• Jörg Zipprick

Zeitlos.

Tradition. Guillaume Verzier betreibt eine der letzten der glorreichen Seidenwebereien von Lyon. Zu seinen Kunden zählen der Élysée-Palast und die Eremitage in St. Petersburg genauso wie wohlhabende Privatpersonen. Für sie produziert Prelle wie vor 150 Jahren.

„Wir gehören zu den ganz wenigen Unternehmen, die Seidenweberei im edlen Sinne heute noch betreiben“, erzählt Guillaume Verzier, Jahrgang 1959. Edel bedeutet für ihn: mit viel Akribie, mit viel Leidenschaft, nach alten Herstellungsmethoden, auf alten Maschinen – so, als wäre die Zeit stehen geblieben. 

Verziers Unternehmen heißt Prelle, hat seinen Sitz in Lyon, existiert seit 1752 und besetzt eine Nische im Seidenmarkt: Es fabriziert Stoffe, die zum Bespannen von Wänden und Möbeln eingesetzt werden. Der Franzose führt das Geschäft in fünfter Generation. Seine Großmutter war eine gebürtige Prelle. „Heute erwirtschaften wir mit unseren 25 Mitarbeitern etwas mehr als 2,7 Millionen Euro Umsatz und etwas über 338000 Euro Gewinn.“

Wenn Verzier von seinem Metier erzählt, dann steht ein längst vergangenes Zeitalter wieder auf. Eine Epoche, in der Könige und Adelige sich in Seide gewandeten, in der ganze Städte von dieser Industrie lebten, in der Seidenweber, wenn nötig, zwei oder gar drei Mal im Leben ein Vermögen machen konnten, weil sie über einzigartiges Wissen verfügten. In der sie, die Seidenweber, kleine Könige waren.

Die Geschichte der Seidenweberei in Lyon beginnt in den 1460er-Jahren. Per königlichem Edikt von Karl VII. und – zugegeben – auch mithilfe von Steuerbefreiungen entsteht in der Stadt zwischen Rhône und Saône ein neuer Handwerkszweig. Zu Zeiten von Ludwig XV. und Ludwig XVI. dominieren die Seidenweber von Lyon dann tatsächlich den europäischen Markt, sind Motor der Innovation. Allein im 18. Jahrhundert gehen 229 Patentanträge der Webereien ein, darunter 116, die den Webvorgang verbessern sollen.

Die großen Namen der Seidenweber des 19. Jahrhunderts entwickeln sich nun zu regelrechten Luxusmarken: Baboin, Bonnet, Dognin et Isaac, Giraudac, Le Mire, später bekannt als Prelle oder Arlès Dufour mit Niederlassungen in New York, London, Zürich, Krefeld.

Dazu gesellten sich Seidenfärber. Spezialisten für Schwarztöne. Und all die Zulieferer für Webstühle sowie deren diverse Komponenten. Fast 500 Jahre lang sorgt die Seidenweberei in Lyon für Wohlstand, widersteht Kriegen, Katastrophen und der Revolution ebenso wie dem Aufkommen mechanischer Webstühle.

Erst im 20 Jahrhundert verblasst der Glanz des Handwerks: Die große Depression und die beiden Weltkriege erschüttern die Industrie, die Abkehr der Haute-Couture und der Modefabrikanten von der Seide zusammen mit dem Aufkommen der Synthetikstoffe geben der Branche den Rest. In den 1970er und 1980er-Jahren werden Jobs im Lyoner Textilhandwerk in vierstelliger Größenordnung abgebaut.

Diese Vorgeschichte ist wichtig, um sich in die Situation von Guillaume Verzier versetzen zu können. Bis zu seinem 25. Lebensjahr gehört er zu den zukünftigen Akteuren eines der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt. Doch binnen kürzester Zeit hat sich seine Lebensgrundlage komplett verändert.

Ein einst florierender Wirtschaftszweig wird erst langsam ausgezehrt und dann ziemlich rasch fast ausgelöscht. Und doch prosperiert Prelle heute immer noch, obwohl das Unternehmen – oder vielleicht weil es – lediglich eine Nische im Seidenmarkt besetzt.

Warum? „Ich habe wohl gewisse Weichen anders gestellt als meine Wettbewerber.“ Und konkret? „Als die Krise in der Seidenweberei ausbrach, versuchten viele, ihre Preise zu senken. In Frankreich geht das aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Es gibt einen gesetzlichen Mindestlohn und die Sozialabgaben sind hoch. Also lagerten sie die Fertigung in andere Länder aus.“

Besonders nach dem Golfkrieg in den 1990er-Jahren nahm der Drang zur Globalisierung laut Verzier fast panische Ausmaße an. „Zuerst zogen die Kollegen nach Tunesien, Marokko und Algerien.“ Doch in Asien war die Produktion noch günstiger. „Es gab Hersteller, die von einem Monat auf den anderen ihren Mitarbeitern und Lieferanten kündigten, hohe Abfindungen zahlten und dann auf Lieferungen aus Indien oder Bangladesch vertrauten. Doch das funktionierte nicht. Ganze Container waren unbrauchbar, die Nachfrage konnte nicht befriedigt werden, Kunden wurden enttäuscht.“

In einem besonders dreisten Fall sei das gesamte Sortiment eines Lyoner Seidenwebers von einem Lieferanten in Vietnam kurzerhand kopiert worden. Nicht alles, was aus Asien komme, sei gezwungenermaßen schlecht, erklärt Verzier: „Doch es muss Kontrollen vor Ort geben, besonders Qualitätskontrollen. Sich in Lyon in einen Sessel zu setzen und auf den Container zu warten, funktioniert weder kurz- noch langfristig.“

