• Mariella Bauer-Hallberg

Tiefenwirkung.

100 Andreas Franke MG 8025

Sponsorship. Der Wiener Fotograf und Taucher Andreas Franke (oben) versieht seine Fotokunst mit einem politischen Statement. Schiffswracks auf dem Grund des Bikini-Atolls sind Kulisse seiner Anti-Atom-Botschaft. Für die Umsetzung sucht er noch Unterstützer.

„Wir haben doch alle noch diesen Kalten Krieg im Gedächtnis, die Vorstellung, dass es morgen vielleicht einfach vorbei ist“, erzählt Andreas Franke, Jahrgang 1967. Auf einmal, Anfang 2017, sei dieses Gefühl wieder da gewesen.

Dass das internationale politische Kräfteverhältnis aus dem Gleichgewicht geraten ist, Atomwaffen plötzlich wieder eine reale Gefahr darstellen. Mit diesem Unbehagen steht der Fotokünstler offenbar nicht allein. Es wird sogar vom norwegischen Nobelkomitee geteilt. Dieses verlieh den diesjährigen Friedensnobelpreis an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN).

Die Anti-Atom-Waffe Frankes ist die Kamera. „Ich kann nicht schreiben, ich kann nicht malen, ich kann nur mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, als Künstler protestieren“, erklärt Franke. Im Juni dieses Jahres fuhr er für zwei Wochen zum Bikini-Atoll im Pazifischen Ozean. An den Ort, an dem die USA zwischen 1946 und 1958 Atomwaffentests durchführten. Bis heute ist das Bikini-Atoll für Menschen unbewohnbar, im Meer hingegen hat sich die Radioaktivität verteilt. In 60 Meter Tiefe liegen die Wracks der zum Test ihrer nuklearen Widerstandskraft versenkten Schiffe – bis heute Zeitzeugen des Glaubens an die atomare Abschreckung. 6000 Fotos macht Franke von sechs Wracks, unter anderem von der Prinz Eugen, einem der beiden großen deutschen Militärschiffe, die 1946 zum Bikini-Atoll gebracht und während der sogenannten Operation Crossroad versenkt wurden. Alltagssituationen möchte er in diese Unterwasserfotos montieren. Eine Frau mit einer Einkaufstüte in der Hand etwa, eine andere mit einem Kind im Arm. Seine Botschaft: Jeden kann es jederzeit treffen. „Wir sitzen am Tisch, reden miteinander, und in diesem Augenblick passiert es, wir werden ausradiert.“

Die besondere Art und Weise, seine Bilder zu komponieren, hat der passionierte Taucher Anfang der 1990er entwi­ckelt. „Damals war das Fotocomposing, eine spezielle Technik, in der verschiedene Bildteile digital zusammengefügt werden, noch Spezialkönnen“, erinnert sich Franke. Als Kreativer immer auf der Suche nach neuen Motiven, „nach Bildern, die so noch nicht gesehen wurden“, tauchte der Fotograf zunächst am Riff, fotografierte Fische und Korallen.

Doch „den viel größeren Kick“ gaben ihm Schiffswracks, diese stillen Protagonisten einer bizarren Unterwasserwelt. Die österreichische Baron Gautsch, die auch als Titanic der Adria bezeichnet wird, ist das erste Unterwasserwrack, das er fotografiert. Als er jedoch die Bilder zu Hause ansieht, denkt er: „Ganz gut, aber da fehlt noch etwas.“ Er kopierte eine Person, die er kurz zuvor im Studio aufgenommen hatte, in das Foto hinein.

100 Franke Making of neu

Auf einer Tauchreise nach Ägypten 2009 liest Franke dann einen Artikel über die Versenkung der Vandenberg im Nationalpark der Florida Keys. Und war sofort „angetörnt“.

