Der große Sprung.

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030 SchweizerElectronic 1 20180913 DSF5878 2Expansion. Das schwäbische Familienunternehmen Schweizer Electronic hat eine aufregende Vergangenheit hinter sich. Und eine noch spannendere Zukunft vor sich. „Wir werden in den nächsten zehn Jahren in eine ganz andere Dimension vorstoßen“, macht Vorstand Nicolas Schweizer klar: „Der Bau einer neuen Fabrik in China wird es uns ermöglichen, den Umsatz in diesem Zeitraum auf 500 Millionen Dollar fast zu vervierfachen.“

„Das ist die Zukunft der Leiterplatte“, sagt Nicolas Schweizer und zeigt, na ja, ein Stück Metall. „Sehen Sie, was fehlt? Es sind die kleinen schwarzen Käfer.“

Leiterplatten sind Träger für elektronische Bauteile. Die wichtigen Silizium-Chips wurden bisher auf die Platte gesetzt und sehen tatsächlich wie kleine Käfer aus. „Bei unserer Embedding-Technologie wird der Chip dagegen direkt in die Leiterplatte eingebettet. So wird die Platte kleiner, leichter und leis­tungsfähiger – genau das, was Elektroautos und autonom fahrende Fahrzeuge brauchen.“

Zehn Jahre Entwicklungszeit hat Schweizer in diese Technologie inves­tiert. Immer wieder potenzielle Kunden befragt, an welcher Stelle noch Nachbesserungen möglich sind. Optimiert. „Jetzt ist der Markt bereit. In zehn Jahren wird das der Standard sein.

Im März 2017 habe ich mich deshalb mit meinem Vorstandskollegen Marc Bunz zusammengesetzt und überlegt: Was machen wir jetzt? Gehen wir Greenfield, bauen wir also eine Fabrik, und falls ja, wo und wie groß? Wir waren uns dann schnell einig: Ja, wir wagen es, in China, und richtig groß.“

Im November wird eine Investitionsvereinbarung mit der Regierung von Jintan geschlossen. Einen Monat später die neue Firma Schweizer Electronic Jiangsu (China) gegründet. Genehmigungen der chinesischen Umwelt- und Baubehörden zur Errichtung der nachhaltigen Produktionsstätte eingeholt. Kreditlinien von 120 Millionen Dollar gesichert.

Im August 2018 erfolgt dann die Grundsteinlegung. „In der neuen Fabrik können wir drei Mal so viel Umsatz wie hier in Deutschland machen. Schon ab Januar 2020 werden dort die ersten Leiterplatten produziert“, erzählt Nicolas Schweizer und atmet hörbar aus. „Insgesamt haben wir dann das Potenzial, 500 Millionen Dollar Umsatz zu machen. Eine halbe Milliarde. Dann stoßen wir in eine ganz andere Dimension vor.“

Für diesen Sprung hat das traditionsreiche Familienunternehmen aus dem baden-württembergischen Schramberg einen langen Anlauf genommen. Der Gründer, ein Stuckateur, kommt 1839 nach Schramberg, um eine Kirche auszustatten. Er ergänzt seine Dienstleis­tung später um das Bemalen von Holzzifferblättern für Schwarzwalduhren und übergibt an seinen ersten Sohn.

Dieser nimmt die Herstellung von Emaillezifferblättern für Kachelöfen ins Sortiment. „Deren Herstellungsweise ähnelte schon der Produktion von Leiterplatten. Die hat dann mein Großvater, ein Chemiker und typischer schwäbischer Tüftler, 1958 bei uns eingeführt“, erzählt Nicolas Schweizer. Es ist damals eine noch sehr unkomplizierte Technologie, die in der sogenannten Weißen Ware – Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen, Herde und Kühlschränke – zum Einsatz kommt.

1972 übernehmen Nicolas’ Vater Chris­toph und dessen Großcousin Gerhard. Der Vater ist studierter Maschinenbauer und setzt auf Wachstum. Er baut eine neue Fertigungshalle und arbeitet mit klarem Fokus auf der Leiterplattenin­dus­­­trie. Seine großen Kunden sind Miele und Siemens, der ehemals kleine Hand­werksbetrieb erzielt damals umgerechnet – es gab noch die D-Mark – rund fünf Millionen Euro Umsatz.

