• Susann Naumann

Wenn’s um die Wurst geht.

Als Chef von „Herta Wurst“ war er Fleischfabrikant mit Leib und Seele. Doch dann machte Karl Ludwig Schweisfurth einen radikalen Schnitt. Heute ist er ein glühender Verfechter des ökologischen Landbaus.

Schweine sind es, die Karl Ludwig Schweisfurth in Verzücken versetzen. Dick und grau stehen sie da. Sie schauen vergnügt in die Welt. „Sind sie nicht schön? Sie kommen aus China“, lächelt der 75-Jährige.

Die beiden Schweine stehen in seinem Garten in München und sind aus Stein. In Schweisfurths zweiter Heimat in Herr-mannsdorf, etwa 50 Kilometer südöstlich der bayerischen Landeshauptstadt, stehen die Echten: schwarz und rosa gefleckt, aus dem Schwäbischen. Sie haben viel frische Luft und bekommen wertvolles Futter. Es geht ihnen gut.

Das liegt an Karl Ludwig Schweisfurth und seinem Bio-Vorzeigegut, den Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Stallun-gen sind da, Wiesen und Felder. Ein Wirtshaus samt Biergarten, Hofladen, Metzgerei, Käserei, Brauerei, Bäckerei und natürlich Tiere. In Herrmannsdorf werden an einem Ort Lebensmittel biologisch erzeugt, verarbeitet und verkauft.

Das kleine bayerische Dorf ist eine Welt für sich. Eine heile Welt, fernab von städtischer Hektik, von Fast-Food-Ketten und anonymen Supermärkten. Herrmanns­dorf steht für handgemachte „Lebens-Mittel“ in ökologischer Qualität. Für den achtsamen Umgang mit allem Leben. Herrmannsdorf ist das Lebenswerk von Karl Ludwig Schweisfurth.

54 Jahre alt musste der gelernte Metzgermeister werden, bevor er diese Werte für sich entdeckte. Bis dahin leitete Schweisfurth das Familienunternehmen Herta Wurst, be­heimatet im westfälischen Herten. 25.000 Schweine und 5000 Rinder wurden hier Woche für Woche zu Fleisch und Wurst verarbeitet – eine grausame, anonyme Schlachterei am Fließband. Mit dem „Respekt vor der Würde der Kreatur“, wie sich Schweisfurth heute ausdrückt, hatte das nichts zu tun.

Dabei war er es gewesen, der aus dem Fleischerfachbetrieb seines Vaters in Herten eine industrielle Großproduktion machte. „Als junger Mann war ich in Amerika und habe dort die Maschinen in den Schlachthöfen gesehen. Ich war fasziniert von der Technik. Unsere Fabrik zu Hause haben wir dann ganz schnell umgestellt“, gibt er unumwunden zu.

Dank der Automation schaffte er es, Herta innerhalb von 20 Jahren zum größten und erfolgreichsten Fleischkonzern Europas zu machen. Als er Herta verkaufte, betrug der Umsatz mehr als 1,5 Milliarden Mark. Heute sind ihm Größe und Profit nicht mehr so wichtig. Der Umsatz von knapp zehn Millionen Euro, den die Herrmannsdorfer Land-werkstätten derzeit erwirtschaften, ist für ihn vollkommen ausreichend. Mehr muss nicht sein. Mehr soll es gar nicht sein.

In der Fastenzeit im Jahr 1984 hatte er beschlossen, seinem Leben eine Wende zu geben. „Ich faste jedes Jahr. Das macht nicht nur den Bauch leer. Auch das Gehirn wird gesäubert, das schafft Platz für neue Gedanken“, so Schweisfurth. Den Gedanken folgten Taten: Er verkaufte Herta an den Nestlé-Konzern und erwarb das Gut Herrmannsdorf. Nach und nach restaurierte er die alten Gebäude und Stallungen, eignete sich Kenntnisse über den ökologischen Landbau an und begann, wieder mit den eigenen Händen zu arbeiten.

„Ich habe tagelang in der Metzgerei gestanden und zum ersten Mal nach langer Zeit wieder angewandt, was ich als 15-Jäh­riger gelernt habe“, erinnert er sich. Ein Glücksgefühl für den gebürtigen Westfalen. „Etwas mit der eigenen Hand zu schaffen, ist so wichtig. Die Hand ist die Erdung“, philosophiert er.

Generell beschäftigen ihn heute Werte wie Ethik, Verantwortung und Moral. „All diese Dinge sind uns abhanden gekommen“, meint er. Mit der von ihm gegründeten „Schweisfurth-Stiftung“ versucht er, seine Ideen vom öko­lo­gischen Landbau in die Welt zu tragen. Er schreibt Bücher („Wenn’s um die Wurst geht“), tritt im Fernsehen auf, gibt Interviews. Als ein Missionar sieht er sich aber nicht. „Ich verkünde keine Religion“, sagt er.

Dennoch: Was ihm wichtig ist, bringt er auf den Tisch, diskutiert provokativ und zuweilen auch dickköpfig. „Wir brauchen keine Automation und keine Gentechnik in der Landwirtschaft“, behauptet er und schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Das Argument, dass die Menschen ohne diese Dinge nicht satt werden, stimmt nicht. Wenn Menschen wirklich hungern, dann nur, weil sie falsch regiert werden oder weil Korruption und Bürgerkriege an der Tagesordnung sind.“

Der 75-Jährige macht sich Gedanken um viele Themen unserer Zeit. Er ärgert sich über die Ignoranz gegenüber der Natur, über die „virtuelle Welt“, in der wir leben, und über die „geistige und seelische Armut“ vieler Menschen. „Die sitzen in ihren mit Elektronik ausgerüsteten Häusern, mit teuren Küchen und langen Reihen von Kochbüchern. Auf den Tisch aber kommen die schlechtesten Lebensmittel in ganz Europa. Und zum Kochen sind sie auch zu faul“, schimpft er.

