im Depot geraten hatte. Anleger, die dieser Strategie gefolgt waren, konnten in den letzten zehn Jahren ein Vermögen aufbauen“, resümiert Kai Röhrl.

Heute steht die Lerbacher Runde wieder vor großen Heraus­for­derungen. Die Weltkonjunktur ist auf Schlingerkurs. Das R-Wort macht die Runde. Der Industriesektor steckt angesichts der Minusraten bei Produktion und Auftragseingängen weltweit mitten in der Rezession. Droht die Schwäche nun auf den Dienstleistungsbereich, den Arbeitsmarkt und den Konsumenten überzugreifen? Wird daraus ein kräftigerer Einbruch der Weltwirtschaft mit massiven Rückgängen bei den Firmengewinnen und signifikanten Kursverlusten an den Aktienmärkten? Oder ist das nur eine zeitweise Schwächephase? 

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Der Ausgang scheint völlig offen zu sein. Die Weisheit der Vielen ist heute gefragt wie selten zuvor.

// 01. Die Wirtschaftsprognose 2020 der Lerbacher Runde.

Wie wird das Wachstum ausfallen?

In den USA erwarten die Experten im kommenden Jahr 1,8 Prozent Wachstum, in Europa 1,0, in Deutschland 0,5, in China 5,3 und in der Welt 2,8 Prozent. Damit sind die Profis zwar einen Tick vorsichtiger als der Konsens – aber immer noch weit weg von einem echten Rezessionsszenario.

Die Wahrscheinlichkeit eines Minuswachstums über zwei Quartale in Folge taxiert die Runde auf 22 Prozent in den USA, auf 40 Prozent in Europa und auf 63 Prozent in Deutschland. Vor allem die exportorientierte heimische Wirtschaft ist also noch lange nicht aus dem Schneider.

Ein wichtiger Grund für die Skepsis ist die Einschätzung der Entwicklung des Handelsstreites. Nur ein Drittel der Profis glauben, dass die Strafzölle zwischen China und den USA auf dem aktuellen Niveau bleiben oder wieder abgeschafft werden. 27 Prozent sind der Meinung, der Streit zwischen den USA und China oder Europa werde sich verschärfen. Und 40 Prozent geben an, der Ausgang sei nicht kalkulierbar. Die Unsicherheit bleibe darum wohl noch länger bestehen.

Auch die Gefahr eines Währungskrieges ist offenbar noch nicht vom Tisch. 53 Prozent sind überzeugt, dass China seine Politik der Abschwächung des Renminbi fortsetzen wird, um die heimische Wirtschaft zu stützen. 17 Prozent vermuten, dass dann auch die USA intervenieren würden.

Soll Deutschland fiskalpolitisch gegensteuern?

87 Prozent der Profis hält dies für angebracht. Ganz oben im Maßnahmenkatalog stehen aber keine klassischen Ankurbelungsmaßnahmen, weil diese zeitverögert und damit zu spät wirken. Die Runde fordert Steuersenkungen und langfristige Investitionen in Infrastruktur und Bildung.

Wie werden sich die Unternehmensgewinne entwickeln?

Um das Potenzial am Aktienmarkt abschätzen zu können, kommt es vor allem auf die Unternehmensgewinne an. Nach einem schwachen Jahr 2019 erwartet die Lerbacher Runde 2020 wieder einen moderaten Anstieg um jeweils sechs Prozent bei den Firmen des DAX und des S&P 500. Bemerkenswert: Damit ist die Runde deutlich vorsichtiger als der Konsens unter den Analysten weltweit. Der geht bei den DAX-Firmen von einem Plus um 14, beim S&P 500 von zehn Prozent aus. Enttäuschungen scheinen da programmiert.

// 02. Die Geldpolitik im Jahr 2020.

Die Notenbanken, ist die Lerbacher Runde überzeugt, werden auch weiterhin weltweit den Fuß auf dem Gaspedal halten. Von der US-Notenbank FED erwarten die Profis bis Ende 2020 einen weiteren Leitzinsschritt auf dann 1,25 bis 1,50 Prozent. Die EZB werde den Einlagensatz noch einmal auf dann minus 0,6 Prozent senken.

