• Tom Chardin

Shoe-Time.

Tom Chardin, 36, wurde schon zwei Mal als MOF, „Meilleur Ouvrier de France“, „bester Handwerker Frankreichs“, ausgezeichnet. In der Manufaktur Massaro leitet er die Fertigung von Maßschuhen nach alten Techniken.

Zeit spielt in meinem Beruf eine enorme Rolle. Mein Lehrmeister Raymond Massaro, der Enkel des Firmengründers, pflegte immer zu sagen, dass es zehn Jahre brauche, um unseren Beruf zu lernen. Und danach: 30 Stunden für einen Damenschuh, 50 Stunden für einen Herrenschuh. Darunter geht es bei Massaro eigentlich nicht.

Seit 1894 fertigen wir Schuhe. Bottier heißt unser Metier in Frankreich, von „botte“, dem Stiefel. Dass Massaro dabei einen ganz besonderen Ruf genießt, verdankt die Firma einem Auftrag, den Raymond Massaro 1957 von Gabrielle „Coco“ Chanel erhielt. Er sollte „Sandales bicolores“ (zweifarbigen Sandalen), beige mit schwarzer Spitze, herstellen. Damals war dieser Schuh eine kleine Revolution. Vielleicht erinnern Sie sich. Zu dieser Zeit wurden Schuhe noch je nach Anlass gewechselt – und der Farbton war dabei das wichtigste Detail. Mit den zweifarbigen Sandalen war die Dame des Hauses von morgens bis abends perfekt beschuht. Und dank eines „Bandes“ an den Fersen folgten die Sandalen den Bewegungen harmonisch. Heute nennen wir das „Slingback“. Die bei diesem Projekt unter Beweis gestellte Handwerkskunst und die jahrzehntelange, erfolgreiche Zusammenarbeit waren Gründe dafür, dass Chanel im Jahr 2002 die Manufaktur von Raymond Massaro erwarb, der im Jahr 2008 in Rente ging.

Etwa ein Viertel unserer Produktion geht in die Haute Couture: Chanel, Karl Lagerfeld, Christian Lacroix, Ted Lapidus oder Thierry Mugler – für sie fertigen wir Sandalen, Schnürstiefel, Ballerinas, einfach alles. Der größte Teil unserer Produktion sind aber Maßanfertigungen für Privatkunden – damals Romy Schneider oder Marlene Diet­rich, heute Pharrell Williams oder Lady Gaga. Und natürlich unzählige Politiker oder Geschäftsleute.

Wir haben wirklich ausgefallene Sachen gemacht: Pumps aus Gänsefedern, Absätze mit Zuchtperlen oder Juwelen, extravagante Plateausohlen. „Bei Massaro ist alles möglich“, lautet unsere interne Devise. Dabei achten wir aber immer darauf, dass der Schuh tatsächlich zum Kunden passt. Was zählt, ist nicht allein die Schönheit des Schuhs, es ist die Art, ihn zu tragen, die Silhouette, die „Allure“, hat uns Raymond Massaro stets eingeschärft. Und damit hat er natürlich völlig recht: Was einer Kundin steht, kann bei einer anderen vulgär wirken.

Für die Kunden beginnt unsere Geschäftsbeziehung immer in der Pariser Rue de la Paix. Dort nehmen wir Fußabdrücke und vermessen Füße. Der Kunde sucht sich ein Modell aus und wählt die Materialien: hartes Leder für die Sohlen, Seide oder Satin für das Interieur und natürlich das sichtbare Material für Außenseite des Schuhs. Wir nutzen dafür nicht nur Leder von Ziege, Lamm, Strauß, Python oder Krokodil, sondern auch ausgewählte Stoffe.

Der Fuß des Kunden wird mit dem Maßband vermessen – überall, wenn nötig bis zur Wade. Aus Birken- oder Buchenholz erstellt unser Atelier in Aubervilliers dann ein Modell des Fußes. Das ist teils die Aufgabe von Maschinen, teils Handarbeit und dauert circa vier bis sechs Stunden. Heute umfasst unser Fußarchiv etwa 7000 Modelle. Die Kunstfertigkeit, die wir bei deren Herstellung erreicht haben, befähigt uns auch, etwas ganz Spezielles anzubieten – hochwertige orthopädische Schuhe.

Nun folgen die weiteren Arbeitsschritte – vom Zuschneiden zum Nähen bis zur Finition, der „bichonnage“, vereinfacht bedeutet das „reinigen, wachsen, Qualitätskontrolle“. Der klassische Herrenschuh ist arbeitsintensiver und darum teurer als Damenschuhe, denn hier ist noch ein „cousu Goodyear“ nötig. Gemeint ist eine zweite, horizontale Naht, die für den Kunden komplett unsichtbar ist. Sie trägt jedoch entscheidend dazu bei, den Herrenschuh stabiler zu machen und gleichzeitig flexibel zu belassen.

Natürlich verändert sich auch unser Metier mit der Zeit. Heute designen wir am Rechner, modellieren in 3-D und nutzen neue Materialien: Frauen tragen zum Beispiel zwölf Zentimeter hohe Absätze aus speziellen Kunstharzen. Früher hatte der Bottier nur Kork zur Verfügung – eine derartige Höhe wäre nicht machbar gewesen. Doch eines wird sich nie ändern: Der Kunde trägt nach wie vor lupenreines Handwerk in derselben Qualität wie vor 123 Jahren.     ®

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