• Christian Klein

„Setzen Sie sich an die Spitze.“

Die EU wird mit ihren Regeln zur Taxonomie eine massive Transformation der Wirtschaft einleiten, ist Christian Klein, Professor für Sustainable Finance an der Uni Kassel, überzeugt: „Für den Mittelstand ist das eine Chance.“

Ich wage mal eine Prognose. Die Taxonomie der Europäischen Union wird ein echter Gamechanger. Sie wird Geldströme von nicht nachhaltigen zu nachhaltigen Geschäftsmodellen umleiten und helfen, dass wir die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreichen. Weil dabei die Art, wie wir wirtschaften, komplett umgekrempelt wird, ist es höchste Zeit, sich genauer damit auseinanderzusetzen.

Zunächst definiert Taxonomie ja nichts anderes als eine Liste von Regeln für Wirtschaftsaktivitäten. Sie sagt zum Beispiel, wenn du es schaffst, eine Tonne Stahl mit dem Ausstoß einer bestimmten Menge an CO2 zu erzeugen, bist du taxonomiekonform. Ähnliche Vorgaben wird es bald in Sachen Biodiversität geben, zum Thema Kreislaufwirtschaft und später zu sozialen Aspekten – erfüllen Lieferanten bestimmte Normen? Wie werden Mitarbeiter behandelt? Wie steht es um den Arbeitsschutz?

Ich vergleiche das mit einem Werkzeug. Die Taxonomie ist der Hammer. Und nun können wir überlegen, was sich mit so einem Hammer alles machen lässt. Rein theoretisch ist zum Beispiel denkbar, die gesetzlichen Versicherungen zu verpflichten, ihre Rücklagen für die Altersversorgung nur noch in taxonomiekonformen Firmen anzulegen. Oder alle Banken anzuhalten, nur noch diesen Unternehmen Kredite zu geben. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Es gibt tatsächlich Gerüchte, dass so etwas überlegt wird.

Damit das auch umgesetzt werden kann, sind Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ab 2022 verpflichtet, die relevanten Daten nachzuweisen: Wie viel Prozent des Umsatzes basieren auf taxonomiekonformen Aktivitäten? Und welcher Anteil der Investitionen erzeugt solche?

Ich weiß nun aus Gesprächen mit den Verantwortlichen für kleine und mittlere Unternehmen, dass viele sich erleichtert zurücklehnen, weil sie von dieser Berichtspflicht ausgenommen sind. Täuschen Sie sich nicht! Irgendwann wird dies alles auch für Sie ein Thema werden. Denn konsequent zu Ende gedacht, lautet die Botschaft der EU-Kommission: Was nicht taxonomiekonform ist, ist nicht nachhaltig und damit auch nicht zukunftsfähig. Taxonomie macht ja nichts anderes, als den Finger in die Wunden zu legen und zu zeigen, welche Geschäftsmodelle eine langfristige Perspektive haben. Und welche nicht.

Das wird natürlich Konsequenzen haben. Irgendwann werden Banken die Taxonomiekonformität ihres Kreditportfolios offenlegen müssen. Und spätestens dann wird jede Hausbank auch auf ihren Mittelstandskunden zukommen und fordern: „Sag uns, was du da machst. Wie taxonomiekonform bist du eigentlich?“

Geraten Sie jetzt bitte nicht in Panik. Das ist keine Bedrohung, sondern im Gegenteil eine großartige Chance. Ich bin überzeugt, dass die meisten Mittelständler es ganz gut hinbekommen, ihre Taxonomiekonformität nachzuweisen. Wenn sie sich frühzeitig darum kümmern, können sie sich sogar einen riesigen Vorsprung erarbeiten.

Ich bekomme heute schon viele Anfragen von großen Versicherungen und Banken, die nun auch nachhaltig werden wollen. Deshalb bin ich ziemlich sicher, dass der Moment kommen wird, da Investoren verzweifelt Unternehmen suchen, in die sie taxonomiekonform investieren können, um ihr Portfolio entsprechend umzuschichten.

Wer dann vorn dabei ist, wird nicht nur bei Finanzierungen profitieren. Auch die Außendarstellung verbessert sich signifikant. Sie können Ihren Kunden aktiv kommunizieren, dass Sie nachhaltig handeln und einen großen Beitrag für die Erreichung der Klimaziele leisten. Und Sie sprechen in Zeiten knapper Human Resources fähige Mitarbeiter an. Wir wissen aus der Forschung längst, dass die Generation Y sich nicht mehr nur mit Geld locken lässt. Die Nachwuchskräfte mit Potenzial suchen verantwortungsvolle Tätigkeiten, echten Sinn und einen Arbeitgeber, der ihre Anschauungen teilt.

Mein Eindruck ist, dass die Mitarbeiter der EU-Kommission bei der Ausgestaltung der Taxonomie gerade absolut dialogbereit sind. Sie hören interessiert zu, wenn sich Mittelstand und Familienunternehmen einbringen. Ducken Sie sich nicht weg. Handeln Sie proaktiv. Mischen Sie sich ein. Setzen Sie sich an die Spitze der Bewegung. ®

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