• Dr. Günter Kast

Der Aviator.

Abenteuer. Bob Bates kam Mitte der 1960er-Jahre als junger Ingenieur von Australien nach Papua-Neuguinea. Er verliebte sich in das unzugängliche und wilde Land und machte sich daran, mit Flugplätzen und Lodges den Regenwald zu erschließen. Heute ist Bates dort der größte und bekannteste Reiseveranstalter. Auch mit 77 steigt er noch selbst ins Cockpit seiner Buschflieger.

Bob Bates steht auf der Terrasse der Rondon Ridge Lodge, einer der jüngsten seiner Herbergen, und blickt hinab auf Mount Hagen im Hochland von Papua-Neuguinea. Die Provinzhauptstadt der Wes­tern Highlands hat ihren Namen von dem deutschen Kolonialbeamten Curt von Hagen. Zwischen 1884 und 1914 hatte das wilhelminische Kaiserreich schließlich im Nordostteil der drittgrößten Insel der Erde ein koloniales Intermezzo gegeben. „Das Hochland war damals noch ein fast vollkommen weißer Fleck auf der Landkarte“, erklärt Bates. Und fügt dann mit einem Lächeln hinzu: „Nun ja, im Prinzip war es das immer noch, als ich hier Mitte der 1960er-Jahre aufschlug.“

Der aus Newcastle in New South Wales nördlich von Sydney stammende Bates kam als Ingenieur in den Ostteil der Insel, der von Australien als Treuhandgebiet verwaltet wurde. Der Westteil, das ehemalige Niederländisch-Indien, war 1962 von Indonesien annektiert worden und bildet heute dessen Provinzen Papua und Papua Barat. Dort hatte sich angeblich seinerzeit der berühmteste Fall von Kannibalismus ereignet, für den die gesamte Insel dann lange Zeit berüchtigt war. Michael Rockefeller, Spross der damals zweitreichsten Familie der Vereinigten Staaten, war 1961 während einer Expedition an der Südküste spurlos verschwunden. Manche vermuten, dass er dem Stamm der Asmat in die Hände fiel, die wegen ihrer Kopfjagd gefürchtet waren. Doch auch im Ostteil war das Leben gefährlich. Immer wieder tauchen Geschichten über Menschenopfer in den Medien auf. Frauen, der Hexerei beschuldigt, werden auf grausame Art gefoltert und ermordet. Tödliche Kämpfe zwischen rivalisierenden Clans sind an der Tagesordnung. Port Moresby, die Hauptstadt Papua-Neuguineas, gilt heute immer noch als eine der gefährlichsten Metropolen des Planeten.

Wie um Himmels willen entsteht die Idee, gerade hier ein Reiseunternehmen zu gründen? „Zuerst hatte ich ja im Auftrag der australischen Regierung nur Straßen, Brücken und Buschkliniken geplant“, erzählt Bates. Schon bald aber habe ihn dieses bunte Land fasziniert mit seinen rund 1000 Stämmen, die 800 verschiedene Sprachen sprechen. Die sich in farbenprächtigen Kostümen und Kriegsbemalung zu Versammlungen und Tänzen, sogenannten Sing-Sings, treffen. Die dabei einen Kopfschmuck aus den Federn von Paradiesvögeln tragen, die nur in Papua-Neuguinea heimisch sind. „Das Land ist eines der letzten Naturparadiese: mit unberührten Regenwäldern, in denen seltene Orchideen wachsen und Hunderte Arten von Schmetterlingen leben, eine wahre Schatztruhe.“

Was ihm gefiel, dachte er sich, könnte auch andere begeistern. Anfang der 1970er-Jahre kündigt er die Festanstellung bei den Australiern und kauft sich sein erstes Flugzeug, eine Cessna 182. „Die Straßen, sofern sie überhaupt existierten, waren in der Regenzeit aufgeweichte Schlammpisten. Es dauerte Tage, um wenige Hundert Kilometer zu überwinden.“

Mit seinem Viersitzer fliegt Bates weiterhin für die „Aussies“ über die Insel, denn überall entstanden jetzt rustikale Start- und Landebahnen, mal auf Gras, mal auf Lehmboden. Parallel dazu baut er eine Reiseagentur auf. Mit Allradfahrzeugen bietet er abenteuerliche Touren durch das Hochland an, mietet einfache Hotels an. „Ich merkte aber schon bald, dass das so nicht funktioniert. Es gab ja praktisch keine Infrastruktur. Die sogenannten Hotels waren eher Baracken. Ich brauchte zunächst eigene Unterkünfte.“

Kurz nachdem die Australier das Land 1975 in die Unabhängigkeit entlassen, baut Bates am Fluss Sepik seine erste Lodge, die Karawari. Dort gibt es im Umkreis von mehreren Hundert Kilometern keine Straße. Die Nabelschnur zur Außenwelt ist der Fluss selbst. Oder eben der Airstrip mitten im Dschungel, den Bates dafür roden lässt. Wer mit ihm selbst oder einem seiner Piloten von Mount Hagen hierherreist, knattert mit dem kleinen Propellerflugzeug über dichten, dampfenden Regenwald, aus dem Kalksteinberge wie die Zähne von Urzeit­riesen hervorragen. Dazwischen braune Flussläufe, die wie fette Würgeschlangen durch den grünen Teppich mäandern. „Es gibt für einen Piloten mit Leidenschaft kein schöneres Land auf der Welt“, ist Bates überzeugt, der inzwischen mehr als 10000 Flugstunden auf dem Buckel hat.

