Cargo chic.

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Unternehmertum. Die Familie Wong in Papeete, Tahiti, hat aus der Not ein ganz besonderes Geschäftsmodell entwickelt. Ihre Compagnie Polynésienne de Transport Maritime kombiniert Passagier- und Frachtschifffahrt und steuert dabei zwei ungewöhnliche Ziele im Südpazifik an: die abgelegenen Marquesas-Inseln, wo Maler Paul Gauguin begraben liegt. Und die Insel Pitcairn, auf der sich einst die Meuterer der „Bounty“ versteckten und wo heute noch immer deren Nachfahren leben.

Wie jedes Mal, wenn sich die „Aranui 5“ im Hafen von Papeete fertig zum Auslaufen macht, kommt Philippe Wong, Jahrgang 1972, selbst an Bord, ehe die Leinen gelöst werden.

Der CEO der Compagnie Polynésienne de Transport Maritime (C.P.T.M.) begrüßt die Stammgäste, während auf dem Vorderdeck Kräne kreisen. Sie verladen große Frachtcontainer. 1400 Tonnen sind es dieses Mal.

„Das ist nahe an unserem Rekord von 1600 Tonnen“, erklärt Wong. Dies unterstreiche, wie gut sein Geschäftsmodell funktioniere. Denn die „Aranui“ ist kein gewöhnliches Kreuzfahrtschiff.

Wer wissen will, wie es zu dieser Kombination aus Passagier- und Frachtschifffahrt kam, muss weit zurückblättern. 1924 ging der Teenager Wing Wong in Papeete von Bord eines Schoners. Er stammte aus einem Dorf in der chinesischen Provinz Kanton und wollte in Tahiti sein Glück machen – so wie es sein Halbbruder und seine Cousins versucht hatten.

Leicht war das jedoch nicht. In den französischen Überseegebieten wurden Einwanderer aus dem Reich der Mitte nicht mit offenen Armen empfangen. Viele Grundrechte blieben ihnen verwehrt. Und so dauerte es ziemlich lange, bis Wing Wong und seine Frau Yong Tai im Zentrum von Papeete einen Gemischtwarenladen eröffnen konnten. Um das Geschäft zu beleben, planten sie, Handel mit dem Tuamotu-Archipel zu treiben, einer Gruppe von Atollen 400 Kilometer nordöstlich von Tahiti. Die Wongs wollten Kolonialwaren liefern und mit Kopra und Perlen zurück­kehren. Allein: Es fehlte ein Schiff.

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Erst im Jahr 1954 konnten die beiden einen U-Boot-Jäger, der nach dem Pazifischen Krieg für den Fang von Haien eingesetzt worden war, günstig leasen. Später erwarben die Wongs dann ihre erste „Aranui“, die in Neuseeland vom Stapel gelaufen war. „Großer Weg“ heißt „Aranui“ auf Polynesisch. Sie konnte 240 Tonnen laden und wurde später Tahitis größter Exporteur von Kopra, unter anderem nach Italien und Deutschland. Wing Wong sollte das allerdings nicht mehr selbst miterleben. Er starb 1962 an Krebs.

Die folgenden Jahre brachten Licht und Schatten für die Familie. Schiffe sanken, wurden gekauft und wieder verkauft. Das Ladengeschäft in Papeete brannte bei einem Großfeuer komplett ab. Die Umsätze mit Kopra waren rückläufig, Hafenarbeiter und Besatzungen streikten. Wing Wongs Sohn Joseph biss sich trotzdem durch und versuchte immer, ein Stückchen mehr zu expandieren.

Als er in Deutschland ein größeres Schiff fand und „Aranui 1“ taufte, wähnte er sich auf einem guten Weg. Doch dieses Mal hatte er sich finanziell übernommen. Die Wongs konnten die Kredite nicht mehr bedienen, die erhofften größeren Umsätze ließen auf sich warten. Im Frühjahr 1984 stand die Firma vor dem Bankrott.

„Mein Vater suchte verzweifelt mit seinen Brüdern Ah Tin und Jules nach einem Ausweg. Es war schließlich Jules, der den rettenden Einfall hatte“, erzählt der Unternehmer. Jules Wong erinnerte sich daran, dass schon in der Vergangenheit Frachtschiffe immer mal wieder Passagiere mitgenommen hatten, weil das auf den abgelegenen Inseln ohne Flugplätze oft der einzige Weg war, von A nach B zu kommen. Wie wäre es, Schiffsgästen eine etwas komfortablere Passage anzubieten? Und dabei nicht nur Einheimische, sondern auch ausländische Reisende ins Visier zu nehmen? Schließlich war der Tourismus in Französisch-Polynesien ein Wachstumsmarkt. Gäste bekämen so die Chance, Inseln zu besuchen, die anders nur sehr schwer zu erreichen waren.

