Extreme Bedingungen.

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Bauer Malediven Bayat2 editHidden Champion. Wer taucht, braucht Luft – saubere und sichere. Der Kompressorenhersteller Bauer aus München gilt als Marktführer und Branchen-Ass. Eine Frau lenkt ihn in dritter Generation durch eine zunehmend feindliche Umgebung.

Knapp einen Meter Durchmesser hat das Loch im Eis von anderthalb Meter Dicke. Darunter: 4000 Meter Ozean. Wassertemperatur minus 1,8 Grad, Außentemperatur minus 30. Ulrich Freier, gesichert mit einem Seil, trägt Spezialanzug, Gesichtsmaske mit zwei Atemanschlüssen, die Tauchflasche auf dem Rücken, die Planktonpumpe in der Hand, wahlweise die Filmkamera. Jetzt taucht er ein, sieht die verrückt geformte Eislandschaft von unten, das sphärische Licht, sieht den Krill: Wolken winziger Krebs-Lebewesen, Nahrung für Robben und Wale und Grund für den ganzen Aufwand, der hier betrieben wird.

Winter in der Antarktis. Ein Team von 50 Forschern auf mehrwöchiger Mission zum Thema Klimawandel und Nahrungskette. Auf dem Achterdeck der „Polarstern“, ihres Eisbrechers, stehen die Bauer-Kompressoren. Sie füllen die Flaschen der Taucher mit Luft, verdichtet auf 300 Bar. Sehr trockene Luft, damit die Lungenautomaten in dieser Kälte nicht gefrieren. Sehr saubere Luft sowieso: Kohlenmonoxid vom Schiffsantrieb darf sich in die Flaschenfüllung nicht verirren, und wenn doch, muss der Kompressor sofort abschalten.

„Wir sind regelmäßig zwei bis drei Monate in einem Bereich, der eigentlich nicht zugänglich ist, im Innern einer gigantischen Meeresströmung, unter extremen Bedingungen“, sagt Freier, 55, promovierter Biologe. „Da müssen die Kompressoren äußerst zuverlässig sein und hervorragende Filtertechnik bieten. Bauer ist weltweit der führende Anbieter, und im Wettbewerb kommt nach Bauer erst mal lange nichts.“

Freier, der am Firmen-Standort Geretsried in Oberbayern schon einmal einen Vortrag über den Klimawandel gehalten hat, lobt die Bauer-Kompressoren nicht nur, weil er sie für seine Mission maßgeschneidert und umsonst bekommt – schließlich sind seine Tests unter extremen Bedingungen gute Werbung für die Firma und zudem Ausdruck ihres Engagements für die Weltmeere.

Bauer ist einer jener technikgetriebenen, früh globalisierten Champions aus dem Mittelstand, die das Land der Ingenieure schmücken. 280 Millionen Euro Gruppenumsatz, 1200 Mitarbeiter, Weltmarktführer für Tauchkompressoren mit fast 70 Prozent Marktanteil und auch sonst im Kompressorgeschäft in seiner Leistungsklasse je nach Branche Nummer eins bis drei. Ein Familienunternehmen wie aus dem Bilderbuch, gleichzeitig konservativ und innovativ, mit viel Wir-Gefühl in der Belegschaft, als Firmenmotto „Quality. Our DNA“.

In der Welt drumherum: wachsender Wettbewerb aus Fernost, politische Krisen, die Herrschaft der Algorithmen. Schwierigkeit dabei: eine großes, komplexes Produktportfolio für die verschiedensten Branchen, Fließbandfertigung neben Anlagenbau, Großkunden neben ganz kleinen. Auch nicht trivial: der Kampf um die besten Mitarbeiter, die talentiertesten Ingenieure und Werker.

Die dritte Generation muss den rasanten Wandel managen. Nach Hans Bauer, dem Gründer, und Heinz Bauer, dem charismatischen Seniorchef, leitet dieses Unternehmen heute eine Frau.

Monika Bayat, geborene Bauer, 48, ist promovierte Kunsthistorikerin, aber sie hat auch Betriebswirtschaft studiert. Außerdem hat sie einen Ingenieur mit IT-Erfahrung geheiratet: Philipp Bayat, 57 Jahre. Vor allem aber hat sie eine typische Unternehmer-Kindheit gehabt: Firmenfragen am Frühstückstisch, Händeschütteln bei der Weihnachtsfeier, Ferienjob, Praktikum.

