• Gerd Hübner

Umdenken.

Stiftung und Kapitalanlage. Für traditionell aufgestellte Stiftungen wird es immer schwieriger, das Stiftungskapital zu erhalten und ­gleichzeitig eine regelmäßige Ausschüttung zu generieren. Deshalb ist eine neue Investmentstrategie dringend nötig. Stiftungen ­müssen ihre Anlagevorschriften ändern. Und sich einen Überblick über die Fondsszene verschaffen.

Gefühlt existiert das Problem schon lange. „Seit der fortgesetzten Niedrigzinspolitik der EZB ist es für Stiftungen schwieriger geworden, ihr Kapital anzulegen. Denn sie investierten ja traditionell vor allem in Zinspapiere“, erklärt Felix Oldenburg, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Stiftungen in Berlin. Doch so richtig prekär ist die Lage erst seit Mitte 2016. Das Problem: In der Vergangenheit hatten Stiftungen bei der Anlage des Stiftungskapitals vor allem auf Zinspapiere gesetzt. Die brachten zuletzt zwar auch kaum mehr auskömmliche Kupons. Aber sie lieferten immerhin noch Kursgewinne. Schließlich sind die Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen bis zur Jahresmitte auf minus 0,2 Prozent gesunken, ihre Kurse entsprechend gestiegen. Doch auch das ist jetzt vorbei. Inzwischen rentieren zehnjährige Bundesanleihen wieder bei 0,3. Und viele Experten haben die Zinswende ausgerufen. Das bedeutet: Die Neuanlage in sichere Staatspapiere bringt immer noch kaum nennenswerte Erträge. Dazu kommt jetzt aber, dass die Zinspapiere im Bestand hohe Kursrisiken bergen.

„Sollten die Renditen weiter steigen“, erläutert Michael Stegmüller, Vorstand bei dem Vermögensverwalter Performance IMC, „wären Kursverluste bei allen festverzinslichen Anlagen die logische Konsequenz.“ Einer Faustregel nach ist bei einem Renditeanstieg um einen Prozentpunkt mit Kursrückgängen von rund sieben Prozent bei Anleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit zu rechnen. Das ist eine Menge.

Eine derartige Perspektive bringt Stiftungen von zwei Seiten unter Druck. „Einerseits“, erklärt Barbara Claus, Analystin des Fondsanalysehauses Morningstar, „müssen sie regelmäßige Ausschüttungen nach Kosten erzielen, um ihren Stiftungszweck erfüllen zu können. Andererseits sind sie aber auch dazu verpflichtet, ihr Kapital zu erhalten. Mit Zinspapieren sind in einem Umfeld steigender Renditen beide Ziele nicht zu erreichen.“

Um dieser Herausforderung zu begegnen, empfiehlt der Bundesverband Deutscher Stiftungen seinen Mitgliedern, ihre Anlagestrategie ganz neu zu denken und das Stiftungskapital breiter, ­diversifizierter und womöglich wirkungsorientierter zu investieren. „Stiftungen sollten das aktuelle Umfeld als echte Chance begreifen, um ihrem Portfolio über sichere Staatsanleihen und Cash hinaus auch

Aktien,  Anleihen geringerer Bonität oder alternative und gesellschaftlich positiv wirkende Investments beizumischen“, erklärt Felix Oldenburg.

Ganz so einfach ist das jedoch nicht. „Im ersten Schritt müssen Stiftungen dafür ihre Anlagerichtlinien so ändern, dass sie zur künftigen Anlagestrategie passen“, erklärt Michael Stegmüller. In den Richtlinien ist zum Beispiel festgelegt, in welche Anlageklassen, Bonitäten und Laufzeiten überhaupt investiert werden darf und wo der maximale (Buch-)Verlust liegt, der im langfristigen Anlageprozess toleriert werden darf.