Doch das reicht dem Unternehmer nicht. Er wagt die Expansion nach Asien, gründet ein Joint Venture in Singapur und fertigt dort Leiterplatten in sehr guter Qualität zu günstigen Konditionen. „Wir haben hier alle Anlagen eingepackt, in den Container verladen und sind dann rüber – damals gab es da ja noch nicht viel Technologie. Mein Vater hat zusammen mit zwei Jungs erst einmal eine Toilette gebaut“, erinnert sich Nicolas Schweizer. In den nächsten fünf Jahren wächst der Umsatz auf umgerechnet 51 Millionen Euro.

Mitte der 80er verändert sich das Geschäft. Multilayer werden erfunden. Sie ermöglichen das Übereinanderstapeln einzelner Leiterplatten und vervielfachen die Stromleitkapazität. Um mithalten zu können, braucht Christoph Schweizer Kapital. 1989 bringt er 25 Prozent der Unternehmensanteile an die Börse, umgerechnet rund 13 Millionen Euro bekommt er dafür.

Anteile abzugeben ist für einen Familienunternehmer zu dieser Zeit untypisch, Schweizer macht es trotzdem. Der Erfolg gibt ihm Recht. Die Wachstumsraten liegen in den nächsten Jahren zwischen zehn und 22 Prozent.

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Es ist allerdings nur eine kurze Blütezeit. Asien holt technologisch auf und Schweizers Kunden kaufen nun zunehmend direkt dort ein. 2004 geht sein ­Joint-Venture-Partner in den Ruhestand. Schweizer fehlt das Geld, um übernehmen zu können. Ein amerikanisches Unternehmen steigt ein und Schweizer aus. „Nach 20 Jahren intensiver Arbeit unser Standbein in Asien zu verlieren, obwohl das ganze Geschäft ja in Asien stattfand, war ein schwerer Schlag“, so Nicolas Schweizer. Ohne Produktion vor Ort in Asien kann eigentlich kein Leiterplattenhersteller überleben.

Im August 2005 brennt dann auch noch die Fabrik in Schramberg ab. Auf 70 Kilometer ist die Rauchsäule zu sehen, es ist der größte Industriebrand des Jahres. Christoph Schweizer ist zu der Zeit bereits seit vier Jahren Aufsichtsratsvorsitzender und lebt in Italien, Nicolas Schweizer arbeitet als Anwalt in München und seine Schwester Maren (bis zur Personenstandsanpassung im Jahr 2014 als Marc) arbeitet als Maschinenbauerin in der Luftfahrtindustrie in Paris. Ein familienfremder Geschäftsführer leitet die Firma.

War es das? Ist das Familienunternehmen vielleicht einfach am Ende?

„Ganz ehrlich – aufgeben war für uns keine Option. Schließlich haben wir hier in der Region als Arbeitgeber Verantwortung. Wir haben uns im Hof unter den großen Kastanienbaum gesetzt, uns in die Augen geschaut und gesagt: Keine Frage, wir machen weiter.“

Maren Schweizer kommt zurück ins Stammhaus und wird Vorstand, ebenso wie ihr Großgroßcousin Bernd. Und die Familie baut eine topmoderne neue Fabrik. „Der Schwabe versichert auf Neuwert. Das kostet zwar mehr Prämie, aber wenn Sie es brauchen, ist es überlebenswichtig.“

Der Neuanfang zieht eine Neudefinition des Geschäftsmodells nach sich. „Wir haben nach unserer Daseinsberechtigung gesucht und entschieden, dass wir unsere Produkte viel stärker vom Endnutzer her denken müssen. Früher wurde entwickelt, getestet und das Produkt dann beim Kunden oder auf Messen vorgestellt – der sogenannte Technology Push. Heute wird oft zusammen entwickelt – das bringt für alle Beteiligten die besseren Ergebnisse.“

Dazu gehört allerdings Vertrauen: Der Kunde bespricht mit Schweizer sein Produkt, das Material, die Verarbeitung, gibt Einblick in die Kosten für Elektronik und Mechatronik.

