Willkommen im Paradies.

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Modern Monetary Theory. Wenn der Staat mehr ausgeben wolle, um die Konjunktur zu stabilisieren, könne er einfach Geld drucken – so zumindest die „moderne“ Geldtheorie. Wird nun tatsächlich eine Welt ohne Rezession denkbar? Was Kapitalanleger beachten sollten.

Es ist gerade einmal neun Jahre her, da die US-Ökonomen Reinhart und Rogoff die Limits staatlicher Defizite ausloteten. Habe die Verschuldung eine bestimmte Grenze in Relation zum Sozialprodukt überschritten, werde sie zum Wachstumshemmnis. Das Vertrauen an den Finanzmärkten werde untergraben, die führe zu höheren Zinsen und verdränge private Investitionen.

Schnee von gestern. Heute macht die „Moderne Geldtheorie“ die Runde. Ihre Kernaussage: Staatsdefizite sind überhaupt kein Problem – zumindest nicht für bestimmte Länder.

Die Idee einer „Modern Monetary Theory“ (MMT) wird dem australischen Ökonomen Bill Mitchell zugeschrieben. Er argumentierte schon in den 1990er-Jahren, dass ein Land, das sich in seiner eigenen Währung verschulden kann, niemals Zahlungsprobleme bekommt und sich darum auch nicht um Defizite sorgen muss. Im Gegenteil: Ein ausgeglichener Haushalt sei in Phasen der Wirtschaftsschwäche sogar unverantwortlich. Fiskalpolitik, so der Gedanke, müsse vor allem zweckmäßig sein. Und der Zweck von Politik sei eben Vollbeschäftigung und nicht ein ausgeglichener Staatshaushalt.

Bislang stand der Umsetzung solcher Ideen immer der disziplinierende Einfluss von Anleihemärkten im Weg. Wären die Investoren überhaupt bereit, Regierungen unendlich Geld zu leihen. Und falls ja, würden sie nicht Zinssätze verlangen, die jeden Wirtschaftsaufschwung abwürgten?

Im Rahmen der MMT spielt auch das keine Rolle mehr.  Der Trick: Die Notenbanken sind in diesem Konstrukt nicht unabhängig, sondern Teil des Staatssektors. Sie finanzieren diesen ganz nach Bedarf und setzen dabei die Zinsen beliebig – am besten auf null.

Willkommen im Paradies – in einer Welt, in der dem Staat unlimitiert Kapital für Investitionen oder Job-Garantien zur Verfügung steht. Und der so einen ewigen Aufschwung garantieren kann.

Einigen Experten ist diese Idee allerdings nicht ganz geheuer. Der Vorstandsvorsitzende von Blackrock, Larry Fink, bezeichnet sie als „Schrott“? Ex-US-Finanzminister Larry Summers hält sie für „trügerisch“? Und der Fed-Vorsitzende Jerome Powell für „schlicht falsch“?

Kern der Kritik ist die Frage, wie sich eine solche Politik auf Preise und Wechselkurse auswirken würde. Wäre das Ende der Unabhängigkeit von Notenbanken nicht auch das Ende des Vertrauens in eine Währung und der Beginn eines neuen Zeitalters der Inflation?

Die Befürworter der MMT verweisen auf das Beispiel Japans, wo diese orthodoxe Logik nun schon lange nicht mehr gilt. Die Verschuldung des Staates stieg seit 1994 von 70 auf 250 Prozent des Sozialproduktes. Finanziert wurde dies in den letzten zehn Jahren immer stärker durch die Notenbank. Die Bank von Japan ist aktuell (fast) der einzige Käufer neu ausgegebener japanischer Staatsanleihen. Sie besitzt mittlerweile rund 42 Prozent aller Staatspapiere und hat die Zinsen bei null zementiert.

In Japan wird die MMT also eigentlich schon umgesetzt. Trotzdem ist der Yen stark und von Inflation ist ebenfalls keine Spur zu sehen. Diese Gefahr werde auch überschätzt, meinen die Unterstützer der neuen Theorie. Sie verweisen drauf, dass der Staat bei den ersten Anzeichen aufkommender Inflation ja massiv die Steuern erhöhen könne, um die Nachfrage zu reduzieren.

Der Beweis, dass Politiker tatsächlich so handeln würden, steht allerdings aus. Inflations- und Währungskrisen hatten in der Vergangenheit meist damit zu tun, dass die Bürger das Vertrauen in die eigene Währung verloren. Kapitalflucht setzte ein. Die Währung wertete ab. Die Einfuhrpreise stiegen. Es kam zu importierter Inflation. Das Vertrauen in die Währung sank weiter ... – vielleicht steht das Japan ja erst noch bevor.