„Oftmals sind die Anlagerichtlinien immer noch auf die überwiegende Anlage in sichere Bundesanleihen zugeschnitten“, erklärt Stegmüller weiter: „Damit sind Stiftungen in ihrer Geldanlage stark eingeschränkt. Die neuen Anlagerichtlinien sollten deshalb nicht nur die Erweiterung des Anlagespektrums definieren, sondern auch die Toleranz für den maximalen Buchverlust erweitern oder die Einrichtung von Cash-Reserven in der Bilanz vorsehen, die dann einen Puffer für vorübergehende Verluste darstellen können.“

Zusätzlich müssen die Verantwortlichen der Stiftung die geltenden gesetzlichen Vorschriften berücksichtigen. „Grundsätzlich geht es immer darum, den Kapitalstock dauerhaft ungeschmälert zu erhalten“, erklärt Oldenburg. „Und dafür lassen die gesetzlichen Vorschriften sehr wohl Spielräume, die Stiftungen nutzen können, um ihre Anlage besser zu diversifizieren.“

Kommt es zu zwischenzeitlichen Verlusten, ist folgendes Procedere vorgesehen. „Grundsätzlich haftet der Vorstand einer Stiftung gemäß den gesetzlichen Regelungen nur für schuldhaft verursachte Vermögensverluste, bei denen der Verantwortliche also nicht die nötige Informationsorgfalt und Vorsicht hat walten lassen“, macht Oldenburg klar. „Jedoch gelten dabei Haftungserleichterungen für ehrenamtliche Vorstände. Zudem zeigt die Praxis, dass es nur in wenigen Ausnahmefällen zu einer Inanspruchnahme von Vorständen bei Vermögensverlusten kommt. Im Regelfall fordert die Stiftungsaufsicht den Vorstand auf, sein Vermögensanlagekonzept zu überdenken und so zu strukturieren, dass der Verlust in einem realistischen Zeitraum wieder ausgeglichen wird.“ 

Ganz konkret können sich Stiftungen ferner vor einer Haftung schützen, indem sie ihren Spielraum in Bezug auf die Vermögensanlage in Anlagerichtlinien niederschreiben und die innerhalb dieser Richtlinien getroffenen Anlageentscheidungen dokumentieren. „Auf diese Weise können sie bei eventuell erlittenen Vermögensverlusten nachweisen, dass sie bei der Anlage des Vermögens verantwortungsbewusst und pflichtgemäß gehandelt haben“, so der Verbandsgeschäftsführer weiter. „Wer noch einen Schritt weitergehen will, kann darüber hinaus eine Manager-Haftpflichtversicherung, auch D&O-Versicherung genannt, abschließen.“

Sind die stiftungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen, geht es an die Umsetzung der neuen Strategie. „Auch das ist nicht so einfach“, überlegt Oldenburg: „In Deutschland gibt es mehr als 21000 Stiftungen, von denen etwa drei Viertel ein Stiftungsvermögen von weniger als einer Million Euro haben. Gerade bei kleineren Stiftungen fehlt es oft an den notwendigen Ressourcen, um Know-how aufzubauen, mit dem sie eine Anlagestrategie umsetzen könnten, die weit über das reine Kaufen und Halten von Bundesanleihen hinausgeht.“

Eine Lösung für kleinere Stiftungen könnten vermögensverwaltende Fonds sein – Mischfonds oder Multi-Asset-Fonds –, bei denen ein Manager die Aufteilung des Vermögens auf die jeweilige Markterwartung abstellt. In guten Börsenzeiten soll er mehr Aktien besitzen, in schlechten weniger. „Die erste Frage, die Stiftungsvorstände dann zu beantworten haben, ist die, wie viel Freiheit sie dem Manager dabei lassen möchten“, erläutert Fondsanalystin Claus. Sie empfiehlt, grundsätzlich Produkten mit eng definierten Anlagegrenzen den Vorzug zu geben.

„Das geht zwar unter Umständen zulasten des aktiven Performancepotenzials, da der Manager nicht alle Möglichkeiten nutzen kann. Doch ist es ja das oberste Ziel von Stiftungen, Verlustrisiken zu vermeiden. Das setzt aber auch Kalkulierbarkeit voraus. Die ist nicht gegeben, wenn der Manager theoretisch auch zu 100 Prozent in riskante Anlagen investieren darf.“ Als vernünftig erachtet sie eine Aktienquote von maximal 60 Prozent.

Darüber hinaus sollten Stiftungen darauf achten, dass das von ihnen gewählte Produkt eine ausreichende Ausschüttung in Aussicht stellt und dass sich der Fondsmanager an einem absoluten Ertragsziel orientiert – und nicht an einem wie auch immer definierten Vergleichsindex. „Zu guter Letzt ist dann noch eine breite Diversifikation auf Einzeltitel-, Sektoren- und Länderebene wichtig, um die Risiken zu vermindern“, schließt Claus.

