• Klaus Meitinger

Der Ökonom mit einer Mission.

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Würdigung. Am 31. März enden die Amtszeiten von Hans-Werner Sinn als Präsident des ifo-Instituts und als Professor an der LMU München. Eine der einflussreichsten Stimmen der Wissenschaft in der wirtschaftspolitischen Diskussion tritt von der großen Bühne ab.

„Ich will Rationalität in die öffentliche Debatte bringen“, beschreibt Hans-Werner Sinn seine Motivation. Seine Argumente seien wie Gene im öffentlichen Diskurs, die sich unaufhaltsam verbreiten, wenn sie erst einmal dargelegt wurden.

Als Sinn am 1. Februar 1999 das Präsidentenamt beim ifo-Institut antritt, steckt dieses in einer schweren Krise. Es droht der Verlust öffentlicher Zuwendungen. „Mein Kollege Meinhard Knoche und ich mussten es teilabwickeln.“

Für den Wirtschaftsprofessor, der bis dahin 25 Jahre lang in der Theorie geforscht hat, ist das zwar eine schwierige Situation – aber gleichzeitig auch die Chance seines Lebens. Um das Schlimmste abzuwenden, entwickeln Knoche und Sinn ein neues Konzept. Internationalisierung, Vernetzung der Forschung, vor allem aber stärkere Politikorientierung – ifo steht schließlich für „Information und Forschung“. Hans Werner Sinn darf, kann, nein, muss nun sogar öffentliche Meinung machen. Während im Elfenbeinturm der Wissenschaft nach zeit- und raumlos gültigen Wahrheiten gesucht wird, nimmt er sich aktueller Probleme an, analysiert sie mit den Gesetzen der Ökonomie und entwickelt auf dieser Basis Lösungsvorschläge. Ziel: die politische Realität näher an die ökonomische Logik zu bringen.

Üblicherweise funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaftswissenschaft über Aufträge von Ministerien. Die landen dann – der Sachverständigenrat kann ein Lied davon singen – häufig in der untersten Schublade. Politische Entscheidungen, meint Sinn, folgten eben in der Regel dem spontanen Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und übersehen oder verdrängen dabei die ökonomischen Konsequenzen. Für Ökonomen dagegen zählen nur die Gesetze der ökonomischen Logik. Erfahre der Steuerzahler frühzeitig, dass die Politik diese ignoriert und dass dies für ihn teuer werde, übe er irgendwann Druck aus – und die Politik müsse reagieren.

Also macht sich Hans-Werner Sinn auf, der ökonomischen Logik Gehör zu verschaffen. Er verfasst mehr als ein Dutzend Bücher. Schreibt in 170 „ifo Standpunkten“ kurze Kommentare zu aktuellen Themen. Besucht unermüdlich Talkshows. Gibt zahllose Interviews, verfasst Gastbeiträge.

Die Beharrlichkeit, mit der Sinn über Jahre hinweg seine Meinung vertritt, ist allein schon bewundernswert. Noch bemerkenswerter ist, wie er dabei komplexe Zusammenhänge allgemeinverständlich zu beschreiben weiß. Dass es ein Buch über Target-Salden – ein Thema, das zuvor nur einer Handvoll von Akademikern bekannt war – auf die Bestsellerliste der Wirtschaftsbücher schafft, ist ein publizistisches Wunder.  

Was hat Hans-Werner Sinn erreicht? Heute gehört das ifo wieder unbestritten zu den führenden europäischen Wirtschaftsforschungsinstituten. Die Zusammenarbeit mit der Universität auf einer gemeinsamen Plattform hat die Forschung beflügelt. Aber hat der Professor auch seine politische Mission erfüllt?