Die Grundthese der MMT, dass ein Land, das sich ausschließlich in eigener Währung verschuldet, niemals zahlungsunfähig werden kann, mag richtig sein. Vertrauensverlust, Wechselkursturbulenzen und Inflation sind dennoch denkbar.

Für Kapitalanleger ist interessant, dass die MMT gerade jetzt Furore macht. Die USA fahren ein Haushaltsdefizit von über vier Prozent, obwohl beinahe Vollbeschäftigung herrscht. Und die Präsidentschaftskandidaten für die Wahl 2020 positionieren sich jetzt schon mit neuen Ausgabeprogrammen. Auch in der Eurozone wird die Fiskalpolitik erstmals wieder gelockert. Der Wunsch nach höheren Defiziten ist der Kern des Streites zwischen Italien und der EU. Er schwingt auch bei den Protesten der Gelbwesten in Frankreich mit.

Wird hier der intellektuelle Unterbau für eine neue Wirtschaftspolitik bereitet?  „Ob wir das dann als MMT bezeichnen oder nicht – es ist durchaus möglich, dass eine expansive Fiskalpolitik verfolgt und an einer lockeren Geldpolitik festgehalten wird“, überlegt Mark Häfele, CIO der UBS. Dies könne den Konjunkturzyklus weiter verlängern und die Rally der Risikoanlagen aufrechterhalten.

Weil aber niemand wisse, was passiert, wenn der Geist erst einmal aus der Flasche gelassen sei, gelte es, die Inflationsraten genau zu beobachten. „Und langfristig“, schließt Häfele, „wird es umso wichtiger sein, in andere Regionen der Erde zu diversifizieren, in denen eine andere Politik verfolgt wird.“ ®

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Pro und contra Modern Monetary Theory.

Willkommen im Paradies

// 01. Haben die Regierungen erst einmal die Fesseln der Defizitfinanzierung abgestreift, lässt sich eine Welt denken, in der traditionelle Konjunkturzyklen nicht mehr stattfinden. Weil die Fiskalpolitik schneller und direkter wirkt als die Geldpolitik, wird es einfacher, den Pfad der Wirtschaft zu steuern.

// 02. Vor allem in Europa machen sich viele Ökonomen Gedanken darüber, welche Optionen die Wirtschaftspolitik im Falle einer Rezession noch hat. MMT ist die Antwort.

// 03. Große Herausforderungen liegen vor uns. Vor allem die Anpassung an den Klimawandel wird enorme Investitionen des Staates erfordern. Es muss nicht nur der Strukturwandel hin zu einer CO2-freien Wirtschaft unterstützt werden. Gleichzeitig ist ein fairer Lastenausgleich mit aufstrebenden Nationen zu finanzieren. Zudem gilt es, Länder dafür zu kompensieren, dass sie ihre fossilen Brennstoffe im Boden lassen und ihre Regenwälder nicht abholzen. Mit der Möglichkeit, unendlich hohe Staatsdefizite zu fahren, wird das leichter.

Willkommen in der Hölle

// 01. In der Praxis ist die MMT nicht umsetzbar. Mehr Gas zu geben, falls die Konjunktur sich in einem Loch befindet und hohe freie Kapazitäten aufweist, mag eine gute Idee sein. Aber wenn die Kapazitäten ausgelastet sind, führt das irgendwann doch zu Inflation. Und es ist naiv zu glauben, dass Politiker, die wiedergewählt werden möchten, in einer solchen Situation massiv die Steuern erhöhen würden. Außerdem ist fraglich, ob Technokraten tatsächlich in der Lage sind, eine Volkswirtschaft zu steuern. Wie war das damals in den sozialistischen Ländern?

// 02. MMT sieht vor, dass der Staat in Projekte investiert, die das künftige Wachstum anregen. Überall auf der Welt wird der Großteil staatlicher Ausgaben aber für konsumptive Zwecke verwendet – Sozialleistungen, Rentenansprüche, Gesundheit.

// 03. Der Privatsektor würde sukzessive vom Staatssektor zurückgedrängt. Die ohnehin schon hohe Staatsquote würde steigen, das Wirtschaftswachstum langfristig fallen.

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Autor: Klaus Meitinger

Foto: AdobeStock

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