Martin macht mobil.

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Sozialunternehmer. Wirtschaftliche Entwicklung in Afrika braucht ein neues Mobilitätskonzept. Der Unternehmer Martin Šoltés und seine Mitstreiter haben deshalb ein besonderes Elektrofahrzeug entwickelt. Um das Leben vieler Afrikaner zu verbessern, sucht er Impact-Investoren.

Mit dem Rucksack auf dem Rücken, in Begleitung von vier Studenten, steht Martin Šoltés, Doktorand der Technischen Universität München, in Ghanas Hauptstadt Accra in Westafrika. Es ist Januar 2014. Ihr Projekt: die Wirtschaft in den ländlichen Regionen Afrikas ankurbeln und zugleich etwas für die Umwelt erreichen.

Nach zwei Wochen ist klar: Die Probleme für die Menschen auf dem Land fangen dort an, wo die Straßen aufhören. Weil der versprochene Transport per Lkw nicht zustande kam, sitzt der Bauer vor den verfaulten Resten seiner Ernte, statt sie in der nächsten Stadt zu verkaufen. „Unser Ergebnis lautete: Die Bauern brauchen ein passendes Vehikel, zugeschnitten auf ihre Bedürfnisse – bezahlbar, belastbar, geländegängig und unabhängig von Sprit“, erzählt Šoltés. „Die beste wirtschaftliche, technische und ökologisch nachhaltigste Lösung dafür ist ein Elektrofahrzeug.“

Zurück in München beginnt das Forschungsprojekt aCar mobility. Mobilität ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wirtschaftlicher Austausch, gesellschaftliche Teilhabe, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit sind ohne Mobilität nur schwer zu verwirklichen. Sie ist die Grundlage für Fortschritt und Entwick­lung, für Chancengleichheit. Šoltés und seine Studenten sind überzeugt: „Nur wenn wir den Menschen in den ländlichen Räumen ein umweltfreundliches Fahrzeug zur Verfügung stellen, können wir auch etwas gegen das langfristig größte Problem tun: die Landflucht.“

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, muss ein Fahrzeug entwickelt werden, das ganz anders aussieht als das, was wir von unseren Straßen gewohnt sind. „Es musste an die lokalen Anforderungen angepasst sein – rustikal, nicht kaputt zu bekommen, mit Allradantrieb und wartungsarm“, macht Šoltés klar.

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Der erste Prototyp des aCar an der TU entsteht noch aus Holz und Pappe. Um das Feedback potenzieller Kunden einzuholen, werden einige Afrikaner nach München eingeladen.

Von ihnen lernen die Forscher beispielsweise: Was für Europäer die Europalette ist, ist dort der Reissack. Also wird die Ladefläche dem afrikanischen Reissack-Maß angepasst. Zwischenzeitlich haben sich die Wissenschaftler auch Unterstützung aus der Industrie geholt.

Mithilfe mehrerer mittelständischer Unternehmen aus der Fahrzeugbranche bauen sie innerhalb weniger Tage einen zweisitzigen Pritschenwagen mit Elektroantrieb ohne jeden Schnick­schnack. Der proof of concept erfolgt dann vor Ort, in Ghana. „Nach den ers­ten Metern gab es keine Diskussion mehr“, erzählt Šoltés stolz.

Gemeinsam mit Sascha Koberstaedt startet Šoltés 2017 sein unternehmerisches Abenteuer mit einer eigenen Firma als Ausgründung der TU München. Mit dem Namen – Evum – setzen die beiden ein starkes Signal. „Er ist abgeleitet vom Lateinischen ,aevum‘, was übersetzt Unsterblichkeit oder Unvergänglichkeit bedeutet. Das ist unser Motto. Unsere Produkte sollen ewig halten.“

Und noch etwas ist anders als in der klassischen Autoindustrie. „Es geht uns nicht primär um monetären Gewinn, sondern um den Impact. Wir möchten eine konkrete, messbare positive Wirkung auf die Umwelt und die Gesellschaft erzielen. Und die Welt so zu einem besseren Ort machen.“

Die ersten Investitionen werden durch Partner aus dem Mittelstand getragen. Drei Unternehmen beteiligen sich mit insgesamt fünf Millionen Euro an dem Start-up. Für die Serienfertigung, deren Beginn für Frühjahr kommenden Jahres geplant ist, entsteht aktuell im niederbayerischen Bayerbach eine Modellfabrik. Dort können Erfahrungen gesammelt, eventuelle Kinderkrankheiten in den Griff bekommen werden. 1000 Fahrzeuge pro Jahr sollen von April kommenden Jahres angebaut werden.

„Unsere Unternehmer sind nah am Thema dran und glauben an uns“, versichert Šoltés. Das war für die beiden Gründer wesentlich. Sie sprechen von „smart money“, also nicht nur von Geld, sondern auch von Engagement und Know-how. Und von schnellen Entscheidungen ihrer Investoren. Generell hat die Evum-Idee wohl überzeugt. „Wir waren in der glücklichen Lage, auswählen zu können, wie wir unseren Gesellschafterkreis gestalten.“

Einer der Gesellschafter ist Joachim Glatthaar. Der mittelständische Bauunternehmer aus Schwaben hat sich vor zwei Jahren beteiligt. Er kommt zwar aus einer ganz anderen Branche, ist aber vom Evum-Potential überzeugt: „Evum besetzt eine Marktnische, bietet Alleinstellungsmerkmale und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die werden in ab­seh­­barer Zeit ihren Siegeszug antreten.“

Dass zunächst keine Rendite zu erwarten ist – für den bekennenden Afrika-Fan Glatthaar kein Problem. Das sei bei Start-ups ebenso, sagt er. „Wichtig ist mir: Das Fahrzeug ist ein nachhaltiges Produkt.“ Wenn es sein müsse, sei er auch bereit, noch mehr zu investieren, denn: Glatthaar will dabeibleiben.