Die Vandenberg ist ein US-amerikanisches Kriegsschiff aus dem Zweiten Weltkrieg. 1943 gebaut, wird es sowohl als Raketenträger als auch als Truppentransporter benutzt. Nun soll daraus eine Art künstliches Riff werden. Um auf dem Meeresboden mit dieser besonderen Struktur neue Lebensräume für Flora und Fauna zu schaffen. „Mehrere ­Millionen Dollar wurden für die aufwendige Säuberung von Ölen, Asbest und anderen schädlichen Materialien investiert. Das hat mich sofort interessiert.“

Ein Jahr später besucht der Österreicher nur mit Kamera und Sauerstoffflasche ausgerüstet die Vandenberg in 30 Meter Tiefe. „Das Problem bei Unterwasserbildern ist das ganz spezielle Licht. Durch die Dichte des Wassers und die Schwebeteilchen ist nur eine gewisse Weitsicht vorhanden. Es ist ein bisschen wie an einem nebligen Tag“, erklärt Franke. Faszinierend sei auch, dass die unterschiedliche Farbigkeit vom Meer abhänge. Zusätzliche Lichtquellen braucht es nicht. Bis in 60 Meter Tiefe könne man problemlos fotografieren.

Die fertige Komposition hat er zu diesem Zeitpunkt längst im Kopf. So entstehen Bilder mit wippenden Balletttänzerinnen an der bemoosten Reling, Dreirad fahrenden Kindern mit Teddy in der Hand auf dem Vorderdeck oder boxenden Männern vor der riesiger Satellitenschüssel. „Jedes Schiffswrack ist eine Bühne, die ich mit meinen Ideen bespielen kann.“

100 Overview Franke

Auf dem Rückflug von Florida nach Wien kommt ihm der Gedanke, die fertigen Bilder unter Wasser am Wrack der Vandenberg auszustellen. Warum? „Alleinstellungsmerkmal“, antwortet der marketingfirme Franke. „Wo sonst gibt es eine Fotoausstellung, die in 30 Meter Tiefe gezeigt wird?“ Zudem verändern sich Bilder, wenn sie drei bis vier Monate im Meer verbracht haben. Das Meerwasser dringt unter die Rahmen und hinterlässt Schlieren auf dem Foto. Unterschiedliche Meeresbewohner wie Muscheln oder Röhrenfächer-Moostierchen lagern sich auf den Bildern ab.

Nur mit Magneten werden die ein Meter mal ein Meter fünfzig großen Fotos an dem Schiffswrack befestigt. Und sorgen für ein großes Medienecho.

Rund 10000 Taucher besichtigten innerhalb von drei Monaten die surreale Unterwasserwelt. Der amerikanische Fernsehsender CNN berichtet, die britische BBC und auch das deutsche Magazin „Stern“.

In kurzen Abständen lässt Franke nun zwei weitere Projekte folgen. Er fotografierte und bearbeitete die Stavronikita vor Barbados und die ebenfalls vor Florida liegende Mohawk, ein Kriegsschiff aus dem Zweiten Weltkrieg, das unter anderem die Wetterdaten für den D-Day gefunkt hatte. Die drei Projekte fasste er unter dem Titel „The Sinking World“ zusammen.

Auf ein ähnliches Echo hofft Franke nun beim Fotoprojekt „The Nuclear Fleet“. „Denn das ist eine echte Herzensangelegenheit für mich.“ Die Bilder von „Sinking World“ würden nicht anecken, seien eher lyrisch. „The Nuclear Fleet“ dagegen soll etwas bewegen, „da kann sich durchaus etwas reiben“. Zum einen habe er bewusst das Bikini-Atoll gewählt als „schreckliches Opfer nuklearer Verantwortungslosigkeit“.

Zum anderen erhoffe er sich, dass diese Bilder Aufsehen erregen und seinen „stillen künstlerischen Protest im globalen Kampf für nukleare Abrüstung verstärken“.

Die Vorbereitungen hat der Künstler bislang aus der eigenen Tasche finanziert. Nun sollen 24 Bildern entstehen. Um das Projekt tatsächlich realisieren zu können, braucht er Sponsoren. „Nur die Produktion der Bilder wird mehr als 100000 Euro kosten. Allein kann ich das nicht mehr stemmen.“

Ab Mitte Mai 2018 sollen die Bilder dann an der Vandenberg, seinem „Galerieschiff mit den perfekten Wänden“ aufgehängt werden.

Mediale Aufmerksamkeit dürfte Franke dann wieder sicher sein. Über seinen amerikanischen Galeristen Howard Rosenbaum hat der Fotograf schon Kontakt mit der Organisation Global Zero, der wichtigsten amerikanischen Vereinigung für eine atomwaffenfreie Welt, unterstützt von Hollywood-Größen wie Robert De Niro, Matt Damon und Michael Douglas. „Global Zero hat Interesse gezeigt, das ,Nuclear Fleet‘-Projekt zu integrieren.“ Die Organisation plane etwa eine Konferenzreihe im Vatikan und feiere zudem im Dezember 2018 ihren zehnten Jahrestag.

