• Yvonne Döbler

Simplify your living.

Mobilien. Mobil und modular zu wohnen, ist ein neuer Trend. Besonders gefragt: designstarke Häuser mit klaren Linien und Loftcharakter. Sie stehen für Individualität, Natur, Stadtnähe. Und für ein wohltuendes Loslassen.

Berlin war ihm zu viel geworden. Zu viel von allem. Zu viele Menschen. Zu viel Verkehr. Zu viel Hektik. Also raus aufs Land. Wirklich? „Nein, das ging nicht, ich brauchte die Stadtnähe, ich hatte ja meine Entertainment-Agentur MSM Dreamwalker GmbH“, erzählt Mark Schmiedel.

Die Lösung: ein Grundstück in der Rummelsburger Bucht, direkt an der Marina gelegen, 20 Minuten von Berlin-Mitte entfernt. Er kauft es, lässt ein Townhouse mit Loftcharakter bauen – hohe Decken, wenig Innenwände, viel Glas. Platz zum Atmen. Viel Natur.

Mark Schmiedel entspannt und erkennt: Weniger Schnörkel, weniger Ecken und weniger kleine Räume sind ein Mehr an Lebensqualität. Freunde kommen zu Besuch, fühlen sich angekommen in diesem Ambiente und sagen: Bau uns auch so etwas. „Tja, und so entstand langsam die Idee, nach alternativen Bau- und Wohnformen zu suchen. Ich wollte dabei noch intensiver das Thema Entschleunigung, Einfachheit und Klarheit verfolgen“, berichtet Schmiedel von den Anfängen.

In der Marina hinter seinem Haus lebt zu dieser Zeit ein Niederländer, der dort rechteckige Hausboote baut – mit viel Platz und in wirklich hoher handwerklicher Qualität. „Ich habe zu ihm gesagt, das find ich toll – kann ich mich daran beteiligen? Du baust, ich sorge für die Finanzierung und den Vertrieb.“

Die beiden einigen sich, doch der Künstler will jedes Haus anders bauen. Eine Serienproduktion ist so nicht möglich und damit auch kein sinnvolles Wirtschaften. „Nach drei Monaten stieg ich wieder aus dem Unternehmen aus.“

Weil er bei den Freunden immer noch im Wort steht, sieht er sich in Osteuropa um. „Ich war sicher, dass wir dort etwas finden, was finanzierbar und schön ist.“ Tatsächlich stößt er in Slowenien auf vier Landschaftsarchitekten, die gemeinsam das Unternehmen coodo führen. Drei Ferienhäuser haben sie in Modulbauweise bereits erstellt.

Mark Schmiedel gefällt, was er sieht – zumindest grundsätzlich. „Ihr Modell war schlicht und designstark. Im Detail war das Ganze jedoch weder zu Ende gedacht noch serienproduktionsfähig“, so sein Eindruck. Er lässt ein Produktionskonzept erstellen, ist überzeugt, dass es umsetzbar ist, und kauft im Oktober 2012 die Rechte an coodo.

Ein coodo sieht aus wie ein liegendes iPhone mit abgerundeten Ecken und einer großen Fensterfront. Es hat drei Meter hohe Decken und nur wenige Innenwände. Es gibt das Modul in zehn verschiedenen Größen, zwischen neun und 94 Quadratmeter. Ein Doppeldecker-coodo ist die neueste Variante, die die Wohnfläche noch mal deutlich erhöht. Jedes Modul hat alle Versorgungsleitungen in den Wänden, ist ausgestattet mit Fußbodenheizung, Designerküche sowie Bad und wird per Tieflader zu seinem Standort gefahren, um dort mithilfe eines Krans aufgestellt zu werden.

„Wer ein coodo ordert, hat meist ein KfW55-Haus, das innerhalb von zwei Wochen auf seinem Grundstück steht“, erzählt Schmiedel. Verfügt das Grundstück nicht über Anschlüsse, hilft eine externe Versorgungseinheit mit Batterie und Solar, die umso größer ist, je länger der coodo-Besitzer autark sein will.

