Aus der Nische in die Welt.

Print Friendly, PDF & Email

030 Paravan 1 HH 151209 0565Unternehmertum. Vor sechs Jahren hatte private wealth die faszinierende Geschichte des Roland Arnold erzählt, eines Familien­unternehmers aus Leidenschaft. Sein Antrieb war es, behinderten Menschen Mobilität und damit Unabhängigkeit wiederzugeben. Jetzt hat Arnold seine Technologie verkauft. Im Tausch gegen eine noch größere Vision.

Schlange seien sie vor seiner Tüftler­manufaktur auf der Alb gestanden, erzählt Roland Arnold, die Autozulieferer und Autohersteller. „Denn wir haben etwas, das sie dringend benötigen: die weltweit einzige Straßenzulassung für ein redundantes Lenksystem, mit dem Autos per Joystick digital gesteuert werden und weder Lenkrad noch Lenksäule brauchen“, erklärt der Gründer der schwäbischen Firma Paravan.

Die Drive-by-Wire-Technologie, die Roland Arnold „Space Drive“ getauft hat, könnte tatsächlich der Schlüssel zum Milliardenmarkt des autonomen Fahrens sein. „Ein bahnbrechender Meilenstein auf dem Weg zur Digitalisierung der gesamten Automobilwelt“, heißt es deshalb auch in der Begründung des renommierten Deutschen Unternehmerpreises des Harvard Clubs of Germany, den Arnold neben vielen anderen Auszeichnungen in den vergangenen Jahren eingeheimst hat.

Das Rennen um die Paravan-Entwick­lung hat nun Schaeffler gemacht, Autozulieferer aus dem fränkischen Herzo­gen­aurach und ebenfalls in Familienhand. Gemeinsam mit Schaeffler gründete Arnold vor Kurzem ein Joint Venture, die Schaeffler Paravan Technologie, an dem der Unternehmer von der Schwäbischen Alb nun noch zehn Prozent hält.

„Für mich ist das eine Win-win-Situation. Schaeffler entwickelt die Space-Drive-Technologie in Großserie, ich liefere das Know-how für die Technik und die Straßenzulassung“, erklärt Arnold. Dass Schaeffler ebenfalls ein Familienunternehmen ist, sei ihm besonders wichtig gewesen: „Ich habe bei den Gesprächen mit Herrn Schaeffler und der Führungsspitze das beste Gefühl gehabt. Ich bin mir sicher, dass der Konzern in die Technologie investiert und sie zur Serienreife bringt.“

030 Paravan 3 HH 151209 0074

Es hätte auch andere Möglichkeiten gegeben. Gesprochen hat der schwäbische Erfinder mit vielen nationalen und internationalen Interessenten.

Dass der Paravan-Chef überhaupt an einen Verkauf gedacht hat, geschah aus einem einfachen Grund. „Wir haben zwar quasi das Rad erfunden – die Technologie, mit der man autonom fahren kann. In Großserie zu produzieren, das hätten wir allein aber nie geschafft“, erklärt der Unternehmensgründer und Chef von 180 Mitarbeitern.

Einen ersten Versuch in diese Richtung hatte Arnold schon im Jahr 2011 unternommen. Damals verkaufte er eine Minderheitsbeteiligung an den Familienunternehmer Reinhold Würth, um künftig auf die weltweite Infrastruktur des Schrauben-Weltmarktführers zurück­greifen zu können. „Dabei ging es vor allem um das Vertriebsnetz des Handelskonzerns für Montage- und Befestigungsmaterial“, erklärt Arnold.

Vier Jahre später stockte Würth seine Beteiligung auf 51 Prozent auf. „Ich hatte aber trotzdem weiter die volle Handlungsfreiheit“, sagt Arnold.

Warum er dann im Juli 2018 die 51 Prozent von Würth zurückkaufte, möchte der Unternehmer nicht detailliert erzählen. Augenscheinlich brauchte die Entwicklung einer revolutionären Technologie im Automobilbereich mehr brancheninternes Know-how. Und Arnold brauchte einen neuen Plan – auch, um die Finanzierung des Rückkaufs zu stemmen.

Er fand die Lösung letztendlich bei Schaeffler. Wie viel Geld für die Paravan-Technologie aus Herzogenaurach gekommen ist, darüber haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart. Für den Unternehmer ist es der optimale Weg, um die Space Drive Technologie weiterzuentwickeln, die eigentlich aus einem Nischenprodukt – der Behindertenmobilität – entstanden ist.

Bei seinem ursprünglichen Unternehmen ist er nun wieder der Herr im Haus. „Ein Viertel der Anteile habe ich an Schaeffler abgegeben, 75 Prozent behalten. Ich kann mich nun uneingeschränkt dem Thema widmen, für das mein Herz schlägt – Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, wieder so mobil zu machen, dass sie am Leben teilnehmen können“, erzählt Arnold. Ein Verkauf von Paravan selbst sei deshalb nie infrage gekommen.

