• Yvonne Döbler

Eine Brille für alle.

Engagement. Was es bedeutet, nicht richtig sehen zu können, kann sich ein Sehender kaum vorstellen: schreiben, lesen, nähen, Dinge repariern, ernten … ­alles kaum zu bewerkstelligen. Trotzdem können sich 700 Millionen Menschen keine Brille leisten. Der Realschullehrer Martin Aufmuth hat sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern.

April 2012, es ist heiß im Krankenhaus von Kasana in der Nähe von Ugandas Hauptstadt Kampala. So wie es die Wochen zuvor heiß gewesen war. Über 30 Grad Celsius. Und staubig. Und laut. Martin Aufmuth ist das gleichgültig. Für ihn ist dieser letzte Abend in der Stadt, als er seine Biegemaschine, Drähte und Werkzeuge einpackt, ein ganz besonderer. „Es funktioniert tatsächlich“, staunt er still in sich hinein.

800 Menschen hat er in zwei intensiven Wochen die Augen vermessen und ihnen seine selbst entwickelte EinDollarBrille verkauft. Menschen, die nie zuvor eine Brille hatten. Die glaubten, sich nie im Leben eine eigene Brille leisten zu können. Die nicht mehr arbeiten konnten, weil sie nichts mehr sahen. „Diese Menschen wollten tatsächlich meine Brillen haben – sie haben ihnen wirklich gefallen. Und sie waren bereit, dafür einen ganzen Tageslohn zu zahlen. Das war schon ein sehr befriedigender Augenblick.“

Der Mann mit den weißen, zum Zopf gebundenen Haaren lächelt kurz und blickt dann zu Boden. Kein Zweifel: Dieser Moment war viel, viel mehr als nur sehr befriedigend. Es war die Bestätigung dafür, dass er, Martin Aufmuth, Realschullehrer für Mathematik und Physik aus Erlangen, mit Kraft, Erfindergeist und Mut etwas wirklich Großes auf die Beine gestellt hat.

Heute arbeiten 300 Menschen für den Verein EinDollarBrille, 80000 Brillen hat Aufmuth bereits in Afrika und Südamerika verkauft. Spontan, erzählt er, habe er den Verein 2012 mithilfe von sechs Lehrerinnen aus seiner Schule gegründet. 180 der aktuellen Mitstreiter sind Ehrenamtliche – Unternehmer, Bank­manager, Studenten, Engagierte. Sie helfen bei der Projektentwicklung, beim Fundraising, sorgen für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Aber alles läuft über den Schreibtisch von Martin Aufmuth. Unter zwölf Arbeitsstunden geht für ihn kaum ein Tag zu Ende, und definitiv kein Tag vergeht, an dem er sich nicht wünschte, ein paar Hände mehr zu haben. „Aber so geht es wohl allen Unternehmern. Die Arbeit hört nie auf. Habe ich ein Thema erledigt, stehen die nächsten bereits Schlange.“

Martin Aufmuth war damals zwar nicht unzufrieden mit sich und seinem Leben. „Bei den globalen Themen hatte ich aber immer das Gefühl, da kann ich allein nichts machen. Meiner Frau habe ich immer wieder gesagt: ,Man müsste, ich würde gern.‘ Und irgendwann auf einem unserer Abendspaziergänge mit meiner Frau schaut sie mich an und sagt: ,Ja, dann mach doch.‘ Ich glaube, das ist einer der Sätze, die sie in ihrem Leben immer mal wieder bereut.“

Denn Martin Aufmuth macht. Er durchkämmt den Spendenalmanach des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) und sucht nach einer Organisation, die nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe lebt. Eine Initiative in Malawi hält Workshops in Entwicklungshilfezentren in ihrem Land ab: Die Teilnehmer kre­ieren eine Vision – wie könnte unser Leben sein? Dann treffen sie den Beschluss – was ändern wir? Und setzen diesen konsequent um.

Aufmuth denkt sich: Warum mache ich das nicht auch? Er nimmt sich vor, in den nächsten zehn Jahren 200000 Euro zu akquirieren, um ein Entwicklungszentrum in Malawi zu finanzieren.