Maßgeblichen Einfluss hatte Sinn sicherlich auf Gerhard Schröders Reform-Agenda 2010. Er soll einmal gesagt gaben, Hartz IV müsse eigentlich ifo IV genannt werden. Dass Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangte, ist also mit sein Verdienst. Umso mehr schmerzt es ihn, dass via gesetzlichem Mindestlohn und Rente mit 63 nun Teile der Reform zurückgedreht wurden. „Die Negativkonsequenzen werden von der Nachfolgeregierung auszubaden sein.“

Bahnbrechend waren auch Sinns Gedanken zum grünen Paradoxon. Die Ankündigung einer Beschränkung des Einsatzes fossiler Brennstoffe führe nur dazu, dass diese noch schneller ausgebeutet würden. Auch die Energiepolitik kritisiert er. Was Europa an fossilen Brennstoffen einspare, werde nur anderswo angeliefert und verbrannt. Dem Klima helfe nur ein globales Emissionshandelssystem, das den weltweiten Verbrauch wirksam beschränke. Acht Jahre nach Sinn wurde auf dem Pariser Klimagipfel nun zumindest Ähnliches angedacht.

Offensichtlich braucht es lange, bis sich ökonomische Logik durchsetzt. Seit Jahren plädiert Sinn zum Beispiel in der Zuwanderungsfrage für das Heimatlandprinzip. Jeder Sozialhilfeempfänger eines EU-Landes solle seine Sozialhilfe in dem EU-Land konsumieren dürfen, wo er möchte. Nur sollte nicht sein Wohnsitzland, sondern sein Heimatland für die sozialen Leistungen zuständig sein. Erst heute – unter dem Druck eines möglichen Brexit – kommt Bewegung in dieses Thema.

Noch wichtiger waren Sinns Beiträge zur Eurokrise. Er deckte die Target-Falle auf. Summierte schonungslos die Haftungsrisiken für Deutschland. Forderte eine Insolvenzordnung für Euroländer. Plädierte früh für eine atmende Währungsunion, in der ein befristeter Austritt möglich sei. Und kritisierte unermüdlich die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank – vor allem ihr Programm zum Ankauf von Staatsanleihen verletze die Maastrichter Verträge.

In diesem Sommer verhandelt das Bundesverfassungsgericht nun abschließend die Rechtsgültigkeit der EZB-Politik. Die Idee der atmenden Währungsunion wurde von der Bundesregierung im Verhandlungspoker mit Athen als eine Art Joker ausgespielt. Doch darüber hinaus hat die ökonomische Logik Sinns in der Politik des Euroraums noch nicht viel verändert. 

Auch deshalb scheint dessen Zukunft derzeit offen wie nie. Sinn selbst beschreibt in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" drei Szenarien. Erstens, den Weg in Richtung Schuldenunion: „Es wird viel Kapital vernichtet, wir haben kaum Wachstum, aber viel Arbeitslosigkeit. Das spült immer mehr radikale Parteien hoch und der Schuldenberg wächst.“

Das zweite Szenario setzt auf mutige Reformen. „Es wird eine Konkursordnung für Staaten eingeführt, der Euro wird zur atmenden Währungsunion, die temporäre Austritte zulässt und die Massenarbeitslosigkeit im Süden allmählich überwindet.“ Im dritten Szenario zerfällt erst Schengen und dann der Euro, weil die unterschiedlichen Einschätzungen zur Flüchtlingsfrage die Völker Europas spalten.

Am wahrscheinlichsten, meint Sinn, sei das erste Szenario. Danach das dritte. Und das mittlere komme leider zuletzt.

Dass er angesichts solcher Aussagen oft als notorischer Pessimist bezeichnet wird, ficht den streitbaren Ökonomen nicht an. Es sieht seine Analysen als „medizinische Bücher“, in denen es eben um Krankheiten und Heilungsmöglichkeiten gehe. 

Nun, da Hans-Werner Sinn von seinen Alltagspflichten befreit ist, wird die Welt wohl noch mehr medizinische Ratschläge bekommen. Für manchen, vor allem für Politiker, mag das eine Art Drohung sein. Für alle anderen aber eine Hoffnung. ®

Autor: Klaus Meitinger

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