• Cornelia Knust

Der Erleuchtete.

Maler und Philosoph. Vor fünf Jahren verkaufte der Unternehmer Marc Gumpinger sein Start-up Scoreloop für viel Geld nach Amerika. Damit beginnt eine erstaunliche Sinn- und Glücksuche. In Öl bannt der Technikfreak heute die Selbstzweifel des digitalen Zeitalters auf Leinwand.

Die Wände sind aus rohem Beton, Leerrohre baumeln von der Decke, Armierungen voll Rost ragen aus dem Grund. Das Atelier von Marc Gumpinger, 42, Computer-Freak, Gründer, Maler, Millionär, ist noch nicht fertig. Doch in diesem Neubau in einer schmalen Straße rechts der Isar wird es wohl auch bei Bezug nicht sehr viel anders aussehen. Es ist ein Datenraum, eine Projektionsfläche, vier Wände um eine ruhige Leere, fast wie die Zelle eines Mönchs.

Mönchisch scheint auch sein Tun. Denn er genießt nicht etwa Ruhm und Reichtum, der smarte Gründerunternehmer, der mit zwei Partnern und einer Firma für Wagniskapital die Spieleplattform Scoreloop entwickelt und 2011 für einen zweistelligen Millionenbetrag an den kanadischen Blackberry-Konzern verkauft hat. Er schließt sich ein und interpretiert Computer-Algorithmen neu – mithilfe von Palette, Öl und Leinwand.

Gumpinger malt Bilder von Landschaften, die er, der 3-D-Software-Experte, zuvor selbst am Bildschirm erzeugt hat. Seine Alpen, seine gestreiften Berge sind nichts als eine Nummernfolge, eine Rechenvorschrift. Auch der Maßstab, den er da­runterschreibt, ist völlig frei erfunden, bedeutungslos. Es gibt einfach keine Beziehung zur Wirklichkeit, in deren Dimensionen sich dieser Maßstab umrechnen ließe. Damit narrt der Künstler den Betrachter. Und transportiert eine besondere Botschaft. Die fast gefälligen Großformate in Öl sollen kritische Distanz erzeugen zu unserer technisierten, robotisierten Welt. Was ist echt und was ist falsch? Wer gibt den Ton an, wer ist nur Werkzeug? Wo hört die Autonomie auf und beginnt die Unterwerfung? Oder steckt hinter den mathematischen Formeln, die Gumpingers Bilder und unser Leben bestimmen, vielleicht trotz allem eine göttliche Hand, das Muster der Schöpfung schlechthin?

Der Wandel des Jungunternehmers zum Maler und Philosophen kam nicht über Nacht. „Klar hab ich mir erst mal einen richtig teuren Sportwagen gekauft“, beschreibt Gumpinger seine Verwandlung vom einfachen Jungen aus München-Großhadern zum Start-up-Millionär. Seine Ehe zerbrach, die Kinder sah er nur noch manchmal, die Orientierung kam abhanden. Insoweit entsprach er vielen Klischees.

Gerettet haben ihn wohl seine Neugier und seine Rastlosigkeit. Davon dürfte jede Menge haben, wer wie Gumpinger nach dem BWL-Examen mal eben im Fach Humanbiologie promoviert. Die Schritt zur Malerei klingt dann nicht unlogisch für einen Mann, der sich selbstironisch einen „leichten Asperger“ attestiert und der Synästhesie zuneigt. Noch in den Zeilen schnöder Programmiersprache erkennt er Muster und Strukturen, die sonst keiner sieht: „Ich bin ein durch und durch visueller Mensch.“

Aber eben auch durch und durch nachdenklich. Als Computer-Freak von Kindesbeinen an gehört er zu einer Peer-Group, die sich selbst eher selten infrage stellt. Auch als Gründerunternehmer dürfte er nicht zu jenen zählen, die großes Risiko fürchten oder die Zukunft allzu engherzig ausloten. Dennoch geht er zu unserer schönen neuen Welt auf Abstand und warnt vor Kontrollverlust.

„Die Technik muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt“, ist Gumpinger überzeugt. Seinen selbststeuernde Staubsauger empfindet er daher als Gewinn; genauso das Musikportal Spotify, das ihm immer wieder Musik vorschlägt, die ihm dann auch tatsächlich gefällt und die er sonst nie entdeckt hätte.