Genau auf diese Anforderungen zielen sogenannte Stiftungsfonds ab. In Deutschland werden mehr als 40 derart spezialisierte Fonds öffentlich angeboten. Sie konnten in den vergangenen Jahren immer mehr Kunden gewinnen und das verwaltete Vermögen im letzten Jahr auf mehr als zehn Milliarden Euro steigern. Doch sind sie tatsächlich die optimale Lösung? „Zunächst einmal ist festzustellen, dass sich auch Stiftungsfonds zum Teil erheblich in ihrer Ausrichtung unterscheiden. Es gibt Produkte, für die sehr geringe Wertschwankungen im Vordergrund stehen“, erklärt Stegmüller. „Andere dagegen können bis zu 50 Prozent und mehr in Aktien gehen. Diese bieten theoretisch die Chance auf eine höhere Rendite, entsprechend größer sind aber auch die Risiken.“

„Auch wer auf Stiftungsfonds setzt, muss deshalb sehr genau hinsehen, was er kauft“, erklärt Stegmüller weiter. „Denn kein Fonds kann eine bestimmte Performance oder die Einhaltung einer maximalen Verlustgrenze garantieren. Sie streben immer nur an, eine bestimmte Verlustschwelle nicht zu überschreiten.“

Für Fondsanalystin Barbara Claus ist das Label „Stiftungsfonds“ dann auch eher ein Marketinginstrument. „Herkömmliche Mischfonds können sich ebenso gut für Stiftungen eignen.“

„Faktisch gibt es tatsächlich keinen großen Unterschied zwischen Stiftungsfonds und vergleichbaren Mischfonds. Es gibt deshalb eigentlich keinen Grund, sich bei der Anlage darauf zu beschränken“, bekräftigt Felix Oldenburg. Der Vorteil: Plötzlich erweitert sich das Anlagespektrum für Stiftungsvorstände enorm. Denn neben den 42 Stiftungsfonds stehen in Deutschland laut der Morningstar-Datenbank allein über 800 defensive Mischfonds zur Auswahl.

Und mit der Auswahl verbessern sich auch die Ertragsperspektiven. Das bestätigt ein Blick auf defensive Mischfonds bei Morningstar, deren Aktienquote 35 Prozent nicht dauerhaft überschreitet. Zwar enttäuschten sie im Durchschnitt im vergangenen Jahr. Die 50 besten Fonds aber legten auf Sicht von drei Jahren bis Ende Januar 2017 zwischen fünf und fast zehn Prozent pro Jahr zu und schnitten damit besser ab als viele Stiftungsfonds. „Mehr Auswahl hat aber auch noch einen weiteren Vorteil“, verdeutlicht Michael Stegmüller, „denn es lassen sich so Fonds finden, die ähnliche Anlageziele mit unterschiedlichen Ansätzen und Stilen zu erreichen versuchen. Diese zu mischen reduziert das Risiko weiter.“

Die Lage ist also nicht hoffnungslos für die Stiftungen in Deutschland. „Sie sollten versuchen, die gesamte Palette an Investmentmöglichkeiten, also zum Beispiel auch alternative, nachhaltige und Impact-Investments, zu berücksichtigen und sich nicht allein auf Stiftungsfonds verlassen“, rät Oldenburg. „Das macht zunächst zwar mehr Arbeit, lohnt sich aber. Denn an der aktuellen Herausforderung, den Spagat zwischen laufenden Verpflichtungen und Kapitalerhalt zu schaffen, wird sich wohl auch in den kommenden Jahren nichts ändern.“  

Performance-Check: Was Stiftungsfonds leisteten.

Das Jahr 2016 war für die Manager von Stiftungsfonds herausfordernd. Während es im ersten Halbjahr zu Turbulenzen an den Aktienmärkten kam und die Kurse sicherer Staatsanleihen nach oben kletterten, war es im zweiten Halbjahr genau umgekehrt. Die Aktienkurse legten kräftig zu, die Anleihekurse fielen. 

Ideale Voraussetzungen, um zu prüfen, ob und welchen Stiftungsfonds es gelungen ist, ihre Strategien anzupassen. Die Experten von Performance IMC haben deshalb gemeinsam mit ihren Kollegen von Portfolio Consulting 42 Stiftungsfonds mit einem verwalteten Vermögen von zusammen über zehn Milliarden Euro unter die Lupe genommen. 