Vor allem aber ärgert er sich über die Preisdiskussion in unserem Land. Kein Wunder: Fast täglich wird er aufgrund der hohen Preise seiner Waren damit konfrontiert. „Wir sind kein armes Volk. Nur höchstens zehn Prozent der Bevölkerung sind wirklich so arm, dass sie sich keine guten Lebensmittel leisten können. Alle anderen haben das Geld dafür.“

Aber es gibt auch viele Dinge, die ihn freuen. Dass sein ältes­ter Enkel Max nach langer Überzeugungsarbeit das Hand-werk des Kochs erlernen will. Dass sein Sohn Georg mit dem Öko-Supermarkt „Basic – Bio für alle“ Erfolg hat. Und dass Georgs Zwillingsbruder Karl in seine Fußstapfen getreten ist.

Karl Schweisfurth übernahm 1996 die Geschäftsführung der Herrmannsdorfer Landwerkstätten von seinem Vater. Unter seinen Fittichen wurde der Bio-Gutshof zu dem, was er heute ist: ein Unternehmen, das den Umsatz innerhalb von zehn Jahren von rund 2,5 Millionen auf knapp zehn Millionen Euro gesteigert hat, seit drei Jahren profitabel ist und etwa 130 Mitarbeiter beschäftigt. Darunter 15 Lehrlinge.

Mittlerweile gibt es zwölf Filialen in und um München, eine in Hannover sowie zwei Dutzend Wurst-, Fleisch- und Käsetheken quer durch die Republik. Kunden sind nach Karl Schweisfurths Beobachtung die „Aufgeweckten unter der Bevölkerung“, sprich: Menschen, die sich über ihre Ernährung Gedanken machen. Spätestens seit der BSE-Krise. Über 50 Prozent der „Überläufer“ von damals sind dem bayeri­schen Bio-Bauern als Kunden erhalten geblieben.

Dennoch kann sich die Familie mit ihrem Öko-Bauernhof nicht zurücklehnen. Karl Schweisfurth weiß das. „Wir müssen unser Sortiment ständig erweitern. Gleichzeitig darf die Qua­lität nicht darunter leiden“, be­schreibt er die Aufgaben der Zukunft. Entsprechend wichtig ist ihm die Qualifikation seines Personals, das er gewissenhaft auswählt. Außerdem sorgt er durch die Lehrlings­ausbil­dung für den eigenen Nachwuchs.

Auch ihm ist allerdings klar, dass selbst die besten Mitarbeiter zuweilen Fehler machen. Deshalb findet immer dienstags ein Testessen statt, bei dem stichprobenartig die Qualität der Wurst überprüft wird. Geht doch etwas schief, ist der Herr-mannsdorf-Kunde mit der Ware nicht zufrieden, gibt es eine eindeutige Regelung. Der Käufer bekommt den doppelten Warenwert ersetzt.

Kompromisslose Kundenorientierung ist hier vielleicht noch ein wenig wichtiger als anderswo. Denn das Geschäft mit den Öko-Lebensmitteln ist ein Drahtseilakt: Einerseits müssen höhere Preise sein angesichts des enormen Aufwands für die Herstellung der Waren. „Der Bio-Kunde ist sich des Preises bewusst und kauft entsprechend weniger ein“, sagt Karl Schweisfurth. Andererseits ist aber auch für überzeugte Öko-Esser die Schmerzgrenze irgendwann erreicht. Würde sie überschritten, käme es wohl zu deutlichen Umsatzeinbrüchen. Schweisfurth weiß um diesen Spagat. Bei der Lebens­mittelherstellung Abstriche zu machen, kommt trotzdem nicht in Frage. „Den Charakter von Herrmannsdorf werden wir auch gegen die Billiganbieter erhalten“, legt sich der Unter­neh­mer fest.

So unterschiedlich der emotionale Vater und der pragmatische Sohn sind – bei diesem Thema sind sie sich einig. „Wir wollen nicht unseren Profit mehren, sondern die Qualität der Lebensmittel erhalten. Das ist eine sehr wichtige gesellschaftliche Aufgabe“, betont Schweisfurth junior.

Während sich Karl Schweisfurth dieser Aufgabe stellt, hat der Senior schon wieder ganz andere Dinge im Kopf. So reiste der rüstige 75-Jährige kürzlich in die Nähe von Moskau, um einem russischen Landmann bei seinem Einstieg als Öko-Bauer zu helfen. „Andere Unternehmer beim Aufbau eines ökologischen Betriebs zu unterstützen, ist meine neue Herausforderung“, sagt Karl Ludwig Schweisfurth.
Gleichzeitig experimentiert er in Herrmannsdorf mit einem Stück Land, das er im vergangenen Jahr der symbiotischen Landwirtschaft gewidmet hat. Mensch, Tier und Natur sollen dort im Einklang miteinander auskommen – ohne dass einer in den Lebensraum des anderen eingreift.

Eine Einschränkung gibt es allerdings: Die Schweine, die bis Ostern das Fleckchen Erde nach Herzenslust umgraben durften, hat Schweisfurth mit seiner Familie mittlerweile verspeist. „Zum Niederknien war der Braten“, meint er: „Es geht doch nichts über ein gutes Stück Fleisch.“          ®

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