„Wir bauen dann eine Leiterplatte, die vielleicht zehn Prozent mehr kostet, dafür aber bei der Mechatronik 20 Prozent einspart“, erklärt der Unternehmer und ergänzt: „Eigentlich haben wir uns also als Technologieberatung mit angeschlossener Leiterplattenfabrik aufgestellt. Damit konnten wir uns von der asiatischen Konkurrenz absetzen. Sie hat nicht die Beratungskompetenz und erhält auch nicht die Einblicke, die wir bekommen. Unsere Vertrauensbasis ist unser Vorteil.“

Maren Schweizer sortiert den Produktbauchladen des Unternehmens und fokussiert sich auf Leistungselektronik, Systemkostenreduktion und Embedding. Alle anderen Produkte werden aus dem Sortiment genommen. 2007 übernimmt sie den Vorstandsvorsitz.

Die zweite Überlegung beim Neustart lautet: „Wie bauen wir Asien wieder auf?“ Die Familie entscheidet sich für das bewährte Modell der Kooperation. Mit dem Leiterplattenhersteller Meiko in Japan, einem inhabergeführten 800-Millionen-Dollar-Umsatz Unternehmen, gehen sie 2009 die erste Partnerschaft ein. Ein Aktientausch mit rund fünf Prozent gegenseitiger Beteiligung. Schweizer wird zum Exklusivdistributor für Meiko-Produkte in Europa, die in großer Menge hergestellt und zu günstigeren Konditionen verkauft werden können als die eigenen.

„Die Kunden bekommen unsere Beratungskompetenz und die gute Qualität von Meiko zu einem wettbewerbsfähigen Preis“, erläutert Nicolas Schweizer, „wir sind Hochtechnologie in der Leiterplatte und Beratungskompetenz. Meiko ist Hochvolumen im technologischen Automobilereich und punktet da, wo uns der Preis wegläuft.“

Vieles funktioniert jetzt wieder bei Schweizer. Die Umsätze steigen, der Aktienkurs verzehnfacht sich vom Finanzkrisenniveau des Jahres 2009.

Doch nicht jede Expansion wird ein Erfolg. „Unser Ausflug in den Solar-Sektor hat sich als Katastrophe herausgestellt“, räumt Schweizer ein. „Die Prozesse sind ähnlich, wenn man von der Leiterplatte kommt. Das Geschäftsmodell war eine prima Idee. Wir hatten sogar schon ein Grundstück in China erworben. Doch dann ist der Markt gekippt. Die Preise fielen so dramatisch, dass wir sofort aussteigen mussten.“ Auch das ist eine Managementqualität – die Reißleine zu ziehen, wenn es nötig ist.

2011 tritt Nicolas Schweizer in den Vorstand ein. „Ich musste erst die Welt kennenlernen. Zum Zeitpunkt des Brandes hatte ich gerade mein Zweites Staatsexamen abgeschlossen und arbeitete als Anwalt. Ich bin damals noch nicht so weit gewesen.“

Zusammen mit seiner Schwester vereinbart er 2014 eine Kooperation mit dem chinesischen Familienunternehmen WUS. Das 800-Millionen-Dollar-Umsatz-Unternehmen beteiligt sich mit 4,5 Prozent an Schweizer. „WUS baut Hochfrequenz-Radarleiterplatten für Fahrerassistenzsysteme und das zukünftige autonome Fahren – wie wir. Für uns war das ein wichtiger Schritt, um sicherzustellen, dass wir den Bedarf der künftigen Kunden in China und Asien abdecken können.“

Angst davor, wertvolles Wissen preiszugeben, hat Nicolas Schweizer schon damals nicht: „Wenn wir eine Technologie entwickeln und sie in Serie bringen, unterbieten uns die Asiaten im Preis, sobald es um Volumina geht. Dann ist es doch besser, ich source nach Asien aus und bleibe an den Einnahmen beteiligt.“