Was dem Unternehmer gefällt: Der puris­tische Evum-Stromer ist ein echter Lasten­esel, kann eine Nutzlast von einer Tonne transportieren, ganz gleich, ob Menschen oder Waren. Die Reichweite der Batterie liegt bei 80 Kilometern „und ist für den Zweck völlig ausreichend“, so Šoltés. „Außerdem spart eine kleine Batterie Ressourcen. Es gibt weder Klimaanlage noch Airbags oder Radio. Wir haben uns auf das Wesentliche konzentriert. Anfangs verzichteten wir sogar auf Türen. Das hat sich aber nicht bewährt.“

Interessant ist auch, dass die Batterie viele weitere Anwendungsmöglichkeiten bietet. Sie kann Energiequelle für eine Pumpe sein oder – mit zusätzlichen Aufbauten – das Fahrzeug in eine mobile Arztpraxis sowie eine Wasseraufbereitungsstation verwandeln. Solarmodule auf dem Dach des Wagens liefern zusätzlich Energie. Aufgeladen wird die Batterie an einer normalen 220 Volt-Steckdose, was sieben Stunden dauert.

Ganz ohne Luxus geht es aber auch in Afrika nicht. „Dort sind zum Beispiel verchromte Radkappen extrem wichtig. Ohne die ist ein Auto kein Auto. Oder Lautsprecher mit einer Schnittstelle zum Handy fürs Musikhören.“

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Mittelfristig soll das aCar dann in Nigeria, Ghana, Kenia und Tansania produziert werden. „Auch das ist ein wichtiger Bestandteil unseres Konzepts“, erklärt der Gründer. „Wir wollen nicht exportieren, sondern vor Ort den Menschen Arbeit verschaffen.“ Außerdem wären so Importschranken und Handelsbegrenzungen kein Thema.

2021 könnte die erste Microfactory in Afrika eröffnen. Damit dort nicht teure Maschinen angeschafft werden müssen, ist die Montage auf Handarbeit ausgerichtet. Lokale Fachkräfte werden zunächst in Deutschland geschult, bevor sie ihr Wissen dann in Afrika weitergeben. Möglichst viele Komponenten sollen lokal gefertigt werden, um die dortige Wirtschaft zu stärken.

Lediglich komplexere Teile wie Batterien und Elektromotoren müssen noch importiert werden. „Mit einem Preis von rund 10000 Euro soll der Elektro-Transporter dann auch für afrikanische Verhältnisse erschwinglich sein.“

Entgegen den ursprünglichen Erwartungen hat der minimalistische Elektrolas­ter mittlerweile selbst in Europa für Interesse gesorgt. Hausmeister, Gärtnereien, Winzer, Almbauern, städtische Betriebe, sie alle sehen im Evum-Mobil etwas, das ihnen bislang fehlte – eher ein Werkzeug als ein Auto.

Auch deshalb hat der schwäbische Unternehmer Glatthaar zusammen mit Evum eine Vertriebsgesellschaft gegründet. Von Mitte November an will der Mittelständler seine Kontakte zu Kommunen und Handwerkern in Baden-Württemberg spielen lassen. Für Evum und seine inzwischen 50 Mitarbeiter ist das ein Glücksfall. Auch wenn es seit der jüngsten Überarbeitung des Evum-Mobils Erweiterungen wie das „Kommunaldreieck“ gibt, mit dessen Hilfe Zusatzmodule wie Kehrmaschine oder Räumschild integriert werden können, sind Anpassungen an den Markt in Europa kaum nötig. „Unsere europäischen Kunden haben ganz ähnliche Anforderungen wie die afrikanischen.“

Šoltés rechnet damit, dass zunächst bis zu 90 Prozent der Autos in Deutschland verkauft werden. Wegen der höheren Produktionskosten und der aufwendigeren Straßenzulassung ist der Preis mit rund 30000 Euro allerdings dreimal so hoch wie für die afrikanische Version.

„Unser Engagement muss sich ja auch unternehmerisch tragen“, unterstreicht Šoltés die Idee von Social Entrepreneurship und Impact Investing. „Es geht ja darum, gleichzeitig Rendite zu machen und eine gesellschaftliche Wirkung zu erzielen. Menschen in ländlichen Gebieten von Schwellen- und Entwick­lungsländern ermöglichen wir Mobilität. Und mit dem Elektroantrieb vermeiden wir schädliche Emissionen wie CO2 oder Stickstoff und tragen so zu besserer Luft und weniger Lärm bei. Das können wir nachweisen.“

Bis 2025 soll in elf Märkten eine Jahresproduktion von mehr als 100000 Fahrzeugen gestemmt werden. Dann, ist der Unternehmer zuversichtlich, werde seine Firma auch Gewinn erzielen.

Ab Frühjahr 2020 braucht Evum allerding weiteres Kapital. Die Produktionsanlaufkosten für die Serienfertigung liegen nach Berechnungen des Start-ups bei zehn bis 15 Millionen Euro. Gesucht sind nun Impact-gesteuerte Investoren, die mittel- bis langfristig Kapital zur Verfügung stellen wollen, die Evum-Idee teilen und zunächst damit zufrieden sind, dass ihre Anlage die Welt ein kleines Stück besser macht. ®

Autorin: Miriam Zerbel

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