Aber er denkt die Dinge weiter. Wenn demnächst nicht nur Schrankfronten oder  Implantate aus dem 3-D-Drucker kommen, sondern auch unser Essen, wenn künstliche Welten nicht mehr nur über Uhren oder Brillen ins Leben eingespielt werden, sondern gleich über die Netzhaut, dann werde es eng: „Das ist alles sehr schön und kreativ und spart Zeit und so weiter. Aber es besteht die Gefahr, dass der Mensch den Überblick verliert und von Maschinen kontrolliert wird“, meint Gumpinger.

Auch Amerika, Kalifornien, dem „Valley“ – für technikaffine Menschen ist das normalerweise das Größte – steht Gumpinger kritisch gegenüber. Er ist zwar fasziniert und hat dort letztlich sein Glück gemacht. Aber er spricht ebenfalls von einem „megakrassen Kulturkampf“, der sich gerade abspiele, nicht zuletzt weil der alte Kontinent in seiner Sattheit es geschehen lasse. „Jede Minute, die auf Facebook verbracht wird, ist eine Minute weniger für ARD und ZDF“, sagt Gumpinger. Der ganze Alltag in Europa sei zunehmend gesteuert vom „amerikanischen Prinzip“. Lauernd fragt er: „Welches Produkt eines europäischen Start-ups beschäftigt Sie jeden Tag mindestens ein Mal?“ Schweigen.

Mit dem erhobenen Zeigefinger will der wohlhabend gewordene Unternehmer aber nicht daherkommen. Bei aller Nachdenklichkeit sieht er seine Malerei aus dem eingeübten Blickwinkel des Gründers: „Ich liebe es, ein Produkt zu erschaffen und zu vermarkten. Auch nach dem Verkauf von Scoreloop setze ich alles daran, meine Ideen zu verwirklichen.“ Und siehe da, jetzt hängen seine Bilder in der renommierten Galerie HG Contemporary in New York: „Interessanterweise reagieren wie bei Scoreloop die Amerikaner am schnellsten auf meine Entwicklungen.“ Und jetzt geht das schon wieder los mit dem Geldverdienen.

Ist das ein Problem? „Geld sollte Freiheit geben. Je mehr Bedeutung jedoch dem Geld um des Geldes willen gegeben wird, umso mehr engt es letztendlich ein“, sagt Gumpinger. Es werde zum Selbstzweck. Das interessiere ihn nicht. Beim Malen sei das dagegen ganz anders: „Wenn ich ein Bild fertiggestellt habe, empfinde ich für eine kurz Zeit Ruhe und Zufriedenheit.“

Der Verbraucher Gumpinger scheint auch etwas untypisch angesichts der Kassenlage: „Ich frage mich tatsächlich immer, kaufe ich die Hose oder kaufe ich sie nicht.“ Er sei ein schlechter Konsument, wolle nichts wegwerfen müssen.

Freunde sagten auch immer, erzählt er, seine Wohnung sehe aus, als sei er gerade erst eingezogen. „Ich habe dem Materiellen zwar nicht komplett abgeschworen. Aber ich muss die Dinge um mich herum reduzieren, weil in meinem Kopf so viel los ist.“

Dass da tatsächlich eine Menge los ist, haben offenbar schon die Eltern Gumpinger erkannt: eine ganz normale Familie aus einem eher tristen Münchner Vorort, normale Berufe, kein Geld, kein Netzwerk. Mit neun Jahren bekommt Sohn Marc seinen ersten Computer, einen Commodore C64: „Die Eltern wollten, dass was aus mir wird.“ Auf dem Schulhof startet der Junge einen Handel mit Swatch-Uhren und kauft sich mit den Gewinnen bald einen größeren Computer.

Als er, inzwischen 16, den Auftrag bekommt, in den Sommerferien Grafiken für ein Computerspiel zu erstellen, und der Kunde hernach nicht zahlen will, spricht er auf eigene Faust einen Jura-Professor von der Uni an. Mit ihm gewinnt er seinen Fall vor Gericht. Aus dem Erlös erwirbt der Schüler seinen ersten Apple Macintosh und seine erste 3-D-Software. Mit 18 Jahren bietet er 3-D-Visualisierungen und Werbegrafiken für Agenturen an, verfasst gar ein Buch über Software-Entwick­lung.