Die Chance, etwas Neues zu entdecken und zu kultivieren, fasziniert Mark Schmiedel. „Im Bereich mobile Module gibt es ja noch keine Marke.“ Im Jahr 2003 hatte Architekturprofessor Werner Aisslinger zwar den Loftcube entworfen, das minimalistisch-futuristische Design eines Modulhauses. Doch mehr als ein Nischenprodukt wurde nicht daraus. Schmiedel will mehr für sein Unternehmen: „Coodo ist ein Fantasiename“, erzählt er. Es könne zum Beispiel für Condo-minium stehen. Oder ein Ausdruck, um anderen Glück zu wünschen – kudos to you. Und genauso offen wie der Name seien die Einsatzmöglichkeiten und damit seine Chance, einen Standard bei mobilen Häusern zu setzen.

Die erste Nutzungsidee war, mit einem coodo als Ferienhaus am See anzufangen und es später vielleicht mit einem zusätzlichen Modul zu erweitern. „Wenn die Familie wächst oder die Aufenthalte am Ferienort länger werden“, erklärt Schmiedel.

Doch schnell kommen neue Ideen hinzu, so etwa der Einsatz des Mini-coodos als mobile Bar für Events. „Da ein coodo dank der externen Versorgungseinheit auch in unerschlossenen Gebieten voll einsatzfähig ist, kann es wirklich überall genutzt werden. Auf einem Berg, auf dem Wasser, in der Wüste.“

Derzeit denkt Schmiedel darüber nach, wie er seine mobilen Häuser auf Berge transportieren kann. „Dafür haben wir eine Helikopterstaffel in Russland ausfindig gemacht, die das für 1000 Euro die Stunde übernimmt.“

Auch Hausdächer sind ein denkbarer Standort für ein coodo. So ließe sich kostengünstiger, moderner und schnell errichteter Wohnraum schaffen. Eine Studie der Universität Darmstadt belegt: 1,5 Millionen Wohneinheiten à circa 100 Quadratmeter würden in Deutschland auf die Dächer passen. „Das ist ein total neuer Markt. Es ist super spannend. Ideen haben wir viele – wir müssen nur schauen, was machbar ist.“

Grenzen setzen ihm gelegentlich die deutschen Behörden, indem sie Baugenehmigungen in bestimmten Gebieten verweigern. Doch auch dafür hat Schmiedel eine Lösung gefunden: „Wir testen gerade Räder, die wir unter das coodo bauen. Denn sobald ein Objekt beweglich ist, braucht der Besitzer keine Baugenehmigung. Es darf dann sechs Monate stehen – und wird das Objekt ein paar Meter verschoben, darf es wieder sechs Monate stehen.“

Mark Schmiedel beginnt zunächst, zwei Vertriebswege aufzubauen: den Eigenvertrieb und die Lizenzpartner.

Doch es läuft nicht gleich wie geplant: Als er auf einer Messe seinen ersten coodo ausstellt, benötigt er zwar einen Türsteher, um dem Andrang standzuhalten. Aber Orders bleiben im Nachgang aus. „Wir waren schlicht zu teuer“, erzählt er. Gut 3000 Euro pro Quadratmeter, inklusive Einrichtung, zuzüglich der Transportkosten und Kran wollte niemand bezahlen. Er senkt die Preise auf 2500 Euro pro Quadratmeter und erschließt sich damit seine Kundschaft: Insgesamt 22 Units wurden seit 2015 bereits ausgeliefert, nach London, Hamburg, Bielefeld, nach Russland und natürlich nach Slowenien. Schmiedel produziert in Mazedonien, Slowenien, Portugal und Deutschland, um die Transportwege kurz zu halten. „Und hoffentlich ab Juni auch in Kanada und Amerika.“