Und für das Joint Venture gelte: „Es ist besser, zehn Prozent an etwas Großem zu besitzen, als 100 Prozent an etwas, das nie wirklich groß werden kann.“

Dass Arnold ganz klar Stellung für sein Kernanliegen bezieht, zeigt sich auch daran, wie er das Kapital von Schaeffler verwenden will. „Ich werde es in die Firma in Aichelau reinvestieren, um den Fahrzeugumbau für bewegungseingeschränkte Menschen voranzubringen.“

Mittlerweile hat auch das Bundeskartellamt dem Deal zwischen Paravan und Schaeffler zugestimmt. Anfang Oktober ging die Space Drive Technologie in die Schaeffler Paravan Technologie über. „Es kann also nun mit dem Abenteuer autonomes Fahren losgehen.“ Die nächs­te Generation des Systems, Space Drive III, ist schon aufs Gleis gesetzt, erste Prototypen sind für kommendes Jahr geplant. 2021 oder 2022 könnte die Großserienfertigung beginnen.

030 Paravan 2 HH 151209 0147

Dann sollen Lenkrad und Lenksäule überflüssig sein. Bremse, Gas und Lenkung werden mithilfe eines intelligenten digitalen Drive-by-Wire-Systems gesteuert. Die Navigation erfolgt durch die Signale des Sensoriksystems. Eine Verbindung zwischen Lenkung und Fahrwerk entfällt.

Wem beim Gedanken an das autonome Fahren und den Risiken für die Allgemeinheit unbehaglich wird, dem versichert Arnold, sein Drive-by-Wire-Sys­tem sei vollständig ausfallsicher. „Menschen, die keine Arme haben, können ja nicht ins Lenkrad greifen, wenn ein Sys­tem ausfällt.“ Alle anderen gängigen Sys­teme des autonomen Fahrens würden dagegen heute noch an irgendeiner Stelle den Einsatz der Arme erfordern. „Da ist der Mensch die Ausfallsicherung. Bei uns nicht.“

Nicht erst seit den Unfällen der Fahrzeuge von Tesla oder Uber steht das Thema Sicherheit ganz oben auf der Skala der Herausforderungen bei der Weiterentwicklung des autonomen Fahrens. Entscheidend wird dabei Redundanz sein, also parallel laufende und zu jedem Zeitpunkt verfügbare Ressourcen eines technischen Systems, die bei einem störungsfreien Betrieb im Normalfall nicht benötigt werden.

„Und damit können wir punkten. Durch das Zusammenspiel von Elektronik, Mechatronik, Hard- und Software weist unser Konzept einen dreifachen Schutz vor dem Ausfall der Systeme auf“, erklärt Arnold. „Es erfüllt alle gesetzlichen Anforderungen, ist TÜV-zertifiziert und weltweit schon für die Straße zugelassen. Testflotten anderer Automobilhersteller für autonomes Fahren haben dagegen bisher nur Ausnahmegenehmigungen.“

Den Praxistest hat das System tatsächlich längst schon hinter sich. Arnolds Firma hat seit 2003 rund 7500 Fahrzeuge mit den Systemen für behinderte Personen gebaut, die mehr als 700 Millionen Straßenkilometer ohne Probleme hinter sich gebracht haben.

Ein Argument, das viele Auothersteller,  -zulieferer und Forschungseinrichtungen überzeugt. Heute setzen BMW, Mercedes, Audi und Toyota oder die Fraunhofer-Gesellschaft für Prototypen und Versuchsfahrzeuge zum autonomen Fahren auf die Technologie von der Alb. „Es gibt fast keinen Hersteller mehr, der für seine Show-Cars kein System von uns hat“, versichert der Paravan-Boss. 

Der Schaeffler-Konzern erhofft sich, durch den Zugriff auf die Technologie und die globale Straßenzulassung wesentlich schneller zu sein als die Konkurrenz. Entwicklungschef Peter Gutzmer spricht von einem Erfahrungs- und Zeitvorsprung von mindestens drei bis vier Jahren. Auch andere Autozulieferer arbeiten fieberhaft an diesem Thema. So plant ZF Friedrichshafen, von kommendem Jahr an einen autonomen, elektrisch fahrenden Kleinbus in Großserie zu produzieren.

„Das Rennen ist eröffnet“, schmunzelt Arnold. Bisher gibt es auch die Paravan-Technologie nur für Kleinserien – als Lösung, um Fahrzeuge behindertengerecht umzubauen. Mit der Industrialisierung von Space Drive könnte sich das ändern. Hohe Stückzahlen mit großer Fertigungstiefe bedeuten natürlich auch, dass der Einzelpreis des Systems deutlich sinken würde. „Ich könnte Teil einer großen Veränderung in der Autoindus­trie sein und gleichzeitig noch mehr Menschen mit Behinderung helfen. Etwas Besseres kann es für mich doch gar nicht geben.“ ®

Autorin: Miriam Zerbel

Pin It

Verlagsanschrift

Private Wealth GmbH & Co. KG
Südliche Auffahrtsallee 29
80639 München

Kontakt

  • Tel.:
    +49 (0) 89 2554 3917
  • Fax:
    +49 (0) 89 2554 2971
  • Email:
    iDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Soziale Medien

         

   email


latest logo pw

einloggen oder abonnieren

latest logo pw

einloggen oder abonnieren

latest logo pw

login or subscribe

latest logo pw

login or subscribe

latest logo pw

Ouvrir une session ou s'abonner

latest logo pw

Ouvrir une session ou s'abonner

latest logo pw

Iniciar sesión o registrarse

latest logo pw

Iniciar sesión o registrarse

latest logo pw

effettuare il login o iscriversi

latest logo pw

effettuare il login o iscriversi