• Dr. Günter Kast

Spiel mit dem Feuer.

Leidenschaft. Das Familienunternehmen Hummig aus Peißenberg in Oberbayern ist nicht nur Deutschlands erste Adresse für Pyrotechnik und Spezialeffekte auf Bühnen. Wer davon träumt, selbst einmal ein großes Feuerwerk abzubrennen, erhält hier die nötige Ausbildung.

Nicht von ungefähr führt der Wegweiser zu Hummig Effects zu einem abgelegenen, drei Hektar großen Areal am Ortsrand, direkt am Fuß des Hohen Peißenbergs. Wer es im dicht besiedelten Deutschland krachen lassen will, braucht eben viel Platz.

In der Werkstatt findet gerade eine Schulung für Pyrotechniker statt. Moritz Hummig, Mitte 20, blond, wilde Locken, Tank-Top, steht vor gut einem Dutzend Männern und zwei Frauen: „Wenn das Feuer so austritt“, Hummig beschreibt mit der Hand eine Art Stichflamme, „fehlen dir mindestens drei Finger.“ Die Kursteilnehmer, viele mit verwegenen Bärten und Tattoos, hören aufmerksam zu. „Achtung jetzt, Ohren zuhalten. Gleich wird’s laut.“

Vater Wolf-Ingo Hummig, 72, schmunzelt. Ihm gefällt, was er sieht. Wie er selbst, ist der Sohn leidenschaftlich bei der Sache. Das Spiel mit dem Feuer ist für beide mehr als ein Beruf. Es ist sein Lebensinhalt. Und der Vater hat noch lange nicht vor, damit aufzuhören: „Was sollte ich denn machen? Hobbys habe ich keine. Und hier werde ich täglich gebraucht. Arbeit gibt es jede Menge, auch am Wochenende.“

Wenn es auf Theaterbühnen und bei TV-Produktionen kracht, brennt und explodiert, stecken häufig die Hummigs dahinter. Erst kürzlich meldete sich sogar ein Mitarbeiter der Metropolitan Opera in New York City und bestellte Spezialeffekte für 90000 Euro. Für Spielfilmproduktionen jagen sie Autos, Hütten und Wohnwagen in die Luft. Bei den Karl-May-Festspielen werden Henry-Stutzen und Silberbüchsen so präpariert, dass ordentlich Rauch aufsteigt, wenn Old Shatterhand und Winnetou abdrücken. Sogar die Durchführung von privaten Feuerwerken bieten die Hummigs an. Und – natürlich – die Ausbildung zum Pyrotechniker. Im hauseigenen Versandhandel lassen sich zudem jede Menge ungewöhnliche Produkte bestellen: Abschussmörser für Filmeffekte, Crashglas-Scheiben zum Hindurchspringen, Crashglas-Flaschen und -Bierkrüge, die sich auf Köpfen zerschlagen lassen, ohne Schaden anzurichten, sogar Bomben für Großfeuerwerke.

Wenn Wolf-Ingo Hummig erzählt, wie er auf diese ungewöhnliche Geschäftsidee verfallen ist, muss er etwas weiter ausholen. Hummig wächst in der DDR auf, in Dresden, ohne West-Fernsehen. Zu dieser Zeit ist er ein „strammer Genosse“, wie er selbst sagt, SED-Parteimitglied, Vorzeige-Kommunist. Dass er als Zauberer durch die Lande tingelt, ist dem Regime allerdings suspekt. Seine Illusionsshow, die offenbar nicht so recht ins sozialistische Weltbild passen will, wird verboten. Hummig stellt einen Ausreiseantrag und landet 1976 im Auffanglager Geretsried in Oberbayern. Etwas später reist er als Beleuchter mit einer selbst gebauten Anlage durch die Republik, um Bühnengrößen wie Udo Lindenberg, Howard Carpendale, Katja Ebstein oder auch die Country-Legende Johnny Cash auf ihren Deutschlandtourneen ins rechte Licht zu rücken.