Wird Frankes Zukunft in der Kunstfotografie mit politischer Aussage liegen? So absolut möchte er das dann doch nicht sagen. „Doch, wenn das Projekt wirklich etwas bewirkt, wird man süchtig nach solchen Projekten.“ Und es gäbe ja noch so viele brisante Themen. Die Umweltverschmutzung mit Plastik im Meer beispielsweise. „Wenn ich die Augen schließe, habe ich jede Menge Bilder im Kopf.“  

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Kunst mit Aussage - der Prix Pictet.

Der seit 2008 vom Schweizer Bankhaus Pictet alle 18 Monate verliehene, mit 100000 Schweizer Franken dotierte Prix Pictet ist einer der renommiertesten Kunstpreise für Fotografie und Nachhaltigkeit.

Eine Gruppe von internationalen Journalisten, Galeristen und Kunstkennern schlagen Arbeiten von Fotokünstlern aus aller Welt für den Preis vor. Durch diese Vorgehensweise kommt ein „breites Spektrum an bekannten und auch weniger bekannten Künstlern“ zustande, erklärt Loa Haagen Pictet, Kuratorin des Preises. Eine unabhängige Jury nominiert aus den vorgeschlagenen Arbeiten zunächst eine sogenannte Shortlist, um daraus dann den Gewinner zu wählen.

Der Prix Pictet wurde mit den Gedanken gestartet, dass „wir alle eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber haben“, sagt die in Dänemark geborene Loa Haagen Pictet. Themen wie Umweltverschmutzung, Kinderarbeit oder auch Migration und Flüchtlinge spielen deshalb eien große Rolle.

„Künstler agieren wie Seismografen. Sie schauen mit kritischen und sensiblen Augen auf die gesellschaftlichen Zustände“, erläutert Loa Haagen Pictet: „Wir sehen unseren Preis als Ermutigung, auch für sehr etablierte und erfolgreiche Fotografen. Sie sollen so eine gewisse, wenn auch zeitlich limitierte Freiheit bekommen, um völlig frei denken und Projekte ohne finanziellen Druck realisieren zu können, deren Umsetzung sonst vielleicht nicht möglich gewesen wäre.“

Bei der Bildauswahl ist der Jury wichtig, dass sie wirklich eine Botschaft tragen. Es gehe darum, Fragen zu stellen, die gerade jetzt relevant seien. Dabei werden die jeweiligen Themen nicht eng definiert, sondern mit offenen Begriffen wie „Wasser“, „Wachstum“ oder „Raum“ in Verbindung gebracht.

Dass die Juroren die Themen tatsächlich weit interpretieren, zeigen die Siegerbilder der Vergangenheit. Zum Begriff „Wasser“ wurde ein Bild des kanadischen Fotografen Benoit Aquin ausgezeichnet, das die Luftverschmutzung in China zeigt. Das Thema „Erde“ gewann „Sonntagspicknick“ des Israelis Nadav Kander, das eine Familie am chinesischen Yangtzefluss unter einer Autobahnbrücke in der Millionenstadt Chongqing zeigt.

Aktueller Preisträger des Leitmotivs „Raum“ ist der Ire Richard Mosse mit seiner Bilderserie „Heat Maps“, was mit Landkarte der Körperwärme übersetzt werden kann (oben).

Mit einer für den militärischen Gebrauch konstruierten Wärmebildkamera, die aus 50 Kilometer Höhe bei Tag und Nacht Lebewesen identifizieren kann und zur Grenzsicherung eingesetzt wird, hat Mosse Bilder von Flüchtlingsströmen und -camps geschaffen. Das Siegerbild zeigt das Aufnahmelager in Berlin-Tempelhof. Mosse versucht so, einen Dis­kurs darüber anzustoßen, dass sich Millionen von Flüchtlingen und Migranten auf den Weg machen, um sich dann in einer Art Schwebezustand wiederzufinden, ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben.

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Autorin: Mariella Bauer-Hallberg

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