• Jan Lehmhaus

Inspirierende Partnerschaften.

Kunstwerke. Immer öfter nutzen die Uhrenhersteller kreative Impulse von außen. Die Zusammenarbeit mit Künstlern, Designern oder Autoherstellern bringen wirklich außergewöhnliche Modelle hervor. Für Sammler sind einige davon besonders interessant – denn schließlich bleiben viele dieser Kunststücke streng limitiert.

Cyril Kongo spritzt kunterbunten, klebrigen Lack auf die kleinen, exakt geschliffenen Teile eines hochfeinen Uhrwerks, unregelmäßig und immer wieder anders. Richard Mille hat ihn darum gebeten. Und der Graffiti-Sprayer Kongo, an wandgroße, flache Formate gewöhnt, musste erst einmal die richtige Technik entwickeln. Gemeinsam machen Richard Mille und Cyril Kongo aus der Uhr ein Kunstwerk.

Oftmals ist es der Blick von außen, der es den großen Marken heute ermöglicht, ihren Stil ganz neu zu interpretieren, die Formensprache entscheidend zu erweitern. Es können namhafte Designer sein, die sich ein erstes Mal, und das heißt ja auch: unvoreingenommen, mit den kleinen Flächen einer Armbanduhr auseinandersetzen. Oder prominente Testimonials prägen mit ihren Ideen nicht nur das Markenimage, sondern ein konkretes Produkt.

Eine klassische Kombination ist die Zusammenarbeit von Uhren- und Autoherstellern, weil bei vielen Käufern die Leidenschaft für die Feinmechanik mit der für Motoren Hand in Hand geht. Auch die Umsetzung moderner Kunst auf Zifferblatt, Gehäuse und Armband schafft eine bemerkenswerte Spannung zwischen traditionellem Zeitmessgerät und seiner Funktion in einer Ära, in der eigentlich niemand mehr eine Uhr am Handgelenk braucht.

Manche Hersteller wie Hublot kooperieren auf ganz verschiedene Arten, kreieren Uhren mit Street Artists, externen Lederspezialisten und Sportvereinen. Andere, wie Max Büsser & Friends, haben die Zusammenarbeit mit wechselnden kreativen Partnern gleich zum Geschäftsmodell gemacht. Und wieder andere – Breguet, Nomos, Oros oder Mühle Glashütte – transportieren in der Partnerschaft sogar ein wohltätiges Element.

In einigen Fällen geht es natürlich nicht nur um den kreativen Input des Partners, sondern auch um seinen werbewirksamen Namen. Aber sehr oft sind es eben doch scheue Kunsthandwerker, die mit althergebrachten Techniken wertvolle Zeitmesser verzieren – in einer streng limitierten Edition, weil sie sich zu mehr nicht gewinnen lassen. Auch die wahren Freigeis­ter unter den Uhrmachern, die freien Konstrukteure, mögen sich nicht dauerhaft in die komplexen und manche gute Idee erstickenden Hierarchien und Entscheidungsprozesse der großen Luxusgruppen einfügen. Sie arbeiten wirklich so eigenbrötlerisch, wie sich die Branche gern inszeniert: als Genies am Fenster des tief verschneiten Schweizer Chalets. Und mit den unkonventionellen Mechanismen, die sie für ambitionierte Häuser entwickeln, prägen sie nicht nur die Technik, sondern auch das Aussehen grandioser neuer Uhren.

Dieses Uhren-Special zeigt in sechs Rubriken besonders bemerkenswerte Uhren. Für ihren Träger kann ein solches Stück ein Bekenntnis sein. Zur hochwertigen, authentischen Uhrmacherei, aber auch zu einer weiteren Marke, die er schätzt. Zu einer ethischen Verpflichtung und zu einer Kultiviertheit, die in der Gestalt seiner Uhr sinnfällig wird.

           

Automobile Verbindung.

Die Verbindung von Armbanduhren und Autos liegt auf der Hand: Seit 100 Jahren bemühen sich beide, technische Exzellenz ästhetisch einzukleiden, und sind dabei beredtes Zeugnis wechselndes Zeitgeists. Und: Mit der richtigen Uhr kann jederzeit ein automobiles Bekenntnis abgegeben werden.

Die älteste dauerhafte Partnerschaft zwischen Uhren- und Pkw-Marke ist die zwischen Breitling und Bentley. Alle Modelle dieser Reihe besitzen eine signifikant geriffelte Lünette, die an den Drahtgitter-Kühlergrill der Wagen erinnert. Die Weltzeituhr Bentley Midnight Carbon trägt dazu eine markante Karbon­beschichtung auf dem Edelstahlgehäuse. Zenith, ein Unternehmen mit über 150 Jahren Geschichte, unterstützt seit Langem Classic-Car-Rallyes und fährt jetzt selbst bei Range Rover mit, dessen Prototypen sich mit Zeniths legendärem Uhrwerk El Primero das Geburtsjahr 1969 teilen. Erste Frucht der Kooperation ist ein Automatikchronograph mit Keramikbeschichtung, der bis 100 Meter wasserdicht und – natürlich – umfassend geländegängig ist.