Wenn Schweizer vom asiatischen Unternehmertum spricht, schwingt ohnehin viel Respekt mit. „Die Asiaten sind unheimlich emsig, sie haben einen Unternehmergeist, Begeisterung, sie zweifeln nicht so viel. Sie schaffen. Europa dagegen befindet sich in einer Komfortzone. Wir denken mehr darüber nach, wie wir Bestehendes bewahren, als wie wir Neues schaffen. Damit gestalten wir die Zukunft nicht.“

Seine Embedding-Technologie ist nun fast produktionsreif und überzeugt sogar das sieben Milliarden Euro schwere Unternehmen Infineon. Mit 9,4 Prozent steigt der Konzern 2014 bei Schweizer Electronic ein. „Unsere Technologien ergänzen sich. Infineon ist bei Leistungshalbleitern technologisch führend, wir bei Hochleistungs-Leiterplatten im Au­to- und Industriebereich.  Mit dem Chip-Embedding sichern wir uns Marktbreite“, erklärt Schweizer das Kalkül.

Im Mai 2015 erklärt Bernd Schweizer seinen Abschied aus dem Unternehmen, im September legt auch dessen Schwes­ter Kristina ihr Aufsichtsratsmandat nieder. Der zweite Familienstrang zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück. „Bernd und Christina hatten eine andere Auffassung darüber, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll“, formuliert Nicolas Schweizer vorsichtig.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. 2017 fällt die Entscheidung für das China-Investment. „Kurz zuvor verließ meine Schwester unser Familienunternehmen“, erzählt Nicolas Schweizer. Außerdem will der zweite Familienstamm nun verkaufen. Er bietet Nicolas und Christoph Schweizer seinen Anteil von 25 Prozent am Unternehmen zum Kauf an. Doch den beiden fehlt das Geld.

Ein externer Interessent aus dem Private-Equity-Bereich würde das Aktienpaket übernehmen. Doch für Nicolas Schweizer tut sich eine bessere Alternative auf. Der langjährige Partner Wu will sein Aktienpaket aufstocken. „Unsere Väter kennen sich schon seit 30 Jahren. Chris und ich sind gleich alt. Wir sind beide neben den Schreibtischen unserer Väter groß geworden. Wir haben ein starkes Vertrauensverhältnis und sind uns über die künftige Strategie bei Schweizer einig. Ich war sehr glücklich, als die Familie Wu Interesse am Aktienpaket des zweiten Familienstrangs anmeldete – und dieses letztlich dann auch übernahm.“

Damit hält der Kooperationspartner WUS nun 29,8 Prozent an Schweizer, Christoph Schweizer und seine Kinder halten rund 25, Infineon liegt bei 9,4 und der Rest ist Freeflow. Für Nicolas Schweizer ist es kein Problem, nicht mehr die Mehrheit am Unternehmen zu besitzen: „Mit 25 Prozent hat man zwar nicht die volle Macht. Aber ohne die Zustimmung meines Vaters passiert hier nach wie vor nichts. Ich hätte gern beide Stämme weiterhin in der Firma. Es hat nicht sollen sein. Aber die Familie Wu ist heute so etwas wie unser zweiter Familienstamm.“ 

Wie gut die Partnerschaft funktioniert, zeigt sich bei der Finanzierung des China-Abenteuers. Diese wird aus Sicht des Unternehmens ein kleines Kunststück.

Schweizer Electronic selbst leiht sich in Europa 30 Millionen Dollar – kein Problem angesichts der soliden Bilanzrelationen – und bringt sie als Eigenkapital in die Tochter Schweizer Electronic Jiangsu ein. Ein chinesisches Bankenkonsortium stellt 120 Millionen US-Dollar Kredit zur Verfügung. „Und zwar non-recourse – im Falle einer Insolvenz können die Kreditgeber also nur auf die Fabrik in China zugreifen. Das Stammhaus in Deutschland haftet allein für das Eigenkapital von 30 Millionen Dollar, nicht aber für das Fremdkapital“, erzählt Nicolas Schweizer sichtlich stolz und ergänzt: „Dass Chris Wu bei Gesprächen mit den Banken dabei war, hat unsere Position gegenüber den chinesischen Banken deutlich gestärkt.“