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Monika Bayat begleitete ihren Vater zunächst auf Geschäftsreisen. 2002 begann sie als seine rechte Hand im Unternehmen. Dennoch herrschte da eine gewisse Skepsis bei der Annäherung an die Unternehmerrolle. „Ich habe von Kindheit an gesehen, wie sehr das Leben meines Vaters von seiner Arbeit dominiert wird“, sagt sie. Es fehlten auch ermutigende Vorbilder: „Frauen als Unternehmerin und vielleicht noch gleichzeitig als Mutter gibt es im Maschinenbau nur wenige.“

Dennoch tat sie nach der Promotion den Schritt. Eins ging nicht ohne das andere, das war die Bedingung. Wer in der Familie Gewinne einstreichen wolle, müsse auch dafür arbeiten: „Die Rolle des reinen Gesellschafters war für uns Kinder nicht vorgesehen“, so Bayat.

Inzwischen hat sie selbst drei Kinder und kann in der Reichenliste des „Manager Magazins“ nachlesen, wie vermögend sie ist. Denn Vater Heinz, 78, der die Firma in den 70er-Jahren von seinem Vater übernahm, hat ihr 2012 alle Anteile übergeben. Der Senior ist zwar noch unentwegt im Werk unterwegs und wird, solange gesund, davon wohl auch nicht lassen. Doch die Leitung der Holding obliegt der Tochter mit ihrem Mann.

Beide loben Heinz Bauer: „Mein Vater ist sehr diplomatisch und nach wie vor ein starker Ideengeber“, sagt seine Tochter. „Wir haben alle drei ein gutes, harmonisches Verhältnis.“ Und ihr Mann, im Unternehmen zuständig für Steuerung und Vertrieb, stimmt ein: „Ich habe große Hochachtung vor meinem Schwiegervater. Dass er uns nicht reinredet, ist ja eigentlich untypisch für so einen Vollblutunternehmer. Und dass er 100 Prozent der Anteile auf einen Schlag übergeben hat – Respekt.“

Finanzen und Marketing hat Monika Bayat zu ihrem Wirkungskreis erkoren, eine Jugendstil-Villa am Isar-Hochufer in München zu ihrem Büro.

In einem weißen Kostüm empfängt die Unternehmerin unter wappenverzierter Decke an einem sehr geräumigen Besprechungstisch.

Auch im Werk draußen in Geretsried scheint ihr die Ästhetik wichtig. Die Kantine ist vom Münchner Inneneinrichter Design-Funktion gestaltet: mit hippen Möbeln, Schallschutz und diskreter Beleuchtung. An der Wand ein Bild vom Seniorchef, sinnreich zusammengefügt aus lauter winzigen Porträts der Mitarbeiter. Im abgetrennten Gästebereich prangt ein übergroßes Foto des Unternehmerpaares mit Vater.

Beim Gang durch die Fertigung wird deutlich: Bauer macht fast alles selbst – ein hoch integriertes Unternehmen.

„Nur so haben wir die Produktqualität im Griff, nur so sind die Fertigungstoleranzen zufriedenstellend“, sagt Monika Bayat. „Fertigungstechnik ist für uns eine Kernkompetenz“, zitiert Philipp Bayat den Schwiegervater. Nur so, da gibt es für das Unternehmerpaar keine Zweifel, sei die hohe Verlässlichkeit der eigenen Produkte möglich.

In der Metallbearbeitung des hauseigenen Zulieferers „Uniccomp“ entstehen die allerfeinst gefrästen Kompressorblöcke in verschiedenen Größen. Dann folgt die Halle für die Produktion der Kolben-Kompressoren: Montage, Test, Lager. Da ist viel Handarbeit zu sehen, einige Fertigungsinseln, ein paar Roboter. Aus dem Kompressorblock wird eine Maschine: Schläuche, Ventile, Steuerung, Kühlung, Filter, Druckanzeigen finden ihren Platz. Drumherum kommt eine Metallhaut in Blau oder Gelb, bei einer neueren Baureihe eine schnittige Hülle in elegantem Grau.

Immer dreht es sich um die Verdichtung von Luft oder Gas auf einen Druck bis 500 Bar, auch 1000 Bar sind notfalls machbar. Diese Verdichtung vollzieht sich in mehreren Schritten mithilfe von kreisförmig angeordneten Kolben und Zylindern. Alternativ lässt sich die Luft aber auch mit zwei dicht ineinander greifenden Schrauben zusammendrücken – in einem Schraubenkompressor. Technisch ist das in beiden Fällen ähnlich anspruchsvoll wie bei einem Motor. Reibungshitze muss mit Wasser oder Luft heruntergekühlt, Kondensat aus Wasser und Öl abgeschieden werden. Auch die Schmierung der beweglichen Teile sollte trotz geringster Toleranzen stets funktionieren.

