Schnee von morgen.

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Innovation. Jens Reindl entwickelt in seiner Mr. Snow GmbH textile Gleitmatten, die es ermöglichen, Skisport ohne Schnee und auch im Sommer zu betreiben. In Zeiten des Klimawandels könnte dem Geschäftsmodell aus Chemnitz die Zukunft gehören.

Ginge es nach Jens Reindl, könnte der Winter zwölf Monate dauern. Um jeden Tag mit dem Snowboard eine steile Piste hinunterfegen zu können. Deshalb war der Wirtschaftsingenieur aus Chemnitz sofort dabei, als er 2009 die Möglichkeit hatte, eine Sommer-Skipiste in England unter die Kanten zu nehmen. „Die Matten hatten so eine Art Bürstenstruktur und mussten bewässert werden. Insgesamt war das Ganze aber total schwergängig. Ich habe mir gleich gedacht: Das muss doch besser gehen.“

Es trifft sich gut, dass an der TU Chemnitz gerade ein neues Projekt anläuft und sogar mit Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert wird. Dessen Ziel: alternative Lösungen in Zeiten ausbleibenden Schneefalls zu entwickeln. Drei Jahre dauert es, dann stellt die Forschergruppe, zu der auch Reindl gehört, die ersten Matten für eine textile Skipiste vor.

Das Besondere: Die Prototypen brauchen weder Schnee noch Wasser. Sie werden einfach ausgelegt und mit Schrauben im Boden verankert. Tausende von Noppen mit Luft dazwischen wirken wie ein weiches Polster und sorgen für ein möglichst authentisches „Schneegefühl“.

Als er sieht, wie gut die Technik funktioniert, wittert Reindl ein Geschäftsmodell. 2013 gründet er gemeinsam mit Arndt Schumann und Felix Neubert, zwei befreundeten Ingenieuren aus der Forschergruppe, die Mr. Snow GmbH als Spin-off der TU Chemnitz. Alle drei sind vom Deutschen Skilehrerverband zertifizierte Schneesportlehrer. Schumanns Leidenschaft gehört dem guten, alten Telemark-Stil, Neubert ist passionierter Langläufer – die breit gefächerten Interessen im Schnee sollen sich noch als Vorteil erweisen.

Das Trio weiß: Es muss einen Hightech-Kunststoff mit möglichst geringem Reibungsverlust entwickeln. „Der Reibwert zwischen Skibelag und Matte ist für uns das Maß aller Dinge. Idealer Schnee hat einen Reibwert von 0,01 – diesem möglichst nahe zu kommen ist die Herausforderung. Gleichzeitig darf der Kunststoff durch die scharfe Kante von Ski und Snowboard aber auch nicht zerschnitten werden.“

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Deshalb benötigt Mr. Snow für seine Skiteppiche spezielle, anspruchsvolle Fasern. Diese lassen sich natürlich nicht im Baumarkt kaufen. Also entwickeln die Unternehmer eine spezielle Webtechnologie. „Zuerst nutzten wir fünf alte, halbautomatische Webstühle. Die waren allerdings nicht robust genug für das starre, glatte Garn. Inzwischen haben wir für rund eine Million Euro eine neu entwickelte Webmaschine gekauft, die genauso gut, aber deutlich schneller arbeitet.“ Auf 1500 Spulen werden die Fäden eines besonderen Garns so miteinander verwoben, dass ein noppenartiger, welliger Stoff entsteht. Dieser wird dann mit einem speziellen Klebstoff überzogen, der die Faserstrukturen noch kompakter zusammenhält.

„Unser Material liegt heute schon bei einem durchschnittlichen Reibwert von 0,1. Wir arbeiten ständig daran, diesen Wert weiter zu verringern. Manchmal schaffen wir schon 0,09.“

Bereits jetzt gleiten Skier gut auf den aus drei Schichten bestehenden Matten – die Standardgröße beträgt zwei mal zehn Meter. Den Alpinfahrern erlauben die Bahnen richtige Schwünge, weil die Bretter einkanten können. Für Langläufer ist interessant, dass sie sich ähnlich wie auf Schnee abdrücken können. Selbst das Carven auf den neuesten Stoffbahnen nähert sich immer mehr dem Fahren auf natürlichem oder Kunstschnee an. Reindl und seine Kollegen besitzen inzwischen mehrere Patente für die Struktur des mehrschichtigen und luftdurchlässigen Gewebes.