Die Entscheidung fiel schnell und einstimmig, aber Zweifel blieben: Würden sich die Touristen von den Verlade-Aktivitäten in den Häfen gestört fühlen? Würden sie genug Zeit mitbringen für die mehrwöchigen Routen der Reederei? Würden sie die Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten der angelaufenen Inseln tatsächlich schätzen?     

Besonders der letzte Punkt bereitete den Wongs Kopfzerbrechen. Schließlich waren die für das Frachtgeschäft wichtigen Tuamotus und ihre flachen Atolle bes­tenfalls für Taucher von Interesse.

Die Unternehmer fassten einen riskanten, weitreichenden Entschluss. Künftig würden sie stattdessen die sechs bewohnten Inseln der Marquesas-Gruppe mit ihren steil aufragenden Bergen, 1600 Kilometer nordöstlich von Tahiti, anlaufen. Dort, auf Hiva Oa, liegt schließlich der Maler Paul Gauguin begraben. Dort hat sich eine eigenständige, polynesische Kultur mit archaischen Tänzen und Ritualen erhalten. Und dort würden die Touristen Tikis – Stein- und Holzfiguren – zu sehen bekommen, deren Größe nur von den Moai auf der Osterinsel übertroffen wird.

Gleichzeitig wollten die Wongs beim nächsten Schiff in bequemere Kabinen und großzügigere Gemeinschaftsräume investieren – die „Aranui 1“ hatte nur Platz für 24 Gäste in ziemlich spartanischen Quartieren. „Was soll ich sagen: Die Rechnung ging auf“, sagt Philippe Wong heute mit einem Lachen. „Die ,Aranui 2‘ besaß bereits 36 Kabinen für bis zu 90 Passagiere, die ,Aranui 3‘, 2003 in Betrieb genom­men, kam schon auf mehr als doppelt so viele Kabinen und bis zu 200 Gäste.“

Für die Vermarktung der Kreuzfahrt­aktivitäten führten die Wongs das Label „Aranui Cruises“ ein. Wichtige Märkte wie Frankreich, Deutschland, die USA und Australien wurden gezielt beworben. Machten die „Aranui 1“ und die „Aranui 2“ noch mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Frachtgut, waren es bei der „Aranui 3“ nur noch 30 bis 35 Prozent. Das Passagiergeschäft wurde immer mehr zur tragenden Säule.

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Trotzdem lockte das Schiff keine typischen Kreuzfahrer an: zu wenig luxuriös, keine glamourösen Kapitäns-Dinner. Der Thüringer Jörg Nietzsche, der bereits seit zwölf Jahren auf der „Aranui“ als Reiseleiter arbeitet, erzählt: „Wir hatten in den frühen Jahren vor allem Individual- und Rucksackreisende an Bord, die sich den Traum von den Marquesas erfüllen wollten. Die Kabinen waren einfach – wie das auf einem Frachter eben zu erwarten war. Ich würde schätzen, dass 95 Prozent dieser Kunden sonst nie in einer Gruppe gereist sind.“ Inzwischen habe sich das Publikum aber drastisch verändert. „Die Gäste sind tendenziell älter, im Schnitt um die 65.“ Für die Marketingabteilung sei es durchaus eine Herausforderung, die Erwartungshaltung richtig zu steuern. „Jüngere Gäste müssen akzeptieren, dass sie wahrscheinlich von deutlich älteren Mitreisenden umgeben sein werden. Und die Senioren müssen wissen, dass der Dresscode nach wie vor sehr leger ist – Shorts und Badeschlappen zum Dinner sind kein Verstoß gegen die Etikette. Aber dafür darf das Publikum eben auch keinen Luxus erwarten.“