Denn von dort kommen die meisten Interessenten. Rund 350 Anfragen bearbeiten die fünf Mitarbeiter von coodo inzwischen täglich. „Davon sind 85 Prozent bloße Begeisterung für das Produkt, wirklich Kaufwillige sind es zehn bis 20.“ In welche Kategorie die jüngste Anfrage fällt, ist noch offen: „Ein Ire hatte in den 70er-Jahren eine Insel von den Beatles gekauft und nie genutzt, da es dort keine Stromversorgung gibt. Mit einem coodo kann der Eigentümer nun auf seiner Insel Urlaub machen.“

Ein anderer potenzieller Käufer hat auf Ibiza ein großes Stück Land erworben, das er erst in fünf Jahren bebauen darf. „Also stellt er jetzt ein paar coodos drauf, damit er selbst dort schlafen und vielleicht auch schon ein paar Mieteinnahmen generieren kann.“

Dass sich das rechnet, steht für ihn außer Frage: Ein 18er-coodo habe die perfekte Größe für eine Gästeunterkunft. Es koste unter 60000 Euro und lasse sich gut für 120 Euro die Nacht vermieten. Stehe das coodo in einem sonnigen Gebiet am Wasser, könne es an rund 200 Tagen im Jahr von Gästen bewohnt werden. „Innerhalb von zwei Jahren verdient der Eigentümer 48000 Euro. Im ersten Quartal des dritten Jahres ist das coodo abbezahlt.“ Eine Überlegung, die er insbesondere Hotels und Ressorts näher bringen möchte.

„Zuerst dachte ich ja, ich sei in einem Nischenmarkt unterwegs. Heute weiß ich: Es gibt kein Limit“, lächelt Mark Schmiedel. Für 2017 plant er mit 50 verkauften Einheiten, 2018 sollen es dann schon 100 sein. Mindestens.

Eigentlich wollte der gelernte Bankkaufmann, der bereits zwei Internetfirmen aufgebaut und verkauft hat, schon lange weniger arbeiten und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Doch nin ist coodo dazwischen gekommen. Vielleicht ist simplify your living ja einfacher, als simplify your life. „Wieder ein Unternehmen aufzubauen, ist tatsächlich eine spannende Herausforderung. Ich kann mich da nur schwer bremsen.“ 

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Schwimmende Häuser.

Etablierter als der Markt für mobile Häuser an Land ist der auf dem Wasser. Zwar ist nicht erfasst, wie viele Exemplare es in Deutschland gibt, denn sie sind noch nicht grundsteuerpflichtig. Doch wer nach Boltenhagen und Laboe an die Ostsee fährt, an die Schlei in Schleswig, an den Rhein in Xanten, an die Goitzsche bei Leipzig oder an die Havel und den Müggelsee in Berlin: Schwimmende Häuser finden sich überall, wenn auch nicht immer in hoher Qualität.

Geht es um modernes Design, hohe Decken, wenig Innenwände, viel Glas und viel Komfort, treffen Suchende schnell auf Floating Homes. Sieben an die öffentliche Versorgung angeschlossene Häuser liegen in Hamburg-Hammerbrook am Victoriakai-Ufer, ihr Ambiente ist edel: „Luxus und Licht“ ist das erste Empfinden, wenn die Haustür des 117 Quadratmeter großen Floating Homes geöffnet wird. Die zwei Räume sind in Weiß und Holz gehalten. Die Glasfront sorgt für Weite, wie sie nur Wasser vermitteln kann. Die Fußbodenheizung verströmt eine angenehme Wärme, von Schaukeln ist nichts zu spüren.

Ein Hausboot? Nicht wirklich. Ein Haus auf dem Wasser trifft es besser. An ein Boot erinnert nur die steile Treppe hinauf auf die 60 Quadratmeter große mit Holz verlegte Sonnenterrasse, auf der auch die kleine Wärmepumpe steht.