„Wir sagen dazu Berge und Täler“, erläutert der Unternehmer. „Auf den abgerundeten ,Berggipfeln‘ gleitet der Ski dahin, während die Skikante ins nächste ,Tal‘ abtaucht und so der gesamte Ski Halt findet.“ Nur an das Fahren im Tiefschnee komme so eine Matte nicht heran. „Die Natur können und wollen wir nicht schlagen“, lacht Reindl. „Aber immerhin ist unser Produkt seit diesem Jahr vergleichbar mit einer frischen, gut präparierten Piste.“

Reindl wird nicht müde, die Vorteile und das Marktpotenzial der Mr.-Snow-Matten hervorzuheben: Die stoßdämpfende Funktion der Bahnen erhöhe neben dem Fahrkomfort auch die Sicherheit. Es bedürfe keiner speziell präparierten Bretter – normale Skier genügen. Der Kunststoff verkratze die Skier nicht. Skihallen, in denen Schnee mit hohem Energieaufwand erzeugt werde, würden überflüssig. Und die Matten würden den Betreibern kleiner Pisten in niedrigen Lagen die Existenz sichern und für viele Skifahrer die Anfahrtswege verkürzen:

„Wir werden kein Ersatz sein, wenn zum Beispiel in den Alpen überhaupt kein Schnee liegt. Wir können keinen Winter zaubern. Aber wir können kleinere Gebiete mit den Matten unterstützen und Skischulen ihren Unterricht ermöglichen. Das wichtige Weihnachtsgeschäft wird dadurch sicherer. Und Skiklubs können früher trainieren.“

Besonders interessant sei, dass auch eine Vermischung von Schnee und Matte möglich ist, „solange mit der Pistenraupe vorsichtig agiert wird“. Das Produkt von Mr. Snow werde so zur idealen Ergänzung für Gebiete, in denen Schneekanonen keinen Sinn machen, oder für Zeiten, in denen es schlicht zu warm für eine Beschneiung ist. Zudem könnten die Matten an neuralgischen Punkten zum Einsatz kommen, zum Beispiel an Engstellen auf Pisten. Oder in der Spur von Schleppliften. Dann könnten die Kanonen dorthin feuern, wo der Kunstschnee dringender gebraucht werde – auf die Piste.

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Auch preislich sei der Einsatz der neuen Technologie interessant. 5000 Quadratmeter mit Maschinenschnee zu präparieren und befahrbar zu halten, schlägt Reindl zufolge mit rund 250000 Euro pro Winter zu Buche. „Die Matten kos­ten ungefähr das Doppelte, halten aber ohne Weiteres zehn Jahre und sind ganzjährig befahrbar.“

Reindl sieht in der Skifahrernation Deutschland – mit 15 Millionen Aktiven nach den USA die zweitgrößte der Welt – großes Potenzial. Zu den Kunden gehören Skischulen, Bergbahnen, Rodelbahnen, Skisprungschanzen, Langlaufvereine und Loipenbetreiber, Tourismusvereine, internationale Verbände sowie Veranstalter von Events und Rennen. Gerade habe das Skigebiet Augustusburg in Sachsen 3000 Quadratmeter bestellt. Ein weiterer Auftrag komme aus Adelboden in der Schweiz. Auch Skischulen in Dänemark würden auf den Matten Rennen austragen.

In Geilo, Norwegens ältestem Skigebiet, wird mithilfe der Matten die Skisaison bereits Ende September eingeläutet. Auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz wird auch dieses Jahr wieder eine Rutschanlage für Kinder mit Matten von Mr. Snow ausgerüstet. „Sogar aus Indonesien haben wir eine Bestellung.“

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In Asien könnte sich tatsächlich ein sehr großer Markt für Jens Reindl und seine Partner entwickeln. Immerhin hatte Staatschef Xi Jinping im Dezember 2017 verkündet, bis zu den Olympischen Winterspielen in Peking 2022 die Zahl der Skifahrer im eigenen Land von sieben auf 300 Millionen steigern zu wollen. Um dieses Ziel erreichen zu können, müssen auch im warmen Süden Pisten entstehen.