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Wird es ihm nicht manchmal angst, wenn er an die Dimension der Investition denkt, an die sich abschwächenden Konjunkturperspektiven, an US-Zölle, die dann ja auch für seine Fabrik in China gelten würden? „Sollte die Konjunktur einknicken, wären wir natürlich kurzfristig auch betroffen. Aber wir sind in den großen Zukunftsmärkten unterwegs, der E-Mobilität und dem autonomen Fahren. Dort werden unsere Applikationen gebraucht. Und dort werden wir strukturelles Wachstum sehen – unabhängig von der Konjunktur.“

Wenig Sorgen bereiten ihm auch die Handelszölle der USA. „Wer E-Autos will, benötigt unsere Leiterplatten. Sie werden dann außerhalb Chinas teurer, das tut uns zwar weh. Aber für viele Kunden gibt es keine wirkliche Alternative zur Embedding-Technologie. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass letztlich mindestens zwei Drittel der neuen Fabrik durch die Nachfrage aus China selbst ausgelastet sein wird.“

Tatsächlich macht China heute Ernst in Sachen Elektromobilität. Das Land ist nach einer Analyse des Asset-Managers Robeco schon jetzt der größte Markt für Autos mit Elektro- beziehungsweise Hybridantrieb. 2017 entfielen 53 Prozent der Verkäufe solcher Fahrzeuge auf den chinesischen Markt. Robeco geht davon aus, dass der Umsatz bei Elektro- und Hybridautos in China zwischen 2016 und 2025 um durchschnittlich 32 Prozent pro Jahr wachsen wird. Für beträchtlichen Schub sorgt dabei ein im April eingeführtes staatliches Punktesys­tem. In Abhängigkeit von Kraftstoffverbrauch und Reichweite ihrer Fahrzeugmodelle erhalten die großen Autofirmen Bonus- oder Maluspunkte. Fertigt ein Autohersteller beispielsweise überhaupt keine Elektro- oder Hybridautos, muss er von Anbietern solcher Fahrzeuge Bonuspunkte erwerben, um die staatlichen Vorgaben einzuhalten.

Die Prognose Robecos: Die Anzahl der verkauften Elektro- und Hybridautos in China wird von aktuell einer Million bis 2025 auf sechs Millionen jährlich steigen. 80 Prozent davon werden chinesische Unternehmen selbst produzieren. Sie sind potenzielle neue Kunden von Nicolas Schweizer und Chris Wu.

Trotz dieser aussichtsreichen Perspektiven hat Nicolas Schweizer in guter schwäbischer Tradition noch ein paar Schutzvorkehrungen getroffen. „Wenn es um Geschwindigkeit und Investitionsvolumen geht, sind wir progressiv. In der Umsetzung aber auch vorsichtig, Schwaben halt.“

So werde das Fabrikgebäude zwar im Ganzen erstellt, aber in zeitlich nachgelagerten Abschnitten in Betrieb genommen: „Wir haben ein Drei-Phasen-Konzept. Je nach Auslastung können wir die Fertigung erweitern. Das macht uns flexibel und bindet uns nicht so hohe Fixkosten ans Bein.“

Im Januar 2020 sollen die ersten Leiterplatten vom Band gehen, sieben Jahre später ist die Vollauslastung eingeplant. Schon ab 2022 sollen sich die Anlaufkosten aus China nicht mehr in der Bilanz des Konzerns niederschlagen.

Ein enger Zeitplan. Damit er nicht aufgrund fehlender Managementkapazitäten in Gefahr gerät – Schweizer reduzierte den Vorstand in den letzten Jahren von vier auf zwei Personen –, hat seit Oktober 2018 Rolf Merte als dritter Geschäftsführer den Vorstandsvorsitz übernommen. „China und die Einführung der Embedding-Technologie sind zwei wirklich große Vorhaben. Da brauche ich einen erfahrenen Mann mit technologischer Expertise und umfangreicher Erfahrung“, erklärt der Familienunternehmer.

