• Silke Lauenstein

Die Letzten ihrer Art.

Reisen. Im Osten Indonesiens leben die Komodowarane, die größten Echsen der Erde. Ein Besuch bei den bis zu drei Meter langen „Drachen“ ist der Höhepunkt einer Reise durch die Inselwelt zwischen Bali und Flores.

Schweiß rinnt ins Gesicht, Mücken krabbeln in die Ohren. Die schwülheiße Luft ist so dick, dass sie sich beinahe mit einer Machete zerschneiden ließe. Wer die Monster sehen will, muss offenbar leiden. Dabei hatte es doch geheißen, dass die Echsen von den Parkwärtern gefüttert werden und sie sich deshalb bevorzugt rund um deren Unterkünfte aufhalten. Eine halbe Stunde später findet der einheimische Guide Dwi, wonach er gesucht hat: zwei Furcht einflößende Drachen-Männer, gut zweieinhalb Meter lang, in bester Fotopose vor dem türkisblauen Meer. Als sie Dwi und seine Besuchergruppe sehen, schnellt ihre gespaltene Zunge hervor und sie recken die Köpfe. Der Ranger hat jetzt seinen langen, vorn gegabelten Stock in Richtung der Echsen ausgefahren. Sie wirken träge, doch wenn sie angreifen, beschleunigen sie im Stil eines Usain Bolt.

Das größere der beiden Tiere richtet sich jetzt auf und sieht die Touristen direkt an. Kaltblütig. Kein Wort beschreibt die Tiere besser. Denn erstens sind sie tatsächlich Kaltblüter und zweitens fressen sie ihre eigenen Jungen, wenn diese nicht rechtzeitig auf Bäume flüchten. Die größten Futterneider des Planeten sind sie außerdem. Im Besucherzentrum gibt es Videos zu sehen, auf denen sie um jeden Bissen Fleisch eines erlegten Büffels kämpfen, obwohl die Beute 50 Echsen satt machen könnte.

Die Komodowarane sind zweifellos die Stars einer Reise zu den Kleinen Sunda-Inseln zwischen Bali und Flores. Wer wenig Zeit hat, kann die Tiere bei einem Tagesausflug von Flores aus besuchen. Angenehmer ist es, sich den Waranen auf einem Schiff zu nähern und in den Buchten vor Rinca oder Komodo vor Anker zu gehen, um am nächsten Morgen vor dem Ansturm der Touristen an Land zu gehen. Ideal ist es, sich sechs oder sieben Tage Zeit zu nehmen und die Reise zu den Urviechern in Bali zu beginnen. So lassen sich zusätzlich die unzähligen Eilande des indonesischen Archipels erkunden. Dabei kann man die spektakulären und noch intakten Korallenriffe der Inselwelt mit Flossen und Schnorchel erkunden. Sie sind siebenmal so artenreich wie in der Karibik. Besucher schwimmen hier mit Meeresschildkröten, Manta-Rochen und Weißspitzenhaien. Auch Zackenbarsche, Anemonenfische, Muränen, blaue Seesterne, Drücker- und Kugelfische finden sich zuhauf.

An Bord der Ombak Putih, eines traditionellen indonesischen Zweimasters, ist Craig Stanford der Experte für die Warane. Der Biologe von der Universität von Südkalifornien in Los Angeles erinnert daran, dass gleich zu Beginn der Passage, zwischen Bali und Lombok, die Wallace-Linie überquert wird. Sie markiert die Grenze zwischen asiatischer und australischer Fauna und ist nach Alfred Russel Wallace benannt, der auf den Kleinen Sunda-Inseln ähnliche Beobachtungen machte wie Charles Darwin auf Galapagos. Doch während Letzterer regelmäßig nach London reiste und seine Forschungsergebnisse öffentlichkeitswirksam vorstellte, geriet Wallace, der in Ternate auf den Molukken lebte, bald in Vergessenheit. Heute ist klar: Die sogenannte Wallacea gehört zu den Schlüsselregionen der Erde in Sachen Biodiversität: Etwa 40 Prozent aller Arten auf dem Land und im Meer sind endemisch, kommen also nur hier vor. Viele dieser Tiere und Pflanzen sind vom Aussterben bedroht – sofern sie nicht, wie die Warane, unter besonderem Schutz stehen.

Die großen Echsen, deren Bestand von rund 4000 Tieren dank umfangreicher Schutzmaßnahmen stabil ist, leben nur auf Komodo, Rinca, Gili Dasami, Gili Motang sowie in den küstennahen Bereichen im Nordwestteil von Flores. Notgelandete Piloten und Perlentaucher, die auf den Sunda-Inseln strandeten, waren die Ersten, die der niederländischen Kolonialverwaltung von den drachenartigen Tieren berichteten.