Die Chemnitzer würden sich von diesem Kuchen natürlich gern ein großes Stück abschneiden. Aber sie wissen auch, dass es nicht so einfach ist, in China Fuß zu fassen. „Wir haben vor einiger Zeit schon einmal für einen Auftrag vorproduziert, der dann geplatzt ist. Die Folge: Tausende Quadratmeter Piste im Lager. Und kaum noch liquide Mittel.“

Nun hat Mr. Snow einen Chinesen als strategischen Berater engagiert. „Wir können uns vorstellen, eines Tages vor Ort zu produzieren. Aber wir wollen uns nicht einseitig auf die Volksrepublik fokussieren. Das Geschäft in den Alpen wächst derzeit auch sehr dynamisch.“

Rund eine Million Euro hat das Start-up 2018 umgesetzt und dabei erstmals einen kleinen Gewinn erwirtschaftet. 2020 sollen es dann schon zwei bis drei Millionen Euro Umsatz sein.

Reindl glaubt nicht, dass Wettbewerber aus Italien, Österreich und Großbritannien ihm gefährlich werden können. „Sie fertigen primär kleinteilige Kunststoffplatten, die nicht so weich sind wie unsere Matten. Das Fahrgefühl auf unserem Produkt übertrifft alles Bekannte bei Weitem. Zudem dehnen sich die luftigen Strukturen bei Wärmeeinstrahlung bei uns nicht aus. Sie verrutschen nicht und werfen keine Wellen. Und die Materialien aus Großbritannien brauchen nach wie vor permanente Bewässerung.“

Ein Kritikpunkt bleibt allerdings: Reindls Rohstoff ist Plastik. Ein Stoff, der als Verursacher gewaltiger Umweltprobleme in die Kritik geraten ist. „Wir produzieren ja keine Wegwerfartikel“, verteidigt sich der Unternehmer, „denn wir garantieren mindestens zehn Jahre Lebensdauer. Und Experten bestätigen uns, dass die Matten, die unter anderem für den Sächsischen Innovationspreis nominiert waren und den ISPO-Award 2019 gewonnen haben, wiederverwertbar sind.“

Außerdem gelte es, die gesamte Ökobilanz der Alternativen zu betrachten. „Der Energieverbrauch von Schneekanonen ist riesig. Immer weniger Konsumenten werden es künftig tolerieren, dass gigantische Mengen an Energie hinausgeblasen werden, um Kunstschnee zu erzeugen. Warum sollten anspruchsvolle Kunden nicht auf unseren Bahnen fahren wollen, wenn sie sehen, dass Kanonen dann seltener laufen und die Pistenraupen nicht jede Nacht ausschwärmen müssen?“

Reindl und seine Mitstreiter haben eine genaue Vorstellung davon, wie es weitergehen soll mit Mr. Snow: „Wir wollen in fünf Jahren der weltweit führende Anbieter für künstliche Skipisten sein.“ Dazu müssen sie nicht nur die Käufer der Matten, sondern auch die Verbraucher, also die Sportler, überzeugen. Gute Argumente und eine klare Vision haben sie durchaus: „Es geht uns vor allem um die Lokalisierung und Regionalisierung des Skisports. Darum, den Menschen zu ermöglichen, am Feierabend und am Wochenende vor Ort zu trainieren – um dann im Winterurlaub die perfekte Schneepiste hinabzugleiten, die vielleicht zusätzlich von unseren Matten unterstützt ist.“

Vielleicht, überlegt der Unternehmer, werde es in Zukunft auch ganz einfach nicht mehr ökologisch akzeptiert sein, nur für ein einziges Wochenende im Schnee Hunderte von Kilometern mit dem (oft übergroßen) Auto zu fahren. Regionale und preiswerte Liftbetreiber könnten dank der Matten dann einen Aufschwung erleben. „Das ist alles nur eine Frage der Gewöhnung. In nicht allzu ferner Zeit wird die Matte so normal sein wie heute der beheizbare Sesselliftsitz. Den konnte sich vor 20 Jahren auch niemand so recht vorstellen.“     ®

Autor: Dr. Günter Kast

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