Mit einem Lehrergehalt ist das aber nicht zu stemmen. Also erfindet er eine eigene Fundraisingplattform, die BallonMillion: Die Initiatoren dort legen die letzten 100 Euro drauf, wenn 9999 Unterstützer mindestens 100 Euro für ein dort präsentiertes Entwicklungshilfevorhaben geben. 550000 Euro kommen zusammen. Martin Aufmuth finanziert damit zwei Zentren in Malawi und Mosambik und erkennt: Auch – oder gerade – ein Einzelner kann viel bewegen, wenn er sich ein klares Ziel setzt und dieses eisern verfolgt.

2009 organisiert er den größten deutschen Klimaschutzwettbewerb für Kinder und Jugendliche. In einem Computerspiel kann eine regenbogenfarbene Maus mit eingespartem CO₂ gefüttert werden. 40000 Teilnehmer initiieren Klimaschutzmaßnahmen bei sich zu Hause – neue Kühlschränke, grüner Strom, Energiesparlampen und mehr.

„Für mich war das ebenfalls eine wichtige Übung: Ich brauchte eine große Anzahl Unterstützer, es war ein global gedachtes Projekt und es hatte eine klare Zielrichtung. Dabei habe ich sehr viel gelernt – vor allem, dass die meisten Leute ihre Möglichkeiten, etwas zu verändern, extrem unterschätzen.“

In dieser Zeit liest Aufmuth das Buch „Out of Poverty“ von Paul Polak über den Bedarf an Brillen für die Dritte Welt. Den beziffert die WHO mit 700 Millionen Stück weltweit. Der geschätzte Einkommensverlust, der entsteht, weil Menschen nicht oder nicht mehr arbeiten oder lernen können, beträgt allein bei den 158 Millionen Kurzsichtigen rund 202 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das ist mehr als die gesamte weltweit gezahlte Entwicklungshilfe. Diese lag im Jahr 2011 beispielsweise bei 134,04 Milliarden US-Dollar.

Zufällig sieht er am nächsten Tag im Ein-Euro-Laden eine Fertiglesebrille für einen Euro. „Das konnte ich kaum begreifen: In der reichen westlichen Welt werden Brillen für einen Euro verkauft und in armen Entwicklungsländern gibt es das nicht.“ Er beginnt, sich intensiver mit dem Thema Brillen zu beschäftigen.

Natürlich ist er nicht der Erste, der diesen Missstand beenden möchte. Aber offenbar der Erste, der hinterfragt, warum gut gemeinte Projekte nicht funktionieren. Aus dem Projekt einer NGO lernt er: Wer ins Hinterland fährt und Augen vermisst, um dann Monate später die Brillen zu liefern, trifft die Menschen dort meist nicht mehr an. Augenvermessung und Brillenanpassung müssen offenbar zeitlich zusammenfallen. Auch die Versorgung mit Altbrillen ist keine Lösung: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine gebrauchte Brille zu der Sehschärfe beider Augen des Empfängers passt, ist äußerst gering; die Kosten für eine fachkundige Aufbereitung hoch.

Und vor allem: Irgendwann sind die Gläser jeder Brille verkratzt. Aber Ersatz gibt es dann keinen, weil der Optiker eben längst wieder fort ist. „Erforderlich sind Brillen, die gut aussehen, günstig sind und nahezu unzerstörbar. Die Brillen müssen mit einfachen Mitteln vor Ort herstellbar sein.“

2010 beginnt er, im Keller seines Hauses mit Drähten aus verschiedenen Materialien zu experimentieren. Er versucht, sie zu biegen und stellt fest: Die meisten sind viel zu weich. Letztlich stößt er auf Federrostdraht. Der ist härter, robust, hautverträglich, rostet nicht und wird in Autos verarbeitet – die Produktion großer Stückzahlen ist also garantiert. „Er war perfekt – und auch schön, denn er sieht ähnlich aus wie Titanflex.“

Im nächsten Schritt entwickelt er eine Biegemaschine, die keinen Strom benötigt – denn den gibt es in Entwicklungsländern nicht überall und immer. Nun ordert er Brillengläser aus China – güns­tiges Polykarbonat mit einer gehärteten Oberfläche, das nicht kaputtgeht, wenn sich jemand daraufsetzt. Er bestellt die Stärken -6 bis +6 Dioptrien, immer in 0,5er-Schritten Abstand. „Das reicht in den meisten Fällen für gutes Sehen aus.“

In der Elektroindustrie wird Schrumpfschlauch als Kabelummantelung verwendet – diesen nutzt Aufmuth, um ihn über den Bügel der Brille zu ziehen. Über Feuer schrumpft er so zusammen, dass er genau dem Umfang des Drahtes entspricht und ein guter Druckschutz für die empfindliche Haut hinter den Ohren und auf der Nase wird.