In einem ersten Schritt wurden die einzelnen Fonds verschiedenen Risikokategorien zugeordnet. Produkte, bei denen Kapitalerhalt und niedrige Kursschwankungen im Vordergrund stehen, die dafür aber bereit sind, eine niedrigere Rendite zu akzeptieren, wurden der defensiven Risikoklasse zugeordnet. Dort darf die Aktienquote bei maximal 30 Prozent liegen. Fonds, die bis zu 50 Prozent ihres Vermögens in Aktien anlegen dürfen, wurden der offensiven Risikoklasse zugeordnet. 

Das Ergebnis: Im für Aktien schwierigen ersten Halbjahr brachten alle Fonds im Schnitt eine Rendite von minus 0,33 Prozent. Das ist erstaunlich, hätte doch in der Kernanlage Anleihen in diesem Zeitraum viel Geld verdient werden können. Vier Fonds erwirtschafteten überdurchschnittlich gute Resultate. So legte der BKC Treuhand Portfolio I 7,29 Prozent zu, der Flossbach von Storch SICAV – Stiftung 3,04 Prozent, der Stiftungsfonds Spiekermann & CO 2,53 Prozent und der Münsterländische Bank Stiftungsfonds 2,04 Prozent.

Der Aufwärtstrend am Aktienmarkt im zweiten Halbjahr 2016 kam den Fonds dann offenbar mehr entgegen. Immerhin 21 Stiftungsfonds legten über zwei Prozent zu. Am besten schnitt der Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen ab, der allerdings auch bis zu 100 Prozent in Aktien gehen kann. Mit einem Plus von fast 5,67 Prozent schnitt der V/A Stiftungen UI, dessen Aktienquote nur bei maximal 30 Prozent liegt, allerdings fast ebenso gut ab. Interessant: Die besten Fonds des ersten Halbjahrs landeten im zweiten Halbjahr nur im Mittelfeld. Der Münsterländische Bank Stiftungsfonds legte laut Morningstar insgesamt 3,38 Prozent zu. Der Stiftungsfonds Spiekermann & CO sowie der Flossbach von Storch SICAV – Stiftung kamen jeweils auf ein Plus von rund drei Prozent, der BKC Treuhand Portfolio I brachte nur knapp einen Prozentpunkt. 

Insgesamt fielen die Ergebnisse über die vergangenen ziemlich turbulenten zwölf Monate recht unterschiedlich aus. Während vier Stiftungsfonds im Minus lagen, schafften immerhin vier Fonds ein Plus zwischen fünf und sechs Prozent. Das waren der Flossbach von Storch SICAV – Stiftung, der Münsterländische Bank Stiftungsfonds, der Stiftungsfonds Spiekermann & CO sowie der V/A Stiftungen UI. 

Auffällig ist, dass alle diese Fonds kein allzu großes Risiko fahren. Der Münsterländische Bank Stiftungsfonds investiert maximal 20 Prozent in Aktien, beim Stiftungsfonds Spiekermann & CO sowie beim V/A Stiftungen UI ist der Aktienanteil auf 30 Prozent begrenzt. Am offensivsten ist noch der Flossbach von Storch SICAV – Stiftung aufgestellt, der bis zu 35 Prozent Aktien beimischen darf. 

Deshalb drängt sich der Vergleich mit der Morningstar-Kategorie „Defensive global anlegende Mischfonds“ auf. Diese legten zwar im Schnitt laut Morningstar 2016 nur 1,91 Prozent zu. In den vergangenen zwölf Monaten bis Ende Januar 2017 kam das oberste Quartil – das sind immerhin rund 200 Fonds – aber auf Zuwächse zwischen fünf und fast 17 Prozent. Dort finden sich also durchaus Körbe, die besser abschneiden als die besten Stiftungsfonds. Der Haken: Zum Teil erzielten sie diese Resultate allerdings mit deutlich höheren Kursschwankungen und manche mussten im ersten Halbjahr auch deutliche Kursverluste hinnehmen. Wer dies aber verkraften kann, sollte nicht nur auf klassische Stiftungsfonds vertrauen, sondern sein Anlagespektrum auf vergleichbare Mischfonds ausdehnen. 

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Autor: Gerd Hübner

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