73 Prozent glauben allerdings nicht daran, dass die EZB die Konjunktur noch maßgeblich positiv beeinflussen kann. Die Pferde stünden bis zum Hals im Wasser und würden nicht trinken. Was bringe es da, noch einen Eimer Wasser hinterherzuschütten? Die Negativzinsen wirken sich mittlerweile sogar negativ aus, weil die Bürger mehr sparen und weniger konsumieren. Sie wollen so das Loch in der Altersvorsorge stopfen, das durch den Nullzins entstanden ist.

// 03. Die Anlagestrategie der Lerbacher Runde.

An den Zinsmärkten, so die Profis, sei es 2020 sehr schwer, Rendite zu machen. Maximale Diversifikation in unterschiedlichste Anlagen sei der Schlüssel zum Erfolg (Seite 50).

Was die Aktienmärkte angeht, schlagen zwei Herzen in der Brust der Experten. Langfristig betrachtet seien Aktien höchst attraktiv. Schließlich hätten sich die Bewertungen der gängigen Anlageklassen – allen voran Anleihen und Immobilien – in der Null-Zins-Ära massiv erhöht. Nur die Kurs-Gewinn-Verhältnisse an den Aktienmärkten liegen immer noch auf dem Durchschnitt der letzten 30 Jahre. Bleibe der Zins auf diesem Niveau und falle die Rezession aus, ergäbe sich Potenzial für deutlich höhere Bewertungen.

Noch gelte es aber, vorsichtig zu sein. Derzeit sei viel „Hoffnung“ auf eine Stabilisierung der Konjunktur im Markt. Dies könne sich auch schnell wieder ändern, befürchtet die Runde. Deshalb nehmen die Experten bei Niveaus um 13200 Punkten im DAX, 28000 im MDAX und 3200 Punkten im S&P 500 Gewinne mit. Sehr günstig bewertet sei der DAX bei 10700 Punkten, der S&P 500 bei 2565 Punkten.

Interessant sind auch die Währungsprognosen der Profis. Stärkste Währung 2020 soll das Britische Pfund werden, weil der harte Brexit nun vom Tisch sei. Es bestehe sogar eine kleine Chance, dass Großbritannien nach den Wahlen am 12. Dezember den Austritt aus der EU noch einmal überdenke.

Die Attraktivität der einzelnen Anlageklassen mit Blick auf das Jahr 2020 taxiert die Runde auf einer Skala von 1 bis 10 (1 bedeutet völlig unattraktiv, 10 bedeutet sehr attraktiv):

Aktien global     6,3

Schwellenländeraktien     5,9

Gold     5,9

­Immobilien weltweit     5,1

Deutsche Aktien     5,0

Zinspapiere aus den Schwellenländern     4,4

Wohnimmobilien in Deutschland     4,2

Zinspapiere aus den entwickelten Ländern    1,8

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// 04. Die Lerbacher Roadmap 2040.

Die zunehmende Verschuldung beunruhigt die Runde derzeit am meisten. Der These, dass die Staaten sich künftig immer mehr in Relation zum Sozialprodukt verschulden werden, stimmen 85 Prozent zu. 96 Prozent glauben, dass die Notenbanken diese Politik finanzieren werden. Das sei besonders bedenklich, weil so langfristig das Vertrauen in die Geldpolitik und letztlich in unser gesamtes Geldsystem erschüttert werden könnte. 88 Prozent sind deshalb der Meinung, dass sich diese Tendenz zur monetären Expansion zukünftig im Goldpreis niederschlagen werde. Auf Sicht von zehn Jahren rechnet die Runde mit einem Anstieg des Goldpreises auf 2650 Dollar pro Feinunze. Für 85 Prozent spielen Kryptowährungen in diesem Zusammenhang allerdings keine Rolle. Es werde zwar künftig neue Währungsformen geben. Doch die hätten mit Bitcoin & Co. nichts zu tun, weil die Staaten niemals die Kontrolle über ihre Währungen aufgeben würden.

Die beste Versicherung gegen die Risiken aus einer unsoliden Wirtschaftspolitik sei es – wie vor zehn Jahren –, konsequent auf Sachwerte zu setzen. Aus einer Million Euro, in Zinspapiere investiert, wird nach Meinung der Experten bis 2040 nur 1,12 Millionen. Unter Berücksichtigung der Inflation ist dies mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verlustgeschäft. Werde die Million dagegen in globalen Aktien angelegt, steige das Vermögen in dieser Zeit auf über drei Millionen. Und der DAX? Der notiert laut der unerschrockenen Langfristprognose der Lerbacher Runde Ende 2040 bei 35745 Punkten. ®

 

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