• Jörg Zipprick

Wo Meteoriten in Möbel einschlagen.

Designermöbel. Besondere Wohnideen gibt es viele. Doch nur in sehr seltenen Fällen wird das Möbelstück selbst zum echten Kunstwerk. Deshalb ist die Geschichte des Pariser Künstlers, Designers und Unternehmers Erwan Boulloud auch etwas ganz Besonderes.

Möbel vom Künstler? Kunst vom, na was? Möbelanbieter? Designer? Irgendwie entziehen sich die Werke von Erwan Boulloud einer einfachen Erklärung. „Metempsychose II“ ist ein Sekretär aus Stahl und Edelstahl, verborgen hinter der Werkbank, auf der er entstand. Das Werk permanent im Werkzeug einzuhüllen, ist eine schräge Idee. „AAA“ aus dem Jahr 2012 besteht aus einem klassischen Panzerschrank, der die Kommode aus verbranntem Holz, auf der er steht,  regelrecht unter seinem Gewicht zerdrückt. Der Name, der an Ratingagenturen erinnert, das Bild vom alles zermalmenden Geldschrank – ist das noch ein Möbel oder schon Zeitkritik?

Viele Werke von Erwan Boulloud fangen eine Art gewaltsame Bewegung auf: Da stürzt ein Betonblock auf Schubladen, da scheint ein Donnersturm im Schrank zu toben, der letztendlich sogar Metall erdrückt und das Möbelstück verbrennt. Einer riesigen Kommode scheinen die Schubladen regelrecht wegzufliegen. „In gewisser Weise sind es Möbel und gleichzeitig Skulpturen“, sagt der 43-Jährige: „Ganz festlegen will ich mich da nicht. Manchmal liegt das Resultat vielleicht auch zwischen den beiden. Wenn ich mich Designer/Bildhauer nenne, fühle ich mich allerdings eher als Künstler denn als Designer.“

Erwan Boullouds Welt besteht aus Metall, Holz, Beton und Stein. Seine Arbeit ist eigentlich berechenbar, etwas, das jeder könnte. Es geht nur darum, Metall zu formen. Und was sich mit Metall machen lässt, ist erlernbar. Das kann problemlos in Formeln gefasst werden. Damit Metall aber zum Kunstwerk wird, braucht es neben handwerklichen Fähigkeiten ein tragfähiges Konzept. 

Boullouds Konzept ist, dass seine Werke in einen Science-Fiction-Film passen würden – oder in ein surreales Gemälde. Nur verleihen sie dem Surrealen eine dritte Dimension. Und bleiben dennoch stets funktionell. Auch die ausgefallensten Formen können gemäß der ursprünglichen Bestimmung des Möbelstücks genutzt werden. „Die Idee mit dem Betonblock kam mir, als ich an einem Schrank arbeitete, den ich selbst zu geradlinig und rigide fand. Letztendlich führte sie zu weiteren deformierten Möbeln. Ein Kunstwerk generiert seine Nachfolger – daran lässt sich meines Erachtens seine Tiefe erkennen.“ Seine Kunstmöbel werden auf Bestellung kreiert. Viele sind Unikate, einige werden in stark limitierter, nummerierter Serie aufgelegt. Dann gibt es maximal acht Stück davon. Großserien fertigt er keine und es sind auch keine geplant. Bei den Preisen gibt es große Unterschiede. Eine Lampe kann zwischen 500 bis 1000 Euro liegen, große Einzelstücke kosten 80000 bis 100000 Euro. Verkauft werden sie von einer Galerie in Paris und einer weiteren in New York.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass solche Möbel in einem Atelier in Montreuil entstehen, einem der weniger schönen Vororte der französischen Hauptstadt Paris. Andererseits könnte der Standort auch einfach den Pariser Mietpreisen geschuldet sein. Denn die Karriere von Erwan Boulloud verlief nicht immer geradlinig: Als Absolvent der prestigeträchtigen École Boulle, einer 1886 gegründeten, renommierten höheren Schule für bildende Künste, lernte er zunächst, Metall handwerklich hochklassig zu verarbeiten. Als Mitarbeiter von Designern wie Hubert Le Gall and Hervé Van Der Straeten nahm er dann direkt am kreativen Prozess teil.