Damit die Brille gern getragen wird, soll sie auch schön sein. Aufmuth sucht nach farbigen Perlen, mit denen er seine Brillen mit minimalem Aufwand verzieren kann. Er findet die tschechischen Glasschliffperlen Rocailles – sie passen perfekt auf den Ein-Millimeter-Draht und sind in großer Menge verfügbar.

Ein Jahr lang bastelt Martin Aufmuth an seiner EinDollarBrille, dann ist er mit dem Ergebnis zufrieden und schließt sich zusammen mit einem Augenoptikermeister einer Gruppe von Ärzten an, die nach Uganda reist, um Menschen am grünen Star zu operieren. Während die Container mit der teuren Ausrüstung der Ärzte fehlgeleitet wird und erst nach einer Woche ankommt, hat Aufmuth alles selbst dabei: Seine 30x30x30-Zentimeter-Biegemaschine, den kleinen Koffer mit den Gläsern und die optischen Tafeln, um die Augenstärke zu erfassen, das eigens angefertigte Werkzeug, alles zusammen rund 2500 Euro wert. „Aha“, denkt er sich, „auch das ist eine Stärke meines Systems.“

Rund 1000 Altbrillen breitet der Optikermeister auf dem Boden aus. Regale gibt es nicht, Messungen auch nicht. Die Menschen sollen sich einfach nehmen, was sie brauchen. „Das funktionierte nicht“, erzählt Aufmuth. „Völlig entnervt haben wir schließlich die Altbrillen eingepackt und in die Abstellkammer gebracht. Dann begannen wir damit, die Menschen mit unseren eigenen, von unseren afrikanischen Helfern vor Ort hergestellten Brillen zu versorgen. Nach zwei Wochen hatten rund 800 Menschen eine Brille bekommen, selbst der Provinzgouverneur und seine Frau waren glücklich, als sie von uns eine Lesebrille erhielten.“

Und Martin Aufmuth erlebt diesen Moment, in dem er weiß, dass seine Idee funktioniert.

Seitdem hat sich sein Leben verändert. 2015 lässt er sich vom Schuldienst freistellen und wird Geschäftsführer des Vereins. Arbeitet nun 70 bis 80 Stunden pro Woche für seine Idee. „Ich dachte, ich bringe die Maschine runter, erkläre das jemandem im Dorf und der macht das dann schon.“

Ein Irrtum – schnell zeigt sich, dass das Projekt eine professionelle Organisation vor Ort benötigt. Heute baut Martin Aufmuth ganze Zentren auf, bildet sechs Menschen pro Biegemaschine als Brillenproduzenten aus, die rund 20000 Brillen pro Jahr herstellen. Die Zentren werden später von einem lokalen Manager geleitet, der die Infrastruktur, das Lager und auch die Qualitätskontrolle unter seiner Leitung hat. „Unsere Erfahrung ist, wenn wir nicht an jeder Stelle kontrollieren, haben wir an jeder Stelle Pfusch. Auch bei den Optikern müssen wir Qualitätskontrollen durchführen. Von jedem Käufer müssen zum Beispiel die Kontaktdaten aufgenommen werden. Wir rufen an und fragen, ob sie zufrieden sind, ob sie Kopfweh haben, ob die Brille richtig passt.“

Im Zentrum werden auch die mobilen Optikerteams ausgebildet, die mit den Brillen und Gläsern auf die Dörfer und in die Schulen fahren, um die Bevölkerung mit Sehhilfen zu versorgen. „Die Kosten für die Ausbildung von rund 1000 Euro bringen wir aus Spendenmitteln auf, genauso wie die Kosten für Biegemaschinen und den Systemaufbau am Anfang“, erläutert Aufmuth.