Gleichzeitig hält der Lebenskünstler Kontakt zur Verwandtschaft im Osten. Bei Besuchen bringt er Geschenke mit, schmuggelt ab und an auch Orden in den Westen, um sie dort zu barer Münze zu machen. Dies wird ihm 1984 zum Verhängnis. Das Regime setzt das Ehepaar fest, verurteilt sie zu drei, ihn zu fünf Jahren Zuchthaus. „Als ich in die Zelle gebracht wurde, fragte mich der Wärter, ob ich noch etwas brauche“, erinnert sich Hummig. „Meine Oma wollte immer, dass ich die Bibel lese. Und ich dachte, jetzt habe ich Zeit dafür.“

Hinter Gittern wird Hummig nicht nur zum gläubigen Christen. Fast täglich grübelt er darüber nach, was er beruflich machen könnte, wenn die fünf Jahre vorbei sind. Ein Mitarbeiter der Konzertagentur Lippmann + Rau hatte ihm kurz vor der Verhaftung gesagt: „Du musst dich auf Spezialeffekte konzentrieren, Licht-Installateure gibt es genug.“ Also macht sich Hummig Notizen und fertigt Zeichnungen an.

„Damals gab es noch kaum Feuer auf der Bühne. Deshalb habe ich mir pneumatisch gesteuerte Fackeln ausgedacht. Die Fackeln befinden sich in einer Art Hülle. Aus dieser werden sie mittels Druckluft herausgefahren und mit dem Glühdraht gezündet. Fällt der Druck ab, fahren sie wieder in ihre Hülle zurück und gehen dabei aus. Das Ganze lässt sich also fernsteuern, multiplizieren und ist natürlich viel sicherer als offenes Feuer. Wir haben in einer großen Inszenierung des Monteverdi-Werks ,Il ritorno d’Ulisse in patria‘ in Amsterdam mit 48 dieser Fackeln gearbeitet, die im Fußboden versenkt waren.“

Die Kunden konnten diese 1,20 Meter hohe Feuerwand später sogar selbst bedienen. „Wir mussten nur noch den Brennstoff zu den jeweiligen Aufführungen nach New York, Los Angeles oder Sydney schicken.“ In dieser Zeit entsteht auch die Idee für eine nahezu geräuschlose Schneemaschine: „Sie lässt die weiße Pracht so leise rieseln, dass es Opernsänger auf der Bühne, die ja ohne Mikro auftreten, nicht stört. Es ist das einzige Gerät dieser Art weltweit. Wir haben sie 1990/91 erstmals in Wien im ,Ring der Nibelungen‘ verwirklicht.“

Mit Hummigs Maschinenpistolen können die Akteure auf der Theaterbühne schießen. Für Explosionen mit „Blütenstaub“ – Sporen des Lykopodium-Krauts, das ab 2000 Meter Höhe im Himalaya wächst – baut der Tüftler spezielle Vorrichtungen. Theater simulierten damit sogar Atombombenexplosionen. Und er entwickelt Feuerschalen für Theater, die sich aus der Ferne zünden und wieder löschen ließen.

Nach drei Jahren und acht Monaten im Zuchthaus darf Wolf-Ingo Hummig 1987 in den Westen ausreisen. Dort beginnt er die Pläne umzusetzen, die er sich im Gefängnis ausgedacht hatte.

Bald läuft das Geschäft. Und das bleibt bis heute so. Mittlerweile gilt Ingo Hummig als Instanz in der Branche. Der G-7-Gipfel-Schlossherr Dietmar Müller- Elmau bestellt regelmäßig sein Silvesterfeuerwerk in Peißenberg. Die Verantwortlichen für Spezialeffekte bei der Action-Serie „Cobra 11“ lassen sich Tricks und Kniffe zeigen.

Seine Pyrotechnik-Lehrgänge sind stets ausgebucht. Und als vor der Jahrtausendwende viele Bundesbürger selbst Pyrotechniker werden möchten, um zum Millennium-Wechsel eigenhändig ein spektakuläres Feuerwerk zünden zu dürfen, „haben wir kurzfristig 100 Leute ausgebildet, von denen jeder rund 5000 Euro Kursgebühr bezahlte“.