Einige hätten dann nach zwei Jahren wieder in Frankreich produzieren wollen. „Doch nun hatten ihre Mitarbeiter andere Jobs. Und ihre Lieferanten waren von ihnen selbst in den Konkurs gezwungen worden.“

Verziers Weiche führt in eine ganz andere Richtung: „Nehmen wir nur einen Teilaspekt: Es gibt kaum noch Weberschulen, und deren Auszubildende sind nicht wirklich kenntnisreich. Also bilde ich selbst aus. Für einen symbolischen Betrag setzt sich aber niemanden an den Webstuhl. Also zahle ich zwei Jahre den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 1466,62 Euro plus Sozialbeiträgen, um jemanden anzulernen, in der Hoffnung, dass dieser Mitarbeiter später produktiv sein wird und meinem Unternehmen treu bleibt. Das muss sich natürlich in der Kalkulation niederschlagen.“

Eine Zukunft für die Seidenweberei sieht Verzier deshalb ausschließlich im Luxussegment. Das ist historisch richtig und logisch: Seide kleidete Könige und Adlige, nicht einfache Bürger. Er positioniert sich genau dort, wo seine Vorfahren schon waren. Das Motto „Seide für alle“ habe hingegen zur Malaise des Sektors beigetragen – und sei es nur wegen der Konkurrenz mit günstigeren Materialien.

Verziers Strategie ist es, hochpreisige Produkte für wenige, sehr zahlungskräftige, aber anspruchsvolle Kunden rund um die Welt anzubieten. Damit ist er zwar nicht allein, doch der Unternehmer betont: „Das Luxusversprechen muss auch eingelöst werden.“ Und dazu bedarf es gelebter Qualität und nicht nur ausgefeilten Marketings.

Seidenstoffe, deren Quadratmeterpreise erst bei 2500 Euro beginnen, werden bei Prelle mit traditionellen Handwerksmethoden gefertigt. Mitarbeiter arbeiten an 150 Jahre alten Webstühlen, die nur teilweise automatisiert sind. Etwa drei Zentimeter stellt ein spezialisierter Mitarbeiter pro Tag in Handarbeit her. Als 2014 der langjährige Zulieferer Guillaume Lebatard sein Atelier schließt, kauft Verzier sein Material und bittet ihn, drei seiner eigenen Mitarbeiter anzulernen. So sorgt er für Kontinuität. Und dafür, dass Wissen nicht verloren geht.

Heute sind der Louvre, der Élysée-Palast, das Schloss von Versailles, die Pariser Oper, die deutsche, britische, amerikanische und libanesische Botschaft in Paris sowie die Botschaft von Uruguay Kunden von Prelle. Und natürlich half das Unternehmen auch bei der Restaurierung der Eremitage in St. Petersburg. „Unsere Vorgängerfirma Le Mire & Fils hatte die Stoffe 1856 geliefert. Damals sprach der russische Kaiserhof französisch und Voltaire war fast Frankreichs Handelsvertreter“, erzählt Verzier. „Die russischen Experten hatten uns gefragt, ob wir die alten Techniken des Weberhandwerks noch beherrschten. Wir konnten ihnen sogar die alten Muster in unserem Archiv zeigen. Dann hatten wir den Auftrag.“

„All das sind schöne Projekte, Vorzeigeprojekte“, erklärt Verzier weiter: „Sie tragen zwar nur zu fünf Prozent zu unserem Umsatz bei, geben unserem Haus aber eine Sichtbarkeit, die wir andernfalls nicht in diesem Ausmaß genießen könnten.“

Diese Präsenz in den richtigen Köpfen ist wichtig. „Die Bespannung einer Wand mit einem Seidenmuster ist nicht nur einfach teuer, sondern extrem kostspielig. Zwar verfügen wir über Showrooms in New York und Paris, dort wird jedoch keiner unserer Kunden je gesehen. Wer es sich heute noch leisten kann, seine Wände mit Seide zu dekorieren, der legt Wert auf Diskretion. Wir verkaufen also nichts direkt, sondern brauchen Mittelsmänner. Wir müssen die führenden Innenarchitekten der Welt überzeugen, ihren Kunden unsere Seide anzubieten.“

Prelles Endkunden sitzen an der Fifth Avenue, in London, Moskau, Peking und den Emiraten. Es sind Menschen, die ihr Interieur renommierten Experten wie Jacques Garcia, Juan-Pablo Molyneux, Alberto Pinto oder Peter Marino anvertrauen. Auch Hotels sind Abnehmer: Die Suite Païva im neuen Pariser Luxushotel Maison Souquet wurde von Dekorateur Jacques Garcia mit Prelle-Seide ausgestattet.

Ganz vorsichtig tastet sich Verzier mittlerweile in die Moderne. Heute verfügt seine Firma auch über moderne Maschinen des Herstellers Stäubli. „Dank dieser werden andere Formate und Designs möglich.“ So können zum Beispiel auch Aufträge von Adidas angenommen werden, das luxuriöse Sportschuhe mit Prelle-Seide bespannt. „Die sind durchaus zum Laufen geeignet“, betont Verzier. Und das Modehaus Schiaparelli zeigte für die Winterkollektion 2016/2017 seit Jahren erstmals wieder ein Modell auf Basis von Prelle-Seide.

Es sind kleine Adjustierungen. Und mehr, ist Verzier sicher, sei auch gar nicht nötig: „Es gibt viele reiche Leute, viel mehr als je zuvor. Die müssen wir nur für unsere Produkte begeistern.“ Ändern wird Prelle sich nicht – und das ist auch gut so.   ®

Autor: Jörg Zipprick