• Sabine Holzknecht

Der Morphologe.

Simon Moroneys Spezialität ist die Veränderung von Gestalt. Seine Bibliothek birgt einen besonderen Schatz – die Baupläne von zwölf Milliarden Antikörpern. Seine Firma ist einzigartig. Seine Geschäftsidee ist erstklassig. Und die Zukunft ist ein großes Versprechen.

Dies ist die Geschichte eines glamourösen Aufstiegs. Und eines tiefen Falls. Auf den wiederum ein Aufstieg in eine glänzende Zukunft folgt. Außerdem ist es eine Geschichte darüber, wie Unternehmer Menschenleben retten. Viele Menschenleben. Und es ist eine Geschichte, die zeigt, was alles machbar ist am Wirtschaftsstandort Deutschland.

Ein junger Mann studiert in Neuseeland Chemie. Er ist ein heller Kopf. Einer, der sich nicht damit begnügt, das, was ist, zu verstehen. Sondern der sich auch darüber Gedanken macht, das, was noch nicht ist, zu erkunden. Um zu promovieren geht er nach Oxford, England. Später forscht er in Harvard, Boston, USA. Noch später forscht er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Dann unterrichtet er an der University of British Columbia, Vancouver, Canada, und am Department of Pharmacology, University of Cambridge, Cambridge, England.

Die besten, die renommiertesten Forschungszentren der Welt stehen ihm nun offen. Von einer solchen Ausgangsposition träumt ein junger Wissenschaftler normalerweise. Nicht so Simon Moroney. Er nimmt 1990 die Ausfahrt. Raus aus dem Elfenbeinturm. Ade, akademische Beschaulichkeit. „Ich weiß nicht, warum. Aber es war mir plötzlich klar, dass ich das nicht mehr machen wollte“, kommentiert er die damalige Entscheidung. „Eine konkrete Vision hatte ich nicht.“

Bereits hier zeigt sich eine von Simon Moroneys charakteristischen Eigenschaften. Er ist bereit, etwas zu riskieren, alte Pfade zu verlassen, sich auf neue Abenteuer einzulassen.

Simon Moroney hat einen Kollegen, den Deutschen Christian Schneider. Mit ihm teilt er den Wunsch, unabhängig zu sein. „Wir wollten für uns selbst arbeiten, und wir wollten etwas machen, das mit der Anwendung der Chemie in der Biologie zu tun hat“, erklärt er.

Während seiner Forschungsarbeiten hat Simon Moroney eine chemische Methode entwickelt, mit der sich Proteine – die Grundbausteine aller Zellen – modifizieren und für spezielle Anwendungsgebiete optimieren lassen. Die Einsatzmöglich­keiten reichen von der Herstellung von Medikamenten über Nahrungsmittelzusätze bis zur Beimischung in Waschpulvern. Ein weites Spektrum. Dann lernt Simon Moroney einen weiteren Deutschen kennen, Andreas Plückthun. Plückthun ist Professor am Max-Planck-Institut in Martinsried bei München und bringt die beiden jungen Denker auf die richtige Idee. „Professor Plückthun lenkte unseren Fokus auf Antikörper“, sagt der Neuseeländer, der perfekt und nahezu akzentfrei Deutsch spricht. Antikörper sind Proteine, die Wirbeltieren dazu dienen, eingedrungene Fremdkörper abzuwehren.

Heute ist Simon Moroney CEO des Biotech-Unternehmens Morphosys mit Sitz eben in Martinsried bei München. Dank der Forschungen mit Professor Plückthun besitzt Morphosys nun eine Bibliothek der ganz besonderen Art. Sie enthält die Baupläne von zwölf Milliarden humanen Antikörpern. Dank dieses Schatzes und der von Moroney entwickelten Technologie können in Morphosys’ Laboren jene Antikörper identifiziert, eventuell modifiziert und in großen Mengen hergestellt werden, die in der Pharmaindustrie für die Entwick­lung neuer und innovativer Medikamente benötigt werden. Zwölf der zwanzig weltweit größten Pharmafirmen sind Moroneys Kunden. Roche, Pfizer, Novartis, Bayer-Schering, Merck, Boehringer Ingelheim setzen auf seine Technologie, um die Umsätze von morgen zu generieren.

Weil die Pharma-Multis gut für diese Dienstleistung bezahlen, ist Morphosys heute eine der ganz wenigen Biotech-Firmen weltweit, die profitabel arbeiten. Sechs Millionen Euro Jahresüberschuss, tiefschwarze Zahlen, das gibt es in einer Branche, die viel investiert und von der Hoffnung lebt, das bahnbrechende Medikament zu entwickeln, nicht oft.