Die Schweizer Manufaktur Bovet 1882 bindet sich an keine Pkw-Marke, sondern beauftragt mit der Gestaltung einiger ihrer horologisch ambitionierten Produkte gleich die bekanntesten Autodesigner: das Büro Pininfarina in Turin, wo schon Sportwagen von Alfa Romeo, Ferrari, Lancia und Maserati ihre charakteristische Form bekamen. In diesem Jahr präsentierte Bovet die Ottanta­Sei, ein leichtes, sportliches Zehn-Tage-Tourbillon, dessen durchbrochene „Karosserie“ fast völlig hinter die markante Technik zurücktritt.

Kunst am Arm.

Die Uhrenbranche legt größten Wert auf Traditionen. Umso spannender ist die Konfrontation bewährter Formen und Funktionen mit moderner Kunst, die, wie es sich gehört, natürlich streng limitiert bleibt und deshalb interessant für Sammler ist.

Der Schweizer Maxime Büchler, in London lebender Tatoo-Künstler, durfte als Erster das Gehäuse der Hublot Big Bang ändern. Bei der Big Bang Sang Bleu ist es hexagonal, anstelle der Zeiger zeigt ein sich unentwegt wandelndes geometrisches Muster die Zeit an.

Seiko konfrontiert die vergleichsweise konventionelle Optik seiner Grand Seiko im schwarzen Keramikgehäuse mit extralangen und vor allem extravaganten Bändern: Bedruckt sind sie mit Bildern der japanischen Fotografen Daido Moriyama und Nobuyoshi Araki, die seit Jahrzehnten zur internationalen fotografische Avantgarde gehören.

Und für MB&F, dessen Gründer Max Büsser Kooperationen mit befreundeten Kreativen zum Unternehmenskonzept gemacht hat, entwarf der Franzose Alain Silberstein eine besondere Ausgabe der Legacy Machine 1: Mit kräftigen Farben, Bauklötzchenformen und einer verspielten Gangreserveanzeige hinterfragt er gründlich deren klassischen Charakter.

Besuch vom Designer.

Bis weit in 1960er-Jahre glichen die Uhren verschiedener Hersteller einander sehr, spiegelten gemeinsam den Zeitgeschmack. Spätestens nach der Quarz-Krise aber bemühten sich die Marken um eine eigene, typische Formensprache, die sich natürlich auch zeitgemäß weiterentwickeln muss. Das gelingt den Traditionshäusern besonders überzeugend, wenn sie Uhren-fremde Gestaltungsprofis einsetzen. Hermès beauftragte den französischen Typografen Philippe Apeloig, der für die Familie Slim d’Hermès eine bemerkenswerte Stencil-Schrift kreierte, die trotz ihrer Zartheit das Zifferblatt der extraflachen Uhren wesentlich bestimmt. Für die deutsche Marke Stowa entwarf Frog-Design-Gründer Hartmut Esslinger einen Zeitmesser, der – je nach Auffassung – seinen Träger in die Zukunft weist oder an das Zeitalter des Wettlaufs zum Mond erinnert.

Mido schrieb zur Neugestaltung seiner Klassiker einen Architektur-Wettbewerb aus. Big Ben war das Thema. Gewonnen hat der Neuenburger Sébastien Perret: Rotor, Gehäuseform und -flanken seines Entwurfs zitieren die Geometrie des „Elizabeth Towers“ in Westminster. Jaeger-LeCoultre arbeitet für eine ganz neue Reihe von Reversos mit Schuh-Design-Papst Christian Louboutin zusammen: Er wählt Materialien, Farben und Strukturen aus, die sich in den Boutiquen der Marke zu individuellen Preziosen konfigurieren lassen. Dabei entstehen nicht nur elegante Damenuhren – natürlich mit roter Unterseite des Lederbands –, sondern auch eindrücklich maskuline Zeitmesser.

Hightech – vom Labor ins Atelier.