Die Produktpalette ist beeindruckend. Sie reicht vom handlichen Gerät für Tauchstation, Feuerwehrhaus oder Kfz-Werkstatt bis zu riesigen Ausrüstungen für Schiffe und Ölplattformen. Dazwischen gibt es unzählige industrielle Anwendungen in verschiedensten Branchen. Sogar komplette Erdgastankstellen kann Bauer liefern.

Fast 90 Prozent des Geschäfts kommen aus dem Ausland. Ein ungewöhnlich großes Netz von Niederlassungen und Servicestützpunkten überzieht die Welt. In großen Abnehmermärkten wie den USA, China und Indien gibt es weitere Montage-Linien für die Kompressoren: einerseits um stets schnell lieferfähig zu sein, andererseits weil die Behörden bestimmte Anteile lokaler Fertigung und spezielle Produktstandards zwingend vorschreiben.

Das Herz der Produktion aber schlägt in Geretsried, einem Städtchen in der Bilderbuch-Landschaft östlich des Starnberger Sees nahe München, der Ort gezeichnet von den Sprengstofffabriken des letzten Weltkriegs und den Vertriebenensiedlungen gleich danach. Hier wirbt Bauer tapfer Azubis unter den lokalen Schulabgängern und trainiert sie eigenhändig in der „Bauer-Academy“. Hier hofft man, noch ein kleines Stück vom Gewerbegebiet für die weitere Expansion abzubekommen, bevor der Bürgermeister alles mit Wohnbebauung vollstellen lässt, weil in dieser Region die Preise explodieren.

Alles begann 1946 in Hans Bauers Wohnzimmer im Münchner Süden: die Stadt zerstört, die Überlebenden hungrig. Bauer, ehemals Ingenieur der Sendlinger Motorenfabrik, Sohn eines Schmieds und Landmaschinenfabrikanten, gründete eine Garagenfirma. Der erste Klein-Kompressor war für Traktoren gedacht, die in den Ruinen aufräumten und den Presslufthammer dann gleich dabeihatten. Danach waren Baukompressoren das große Geschäft, so heißt es in der Firmenchronik.

Mit wachsendem Erfolg wurden immer mehr Teile des Bauer-Wohnhauses umgewidmet. Das Alpinum musste weichen, der Rest des Gartens auch. Ein Interessent aus der Schweiz bestellte 1954 für einen Kunden aus den USA plötzlich eine große Charge Hochdruckverdichter für den Tauchsport, Lieferzeit ein Jahr. Das war eine komplette Neuentwicklung und technisch eine große Herausforderung. Vor allem die Schmierung der letzten Verdichterstufe machte Probleme.

Zu allem Überfluss sprang dann auch noch der Kunde aus Amerika ab. Trotzdem lieferte Bauer 1956 das erste Modell unter dem Namen „Utilus“ (nach dem lateinischen Wort „utilis“ für nützlich) aus, gleichzeitig Abkürzung für das Motto „Unseren Tauchern immer Luft und Sicherheit“. Das setzte einen Standard, schuf eine Marke. Kultfiguren wie Hans Hass und Jacques Cousteau hatten mit ihren Schiffen Xarifa und Calypso eine Gemeinsamkeit: Bauer-Kompressoren an Bord.

Der Umsatz überschritt die Millionengrenze. In der Garage war das nicht mehr zu machen. In den 70er-Jahren brachte der Umzug an einen größeren Standort in München den Befreiungsschlag und läutete unter Nachfolger Heinz Bauer die nächste Expansionsphase ein: industrielle Anwendungen und ein internationaler Auftritt. Doch auch am neuen Platz herrschte zuletzt bedrückende Enge. Erst wanderten 2002 die Kompressorblöcke auf eine neu erworbene Gewerbefläche in Geretsried aus. Vor vier Jahren folgte die Kompressor-Montage – ein 15-Millionen-Euro-Investment.

„Jetzt gilt es, die Technologieführerschaft zu halten und dem Wettbewerb immer ein Stück voraus zu sein“, erklärt Monika Bayat die aktuellen Herausforderungen. „Zum Beispiel mit einer Steuerung der Geräte per App und Cloud-Anbindung sowie einem integrierten Messgerät zur Luftqualität, was echten Mehrwert bietet.“

Schließlich drücken illegale Nachbauten aus China auf die Preise, wie Mitarbeiter erzählen. Mancher Abnehmer kaufe auch in Italien billiger. „Die Kunden legen sich nicht mehr so fest und verlangen sehr kurze Lieferzeiten“, sagt Bayat. Auch makroökonomische Turbulenzen gilt es durchzustehen: „Wir müssen mit Sanktionen umgehen, mit Wechselkursschwankungen an den Kapitalmärkten wie zuletzt bei der Abwertung der Türkischen Lira, mit dem Handelskrieg zwischen den USA und China und natürlich dem Brexit.“

Auch im Unternehmen selbst gibt es Optimierungsbedarf. Vielfältig ist der Kundenkreis, umfangreich sind die Varianten in der ohnehin großen Produktpalette. „Deshalb brauchen wir höhere Stückzahlen. Modularisierung lautet das Gebot der Stunde“, so Philipp Bayat: mehr Gleichteile, aus denen dann individualisierte Produkte entstehen. Und Digitalisierung, also die Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette mit moderner Informationstechnik. So sucht die Personalabteilung nicht mehr nur Entwicklungsingenieure und Meister im CNC-Fräsen, sondern auch Software-Experten.