Erstaunlich ist, dass gerade die Wongs mit ihren chinesischen Wurzeln vom boomenden Tourismus im Reich der Mitte so gar nicht profitieren können: „Chinesische Reisende haben Kreuzfahrten zweifellos für sich entdeckt. Aber sie wünschen sich große Pötte mit Casinos, großem Unterhaltungsangebot und vielen Shopping-Möglichkeiten“, erklärt Firmenchef Wong. „Da können und wollen wir nicht mithalten.“ Die Ende 2015 an den Start gegangene „Aranui 5“ – eine „4“ gab es nicht, weil das in China eine Unglückszahl ist – beherbergt 254 Gäste in 103 Kabinen. Sie kann 2500 Tonnen Fracht und 700 Kubikmeter Treibstoff transportieren und ist das bislang komfortabelste Schiff der Wongs. 38 Millionen Euro musste die Familie investieren. Finanziert wurde das Schiff mit Bankkrediten, aber auch mit Zuschüssen und Steuervorteilen von Tahitis Regionalregierung – und damit am Ende auch von Paris. „Die von einigen politischen Gruppen gewünschte Unabhängigkeit Tahitis von Frankreich wäre eine ökonomische Katastrophe für uns“, macht Philippe Wong klar.

Bei der Bevölkerung dort genießen die chinesischstämmigen Reeder heute hohes Ansehen. Für die Marquesas, auf deren sechs bewohnten Inseln nicht einmal 10000 Menschen leben, ist die „Aranui“ so etwas wie die Nabelschnur zur Welt. Die Einheimischen bekommen zudem Gelegenheit, den Touristen Souvenirs und Kunsthandwerk zu verkaufen. Die Reisenden essen in ihren Lokalen und buchen Jeep-Safaris, gehen tauchen oder schnorcheln. Die Crew wiederum stockt in den Hafenorten ihre Vorräte an frischen Lebensmitteln auf und unterstützt so die lokalen Fischer und Bauern.

Etwa 20 Mal pro Jahr werden die Inseln von der „Aranui“ angelaufen. Fast immer gewähren die Wongs dann auch kos­tenlose Passagen, um so zum Beispiel Sportwettkämpfe oder Kulturveranstaltungen zu unterstützen. Dieser Service ist wichtig, denn die mehr als 100 Inseln Französisch-Polynesiens verteilen sich auf eine Fläche so groß wie Westeuropa, und Inlandsflüge sind sehr teuer.

Beliebt ist die unter französischer Flagge fahrende „Aranui“ auch deshalb, weil auf ihr fast ausschließlich Polynesier angestellt sind. Diese Arbeitskräfte sind zwar teurer als zum Beispiel Filipinos. Aber die Gäste schätzen den engen Kontakt mit der einheimischen Besatzung sehr. „Aus Umfragen wissen wir, dass das sogar unsere wichtigste USP ist“, erklärt der Chef. Die Crew übt mit den Touristen lokale Tänze ein, es gibt gemeinsame Abendessen und Karaoke-Abende, gelegentlich wird zusammen an der Bar ein Bier getrunken, ungezwungen und leger wie immer.

Das Unternehmerleben könnte also sehr entspannt sein für die Familie Wong – wären da nicht neue Wettbewerber, die der „Aranui“ mittlerweile ihre Position streitig machen. Die Luxus-Liner von Paul Gauguin Cruises und Silversea Cruises zum Beispiel steuern ebenfalls die Marquesas an – allerdings ohne Fracht an Bord. Und natürlich ist es möglich, Segelboote und Katamarane privat zu chartern, um die Inselwelt Polynesiens ganz individuell zu erleben.

Um ihren Stammgästen etwas Neues zu bieten, steuerten die Wongs deshalb 2019 auf zwei Sonderreisen zum ersten Mal Pitcairn an, das weltweit kleinste britische Überseegebiet.

Die Insel liegt abgelegen im Südpazifik, weit weg von den wichtigen Schifffahrtsrouten und ohne Flugplatz. Dennoch ist das Eiland weltberühmt: Im Januar 1790 nahm hier die „Meuterei auf der Bounty“ ihr Ende. Die Besatzung des gekaperten Handelsschiffs setzte dieses vor Pitcairn absichtlich auf Grund, um sich dauerhaft auf der bis dato unbesiedelten Insel niederzulassen. Das Schiff wurde vor der Küste in Brand gesteckt, sodass niemand von hoher See aus das Versteck der Meuterer erahnen konnte.

Heute leben gerade einmal 50 Menschen auf Pitcairn – fast alle sind Nachfahren der legendären Meuterer und ihrer polynesischen Besatzungsmitglieder. Mehr als 200 Jahre später legte die „Aranui“ am 14. Januar 2019 erstmals dort an. „Wir alle waren etwas aufgeregt“, erinnert sich Philippe Wong. „Denn das Landemanöver ist nur bei ruhiger See möglich. Bei hoher Dünung und großen Wellen wäre Plan B zum Einsatz gekommen.“

Eine Option wäre es gewesen, einige der Nachfahren der Meuterer für Vorträge an Bord zu holen. In jedem Fall sollten die Passagiere tief in die Geschichte der Insel eintauchen und einen Einblick in das heutige Leben an diesem abgelegenen Außenposten gewinnen.