Neben dem BWL-Studium, das er danach in München beginnt, schreibt er Software für die grafische Industrie und hält im Auftrag des Apple-Konzerns Bühnenshows in ganz Europa ab. Ein Buch über Steve Jobs will Gumpinger aber nie gelesen haben: „Ich habe keine konkreten Vorbilder. Letztlich habe ich es immer anders gemacht als die anderen.“

Viel beschäftigt beendet er sein Studium erst 2004 an der Fernuni Hagen. Da ist er schon 30 und lässt sich weiter von seiner Neugier treiben. Den Doktor der Humanbiologie hat er 2008.

Dann geht alles ganz schnell. Sein erster fester Job führt ihn zu Target Partners in München, einer 1999 von drei Investment-Profis gegründeten Gesellschaft für Venture Capital.

Schon Ende 2008 hilft Gumpinger nicht mehr nur anderen beim Gründen, sondern erschafft mit zwei Mitstreitern die Spiel-Plattform Scoreloop. Weitsichtig erkennen die Drei, welche Veränderung das Smartphone in die Kommunikation zwischen Menschen bringt, dass es den Computer ersetzen und als neue Spieleplattform dienen wird. Gumpinger wird CEO und hält die relative Mehrheit an dem Start-up.

Target Partners steigt damals mit ein und schreibt noch heute stolz auf seiner Website: „Scoreloop hat eines der größten weltweiten Mobile-Gaming-Ökosysteme aufgebaut. Dabei hilft Scoreloop seinen Partnern (Game-Entwickler), die Spiele durch Social-Gaming-Bestandteile (Ranglisten, Herausforderungen, In-Game-Zahlungen) zu erweitern.
Scoreloop verwaltet die Profile der einzelnen Spieler und vernetzt diese untereinander. Der Vorteile ist eine erweiterte Spielfunktionalität, höheres Spiel-Engagement und zusätzliche Umsätze durch Virtual Goods.“ Alles klar?

Ganz daneben kann die Sache nicht gewesen sein. Denn nur drei Jahre später, 2011, greift die kanadische Blackberry nach Scoreloop. Blackberry, eigentlich glorioser Erfinder des Smartphones, aber durch den Konkurrenten Apple vollkommen abgehängt, will Handlungsfähigkeit beweisen. Die Anleger müssen bei Laune gehalten werden. Eben  unter anderem mit dem Erwerb einer deutschen Tochter für Netzwerkinfrastruktur, die Kontakte zu Spielern und Spieleentwicklern verspricht. Die drei Gründer sind gemachte Leute. Schon 2014 allerdings stellt Blackberry den Service ein. Scoreloop, obwohl am Schluss gesegnet mit angeblich 400 Millionen Nutzern, passte nicht mehr zur Komplettfokussierung auf Geschäftskunden.

Gumpinger sieht diese Entwicklung nach eigener Aussage entspannt. Das sei eben das amerikanische Investmentprinzip. Es gebe dort anders als in Europa keine großen Entwicklungsabteilungen, die stringent vor sich hin erfinden, aus Innovationen Produkte und aus Produkten Werte schaffen. Stattdessen werde ein Unternehmen, das Relevanz hat, das funktioniert, einfach gekauft. Und behalten, solange es nützlich erscheint.

Gumpinger selbst scheint heute eher an Werten mit längerer Haltbarkeit interessiert. Sein Produkt, seine Innovation sind die schwarz-weiß gestreiften Berge. Oder das in Blau getauchte Gemälde „Alpen 1“, das der Allianz-Konzern bereits angekauft hat. Er verbringt viel Zeit mit seinen Kindern, fährt mit seiner Freundin zu Familienfeiern, geht gern in die Alte Pinakothek, will sein Atelier bis Mai 2017 fertig bauen.