Die Optiker erhalten ein kleines Grundsalär und werden zusätzlich erfolgsabhängig bezahlt. „Die Arbeitslosigkeit liegt in Ländern wie Malawi oder Burkina Faso oft bei über 80 Prozent, ein fester Arbeitsplatz ist ein Glücksfall.“

Langfristig sollen sich die lokalen Zentren durch den Verkauf der Brillen selbst tragen. Dass er vom Verkaufserlös dann auch den Verein in Deutschland finanzieren kann, glaubt Aufmuth nicht: „Davon werden die Gehälter der lokalen Angestellten finanziert und Material für die Brillenproduktion gekauft. Für den Aufbau der Strukturen vor Ort – die Einrichtung von Shops, die Durchführung von Kampagnen, die Trainings und die Biegemaschinen – sind wir auf Spenden und viel ehrenamtliches Engagement angewiesen. Wenn das erreicht ist, soll die augenoptische Grundversorgung vor Ort finanziell unabhängig laufen.“

In Burkina Faso ist dieses Ziel bereits zum Teil erreicht: Die Angestellten, unter ihnen auch Gehbehinderte, verkaufen bis zu 1000 Brillen im Monat und verdienen so ihren Lebensunterhalt.

In der Zwischenzeit hat Aufmuth selbst viel gelernt. Wenn am Vortag Markttag war, kommen die Menschen am Folgetag nicht noch mal in die Stadt, um sich die Augen vermessen zu lassen. Oder: Findet parallel zu seiner Aktion eine kos­tenlose Ausgabe von Aids-Medikamenten im Healthcenter statt, kommt kein Mensch dorthin zum Augenvermessen. Niemand möchte vor den Nachbarn in den Verdacht geraten, Aids zu haben.

Oftmals geht dem Verkauf eine Testphase voraus. „Die Leute haben nur eine diffuse Ahnung davon, dass sie schlechter sehen als andere.“ Kürzlich hat er 37 Dorfbewohnern für eine Woche eine Brille zum Ausprobieren mitgegeben. Sie sollten testen, was sich im Alltag für sie ändert, wenn sie eine Brille haben.

Die Rückmeldungen seien überwältigend gewesen: „Ein alter Mann hatte noch nie die Vögel auf den Bäumen gesehen. Eine Schülerin hatte für eine andere jahrelang die Hausaufgaben schreiben müssen, weil das Mädchen nicht mehr lesen konnte – da hat sich die Freundin fast mehr gefreut als das Mädchen, das die Brille bekam.“ Frauen und Männer können plötzlich wieder nähen – das ist wichtig in diesen Ländern, da alles erhalten und geflickt wird. Und wenn die Menschen erleben, wie wichtig eine Brille für sie ist, dann versuchen sie, auch das Geld dafür aufzubringen“.

Bei der Preisfindung orientiert sich der Sozialunternehmer an regionalen Gegebenheiten. In den ärmsten Ländern sollen die Kosten für eine Brille einem oder zwei ortsüblichen Tageslöhnen entsprechen. In einem Land wie Malawi sind das beispielsweise umgerechnet nur knapp fünf Euro – der Gegenwert von einem Huhn. „Trotzdem kauften nicht alle Probanden eine Brille – vielen fehlt es einfach am Geld.“

Derzeit denkt er darüber nach, die Preise in den Städten etwas anzuheben, um sie auf dem Land senken zu können und so die Versorgung in den ländlichen Regionen mit Brillen sicherzustellen. Als Konkurrenz zu den lokalen Optikern sieht sich Martin Aufmuth dabei nicht: „Die wenigen Optiker, die es in diesen Ländern gibt, sitzen meist in der Stadt und verkaufen teure Brillen an reiche Menschen. An einer Versorgung der armen Bevölkerung mit günstigen Brillen sind sie nicht interessiert. Das etablierte System geht damit am Bedarf der 700 Millionen Menschen völlig vorbei.“

Afrika ist eben ein ganz spezieller Kontinent. Nicht immer funktioniert alles nach Plan. „In Ruanda mussten wir zum Beispiel den Standort wieder schließen.“