Zu Anfang fliegt er hier ohne GPS. Die Flugsicherung arbeitet schlampig, die Karten sind ungenau, sich hoch auftürmende Gewitterwolken die Norm. Trotzdem bleibt er von größeren Unfällen verschont. Einmal fällt ein Triebwerk aus, aber er ist zum Glück mit einer zweimotorigen Maschine unterwegs. Als ein paar Monate später der Motor seiner Einmotorigen aussetzt, hat er einfach nur verdammtes Glück. Mitten im dichten Urwald findet er eine baumfreie Grasfläche und kann dort notlanden. „Auf solche Art Nervenkitzel könnte ich gut verzichten. Ich bin schließlich eher der Kontrollfreak als der Draufgänger. Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich meine Risikobereitschaft mit 2, höchstens 3 bewerten.“

Die Touristen wissen diese Charaktereigenschaft und seine Zuverlässigkeit ebenso zu schätzen wie den Komfort, den Bates‘ Unternehmen Trans Niugini Tours (TNT) bietet. Bereitwillig kommen sie ans Ende der Welt: Amerikaner stellen heute vor den Deutschen die größte Kundengruppe dar, gefolgt von Briten und anderen Europäern. „Autonomie ist der Schlüssel“, erläutert Bates. „Sie dürfen hier nie auf jemanden angewiesen sein. Wir haben drei eigene Flugzeuge, eigene Boote, eigene Busse und Allradautos.“ 1985 lässt er in der Provinz Hela, die als der Wilde Westen des ohnehin schon rauen Landes gilt, die Ambua Lodge bauen. Der britische Filmemacher David Attenborough wird unter anderem hier später seine überragende Paradiesvogel-Doku „Attenborough in Paradise“ drehen. Inzwischen wurde die Lodge mehrfach als eine der besten Adressen weltweit für Ornithologen prämiert.

1989 wagt er es sogar, auf dem Sepik mit der exakt nach seinen Wünschen gebauten „Sepik Spirit“ Flusskreuzfahrten anzubieten – in einer Region, in der 30 Jahre zuvor die Kopfjagd noch etwas ganz Alltägliches war. 1991 kauft und renoviert er die Malolo Plantation Lodge an der Küste bei Madang. Die Bensbach Lodge nahe der Grenze zu Indonesien ergänzt seit 2003 sein Portfolio. 2006 lässt er dann die Rondon Ridge Lodge oberhalb von Mount Hagen bauen, 2013 jene am Lake Murray. „Jetzt ist aber Schluss, ich habe keine weiteren Pläne“, fasst Bates zusammen, der selbst in einem puristisch designten Flachdachhaus im Wald oberhalb der Rondon Ridge Lodge lebt.

Bei all seinen Expansionsbemühungen vergisst der Unternehmer aber nie, dass er in einem Hochrisiko-Umfeld operiert. Das hat allerdings weniger mit Kannibalismus als mit Ausbeutung und Raubtier-Kapitalismus zu tun. In der Provinz Hela sorgt derzeit ein gigantisches Flüssiggasprojekt von ExxonMobil für Ärger. Korrupte Regionalpolitiker versuchen, ein fettes Stück aus dem Kuchen zu schneiden. Und die einfachen Leute fürchten, wieder einmal leer auszugehen. Sie rotten sich zu Demonstrationen zusammen, die oftmals in Chaos und Gewalt versinken.

Für Bob Bates ist es deshalb unerlässlich, Fingerspitzengefühl zu beweisen. Er weiß genau, dass er die lokale Bevölkerung auf seine Seite ziehen muss, indem er ihnen Jobs in den Lodges gibt, ihre Feldfrüchte kauft, kommunale Einrichtungen wie Schulen oder Krankenstationen unterstützt und die Schnitzereien der Stämme als Souvenirs an die Touristen verkauft.