Doch so weit sind wir noch nicht. Erst einmal stehen Moroney und Schneider vor der Aufgabe, Kapital für ihr zu gründendes Unternehmen aufzutreiben. Keine einfache Angelegenheit, besonders wenn man bedenkt, dass es damals in Deutschland praktisch kein einziges Biotech-Unternehmen gab, und wenn man weiß, dass Biotech-Firmen in den ersten Jahren ihrer Exis­tenz eine Menge Geld verbrennen und eventuelle Ergebnisse erst nach Jahren zu erwarten sind.

Moroney und Schneider müssen harte Überzeugungsarbeit leis­ten, viele Gespräche führen und hartnäckig an ihre Business-Idee glauben. Schließlich gewinnen sie den Venture-Capi­tal-Geber Alex Korda aus London für sich. Er glaubt an ihren Geschäftsplan und er glaubt an Deutschland. „Deutschland“, sagt er, „ist die Zukunft.“

An der Art und Weise, wie Deutschland die Wiedervereinigung gemeistert hat, habe sich gezeigt, wie viel Kraft das Land besitzt. Zudem verfüge Deutschland über erstklassig qualifiziertes Personal. Für den Standort Martinsried sprach ferner das vorzügliche wissenschaftliche Umfeld. Das Max-Planck-Institut für Biochemie sowie das Institut für Neurobiologie waren bereits damals hier tätig – und produzierten eine weltweit beachtete Forschungsarbeit nach der anderen.

In Technostart, einem Risikokapitalgeber aus Stuttgart, finden sie einen zweiten Geldgeber. Mit einem Kapital von 1,1 Mil­lionen Mark gründen Moroney und Schneider im Juli 1992 die Firma Morphosys in Martinsried. Der Plan der bayerischen Staatsregierung, mit kräftigen Fördermitteln den unschein­baren Vorort Martinsried an die vorderste Front der Biotech-Forschung zu katapultieren, stärkt der jungen Firma ebenfalls den Rücken.

„Insgesamt hatten wir drei Finanzierungsrunden“, sagt Moroney, „bevor wir am 9. März 1999 an die Börse gingen.“ Jede Runde spülte neues Wagniskapital in die Firmenkasse. Und jede Runde verringerte dementsprechend Moroneys Anteil an der Firma. Ein durchaus typisches Procedere für ein Biotech-Unternehmen.  
Am Ende der dritten Finanzierungsrunde hatte Morphosys 16 Millionen Euro Venture-Capital aufgenommen, Moroneys Anteile an der Firma hatten sich auf 5,91 Prozent reduziert, jene von Prof. Plückthun auf 2,68 Prozent. Christian Schneider war ausgestiegen.

Der Start auf dem Parkett verlief gut. Die ersten neun Monate tat sich allerdings nicht viel. Der Aktienkurs zuckelte vor sich hin.
Dann geschieht Erstaunliches. Plötzlich beginnt der Kurs zu steigen. Steigt. Und steigt. Und steigt weiter. Und steigt noch höher. „Innerhalb weniger Wochen schoss unser Aktienkurs von 20 Euro auf 444 Euro“, erzählt Simon Moroney.
Geschürt hatte das Kursfeuerwerk die Meldung, dass es zum ersten Mal gelungen sei, verschiedene Antikörper zu finden, die Lymphom-Krebszellen in der Zellkultur effizient abtöten. Die Anleger kauften wie besoffen. Kursziel 1000 Euro, tönte Börsenguru Bernd Förtsch in der TV-Sendung 3sat börse. Mit einem Mal wollten Hinz und Kunz Morphosys-Aktien besitzen, obwohl kaum einer wirklich wusste, wie das Geschäft der Firma funktionierte.

Zu Zeiten des Börsenhypes Anfang 2000 war Morphosys 1,5 Milliarden Euro wert. Das Aktienvermögen von Moroney betrug über 50 Millionen Euro.
Und das, obwohl die Firma damals noch tief in den roten Zahlen steckte und noch kein Präparat am Markt hatte.

Klar, die Märkte spielten damals verrückt und Biotech war hip. Aber die Kursentwicklung von Morphosys war eben besonders verrückt. Wie reagiert ein Firmenchef, wenn sich der Aktienkurs seines Unternehmens in wenigen Wochen verzwanzigfacht?