Das Unternehmen Floating Homes, Tochter der Verdener Matthäi-Gruppe, baut die schwimmenden Luxushäuser nach KfW55-Standard. Das erste Haus brachte die Gruppe 2007 als Baupartner eines Architekten aufs Wasser: den Gastronomiebereich eines Hamburger Hotels. „Das Ergebnis und weitere Projekte in Hamburg waren so vielversprechend, dass wir Floating Homes 2013 vollständig übernommen haben“, erzählt ­Katarina Breves (Bild unten), Geschäftsführerin von Floating Homes. Matthäi ist eine 1933 gegründete Bauunternehmung, die von 1967 bis 2007 von Gerhard Matthäi, dem Sohn des Mitgründers Rudolf Matthäi, geführt wurde. Seit dem Tod von Gerhard Matthäi vor zehn Jahren ist die Firma nicht mehr in Familienhand. Die Privatstiftung Matthäi, in der die Ehefrau des Gründers im Stiftungsrat sitzt, ist der Gruppe aber verbunden.

Die Nachfrage nach Floating Homes sei mittlerweile „boomend“, erklärt Breves. Sie käme einerseits von Menschen, die sich dem Wasser nahe fühlen – also Segler oder beruflich im maritimen Umfeld Tätige. Und andererseits von Personen, die nach alternativen Wohnformen suchen, meist, weil sie einen neuen Lebensabschnitt beginnen. „Seit Hamburg vor zwei Jahren einen Leit­faden herausbrachte, wie das Genehmigungsverfahren für die Liegeplätze geregelt ist, haben wir Rechtssicherheit und können den Vertrieb ausbauen“, erzählt Breves. Denn die Städte wollen ihre Wasserwege grundsätzlich freihalten. Einen Grunderwerb gibt es nicht, dennoch möchten sie mitverdienen, wenn ein Liegeplatz belegt wird.

Die Mobilität spielt bei den Käufern allerdings eher eine untergeordnete Rolle. „Viele verwechseln unsere Objekte mit einem Hausboot. Das sind sie nicht“, erklärt Breves: „Floating Homes sind ganz normale Häuser mit allem Komfort eines Hauses: hohe Decken, Fußbodenheizung, Anschluss an Kanalisation und Abwasser.“ Soll es versetzt werden, müsse zunächst die Frage der Liegeflächen geklärt und dann der Transport im Schleppverbund organisiert werden, denn über einen eigenen Motor verfügen die Häuser nicht.

Die sieben Liegeplätze, die das Unternehmen von der Hansestadt bisher als eine Art Erbpacht erworben hat, gehören den Hausbesitzern für 30 Jahre fest, mit zwei Verlängerungsoptionen von je zehn Jahren. Die Jahrespacht beträgt 1000 Euro, das Haus kostet samt Möblierung und allen Anschlüssen 598000 Euro – die zweigeschossige Variante ist für 1,2 Millionen Euro zu haben.

Drei der Floating Homes sind verkauft, drei sind vermietet mit Kaufoption, „denn ob das Leben auf dem Wasser tatsächlich alltagstauglich ist oder ob sie einen Garten vermissen, möchten viele potenzielle Käufer erst mal prüfen.“ Ein weiteres Haus dient als Musterhaus – und wird regelmäßig für Filmaufnahmen gebucht, etwa für die TV-Serie „Die Ernährungs-Docs“. Katarina Breves hat derzeit in 25 Städten Anfragen zur Regelung der Liegeflächennutzung gestellt und hofft auf eine Zusage noch in diesem Jahr. „Wir haben potenzielle Käufer auch in Dubai, London, Wien, Ungarn und auf den Malediven, die wir bisher abgelehnt haben, weil wir rechtliche Probleme sehen.“

Produziert wird in Holzrahmenbauweise – Floating Homes bietet verschiedene Varianten und auch ganz  individuelle Lösungen an. „Manche Interessenten wollen eine Katzenklappe, andere benötigen einen Konferenzraum, die Gastronomie einen Bar- und einen Außenbereich – die Küche ist dann im Ponton des Schiffes. Wir sind da flexibel“, verspricht Katharina Breves. Ein Hindrnis allerdings bleibt: Solange die Städte keine Rechtssicherheit bei den Liegeflächen geschaffen haben, sind Serienproduktion und Marktführerschaft noch nicht gesichert. 

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Autorin: Yvonne Döbler

 

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