Gerade diejenigen  Häuser, die ihr Handwerk am souveränsten beherrschen, scheuen sich nicht davor, externe Expertise einzusetzen, um ihre technischen Errungenschaften noch deutlicher sichtbar zu machen. Die Mondphase in den Uhren von A. Lange & Söhne bekommt ihre Strahlkraft zum Beispiel aus einer hauchdünnen, gelaserten Kohlenstoffschicht, die eigentlich farblos ist, aber uns doch blau wie der Himmel  erscheint. Diese Entwicklung des Dresdner Fraunhofer-Institus kommt auch in der neuen Saxonia Mondphase zum Einsatz. Robert Greubel und Stephen Forsey haben lange Zeit im Auftrag großer Marken komplizierte Werke erarbeitet. Jetzt geben sie bei ihrer eigenen Marke externen Konstrukteuren eine Chance. Als erstes „Signature“-Uhr gestaltete ihnen Daniel Cretin ihre erste Dreizeigeruhr mit Handaufzug. Ungewöhnlich schlicht also, aber haustypisch selten: Von der Signature 1 gibt es nur 66 Exemplare. Freie Uhrmacher entwickeln für große Marken die Uhrenwelt immer wieder ganz neu: Jean-Marc Wiederrecht, Spezialist für ungewöhnliche Arten, die Zeit anzuzeigen, konstruierte für Fabergé die Visionnaire DTZ mit einer digitalen zweiten Zonenzeit im Zentrum und einem auf der Rückseite sichtbaren, bestrickend komplizierten Werk.

Der gute Zweck heiligt die Mittel.

Eine hochwertige Armbanduhr ist ein Luxusgut, keine Frage. Mit dessen Erwerb gleichzeitig etwas Gutes zu tun, mittelbar oder unmittelbar, kann die Freude daran noch steigern. Dabei darf der Charity-Mehrwert natürlich nicht zu offensichtlich sein. Nur Kenner sehen, was dem Träger einer solchen Uhr wirklich wichtig ist. Bei Nomos verweist ein besonderer Farbcode bei limitierten Tangente- und Tetra-Sondermodellen auf die mit dem Verkauf der Sondermodelle geförderte Organisation: Die rote Zwölf und die schwarzen Zeiger stehen für „Ärzte ohne Grenzen“. Ihr Name steht diskret am unteren Rand des Zifferblatts, findet sich aber auch, zusammen mit der Nummer der Uhr, eingraviert auf dem Gehäuseboden. Dort ist bei der „Great Barrier Reef“ von Oris ein Relief des australischen Kontinents zu sehen. Die Taucheruhr ist mit dem Kontrast von meerblauem Blatt und korallengelben Indizes auch unter Wasser gut abzulesen und will an die Farben des größten Korallenriffs der Erde erinnern. Aus dem Erlös der limitierten Uhren-Edition wird die Australian Marine Conservation Society unterstützt, die sich um den Erhalt dieses Weltnaturerbes bemüht.

Der S.A.R. Rescue Timer von Mühle Glashütte wird seit 13 Jahren unverändert so hergestellt, wie er sich im Einsatz bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bewährt hat. Er ist keine Uhr für die Poolbar; seine Träger meinen es ernst mit Wasser, Wellen und schwerem Wetter und sie wissen alle, dass Mühle die DGZRS schon sehr lange unterstützt. Das braucht nicht auf der Uhr zu stehen.

Ähnlich hält es auch Breguet mit seiner Classique Rose de la Reine, mit Grand-Feu-Emaillemalerei auf dem Zifferblatt, die das Haus gerade anlässlich einer Ausstellung über Marie Antoinette präsentierte. Inspiriert ist die Uhr durch den Park von Versailles, wo die Manufaktur maßgeblich die Restaurierung des Petit Trianon unterstützt.

Métier d’arts.

Vor Jahrzehnten erfand sich die mechanische Armbanduhr neu: als kostbares, handwerkliches Produkt, das auf wenigen Quadratzentimetern Expertise und größte Mühe versammelt. Die Zusammenarbeit mit anderen Kunsthandwerkern unterstreicht diesen Charakter und hilft, deren Wissen zu bewahren. Die Manufaktur Vacheron-Constantin ist über 250 Jahre alt und hat doch einen noch älteren Partner gefunden: Vitale Barberis Canonico stellt seit 1663 in Norditalien feinste Stoffe her. Von den wichtigsten Mustern ließen sich die Guillocheure und Emailleure bei Vacheron zu den Zifferblättern der Elegance Sartoriale inspirieren: Sie tragen Fischgratmuster, Prince of Wales, Windowpane, Nadelstreifen oder Tartan. IWC darf schon seit Jahren als einzige Marke seine feinen Uhren mit Armbändern von Lederspezialist Santoni ausstatten. In diesem Jahr präsentierte das Haus neue Fliegeruhren in reduzierter Größe, deren Charakter hübsch durch die Vintage-Optik des Alligatorleders unterstrichen wird. Roger Dubuis setzt für seine glamouröse „Velvet“-Damenkollektion auf die Leder-Flecht- und Färbe-Künste des Traditionshauses Massaro. Ein echter Exot in dieser Reihe ist die Hammer Tone von Elektronikspezialist Casio: für die Fan- und Sammlerszene rund um seine die G-Shock-Uhren präsentierte Casio 2016 eine kleine Sonderserie der G-Shock MR-G1000. Deren Titan-Lünette und -Band versieht der gefeierte Kunstschmied Asano Bihou in traditioneller Tsuiki-Technik mit einer Hammerschlagstruktur.

Autor: Jan Lehmhaus

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