„Gar nicht“, sagt Simon Moroney. „Alles ging so schnell, dass wir gar nicht reagieren konnten. Es war, als befinde man sich auf einem Segelboot und ein Sturm kommt von hinten und jagt einen über das Meer. Man kann nicht mehr steuern. Wir wollten damals mit einer Firma fusionieren. Doch die winkte ab. Eure Firma ist dermaßen überbewertet, dass wir eure Aktien nicht wollen, sagten sie uns. Wir konnten nichts machen.“

Kurz darauf wiederholte sich das Spiel, bloß mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Blase war geplatzt, plötzlich beurteilten die Anleger die fundamentalen Daten des Unternehmens realistischer. Erschwerend kam ein Patentstreit mit dem britischen  Konkurrenten Cambridge Antibody Technology (CAT) dazu.

Der Aktienkurs ging auf Talfahrt. Er fiel. Und fiel. Und fiel weiter. Und fiel noch tiefer. Innerhalb weniger Monate brach der Kurs von 444 Euro auf 4,77 Euro ein.
Diesmal musste Simon Moroney reagieren.
Aus 1,5 Milliarden Euro Marktwert waren 15 Millionen geworden. Und aus einem ärgerlichen Patentstreit eine existenzbedrohende Auseinandersetzung. „CAT behauptete, unsere Technologie würde drei ihrer Patente verletzen. Der Rechtsstreit wurde in den USA ausgetragen und war horrend teuer. Er kostete acht Millionen Euro, eine enorme Summe für eine Firma, die 20 Millionen Umsatz macht“, sagt Moroney. „Außerdem war das Management stark involviert und konnte sich nicht mehr so stark aufs Geschäft konzentrieren.“

„Wir beschlossen, zu schneiden“, sagt der Neuseeländer. „Ein Mal, dafür aber tief.“ Ein Viertel der Belegschaft muss gehen. Das tut weh. Ambitionierte Pläne, nicht nur in der Forschung  tätig zu sein, sondern gewisse Präparate auch bis zur Marktreife zu entwickeln, mit denen die Firmenleitung eine Zeit lang geliebäugelt hatte, werden schleunigst wieder fallen gelassen.
Reißleine ziehen. Zurück zum Kerngeschäft. Konzentration. Fokussierung. „Es war furchtbar unangenehm“, sagt Simon Moroney. „Aber man steht es durch. Man kommt da wieder raus.“

Auch Glück ist im Spiel. CAT bekommt einen neuen CEO. Und der erkennt, dass der Patentstreit auch sein Unternehmen lähmt. Er willigt ein, den Streit beizulegen. Morphosys überlässt CAT zwölf Prozent seiner Aktien. Dafür darf es die Technologien ungehindert weiternutzen. „Damit konnten wir gut leben“, sagt Simon Moroney. „Für uns war vor allem wichtig, dass wir nichts von unseren künftigen Tantiemen abtreten mussten.“

Im Segment der therapeutischen Antikörper – dem wichtigsten Bereich – arbeitet Morphosys wie gesagt vor allem als Dienstleister. Die Firma forscht im Auftrag der Pharmaindustrie. Dafür wird sie zunächst bezahlt. Schafft es dann eines der Präparate bis zur Marktreife, erhält Morphosys regelmäßige Tantiemen, sogenannte Royalties. „Wir sind im einstelligen Prozentbereich am Umsatz beteiligt“, sagt Simon Moroney.

Das hört sich zunächst nicht sonderlich spektakulär an. „Aber Pharmafirmen wie Pfizer oder Novartis verfolgen kein Projekt, dessen erwarteter Umsatz unter 500 Millionen Euro liegt. Bekommen wir nun Tantiemen in Höhe von sagen wir fünf Prozent, macht das 25 Millionen Euro Gewinn. Netto. Denn wir haben dabei keine Kosten.“

Das klingt schon anders. Angenehm. Hohe Chancen. Kaum Risiko. Aktuell verfolgt Morphosys gemeinsam mit Pharmapartnern 43 Programme. Zwei davon befinden sich bereits in der klinischen Testphase 1. Läuft alles nach Plan, kommen sie 2012 bis 2014 auf den Markt. Dann werden die Gewinne kräftig sprudeln. Denn beide Medikamente könnten echte Verkaufsschlager werden. Das eine, entwickelt vom Pharma-Riesen Roche, dient der Behandlung von Alzheimer. Das andere, das in der Pipeline der deutschen Firma GPC Biotech steckt, soll die Behandlung chronisch lymphatischer Leukämie ermöglichen.