Und wenn doch etwas Unvorhergesehenes passiert? „Wir haben ja immer noch einen Joker. Wir könnten die rechtlich eigenständige Tochter problemlos in China an die Börse bringen. Wir haben kein Factoring, wir bilanzieren konservativ. Alles ist darauf eingestellt, dass ein IPO möglich wäre. Es wäre wirklich interessant, zu sehen, wie ein solches Start-up in einem absoluten Zukunftsmarkt bewertet würde.“ ®

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Schweizer Electronic – ein interessantes Investment.

Auf dem Kursniveau von Mitte November (14,50 Euro) ist das gesamte Unternehmen Schweizer Electronic rund 55 Millionen Euro wert. Das ist eigentlich nicht viel angesichts der Umsatzerwartung von 124 Millionen Euro für das Jahr 2018.

Aktuell bläst der Firma allerdings einiger Gegenwind ins Gesicht. Die Automobilkonjunktur ist schwach. Werden weniger Autos produziert, bedeutet das natürlich auch einen geringeren Absatz von Leiterplatten.

Entsprechend hat Schweizer gerade seine Umsatz- und Ertragserwartungen für das Jahr 2018 nach unten angepasst. Vor drei Monaten hatte Schweizer noch gehofft, sechs Millionen mehr ­– also 130 Millionen – umsetzen zu können. Der weiter hohe Auftragsbestand von 169 Millionen Euro sollte in den kommenden Quartalen einen gewissen Puffer bieten. Geht die Autokonjunktur allerdings künftig weiter deutlich zurück, wäre auch Schweizer negativ betroffen.

Für potenzielle Investoren ist das eine interessante Konstellation – hier die schwierige Gegenwart, dort eine aufregende Zukunft. Gelingt der große Sprung, wird Schweizer Electronic in fünf bis zehn Jahren ganz anders aussehen. Bei einer Vollauslastung der Fabrik in China (oben: Foto der Grundsteinlegung) könnte der Gesamtumsatz 500 Millionen Dollar erreichen. Und die Profitabilität würde wohl steigen. Nicolas Schweizer selbst erwartet eine klar höhere Marge bei der Produktion der Embedded-Technologie.

Was möglich ist, zeigt ein kleines Zahlenspiel. Bisher liegt die EBITDA-Marge zwischen sieben und neun Prozent. Gelänge es, die Quote auf zwölf Prozent zu steigern, könnte der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen im Idealfall von derzeit zehn bis elf auf 60 Millionen Euro klettern – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Aktienkurs.

Scheitert Schweizer mit seiner Expansionsstrategie, muss der Eigenkapitalanteil an der Tochter – 30 Millionen Dollar – abgeschrieben werden. Dies würde die Firma wohl nicht umwerfen, der Aktienkurs würde aber natürlich deutlich nach unten reagieren.

Die Extrempole der Erwartungsbandbreite für Anleger liegen also in etwa bei 50 Prozent Verlust und 500 Prozent Gewinn. Dazwischen ist aus heutiger Sicht alles möglich. Dass Schweizer in den Wachstumsregionen  Elektroautos und autonomes Fahren stark ist, lässt allerdings eher auf einen positiven Ausgang des China-Abenteuers hoffen.

Das Chance-Risiko-Verhältnis würde sich sogar noch verbessern, falls Investoren in den kommenden Monaten noch etwas günstiger zum Zug kommen. Unmöglich ist das nicht. Die Weltwirtschaft schwächt sich ab, der Automobilsektor ist in der Krise und der Aufbau des Werkes in China wird das Ergebnis von Schweizer zunächst belasten.

Diese Konstellation könnte immer wieder kurzfristig zu „Enttäuschungen“ führen. Wer an die China-Story glaubt, bekommt dann die Gelegenheit, bei diesem markt­engen Wert zuzugreifen. Und sollte anschließend nach guter alter Kostolany-Manier verfahren: Kaufen, Schlaftablette einnehmen und erst in fünf Jahren wieder auf den Kurs schauen.

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Autorin: Yvonne Döbler

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