Die Gesetzgebung dort sieht vor, dass nur Einheimische eine NGO gründen und leiten können. Also verzichtete Aufmuth auf jegliches Mitspracherecht. „Die Geschäftsführung hat sich dann aber schnell in eine Richtung verselbstständigt, die nicht unserem Anspruch genügte. Die bildeten immer mehr Produzenten aus, obwohl der Vertrieb nicht funktionierte. Und sie verkauften vor allem Fertiglesebrillen, was nicht unser Ziel war – wir wollen ja Arbeitsplätze schaffen, indem wir nicht nur einige Produzenten haben, sondern eben auch Optiker ausbilden. Letztlich haben sie versucht, Geld herauszuholen, wo es ging, ohne dabei an die Zukunft zu denken. Das machen wir nie wieder. Wenn die Regierung solche Zwänge vorgibt, ist es besser, ein Projekt nicht durchzuführen.“

Jetzt hat er Indien im Fokus. „Dort herrscht eine spannende Aufbruchstimmung.“ Vor Kurzem recherchierte ein kleines Team aus Deutschland vor Ort, mit welchen Kontaktpersonen zusammengearbeitet werden könnte. Ein neu rekrutierter Kontaktmann vor Ort wird nun den ersten Standort aufbauen. Außerdem wird er klären, unter welchen rechtlichen Voraussetzungen der Verein dort Optiker ausbilden darf und ob es von der indischen Regierung Fördergelder für die Ausbildung gibt.

„Allein in Indien haben heute über 300 Millionen Fehlsichtige keinen Zugang zu einer Brille. Die EinDollarBrille kann das Leben dieser Menschen dort verändern, wenn wir es schaffen, die notwendigen Strukturen aufzubauen und genügend Optiker auszubilden. Für die erste Startphase rechnen wir mit einem Finanzbedarf von rund 250000 Euro.“ Das ist viel Geld für eine kleine Organisation die für ihre acht Projektländer gerade mal 1,6 Millionen Euro jährlich zur Verfügung hat.

Die 13. Generation seiner Biegemaschine hat Martin Aufmuth gerade fertiggestellt. Immer wieder geht es darum, noch einfacher, noch flexibler zu werden. Das jüngste Modell ist mit Blindenschrift ausgezeichnet, sodass auch Nichtsehende Gestelle biegen können.

In diesem Jahr ist der Sozialunternehmer auch Ashoka Fellow geworden. Ashoka zeichnet Menschen aus, die in einem Bereich eine große und systemverändernde Wirkung haben. „Wir haben einen Hebel von 1 zu 100. Eine Brille verschafft ihren Trägern Möglichkeiten, die 100-mal über dem liegen, was sie für die Brille ausgeben müssen. Es gibt nur wenige Dinge, die eine derart große Wirkung erzielen.“

Nur manchmal drückt ihn die Verantwortung ein wenig. Dann denkt er an die mindestens 699,9 Millionen Menschen weltweit, die noch keine Brille haben. Er weiß, manche werden verhungern, weil sie nichts mehr sehen. „Das ist nicht übertrieben – wer sowieso schon zu wenig hat zum Leben und sein Feld aufgrund seiner Sehschwäche nicht mehr richtig beackern kann, ist oft vom Hungertod bedroht.“

Als Martin Aufmuth sich 2015 entschloss, sich voll und ganz dem Projekt EinDollarBrille zu widmen, bekam er von Kultusminister Ludwig Spaenle ein Sonderrückkehrrecht in den sicheren Lehrerberuf bis zum Jahr 2020 eingeräumt. Heute weiß er, aus diesem Projekt kommt er nicht mehr heraus

„Mir hat das einfach nicht gereicht, mit dem Reihenhäuschen und der Familie und dem Job. Ich wollte keine 50 Euro zu Weihnachten spenden. Ich wollte sys­tematisch ein Problem ändern. Wenn Sie einmal erfahren haben, dass das funktioniert, gibt es keinen Weg mehr zurück.“  

__________________

Stiftung oder Verein – wie gelingt Engagement besser?