Insgesamt 19 Partnerschaften wurden abgeschlossen. Aus diesen Kooperationen werden in den nächsten Jahren neue Projek­te starten. „Natürlich schafft es nur ein Bruchteil der Programme bis zur Marktreife“, sagt Simon Moroney. „Aber bei einer daraus resultierenden Wahrscheinlichkeit von etwa 15 Prozent sind das immerhin neun Medikamente, an denen wir in Zukunft mitverdienen werden.“

Und die Grundmenge wächst. Stetig. Jahr für Jahr. Die Armada an Schiffen, die Moroney ausschickt, um lukratives Neuland zu entdecken, wird immer größer. Entdeckt ein Schiff neues Land, verdient er mit. Wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm, denn die erfolgreichen Schiffe finanzieren die anderen leicht.
Wie groß das Potenzial ist, welches Pharmafirmen in dem Markt wittern, belegt die Tatsache, dass allein in den vergangenen zwei Jahren neun auf Antikörper spezialisierte Biotech-Firmen von Pharma-Unternehmen aufgekauft worden sind. Unter anderem auch Moroneys ehemaliger Widerstreiter CAT.
Das stärkt die Position von Morphosys als unabhängiger Anbieter hocheffizienter Biotech-Forschung in einem Markt, der aktuell 15 Milliarden US-Dollar beträgt und Jahr für Jahr um 30 Prozent wächst.

Mit Medikamenten, die auf Basis von Antikörpern funktionieren, beschäftigen sich auch andere Biotech-Firmen. Doch die Technologie von Morphosys gilt in der Branche als die innova­tivs­te und als besonders effektiv. Konkurrent Abgenix beispielsweise isoliert Antikörper aus Mäusen. CAT gewinnt Antikörper direkt von erkrankten Patienten. Beide Verfahren sind aber sehr aufwendig.

Allein Moroney ist hingegen in der Lage, die humanen Antikörper direkt herzustellen. Denn Moroney kennt die genetische Information, die notwendig ist, damit eine Zelle genau den erwünschten Antikörper produziert. Anschließend werden die Antikörper in die Blutbahn des Patienten gespritzt. Dort patrouillieren sie so lange, bis sie ihr Zielmolekül – die kranke Zelle – gefunden haben. Da sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip funktionieren, können die Antikörper das Zielmolekül punktgenau binden und ihm anschließend etwa den Befehl geben, sich selbst zu zerstören.

Das ist auch einer der Gründe, warum Antikörper-Medikamente so attraktiv sind. Sie wirken genau da, wo sie benötigt werden. Und sie funktionieren mit ganz geringen Nebenwirkungen. Schließlich sind Antikörper ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Immunsystems. Dank der Morphosys-Bib­liothek kann der zu produzierende Antikörper außerdem im Laufe dieses Prozesses immer wieder modifiziert und dadurch optimiert werden. Das steigert die Erfolgschancen enorm.
Besonders interessant für die Pharmaindustrie ist auch, dass derartige Antikörper-Medikamente sehr schwer zu imitieren sind. Die Moleküle, um die es hier geht, sind so groß und so komplex, dass ihr Bauplan für den Generika-Markt kaum zu knacken ist. Selbst nach Ablauf des Patentschutzes ist nicht zu befürchten, dass billige Nachahmer in den Markt eindringen.

Damit nicht genug. Vor allem kann Antikörper-Medizin dort helfen, wo herkömmliche Medikamente bislang wenig ausrichteten. Zum Beispiel bei Alzheimer-Erkrankungen. Oder bei Krebs. Tatsächlich sind von den 20 Antikörper-Medikamenten, die aktuell auf dem Markt sind, acht Krebsmedikamente, weitere drei Herz-Kreislauf-Arzneien. Das kann nicht nur ein Milliardengeschäft werden. Es lassen sich damit auch sehr viele Menschenleben retten.

Weil dieser Bereich so vielversprechend ist, startete Morphosys hier ein eigenes therapeutisches Programm. Mit MOR202 hat die Firma ein Präparat gegen Krebs in der Pipeline. Ein zweites firmeneigenes Präparat ist MOR103. Es dient der Behandlung der rheumatoiden Arthritis, eine Erkrankung, bei der aktuelle Therapiemöglichkeiten unzureichend sind.