Sein nächster Zyklus als Maler soll im Weltall spielen: der moderne Mensch ein verlorener Astronaut, gesichtslos, haltlos, einsam wie ein Mönch. Auch an Skulpturen will Gumpinger sich zu einem späteren Zeitpunkt wagen. Das wichtigste Handwerkszeug bleibt dabei die Visual-Effect-Software, wie sie auch für 3-D-Filme à la „Avatar“ Verwendung findet. Das klingt alles ein bisschen wie Malen nach Zahlen. „Ist es aber natürlich nicht“, widerspricht der Künstler. Er erstelle die Vorlage aus einem ganzen Cocktail komplexer Software-Programme, die erst untereinander kompatibel gemacht werden müssen. Was er auf dem Bildschirm sieht, malt Gumpinger dann in Öl von Hand ab, eben ganz so wie früher Maler die Natur nachzeichneten. Das ist nicht so einfach. Das Licht, das Bildschirme brauchen, um satt zu strahlen, sei nicht vergleichbar mit der Beleuchtung, in der später Ölfarben angemischt, unmerkliche Farbverläufe gepinselt oder das Werk am Ende dem Betrachter gezeigt werde. Da muss Gumpinger tricksen und schwitzen wie ein Handwerker und sieht sich dabei kunsthistorisch in guter Gesellschaft.

In der Renaissance, so erzählt er, galt der Linsenschleifer so viel wie der Maler. Denn Maler brauchten die Linsen, um wie mit einem Beamer Objekte zu projizieren, die dann später abgemalt wurden. Auch die Freskenmaler benutzten für die perspektivisch richtige Darstellung in den Kuppeln und Gewölben der Kirchen mathematische Berechnungen und technische Hilfsmittel. „Heute haben viele Künstler eine große Aversion gegen Technik“, behauptet Gumpinger. „Wir nutzen Algorithmen, um Lebensversicherungstarife auszurechnen oder uns per Navi an fremde Orte führen zu lassen, aber in der Kunst spielen sie kaum eine Rolle.“

Er führt diese Entfremdung auf die explodierende Entwicklung der Technik Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Schon da habe sich die Kunst vom Prozess des technischen Fortschritts entkoppelt. Erst recht während zweier Weltkriege mit ihrer Tötungsmaschinerie.

In gleichem Maß wie der Künstler Gumpinger die digitale Technologie nutzt, reibt sich der Philosoph in ihm daran. Heute werde die Aufarbeitung dessen, was die Technik mit uns mache, im Wesentlichen der Industrie überlassen – Werbung, Kino, Medien. Statt Aufklärung werde da meistens Verführung betrieben. Der Mensch bleibe verloren zwischen künstlicher Intelligenz und virtueller Realität. „Ich versuche allen Kunstinteressierten, Technik näher zu bringen“, sagt Gumpinger. „Ich will ihnen dabei helfen, sie besser zu verstehen und für sich einzuordnen.“

Dafür hat er sich offenbar auch in die Kunstgeschichte vertieft. Die Frage, was echt ist und was nicht, hätten sich schon die Surrealisten gestellt. Gumpinger fühlt sich einem René Magritte nahe, der eine Pfeife malt und dazuschreibt „Das ist keine Pfeife“. Er selbst malt schließlich Berge, unschuldige Berge, wie sie gerade dem Münchner so vertraut scheinen. Aber es sind keine.

Auch die Romantiker liebt Gumpinger, ein Caspar David Friedrich ist ihm nicht fremd, seine Inszenierung des Menschen in einer  Landschaft. Wie er will Gumpinger mit seinen Werken an das Gefühl appellieren und das Erhabene ins Bild setzen, nicht dekorativ, sondern eher angsteinflößend, fast apokalyptisch.

Ob das nicht Kitsch sei? Diese Frage wischt er weg und wird gleich noch grundsätzlicher. „Bekennender Mystiker“ sei er, erklärt Gumpinger und hebt damit die Entfremdung des modernen Menschen von der Schöpfung fast wieder auf. „Was ist ein Algorithmus?“, fragt er ernsthaft. Eine Berechnungsvorschrift, ein Punkt im Raum, eine Logik, wie Entscheidungen getroffen werden. Hat der Mensch das erfunden?

Vielleicht, so meint er, sei der Algorithmus auch einfach nur eine Annäherung an die Natur und wie diese deshalb ein Werk Gottes. Sind uns die fraktalen Strukturen, die Rechenvorschriften erschaffen, nicht höchst vertraut? Ist das darin enthaltene Prinzip der Selbstähnlichkeit nicht auch in einem Blumenkohl zu finden? Marc Gumpinger antwortet sich selbst mit leuchtendem Blick: „Da ist etwas, das wir nicht mehr beschreiben können.“        

Autorin: Cornelia Knust

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