Inzwischen ist das Geschäft mit den einzelnen Feuerwerken allerdings nicht mehr ganz so wichtig. „Kleine Events für Privatpersonen sind angesichts der vielen Genehmigungen nur sehr aufwendig zu organisieren und kaum gewinnbringend umzusetzen. Die beiden größten Pfeiler unseres Familienunternehmens sind deshalb die Spezialeffekte und die Schulungen für Pyrotechniker.“

Derzeit setzt Hummig Effects rund eine halbe Million Euro im Jahr um. „Auch das Doppelte wäre möglich“, glaubt der Senior. „Aber dann müssten wir Mitarbeiter einstellen, die nicht zur Familie gehören. Das wollen wir nicht. Denn unser Pyrowissen ist ein Familiengeheimnis.“ Es reiche auch so zum Leben: „Wir haben alles, was wir brauchen.“

Tatsächlich ist Hummig immer noch ein lupenreines Familienunternehmen. Mutter Franziska und Schwiegertochter Susi managen das Rechnungswesen, die Kursbuchungen, die Auftragsannahme. Der älteste Sohn Lucas macht nebenbei die Steuer und bringt die IT auf den neuesten Stand, Philipp hilft aus, wenn Not am Mann ist. Die jüngeren Kinder Moritz, 25, und Mebel, 20, sind Vollzeit im Unternehmen beschäftigt.

In der Pyrotechnikerschule, die mehrmals im Jahr Seminare mit abschließender Prüfung anbietet, lassen sich mehr als 100 Interessierte jährlich ausbilden. Dazu kommen noch einmal so viele, die nach fünf Jahren einen Wiederholungslehrgang absolvieren, damit ihre Lizenz verlängert wird. Die Herstellung von Feuerwerkskörpern gehöre übrigens nicht zum Lerninhalt: „Das ist Betriebsgeheimnis der Hersteller.“

Der Lehrgang für die Durchführung von Großfeuerwerken besteht aus 26 Übungsfeuerwerken unter Aufsicht von zwei Ausbildern und einer einwöchigen Schulung mit behördlicher Prüfung. An den Spezialeffekte-Lehrgängen nehmen mitunter sogar Beamte von LKA, BKA und Sondereinsatzkommandos teil.

Das zweite große Standbein, die Spezialeffekte, sind weniger gut planbar als die Seminare. Oft kommen Aufträge von großen Bühnen und Produzenten gleichzeitig. „Geschäft um jeden Preis gibt es allerdings bei uns nicht. Manche Kundenwünsche sind einfach zu risikoreich. Wir wollen schließlich ganz nah an Explosionseffekte rangehen, aber ohne dass es gefährlich wird. Das fasziniert uns.“ Wenn es dann darum geht, Aufträge anzunehmen oder abzulehnen, hat jedes Familienmitglied eine Stimme.

Die Familie Hummig kann sich diese Einstellung auch deshalb leisten, weil sie ihr Unternehmen bewusst klein und überschaubar gehalten hat. Selbst eine Zeit mit einer schwächeren Auftragslage ließe sich problemlos überstehen: „Wir sind schuldenfrei, könnten auch ohne neue Order ein bis zwei Jahre von den Reserven zehren, wenn es sein muss.“

Da ist einer ganz offensichtlich sehr entspannt. Und sehr zufrieden. Bei der Schulung der angehenden Pyrotechniker führt Sohn Moritz gerade vor, was passiert, wenn Bärlappsporen mit Druckluft verwirbelt und dann entzündet werden. Er platziert die letzten Kabel an der richtigen Position, hat die Hand bereits am Zündgerät. Drei, zwei, eins – eine gewaltige, meterhohe Stichflamme erhellt den Raum. Die Kursteilnehmer haben einen Schritt zur Seite gemacht. Die Hitze ist im gesamten Raum zu spüren. Moritz schaut sich um, lächelt seinem Vater zu. Der sagt: „Moritz macht das gut. Aber bis ich 90 bin, muss er mich schon noch ertragen.“ ®

Autor: Dr. Günter Kast