Doch als er 2003 sein eigenes Atelier gründete, ließ der Erfolg auf sich warten. „In den ersten Jahren ernährte ich mich von einem ,Nebenjob‘ als Schlosser. Das war vollkommen in Ordnung, nur halt nicht die Arbeit, die ich anstrebte.“ Nebenbei entwickelt Erwan die erste Kollektion und bezieht Stände auf Möbelmessen wie der Pariser Maison & Objets. Dort ist die Vielfalt der Aussteller sehr groß. Exklusive Kleinhersteller sind ebenso vertreten wie Möbel für die Massen.

Boulloud verlässt die Messen mit Verlust. „Die Standgebühr, der Aufbau – und verkauft hatte ich nichts“, erzählt er. Auch die mühsam dort aufgebauten Kontakte melden sich nicht mehr. Doch er macht eine wichtige Erfahrung: „Über die Jahre merkte ich, dass man regelrecht in die Kunstszene ,einsickern‘ kann. Viele Menschen erinnerten sich doch an meine Werke, ich hatte sie irgendwie ,erreicht‘, ohne dass sich Verkaufserfolg konkretisiert hatte.“

Kommerziell erfolgreich wird Erwan Boulloud erst durch das Zusammentreffen mit seinen Galeristen. Gefunden hat er sie vor vier Jahren, fast zu gleichen Zeit. „Ich ziehe es vor, zu glauben, dass meine Arbeit einfach reif für diese Begegnungen war. Auf Metallbearbeitung verstehe ich mich, doch ein guter Verkäufer bin ich eben nicht. Wenn jemand sich heute für meine Werke interessiert, kann ich ihm vielleicht mein Atelier zeigen. Kaufen jedoch wird er letztendlich in der Galerie.“

Diese Vertriebskanäle erschließen Boulloud endlich die richtige Klientel. Fortan werden seine Werke in den USA erworben, in den Golfstaaten, teilweise auch in Russland, in Mexiko, Thailand und Frankreich. „Ich kenne meine Endkunden zwar nicht, beobachte aber wenn möglich, wohin welches Werk verkauft wird. Es klingt vielleicht wie ein Klischee, aber Beton mit Metall passt einfach besser ins urbane Milieu von New York.“  Mit dem internationalen Erfolg erhöht sich auch die Sichtbarkeit in der Heimat: Erwan Boulloud stellt seine Werke in der Kapelle der Pariser Salpetrière, im französischen Außenministerium, dem Quai d’Orsay sowie im Restaurant des Kaviar-Importeurs Petrossian aus. Seine künstlerische Handschrift beginnt, den Alltag der Franzosen zu bereichern.

Inzwischen können die wichtigsten Sammler Frankreichs ihm kaum mehr entgehen. Als das 1852 gegründete Auktionshaus Drouot im Jahr 2016 sein „Café l’Adjugé“ plant, geht der Auftrag für die Bar an ihn. Wer jetzt vor einer Versteigerung am Ristretto nippt, schaut auf eine regelrechte Kupferlandschaft von Boulloud. Im selben Jahr zieht er in ein neues, geräumiges Atelier, das er von Graffiti-Künstlern dekorieren ließ.

Inzwischen beschäftigt Boulloud drei bis fünf Mitarbeiter. Und seine Kunstwerke generieren weiter ihre Nachfolger. Statt Betonblöcken und Safes bohren sich nun Meteoriten in seine Kreationen, etwa bei einer Serie mit dem Titel „kosmische Fraktur“.  Der Stein stammt aus dem argentinischen Camp del Cielo, einem tonnenschweren Himmelswanderer, der vor 4000 bis 5000 Jahren in den heutigen Provinzen Chaco und Santiago del Estero niederkam. Solch Urgewalt lässt einen Kupfertisch in – angedeuteten – Scherben oder bohrt sich als „Rencontre Syngénésique“ in einen Schrank aus Edelstahl. Boullouds Arbeiten verfügen über ein Merkmal, das bei vielen erfolgreichen Künstlern zu finden ist: Sie haben Wiedererkennungswert.

„Durch die Kleinserien ist meine Kunst einer permanenten Evolution unterworfen. Ich kann nicht zurückgehen und ein Stück noch einmal auflegen. Doch das muss ich auch nicht, Ideen habe ich genug“, sagt Boulloud. Gegenwärtig sieht es so aus, als warte die Welt auf sie.

Autor: Jörg Zipprick

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