Auf Komodo wohnten damals nur einige Nachfahren von Sträflingen, die ein Sultan in früheren Jahrhunderten dorthin verbannt hatte. Erst 1912 erhielt das Zoologische Museum in Bogor nahe der heutigen Hauptstadt Jakarta eine Waran-Haut, woraufhin Biologen die Tiere wissenschaftlich beschreiben konnten. Heute ist bekannt, dass die XXL-Echsen einen noch größeren Vorgänger in Ozeanien hatten: Der Megalania wurde bis zu sieben Meter lang und eine halbe Tonne schwer. Seine Tage auf der Erde waren allerdings gezählt, als vor etwa 900000 Jahren die Beutetiere ausstarben. Die ersten Aborigines in Australien dürften vielleicht noch Bekanntschaft mit dem Urvieh gemacht haben. Unbeantwortet ist bisher die Frage, wie die Warane auf die Inseln gelangten. Denn die Tierart ist älter als die vergleichsweise junge Vulkaninsel Komodo. Muss­ten die Tiere vor vielen Hunderttausend Jahren größere Strecken schwimmend zurücklegen?

Gut erforscht ist dagegen ihre Lebensweise: Wenn die Weibchen mit acht Jahren geschlechtsreif werden, legen sie 20 bis 30 Eier in ein Erdloch. Da Komodos keine X- und Y-Chromosomen besitzen, sondern ZZ-Chromosomen, entscheidet die Temperatur, ob daraus Jungs oder Mädchen werden. In Zoos wurden auch schon jungfräuliche „Zeugungen“ dokumentiert.

Die Aussichten der Kleinen sind jedoch nicht gerade rosig: Erwachsene Warane sind dem Kannibalismus zugeneigt, und selbst Elterntiere kennen bisweilen keine Gnade, falls ihnen der Nachwuchs in mundgerechter Größe über den Weg läuft. Kleintiere leben daher viele Monate auf Bäumen, die von ausgewachsenen Tieren nicht bestiegen werden können. Sie ernähren sich dort von Insekten, Eidechsen, Schlangen und Vögeln und wagen sich erst wieder auf den Boden, wenn sie rund einen Meter lang sind. Dennoch erreicht durchschnittlich nur ein Tier aus jedem Gelege die „Volljährigkeit“.

Diejenigen, die es schaffen, reifen jedoch zu gefährlichen Jägern heran. Ihre Taktik ist der Hinterhalt, ihr Trumpf die große Geduld. Weil sie mehrere Monate ohne Nahrung auskommen, lauern sie tage- und wochenlang gut getarnt zwischen Büschen, bis ein Mähnenhirsch beim Äsen unvorsichtig ist. Selbst Büffel sind nicht vor den Echsen sicher. Haben sie die Beute im Visier, schnellen sie blitzartig nach vorn und schlagen ihrem Opfer die Zähne in die Seite. Ihre Kiefer haben im Vergleich zu einer Raubkatze zwar nur geringe Beißkraft. Doch Komodos haben Giftdrüsen im Unterkiefer, die den Blutdruck des Opfers rapide abfallen lassen und es in eine Art Schockzustand versetzen. Lässt sich ein großes Beutetier nicht sofort überwältigen, folgen ihm die Warane so lange, bis es infolge des Giftes geschwächt zusammenbricht.

Ein Entkommen ist unmöglich, denn die Echsen wittern Beute auf bis zu zehn Kilometer Entfernung. Dabei hilft ihnen ihre gespaltene Zunge, mit der sie Geruchsmoleküle aus der Luft aufnehmen und über Nervenzellen an das Gehirn weiterleiten. „Die Theorie, wonach Bakterien im Maul der Aasfresser die Beute langsam töten, hat sich als falsch erwiesen“, klärt Guide Dwi auf.

Richtig ist hingegen, dass es immer wieder zu Unfällen mit Einheimischen kommt, obwohl der Mensch eigentlich nicht ins Beuteschema der Warane passt. „In den meisten Fällen waren das Verteidigungs-Bisse“, beruhigt Dwi. Doch es gebe auch belegte nichtprovozierte Angriffe, in einigen Fällen

mit tragischem Ausgang. Damit die Räuber nicht unaufgefordert im Wohnzimmer stehen, bauen die Einwohner ihre Häuser auf Stelzen – form follows function.

Generell sind die Kaltblüter bei den Sundanesen eher unbeliebt, weil sie mitunter Nutztiere wie Ziegen reißen und zum Trocknen ausgelegten Fisch stehlen. Angeblich haben sie auch schon frisch bestattete Tote ausgegraben und gefressen. Andererseits sind die Echsen als Touristenattraktion eine wichtige Einnahmequelle für die Einwohner. Jedes Jahr spülen die rund 200000 Besucher mehrere Millionen Euro in die Kassen des Nationalparks – Guides, Hoteliers und Restaurantbetreiber profitieren sogar ganz direkt von den Tieren.

„Allah wird wissen, warum er diese Tiere erschaffen hat“, meint Guide Dwi, dessen Lebensunterhalt sie sichern. Immerhin: In Gefangenschaft können die als vergleichsweise intelligent geltenden Komodos zahm werden. Sie erkennen ihre Pfleger und zeigen zuweilen einen ausgeprägten Spieltrieb.

Das mit dem Spielen ist natürlich so eine Sache. Schließlich ist auch Vorsicht angebracht, wenn ein Hundebesitzer beteuert, sein Liebling wolle nur spielen. Und deshalb tritt auch Dwi den Rückzug an, als die beiden Männchen allzu aufdringlich werden und ihre massigen Körper der Touristengruppe immer näher kommen. 

Autor: Dr. Günter Kast

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