Heute reisen zwischen 3000 und 4000 Gäste pro Jahr allein mit TNT durchs Land. Das ist viel, verirren sich insgesamt doch nur 21000 Besucher jährlich hierher. Aus der ganzen Welt, wohlgemerkt. Bates‘ Kunden bleiben im Schnitt fünf bis zehn Nächte. Das bringt ihm zehn Millionen US-Dollar Jahresumsatz und macht ihn zum größten Tourismusveranstalter in PNG, wie die Papua-Einwohner ihr Land abgekürzt nennen. Je nach Saison beschäftigt er 200 bis 250 Mitarbeiter, davon möglichst viele Einheimische. Auf Unterstützung vom Staat braucht er nicht zu hoffen: „Das Tourismus-Ministerium hilft nicht, mischt sich aber auch nicht ein.“

Als Botschafter seiner Nation, zum Beispiel bei der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, muss Bates schon selbst auftreten. Er erklärt dann geduldig, dass die Stammeskonflikte für Besucher in der Regel ungefährlich seien, aber natürlich einen Image-Schaden verursachten. Dass die Kriminalität nur in den Städten ein Problem sei, in den westlichen Medien, vor allem in Australien, aber übertrieben und einseitig berichtet werde. Dass der Kahlschlag der Regenwälder dem Tourismus der Zukunft die Grundlage entziehe, weil im ganzen Land bis dato kein einziger Nationalpark ausgewiesen wurde und Minengesellschaften und Holzfäller deshalb leichtes Spiel hätten. Dass die Preise im Land deshalb so hoch seien, weil fast alles importiert werden müsse.

Indem er die Probleme offen anspricht, lenkt der kluge Unternehmer seine Zuhörer Schritt für Schritt in Richtung seines „Unique Selling Point“. Reisen mit ihm sind kostspielig – die ziemlich einfachen Bates-Unterkünfte sind mit Tagespreisen zwischen 700 und 800 US-Dollar pro Person etwa so teuer wie Safari-Lodges in Afrika – aber eben auch sicher. Er hat nie Flugzeuge von anderen Firmen geleast, sondern diese stets selbst gekauft.

Die Maschinen sind gut gewartet und werden von Profis, meist erfahrenen australischen Buschpiloten, geflogen. Mit den Stämmen hat er Verträge ausgehandelt: Sie treten in ihren traditionellen Kostümen gegen eine Gebühr auf, die Bates bezahlt. Dafür werden seine Gäste nicht für jedes einzelne Foto um Geld angegangen und können in Ruhe ihre Aufnahmen machen.

Jetzt, mit 77, blickt Bob Bates, der Airline-Chef, Tour-Anbieter und Tourismus-Botschafter in Personalunion, mit Stolz auf sein Lebenswerk. Er hat sich nie unterkriegen lassen: nicht von den schwierigen politischen Verhältnissen, nicht von der Malaria, die ihn mehrmals heimsuchte, nicht von den Einbrechern, die aus seinem Haus den Fernseher und eine wertvolle Fliegeruhr stahlen. Nur das mit der Nachfolge hat er offenbar nicht hinbekommen. Seine beiden Söhne leben in Australien, haben kein Interesse daran, dauerhaft nach PNG zu kommen. Bates möchte TNT deshalb in eine Stiftung überführen, die er beizeiten gründen will.

Dann, hofft der Abenteurer, werde er noch mehr Muße für die Fliegerei haben, nach wie vor seine große Leidenschaft. Seit 45 Jahren fliegt Bob Bates. Und hat nicht vor, damit aufzuhören.

Vor ihm steht ein großer Globus, von roten Linien verziert. Sie zeigen die Routen der Flugsafaris, die er mit seiner Cessna 180 (Reichweite: 1200 Kilometer) schon unternommen hat: der gesamte Südpazifik, rund um die Welt, Südamerika, Simbabwe, Kroatien. In Russland war ihm der Sprit ausgegangen, nahe den Marquesas ist er einst in schwere Gewitter geraten.

Demnächst will er wieder aufbrechen – zwei Monate Südamerika mit einem seiner „Mates“, wie die Australier zu sagen pflegen. „Schauen wir mal, wer Zeit hat.“ Und falls keiner mitkommt, bleibt er eben zu Hause: „Am liebsten fliege ich ja doch im Hochland von PNG.“

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Abenteuer in Papua-Neuguinea.

// Anreise Singapore Airlines (www.singaporeair.com) fliegt täglich von Frankfurt und München sowie dreimal wöchentlich von Düsseldorf nach Singapur. Von dort weiter mit Air Niugini (www.airniugini.com.pg) nach Port Moresby. // Veranstalter Komplette Reisen mit Bob Bates‘ Trans Niugini Tours nach PNG organisieren die Spezialisten von Pacific Travel House aus München: www.pacific-travel-house.com; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! // Medien und Links Flugrouten von Bob Bates: www.pngtours.com/tours/Bobsflights.htm Website von Trans Niugini Tours: www.pngtours.com Christian Kracht: „Imperium“, Fischer Verlag Rosso Knoller: „Lesereise Papua-Neuguinea – Im Land der dunklen Geister“, Picus Verlag Peter Voss: „Papua“, Michael Imhof Verlag.

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Autor: Dr. Günter Kast

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