// 01. Der gemeinnützige Verein: Für die Gründung eines (rechtsfähigen) Vereines sind sieben Gründungsmitglieder erforderlich. Gründungskapital ist nicht notwendig. Der Mitgliederbestand kann problemlos wechseln. Die Rolle der Mitglieder ist stark. „Die Mitgliederversammlung wählt die Organe (Vorstand, Kuratorium) und entscheidet in allen grundsätzlichen Fragen. Der Vereinsvorstand muss sich an die Beschlüsse halten“, informiert Rechtsanwalt Michael Sommer, Taylor Wessing. Grundsätzlich komme jedem Vereinsmitglied das gleiche Stimmgewicht zu. Der Verein könne auch durch einen Beschluss der Mitglieder aufgelöst werden. Die Vereinsmittel müssen zeitnah und satzungsgemäß verwendet werden. „Mittelanhäufung, um mit den Zinsen den Vereinszweck zu erfüllen, ist steuerrechtlich nicht zulässig. Rücklagen dürfen nur für bestimmte Zwecke gebildet werden“, so Sommer. Gemeinnützige Vereine unterliegen keiner staatlichen Rechtsaufsicht. // 02. Die gemeinnützige Stiftung: Bei einer Stiftung handelt es sich um eine verselbstständigte Vermögensmasse. Sie hat keine Mitglieder und keine Gesellschafter. Der oder die Stifter bestimmen in der Satzung den Zweck der Stiftung, ihre organisatorische Struktur sowie das Verfahren und die Personen, die künftig die Organmitglieder bestellen sollen („Bestellkompetenz“). Vertreten wird die Stiftung durch den Vorstand, der an die Satzung und damit an den Willen des Stifters gebunden ist. Er kann durch einen Stiftungsrat kontrolliert werden. Stiftungen unterliegen der staatlichen Rechtsaufsicht durch die Stiftungsbehörde. Ihre Auflösung ist nur unter strengen Voraussetzungen möglich – sie wurden ja gegründet, um dauerhaft Bestand zu haben. „Ein Grund für die Stiftungsbehörde liegt vor, wenn die Erfüllung des Stiftungszweckes unmöglich geworden ist. Das gilt auch für die Auflösung einer Stiftung durch das zuständige Stiftungsorgan“, erklärt Sommer. // 03. Gemeinsamkeiten: Stiftung und Verein müssen die steuerrechtlichen Vorschriften über gemeinnützige Zwecke (§§ 51 ff. Abgabenordnung) strikt einhalten. Spenden von natürlichen Personen und Firmen sind als Sonderausgaben in Höhe von bis zu 20 Prozent des Gesamtbetrages der jährlichen Einkünfte von der Steuer absetzbar. Darüber hinausgehende Spenden können ins Folgejahr vorgetragen werden. Für Mitgliedsbeiträge gilt dies nur, wenn der Verein Zwecke der Entwicklungshilfe, Bildung, Erziehung oder Ähnliches verfolgt. An Stiftungen kann zusätzlich ein Höchstbetrag von einer Million Euro gespendet und binnen zehn Jahren steuerlich genutzt werden. // 04. Wie beide zusammenwirken: Die Kombination Verein und vereinsnahe Stiftung hat einen besonderen Charme. Der Verein erfüllt die gemeinnützigen Vereinszwecke, die Stiftung unterstützt ihn mit den Erträgen ihres Vermögens sowie Spenden und gegebenenfalls Erbschaften. „Der Verein wird so bei der Akquise von Mitteln entlastet und die Stiftung kann sich auf das Einsammeln von Mitteln konzentrieren“, erklärt Michael Sommer: „Ihr Vorteil ist dabei die größere und seriösere Außenwirkung.“ Die Stiftung sollte neben dem Verein bestehen und den gleichen gemeinnützigen Zweck verfolgen. // So unterstützen Sie EinDollarBrille: Unterstützung für den Verein EinDollarBrille ist finanziell oder durch Annahme eines Ehrenamtes möglich: Nachricht an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Anruf unter Telefon 09131-9232803. Spendenkonto: EinDollarBrille e.V. Sparkasse Erlangen IBAN: DE56 7635 0000 0060 0444 15

__________________

®

Autorin: Yvonne Döbler

Verlagsanschrift

  • Private Wealth GmbH & Co. KG
    Montenstrasse 9 - 80639 München
  • +49 (0) 89 2554 3917
  • +49 (0) 89 2554 2971
  • Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Sprachen

Soziale Medien