Spannend und ein bisschen beängstigend ist es auch heute noch, wenn bis zu 254 Kreuzfahrer auf wenige Dutzend Insulaner treffen. Mit der neuen Route werde aber noch eine weitere, viel gravierendere Änderung des Geschäftsmodells einhergehen, verrät Wong: Er lässt gerade ein neues Schiff bauen, das „Aranui 6“ oder „Aranui Explorer“ heißen wird. „Es soll ein reines Passagierschiff werden. Erstmals wird es keine Fracht mehr geben.“

Das Schiff soll ausschließlich auf der Südroute nach Pitcairn unterwegs sein und auch den zu Französisch-Polynesien gehörenden Gambier-Archipel anlaufen, für den die Wongs ohnehin keine Frachtlizenz hätten. Die Familie habe lange und intensiv über diesen Schritt diskutiert, erzählt Wong. Nur einer aus dem Familienrat habe sich partout nicht von der Fracht verabschieden wollen und zu bedenken gegeben, dass das Verladen der Container integraler Bestandteil einer Reise mit der „Aranui“ sei, auf das kein Passagier verzichten möchte.

Am Ende wurden sich alle doch noch einig. Das neue Schiff soll erstmals von Elektromotoren angetrieben werden, um so der wachsenden Kritik an den Kreuzfahrtbranche als Umweltsünder und „Anheizer“ des Klimawandels den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Und die „Aranui 5“ soll weiterhin die Nordroute auf die Marquesas bedienen. „Wir werden also künftig zwei Schiffe parallel im Einsatz haben“, bestätigt der Firmenchef. Er traut sich die neue „Doppelbelastung“ durchaus zu: „Ich bin ja noch jung“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Über einen Nachfolger mache er sich später einmal Gedanken. Er verrät nur so viel: Potenzielle Kandidaten gebe es durchaus. Mit seiner jetzigen Frau hat er ein gemeinsames Kind, zwei weitere Nachkommen gibt es von früheren Ehefrauen. „Da ist sehr viel unternehmerisches Potenzial.“         

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Mit dem Frachter in der Südsee.

// Allgemeine Auskünfte

Tahiti Tourisme: https://tahititourisme.de

// Anreise

Nach Paris (CDG), dann mit Air Tahiti Nui (www.airtahitinui.com) via Los Angeles nach Papeete auf Tahiti. ESTA-Registrierung für die USA erforderlich. Für die Einreise nach Französisch-Polynesien genügen Reisepässe.

// Veranstalter

www.aranui.com – Im April 2020 wird es wieder eine Spezialreise nach Pitcairn und in den Gambier-Archipel geben. Preise für die knapp zweiwöchigen Standardreisen ab ca. 5600 Euro pro Person in einer Premium-­Suite mit Balkon (bei Doppelbelegung), 15 Prozent Aufschlag für die Pitcairn-Route.

// Anschlussprogramm „The Brando“

Von Papeete aus ist mit einem Kleinflugzeug in nur 25 Minuten das Atoll Tetiaroa zu erreichen, auf dem sich das Öko-Luxusresort The Brando (www.thebrando.com) befindet. Marlon Brando hatte sich während der Dreharbeiten zu „Meuterei auf der Bounty“ in das Eiland verliebt, hier später zeitweise in einer einfachen Unterkunft gelebt und gute Freunde wie Robert De Niro oder Quincy Jones eingeladen. Die Eröffnung des Resorts im Jahr 2014 erlebte Brando nicht mehr. Er starb im Jahr 2004. Wer will, kann jedoch mit Brandos Sohn Teihotu Fliegenfischen gehen, oder sich von Enkelin Tumi die Insel zeigen lassen. Preise ab 3300 Euro zuzüglich Steuern pro Tag für eine Villa.

// Medien

Rosemarie Schyma: „Südsee“, DuMont-Reisehandbuch, 2017

Robert Louis Stevenson: „In der Südsee“, Belle Époque Verlag, 2017

Wolfgang Pistol: „Auf den Spuren der Meuterer der Bounty: Reisen in die Südsee nach Pitcairn Island und Tahiti“, 2016

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Autor: Dr. Günter Kast

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