Natürlich steht MOR für Morphosys. Es könnte aber auch für Moroney stehen. Schließlich ist die eigene Produktentwicklung die lukrativste Nutzung der Technologie, die Königsdisziplin eines biopharmazeutischen Unternehmens.
Beide Präparate haben die präklinischen Studien erfolgreich durchlaufen und befinden sich nun in der ersten der drei klinischen Test-Phasen. „Wir beabsichtigen, MOR202 und MOR103 bis zum Ende der Phase 2 zu begleiten“, sagt Simon Moroney. „Dann hätten wir gezeigt, dass sie im Menschen funktionieren, und wir könnten sie zu wirklich interessanten Bedingungen verkaufen.“

Ziemlich interessante Bedingungen, das sind – blickt man auf entsprechende Verträge, welche die Industrie in jüngster Zeit mit Biotechnologiefirmen für ähnlich weit gediehene Medi­kamentenkandidaten geschlossen hat – 50 bis 70 Millionen Euro. Ein hübsches Sümmchen.

Doch wenn die beiden Präparate so vielversprechend sind – warum sie nicht gleich bis zur Marktreife bringen? „Die Phase 3 der klinischen Entwicklung ist sehr aufwendig“, antwortet Simon Moroney. „Es handelt sich hierbei um eine große statistische Studie, die das Produkt mit der besten Alternative vergleicht. Eine solche Studie kostet mehrere Dutzend Millionen Euro, und es gibt immer noch ein Risiko von etwa eins zu zwei.“

Zu viel. Denn das Geschäftsmodell von Morphosys lautet: solide Einnahmen bei minimalem Risiko. Das gilt auch für den zweiten Geschäftsbereich, der sich der Vermarktung von Antikörpern für Forschungszwecke widmet. Im Auftrag von Kunden aus dem akademischen oder dem industriellen Umfeld bietet Morphosys spezielle Antikörper für die Anwendung in Forschung und Diagnostik an. Einfach gesagt, stellt Morphosys Antikörper in ein Regal. Und die Forscher von Pharmafirmen bedienen sich. Gegen Gebühren, natürlich.

Dieser Bereich, der unter dem Namen AbD Serotec operiert, steuert ein Drittel des Firmenumsatzes bei. Um diesen Geschäftsbereich aufzubauen, hat Moroney 2005 und 2006 die beiden britisch-amerikanischen Firmen Biogenesis und Seratec aufgekauft. „Die Integration der beiden Firmen ist erfolgreich verlaufen“, sagt Moroney. „Weitere Akquisitionen in diesem Bereich sind nicht auszuschließen.“

Doch was wäre im umgekehrten Fall? Was wäre, wenn einer der großen Pharma-Riesen Morphosys, die derzeit an der Börse 368 Millionen Euro wert ist, aufkaufen wollte? Schließlich ist die Akquisition attraktiver Biotech-Firmen gerade en vogue. Und Simon Moroney selbst hält nur mehr 113461 Aktien und 83000 Optionen. Insgesamt sind das nur knapp 2,5 Prozent des Aktienkapitals. Großaktionäre sind mit jeweils sieben und sechs Prozent die beiden Pharma-Unternehmen Novartis und AstraZeneca, jene Firma immerhin, die auch CAT aufgekauft hat. „Auch das ist nicht auszuschließen“, sagt Simon Moroney. „Wir sind unseren Aktionären gegenüber verpflichtet, über alles nachzudenken. Aber unser Ziel ist es nicht. Wir glauben, dass wir eine sehr attraktive unabhängige Zukunft haben.“

Tatsächlich steht die Pharmaindustrie vor einem enormen strukturellen Problem. „Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung steigen um acht bis zehn Prozent pro Jahr. Die Anzahl der Medikamente, die auf den Markt kommen, sinkt hingegen von Jahr zu Jahr“, sagt Simon Moroney. Für die Pharmaindustrie sind deshalb so innovative und effiziente Biotech-Boutiquen wie Morphosys wichtige strategische Partner. „Das, was wir machen und was für die Pharma-Unternehmen so interessant ist, ist die Entdeckung von aktiven Antikörpern, die einen Effekt auf bestimmte Krankheiten haben“, sagt Simon Moroney. „Dieser Entdeckungsschritt, das ist unser Asset.“

Sein ehemaliger Partner Christian Schneider ist nicht mehr operativ tätig. Und Prof. Andreas Plückthun hat sich eben aus dem Aufsichtsrat verabschiedet. Er will sich wieder der Forschung zuwenden. Und er, Moroney, wer ist er eigentlich? Ist er der Forscher oder ist er der Unternehmer?

„Ich bin der, der die Interviews gibt“, sagt er, und es ist das erste Mal, dass der ernste Mann mit dem jungenhaften Gesicht lacht. Kein Wunder. Eine glänzende Zukunft wartet. Eine Zukunft „made in Germany“.     ®

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