Philipp Bayat, früher bei SAP, ist da ganz in seinem Element: „Wir sind dabei, im Zuge der Digitalisierung unsere Unternehmenssoftware vollständig in die Cloud zu bringen. Dabei streben wir eine funktionale Integration von ERP über PLM, E-Procurement, CPQ, CRM bis hin zum Webshop an, als single source of truth.“

Übersetzt heißt das ungefähr: Alle Produktionsmittel, die einzelnen Fertigungsschritte, die Teile der Zulieferer, die Angebotserstellung, die Kommunikation mit dem Kunden, der Verkauf über das Internet sollen mithilfe ein und derselben Software koordiniert und als verlässlicher Datenbestand geführt werden. Und zwar nicht auf eigenen Rechnern, sondern auf externen Server-Farmen.

„Durch die Verknüpfung der gesamten Wertschöpfungskette können wir all unsere Produkte, von einem portablen Atemluftkompressor bis zu einer komplexen Erdgastankstelle, über den Webshop unseren Händlern und Partnern anbieten und so unsere Prozess- und Saleskosten signifikant senken“, fährt Bayat fort. Ein Kraftakt, ein Totalumbau.

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Bauer geht diese Veränderungen aus einer Position der Stärke an. Denn noch hat das Familienunternehmen offenbar im internationalen Wettbewerb eindeutig die Nase vorn. „Ich habe auf Tauchstationen in der ganzen Welt gearbeitet, eigentlich überall steht ein Bauer-Kompressor“, informiert Alexander Hermann, Geschäftsführer bei Sub Sea, einem Wassersportfachhändler mit Läden in Stuttgart, Frankfurt am Main und München. „Diese Geräte sind vom Preis her sicher eher ein Mercedes als ein Polo, aber sie laufen zuverlässig und werden im Zweifel schnellstens repariert. Da kann ich als Tauchsportanbieter einfach keine Kompromisse eingehen“, begründet Hermann seine Präferenz.

Wird Monika Bayat nach ihrer Wachstumsstrategie gefragt, antwortet sie ganz konservativ: „Trends und neue Marktsegmente ausfindig machen, Anwendungen entdecken, für die ebenfalls Kompressoren eingesetzt werden können.“

Sie berichtet von Ideen für mehr Sicherheit und Umweltschutz beim Thema Fracking in den USA. Oder von neuen Kunden unter französischen Supermarktketten, die aus verdorbener Ware Biogas für die eigene Fahrzeugflotte machen möchten.

Nervös muss sie wohl nicht werden, angesichts einer Eigenkapitalquote von über 60 Prozent – ein hoher Wert, wie er bei inhabergeführten Betrieben häufig vorkommt. Bayat will sich weder von Banken abhängig machen, noch von Investoren. „Das ist mir wichtig. Wir wollen ein Familienunternehmen bleiben“, sagt sie mit fester Stimme.

Die Frau im weißen Kostüm zitiert Gustav Mahler. Sie will „nicht die Asche anbeten, sondern das Feuer weitergeben“ an die noch jungen Kinder. „Bei Kundenterminen und Werksbesuchen müssen sie schon mal spontan eine kleine Rede halten“, berichtet die stolze Mutter. Auch eine Kompressorschulung hätten sie schon absolviert.

Forscher wie Uli Freier setzen auf diese nächste Generation. Denn seine Arbeit in der Antarktis dreht sich um die Zukunft dieser Kinder, um Ozeanerwärmung und Ozeanversauerung, um möglicherweise wegbrechende Nahrungsketten im Meer, wenn die Krill-Krebse es nicht mehr schaffen, unter dem Eis zu überwintern. „Das waren sehr bewegende Stunden bei Bauer“, erzählt Freier von seinem Vortrag. „Was die Politik gerne ausblendet, hat diese Leute da im Werk sehr berührt. Selten habe ich so engagierte Nachfragen bekommen.“ ®

Autorin: Cornelia Knust

Fotos: BAUER // Bettina Theisinger // Y-40

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